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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Endstation Sehnsucht
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Cover Endstation Sehnsucht
Endstation Sehnsucht
1947
– Werkseintrag –

Endstation Sehnsucht

1947 · Drama

Eine verarmte Südstaatenschönheit sucht Zuflucht bei ihrer Schwester in New Orleans und trifft dort auf deren Ehemann, der ihre feine Fassade nicht gelten lässt.

Überblick↑

Das Drama Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams trägt im englischen Original den Titel A Streetcar Named Desire. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung zwischen dem vulgären, gewaltbereiten Stanley Kowalski, dem Sohn polnischer Einwanderer, und der fein auftretenden, zerbrechlich wirkenden Blanche DuBois. Den Hintergrund bildet der Untergang der aristokratischen Kultur der alten amerikanischen Südstaaten. Ihr gegenüber steht ein neueres Amerika, das von Industrie, harten Marktgesetzen und ethnischer Vielfalt geprägt ist. Das Stück wurde am 3. Dezember 1947 am Ethel Barrymore Theater in New York uraufgeführt und bis Dezember 1949 insgesamt 855 Mal am Broadway gespielt. Der Text erschien bereits 1947 im New Yorker Verlag New Directions Publishing. Eine Neuauflage mit einer Einführung von Williams kam 1951 bei New American Library heraus. Seit spätestens Mitte der 1960er Jahre zählen Kritiker das Werk zu den Meisterwerken des amerikanischen Nachkriegsdramas.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Blanche DuBois, eine nicht mehr ganz junge Südstaatenschönheit. Sie hat den Zerfall ihrer Familie erlebt und mitangesehen, wie der einst stolze Familienbesitz Belle Reve versteigert wurde. Der Name des Anwesens spielt auf das französische Wort für „schöner Traum“ an. Ihre Ehe ist gescheitert, ihre Stelle als Lehrerin hat sie verloren. Verzweifelt sucht sie Zuflucht bei ihrer Schwester Stella, die in New Orleans lebt.

Stella ist mit dem Arbeiter Stanley Kowalski verheiratet und ihm sinnlich verfallen. Blanche verachtet den Sohn polnischer Einwanderer ganz unverhohlen. Ihr kultiviertes, leicht gekünsteltes Auftreten und das ständige Betonen ihrer vornehmen Herkunft wirken auf Stanley wie ein rotes Tuch. In der engen, schäbigen Wohnung entstehen rasch Spannungen. Zwischen den beiden entbrennt ein Kampf um die Vorherrschaft über Stella.

Die Handlung im Detail↑

Nach dem Verlust von Belle Reve, dem Scheitern ihrer Ehe und dem Ende ihrer Lehrerinnenlaufbahn kommt Blanche DuBois zu ihrer Schwester Stella nach New Orleans. Sie hat nichts mehr, worauf sie zurückgreifen könnte, und tritt dennoch auf wie eine Dame von Stand. Die Wohnung im French Quarter ist eng und ärmlich, sie bietet keinen Raum für Rückzug. Was Blanche über ihre Vergangenheit erzählt und wie sie sich gibt, ist von Anfang an eine Mischung aus Wahrheit und Selbsttäuschung.

Stanley Kowalski durchschaut die feine Fassade und lässt sich von ihr nicht beeindrucken. Blanches Herablassung gegenüber seiner Herkunft reizt ihn zusätzlich. Zwischen den beiden entsteht ein erbitterter Kampf um Stella, die zwischen der Schwester und dem Ehemann steht. In dieser Auseinandersetzung prallen mehr als zwei Charaktere aufeinander. Es treffen rückwärtsgewandte Nostalgie und ungebrochener Zukunftsglaube aufeinander, die untergehende Südstaatenaristokratie und das neue osteuropäische Einwanderertum, die Welt der Kunst und ein grober Materialismus. Auch die seelischen Anlagen sind gegensätzlich: hier eine überreizte, verletzliche Empfindsamkeit, dort eine wenig feinfühlige, triebhafte Lebenskraft. Beides zeigt sich bis in die Körpersprache der Figuren hinein.

Stanley bleibt bei diesem Kampf nicht bei Worten. Seine Gewaltbereitschaft prägt das Zusammenleben in der Wohnung. Blanche wiederum hält immer verzweifelter an ihren Illusionen fest, je stärker der Druck wird. Ihr Unvermögen, zwischen Wirklichkeit und Einbildung zu unterscheiden, führt schließlich in eine Katastrophe, aus der es für sie keinen Ausweg mehr gibt.

Stil↑

Aufgebaut ist das Stück durchgehend auf Gegensätzen. Blanche und Stanley verkörpern nicht nur zwei Menschen, sondern zwei Welten, zwei Wertsysteme und zwei seelische Verfassungen. Williams führt diesen Gegensatz bis in die Körpersprache: Die überreizte Empfindsamkeit der einen Figur und die triebhafte Vitalität der anderen zeigen sich in zwei völlig verschiedenen Bewegungsmustern auf der Bühne. Erkennbar ist der Einfluss der Lehren Sigmund Freuds auf die Zeichnung der Figuren.

Sprechend sind auch die Namen. Der Familiensitz heißt Belle Reve, „schöner Traum“, und benennt damit genau das, woran Blanche festhält. Der englische Originaltitel spielt auf eine Straßenbahnlinie mit dem Namen „Desire“, also „Verlangen“, an. Die Handlung spielt im French Quarter von New Orleans, in einer engen Wohnung, die den Figuren kein Ausweichen erlaubt.

Rezeption↑

Bereits die Uraufführung wurde ein großer Erfolg. Bis Dezember 1949 stand das Stück 855 Mal am Broadway auf dem Spielplan. Regie führte Elia Kazan, die männliche Hauptrolle spielte Marlon Brando. Im Jahr 1948 erhielt Tennessee Williams dafür den Pulitzer-Preis. Im selben Jahr wurde das Werk mit dem New York Drama Critics' Circle Award als bestes Stück ausgezeichnet.

Die deutschsprachige Erstaufführung fand am 10. November 1949 am Schauspielhaus Zürich statt, in der Übersetzung von Berthold Viertel. Die deutsche Erstaufführung folgte am 17. März 1950 am Stadttheater Pforzheim unter der Regie von Hanskarl Zeiser. Auch Heinz Hilpert inszenierte das Stück.

Elia Kazan verfilmte den Stoff mit Marlon Brando; der Film hatte am 19. September 1951 Premiere. Weitere Verfilmungen folgten, darunter 1981 Linje Lusta von Bo Widerberg und 2002 The Desire von Ali Badrakhan. Im Jahr 2000 entstand eine Fassung als dramatisch-musikalisches Werk. Spätestens seit Mitte der 1960er Jahre zählen Kritiker und Interpreten das Stück einhellig zu den Meisterwerken des amerikanischen Nachkriegsdramas. Heute gehört es weltweit zum Kanon der klassischen Dramen des 20. Jahrhunderts.

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