Endymion
Überblick↑
Mit Endymion legte John Keats 1818 ein umfangreiches Versepos vor. Es erzählt den griechischen Mythos vom schönen Schäfer Endymion und seiner Liebe zur Mondgöttin neu. Bei Keats trägt die Göttin den Namen Cynthia. Das Gedicht ist in vier Bücher zu je rund tausend Zeilen gegliedert. Heute gilt es als Schlüsselwerk der englischen Romantik. Von den Zeitgenossen wurde es aber überwiegend abgelehnt.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Schäfer Endymion. Er wird von einer überirdisch schönen Erscheinung heimgesucht und kann sich danach nicht mehr in die Welt der Hirten zurückfinden. Aus seiner Sehnsucht erwächst eine lange Wanderung durch unterirdische Räume, durch das Meer und durch wechselnde Landschaften. Auf ihr widerfahren ihm Begegnungen mit mythischen Wesen, mit anderen Liebenden und mit einer irdischen Frau. Keats verbindet diesen Stoff mit dem alten Mythos von der Liebe der Mondgöttin – bei ihm Cynthia genannt – zu dem schlafenden Hirten. Daraus entfaltet er eine traumhafte Bilderfolge, in der Schönheit, Liebe und Sehnsucht in eins gehen.
Die Handlung im Detail↑
Endymion, ein junger Schäfer, erblickt in einer Vision eine Göttin von überwältigender Schönheit und verliert über dieser Begegnung sein altes Leben. Was er gesehen hat, lässt sich mit der Welt der Hirten nicht mehr vereinbaren; er ist von Sehnsucht ergriffen und macht sich auf die Suche nach der Geliebten. Diese Suche führt ihn aus der vertrauten Landschaft heraus in entlegene Räume – hinab in unterirdische Höhlen und Gewölbe, hinaus in die Tiefen des Meeres, hin zu Schauplätzen, an denen sich Mythen entfalten.
Auf seinem Weg begegnen ihm Gestalten aus der antiken Sagenwelt und Paare, deren Geschichten den eigenen Weg spiegeln. Endymion erfährt fremdes Liebesleid, hilft anderen Liebenden und wird von seiner eigenen Sehnsucht weitergetrieben. Eine Begegnung mit einer irdischen Frau, die ihn auf andere Weise anzieht als die ferne Göttin, stellt seine Treue und sein Verlangen auf die Probe und führt ihn in einen inneren Konflikt zwischen dem, was greifbar nah, und dem, was traumhaft fern ist.
Hinter all dem steht der alte Stoff von der Mondgöttin, die den schlafenden Schäfer liebt. Keats nennt sie Cynthia und führt seinen Helden durch eine Folge von Prüfungen, Verwandlungen und Wiederbegegnungen auf jenen Punkt zu, an dem sich die irdische und die göttliche Liebe nicht mehr ausschließen, sondern in einer einzigen Gestalt zusammenfallen. Aus der zerrissenen Sehnsucht wird am Ende eine Erfüllung, in der Endymion der Welt der Sterblichen entrückt wird.
Stil↑
Keats wählte für Endymion die Form des Versepos: vier Bücher zu je etwa tausend Zeilen. Diesen Bauplan hatte er sich früh vorgenommen und in monatelanger, oft stockender Arbeit umgesetzt. Sein Arbeitsrhythmus pendelte sich bei rund fünfzig Versen pro Tag ein. Geschrieben hat er auf der Isle of Wight, in Hampstead und schließlich in Burford Bridge. In den Schreibpausen las er Milton und Wordsworth. An diesen Vorbildern maß er sich und suchte gegen sie zugleich seinen eigenen Ton.
Dieser Ton ist üppig, sinnenfreudig und stark bildgesättigt. Die Sprache schwelgt in Naturschilderungen, in mythologischen Anspielungen und in einer ausgeprägten Erotik, die als „Aura" des Textes wahrgenommen wurde. Endymion erscheint dabei nicht als kraftstrotzender Held mit erobernden Gesten. Er ist vielmehr eine Figur, deren Sinnlichkeit sich, wie die Anglistin Susanne Schmid formuliert hat, „im Dahinschmelzen" zeigt. Genau diese Mischung aus weicher Sinnlichkeit, mythischer Verschlüsselung und langem epischen Atem macht den eigenen Klang des Gedichts aus.
Rezeption↑
Die zeitgenössische Aufnahme war hart. Es gab drei wohlmeinende Besprechungen, die alle aus Keats' Freundeskreis kamen. Abgesehen davon schlug dem Gedicht Ablehnung und Unverständnis entgegen. Die erotische Färbung des Textes provozierte Verrisse aus dem konservativen Milieu, vor allem in den einflussreichen Zeitschriften Quarterly Review und Blackwood's Edinburgh Magazine. Blackwood's rechnete Keats der sogenannten Cockney School zu. Das war ein von dem Blatt selbst geprägtes, abwertendes Etikett für Leigh Hunt und die Dichter seines Umkreises.
Auch Lord Byron hatte mit gesellschaftlicher Engstirnigkeit selbst zu kämpfen. Dennoch verweigerte er Keats die Unterstützung und fertigte das Gedicht mit einer drastischen Schmähung ab. Percy Bysshe Shelley urteilte milder. Trotz grundsätzlicher Vorbehalte sah er in Endymion „einige der höchsten und feinsten Lichtblicke der Dichtkunst". Er vermisste aber jene klassische Strenge der Ausführung, die er selbst anstrebte. Die allegorische Tiefe des Werkes wurde erst lange nach Keats' Tod ausführlich gewürdigt, besonders durch Frances M. Owens Untersuchung John Keats: A Study, die 1880 in London erschien. Bis in die Gegenwart wirkt das Gedicht nach. Jane Campions biographischer Film Bright Star (2009, deutscher Titel Meine Liebe. Ewig) setzt genau in dem Moment ein, in dem Keats das verspottete Buch gerade veröffentlicht hat und sich, allen verletzenden Kritiken zum Trotz, schon den nächsten Projekten zuwendet.
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