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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Entweder – Oder
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Cover Entweder – Oder
Entweder – Oder
1843
– Werkseintrag –

Entweder – Oder

1843 · Roman

Ein Philosoph lässt zwei Lebenswege gegeneinander antreten – den genussvollen Augenblick des Verführers und die verbindliche Treue des Ehemanns – und überlässt dem Leser selbst die Wahl.

Überblick

Als erstes und zugleich eines der bekanntesten Werke des dänischen Philosophen Søren Kierkegaard erschien Entweder – Oder im Jahr 1843. Kierkegaard veröffentlichte es nicht unter seinem eigenen Namen, sondern unter dem Pseudonym Victor Eremita, was „der siegreiche Einsiedler" bedeutet. Der dänische Originaltitel lautet Enten – Eller.

Das zweibändige Buch stellt zwei Lebensanschauungen einander gegenüber: eine ästhetische und eine ethische, die auf Verbindlichkeit und Entscheidung baut. Kierkegaard betrachtet den Menschen in seinen ganz konkreten Handlungssituationen und sucht eine Sprache für dessen Lebensgefühl und Denken. Damit gilt das romanhafte Frühwerk als ein Ausgangspunkt seiner Existenzphilosophie. Bereits angelegt ist darin eine dritte Lebensmöglichkeit, das Religiöse, die er in späteren Schriften weiter ausführen wird.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein fingierter Herausgeber namens Victor Eremita erzählt zu Beginn, wie er in einem gekauften Sekretär, einem Schreibmöbel, verschiedene Papiere gefunden habe. Diese Schriften ordnet er zwei Verfassern zu. Den ersten, der anonym bleibt, nennt er A; den zweiten, der sich selbst Wilhelm nennt und Gerichtsrat ist, nennt er B. Aus diesem angeblich zufälligen Fund setzt sich das ganze Buch zusammen.

Der erste Teil versammelt die Papiere von A und trägt eine ästhetische Handschrift. Er beginnt mit einer Sammlung von Aphorismen, den sogenannten Diapsalmata, und enthält mehrere Abhandlungen, die vor allem um die Liebe kreisen. Darunter findet sich eine überschwängliche Huldigung an Mozart und dessen Oper Don Giovanni. Den Abschluss bildet Das Tagebuch des Verführers, in dem ein junger Mann namens Johannes von seinem planvollen Werben um ein junges Mädchen namens Cordelia berichtet.

Der zweite Teil besteht aus den Papieren von B. In langen Briefen an seinen Freund A legt der Gerichtsrat die ethische Lebensanschauung dar. Er verteidigt vor allem die Ehe und zeigt, wie in ihr durch Verbindlichkeit ein tiefes Vertrauen wachsen kann. So stehen sich die genussvolle und die verbindliche Haltung gegenüber, ohne dass der Herausgeber selbst ein Urteil fällt.

Die Handlung im Detail

Der fingierte Herausgeber Victor Eremita eröffnet das Werk mit der Erzählung, er habe die Papiere zweier ihm unbekannter Männer in einem Sekretär entdeckt und stelle sie nun zusammen. Der Charakter der beiden erfundenen Verfasser spiegelt sich in der Gestalt ihrer Texte.

Die Papiere von A füllen den ersten Teil. Vorangestellt ist die Aphorismensammlung der Diapsalmata, der „Zwischenpsalme", die teils Kierkegaards Tagebüchern entstammen. Es folgen Abhandlungen wie „Das Musikalisch-Erotische", in dem Mozart und seine Oper Don Giovanni gefeiert werden, ferner Betrachtungen über das antike und das moderne Tragische, die „Schattenrisse", der Text „Der Unglücklichste" sowie Überlegungen zu einem Lustspiel von Scribe und eine „Wechselwirtschaft" genannte Klugheitslehre.

Den Höhepunkt des ersten Teils bildet Das Tagebuch des Verführers. Es enthält Aufzeichnungen und Briefe des jungen Johannes sowie drei Briefe seiner Geliebten und Verlobten Cordelia. Der Herausgeber deutet an, dass dieses Tagebuch von A nur weitergegeben, nicht selbst verfasst worden sei. Johannes ist ein genussorientierter Ästhet. Er ist darauf aus, Cordelia zu verführen, aber nicht mit plumper Täuschung oder Gewalt. Vielmehr entwickelt er die Liebesfähigkeit des Mädchens planvoll und bringt sie schließlich zum Auflodern. Dabei macht er Cordelia zum Objekt sorgfältig berechneter psychologischer Tricks. Nachdem er sich mit ihr verlobt hat, bewegt er sie dazu, die Verlobung von sich aus wieder zu lösen: Er führt sie zu der Überzeugung, dass Liebe erst dann wirklich Liebe sei, wenn sie sich von allen Fesseln befreie, auch von denen einer bürgerlichen Eheplanung. In dem Augenblick jedoch, in dem Cordelia sich ihm hingibt, verliert Johannes wie ein Don Juan das Interesse an ihr.

Der zweite Teil versammelt die Briefe von B, dem Gerichtsrat Wilhelm. In der Abhandlung „Die ästhetische Gültigkeit der Ehe" liefert der Ethiker und Ehemann dem Ästhetiker A eine Begründung für die Ehe. Er zeigt, wie gerade durch die Verbindlichkeit ein tiefes Vertrauen entsteht. Die Ehe schütze vor Missbrauch, Egoismus und Launenhaftigkeit; nur so könnten sich Hingabe und Liebe voll entfalten, wie es in einem noch so heftigen Verliebtheitsrausch niemals möglich sei. Es folgt die Untersuchung „Das Gleichgewicht zwischen dem Ästhetischen und dem Ethischen in der Herausarbeitung der Persönlichkeit". Den Schluss bildet das „Ultimatum": eine Predigt, die nicht von B stammt und den erbaulichen Gedanken entfaltet, dass wir gegen Gott immer Unrecht haben.

Nach verbreiteter Deutung ist das Buch nicht als nüchterne Gegenüberstellung gemeint. Kierkegaard versuche vielmehr, den Leser zur ethischen Haltung und darüber hinaus zu einem religiösen Bekenntnis zu bewegen, enthalte sich aber jedes direkten Kommentars und lasse die beiden Einstellungen für sich selbst sprechen. Andere Ausleger, etwa Tilo Wesche, meinen dagegen, der Text weise über sich selbst hinaus und lege nahe, beide Lebensentwürfe zu verwerfen.

Stil

Die literarische Gestaltung des Werks ist sehr vielschichtig. Kierkegaard schreibt nicht in einer einzigen, geschlossenen Abhandlung, sondern wechselt wirkungsvoll die Sprachformen. Aphorismen, kunstvolle Essays, Briefe, ein Tagebuch in der Ich-Form und schließlich eine Predigt stehen nebeneinander. Jede Form gehört zu einem der beiden erfundenen Verfasser und macht deren Wesen anschaulich: die sprunghaften, stimmungsvollen Texte des Ästheten A auf der einen, die ruhig argumentierenden Briefe des Gerichtsrats B auf der anderen Seite.

Über allem liegt die Fiktion des Herausgebers. Victor Eremita gibt vor, nur gefundene Papiere zusammengestellt zu haben, und diese Papiere nehmen teilweise aufeinander Bezug. Die Verfasserschaft ist dabei kunstvoll verschachtelt: Das Tagebuch des Verführers soll A selbst nur herausgegeben, nicht geschrieben haben. Kierkegaard erklärte den Gebrauch solcher Pseudonyme später in der Unwissenschaftlichen Nachschrift mit den Worten: „Dass kein Verfasser da ist, ist ein Mittel zum Fernhalten." Schon im Vorwort deutet Victor Eremita dies an, wenn er von einem „alten Novellistenkniff" spricht und bemerkt, es sei „wirklich, als hätte A selbst vor seiner Dichtung Angst bekommen". Auf diese Weise entzieht sich der wahre Autor und lässt die Standpunkte allein durch ihre Sprache gegeneinander antreten.

Rezeption

Als romanhaftes frühes Hauptwerk nimmt Entweder – Oder schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts Fragen vorweg, die für das Selbstverständnis des modernen Menschen erst in den folgenden Jahrhunderten große Bedeutung gewinnen sollten. Kierkegaard stellt sich darin gegen den Fortschrittsglauben und die Leidenschaftslosigkeit seiner Zeit, gegen Hegels „Vernunft in der Geschichte" und gegen ein anonymes Nebeneinander der Menschen, das für ihn in Verantwortungslosigkeit und mangelnde Entscheidungsbereitschaft mündet. Dagegen setzt er den Einzelnen, der sein Leben unbedingt im „Ewigen" gründen soll.

Das Buch gilt als eine der bekanntesten unter Kierkegaards Schriften und bildet einen Ausgangspunkt für sein weiteres Werk. Den religiösen Themenkomplex, der in Entweder – Oder bereits angelegt ist, führte er in Furcht und Zittern, seiner Meditation über Abrahams Opferung Isaaks, weiter aus. Bis heute bleibt umstritten, wie eindeutig die Botschaft des Werks zu verstehen ist. Während viele Ausleger darin ein Werben um die ethische und religiöse Haltung sehen, halten andere fest, der Text lasse gerade offen, welchem Weg der Leser folgen solle.

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