Epinikia
Überblick↑
Die Epinikia, auch Siegeslieder oder Oden genannt, sind chorlyrische Preislieder des griechischen Dichters Pindar. Sie feiern die Sieger der großen griechischen Wettkämpfe und entstanden zwischen 500 und 445 v. Chr. Von allen Werken Pindars sind allein diese Lieder durch Handschriften erhalten geblieben. Alles andere kennt man nur aus Zitaten bei anderen Autoren oder aus einzelnen Papyrusschnipseln. Damit gelten die Siegeslieder als das einzige nahezu vollständig überlieferte Werk der altgriechischen Lyrik.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt jedes Liedes steht ein Athlet, der bei einem der vier großen griechischen Wettkämpfe gesiegt hat – in Olympia, in Delphi, in Nemea oder am Isthmos von Korinth. Doch der sportliche Erfolg selbst nimmt oft nur wenige Zeilen ein. Viel Raum füllt eine Erzählung aus der griechischen Sagenwelt, die Pindar mit dem Sieger, seiner Familie oder seiner Heimatstadt verknüpft. Dazwischen ruft der Dichter Götter und Musen an, spricht über seine eigene Kunst und streut kurze Lebensweisheiten ein. Die kürzeren Lieder wurden wohl gleich nach dem Sieg am Wettkampfort gesungen, die längeren erst daheim bei der Heimkehr des Gefeierten.
Die Handlung im Detail↑
Die gesamte Sammlung ist in vier Bücher gegliedert, die nach den vier Wettkampfstätten benannt sind. Die Olympischen Oden preisen Sieger der zu Ehren des Zeus in Olympia abgehaltenen Spiele. Die Pythischen Oden gelten Siegern der dem Apollon geweihten Spiele in Delphi, das auch Pytho hieß. Die Nemeischen Oden feiern Sieger der Spiele im Zeusheiligtum von Nemea, die Isthmischen Oden solche der Spiele am Isthmos von Korinth, wo ein Heiligtum des Poseidon stand.
Diese Einteilung geht auf Aristophanes von Byzanz zurück, den Leiter der Bibliothek von Alexandria, der ab 195 v. Chr. die erste umfangreiche Pindar-Ausgabe besorgte. Er verteilte die Siegeslieder auf vier Bände. Zusammen mit den heute verlorenen übrigen Werken umfasste die Ausgabe siebzehn Bände. Die Reihenfolge der vier Bücher richtete sich nach Ansehen und Alter der Spiele, weshalb die Olympien am Anfang stehen. Im Lauf der Überlieferung wurden die beiden letzten Bücher vertauscht. So sind gerade die Isthmien am stärksten beschädigt und nur unvollständig erhalten geblieben. Innerhalb jedes Buches ordnete man die Lieder nach der Bedeutung der Disziplinen – voran die Wagen- und Pferderennen, dann die Kampf- und Kraftwettbewerbe, zuletzt die Laufwettbewerbe.
Insgesamt sind es 45 Lieder, wobei die Echtheit der fünften Olympischen Ode angezweifelt wird. Sie unterscheiden sich stark im Umfang. Die kurzen zählen zwischen 20 und 50 Verse und wurden vermutlich noch am Ort des Sieges vorgetragen. Die langen zählen zwischen 90 und 120 Verse und erklangen in der Heimatstadt des Siegers bei dessen Rückkehr.
Der Aufbau der einzelnen Lieder folgt meist einem festen Muster aus fünf Bausteinen, die aber nicht immer alle vorkommen. Am Anfang stehen die Anrufung eines Gottes oder einer Muse und Angaben über den Sieger. Es folgt der breit ausgemalte Mittelteil, eine Erzählung aus der Mythologie, die einen Bezug zum Gefeierten herstellt. Hinzu kommen Bemerkungen über den Dichterberuf, wobei Pindar die Dichtkunst mit der Athletik vergleicht, weil beide eine angeborene Begabung verlangen. Kurze Sinnsprüche, sogenannte Gnomen, verbinden die einzelnen Abschnitte. Am Schluss stehen meist ein Lob der Heimatstadt, der Hinweis auf weitere siegreiche Sportler aus der Familie oder – bei Wettkämpfen der Knaben – ein Lob des Ausbilders.
Stil↑
Geschrieben sind die Oden in einer künstlichen Dichtersprache, die auf dem dorischen Griechisch beruht. Etwa die Hälfte ist in Daktyloepitriten verfasst, die andere in einem aiolischen Versmaß aus Jamben und Choriamben. Die meisten Lieder sind dreiteilig gebaut: Auf eine Strophe folgt eine gleich gebaute Antistrophe und darauf eine abweichende Epode. Meist reihen sich fünf bis sieben solcher Dreiergruppen aneinander. Sieben Oden bestehen dagegen aus lauter gleich gebauten Strophen.
Als besonderes Kennzeichen gilt der sprachliche Variantenreichtum bei sorgfältigster Ausarbeitung, die als Poikilia bezeichnet wird. Innerhalb eines eng begrenzten Themas verdichtet Pindar die Sprache stark und wechselt rasch zwischen den Bildern und Gedanken. Das macht die Texte schwer zugänglich. Sie erschließen sich erst dem, der ihnen genau nachgeht.
Rezeption↑
Die Nachwirkung der Siegeslieder blieb lange gering, denn ihr Gegenstand – der Ruhm einzelner antiker Athleten – bot späteren Zeiten kaum Anknüpfungspunkte. Schon der römische Dichter Horaz, der Pindars Oden in seinen Carmina verarbeitete, fand keinen rechten Zugang mehr und missverstand sie. Erst in Renaissance und Barock erwachte neues Interesse, weil die Lieder als einziges fast vollständig erhaltenes Werk der altgriechischen Lyrik galten. Philipp Melanchthon legte im 16. Jahrhundert mit seiner Interpretatio Pythiorum Pindari eine erste lateinische Übersetzung vor, und Zwingli lobte die darin enthaltene Moral. Die französische Dichtergruppe La Pléiade machte die Nachahmung von Pindars Stil unter dem Namen „Pindarisieren" zur eigenen Kunstform.
In der Aufklärung ließ die Begeisterung nach. Man warf den Oden vor, viel zu reden und dabei kaum etwas zu sagen. Goethe berief sich zwar auf Pindar als Anregung für sein Gedicht Wandrers Sturmlied, war dabei aber stärker von der Deutung des Horaz geprägt als von den Oden selbst. Näher kam ihnen erst Hölderlin, der eine erste teilweise Übersetzung ins Deutsche schuf. Die Philologie des 19. Jahrhunderts entdeckte schließlich die strenge Ordnung des dreiteiligen Strophenbaus wieder, verlor sich jedoch im gelehrten Streit über die „Einheit des Epinikions". Im 20. Jahrhundert erkannte man die wiederkehrenden Bausteine, aus denen Pindar immer neue Lieder formte.
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