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Porträt Wallace Stevens
Wallace Stevens
1879 – 1955
– Autorenporträt –

Wallace Stevens

1879 – 1955 · 75 Jahre

Amerikanischer Lyriker, der tagsüber als Versicherungsjurist arbeitete und in seiner Dichtung das Verhältnis von Einbildungskraft und Wirklichkeit umkreiste – spät entdeckt, heute einer der bedeutendsten Dichter der USA.

Kurzporträt

Wallace Stevens war ein amerikanischer Lyriker und Essayist. Er führte ein Doppelleben, das seinesgleichen sucht. Tagsüber arbeitete er als Jurist und Manager bei einer Versicherung in Hartford. In seiner freien Zeit schrieb er Gedichte von hoher gedanklicher Schärfe. Geboren wurde er 1879 in Reading, Pennsylvania. Seine Dichtung blieb lange unbeachtet und fand erst spät, in den 1940er Jahren, breitere Anerkennung. Im Mittelpunkt seines Werks steht die Frage, wie sich Einbildungskraft und Wirklichkeit zueinander verhalten. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Dichter der Vereinigten Staaten. Er hat spätere Autoren wie John Ashbery und Elizabeth Bishop beeinflusst.


Biografie

Geboren wurde Wallace Stevens am 2. Oktober 1879 in Reading im US-Bundesstaat Pennsylvania. Von 1897 bis 1900 besuchte er die Harvard University als Gaststudent ohne Abschlussabsicht. Dort veröffentlichte er erste Gedichte im Studentenmagazin The Harvard Advocate. Danach zog er nach New York City und arbeitete eine Zeitlang als Journalist. 1903 schloss er sein Jurastudium an der New York Law School ab.

Im Jahr 1904 lernte er Elsie Kachel kennen. Das Paar heiratete 1909. Nach seiner Zulassung als Anwalt arbeitete Stevens von 1904 bis 1907 für verschiedene Kanzleien. 1908 trat er eine Stelle als Jurist bei einer Versicherungsgesellschaft in New York an. 1914 wurde er Vizepräsident der New Yorker Niederlassung der Equitable Surety Company aus St. Louis. Im selben Jahr veröffentlichte Harriet Monroe vier Gedichte von Stevens im Lyrikmagazin Poetry. Sein bürgerlicher Beruf und seine Dichtung liefen so über Jahrzehnte nebeneinander her.

Nach einer Betriebsfusion wechselte Stevens 1916 von New York zur Hartford Accident and Indemnity Co. in Hartford, Connecticut. Dort verbrachte er den Rest seines Lebens. Er gehörte dem avantgardistischen Kreis um Walter Arensberg an und lernte dort unter anderem Marcel Duchamp und William Carlos Williams kennen. Sein erster Gedichtband Harmonium erschien 1923, fand jedoch wenig Beachtung. Das Erscheinen von T. S. Eliots The Waste Land im Jahr zuvor hatte, so die Darstellung, die Aufnahmebereitschaft des Publikums für weitere Neuerungen herabgesetzt. Enttäuscht zog sich Stevens für den Rest der 1920er Jahre von weiteren Veröffentlichungen zurück. 1924 wurde seine Tochter Holly Stevens geboren, die später Werke ihres Vaters herausgeben sollte.

1934 wurde Stevens zum Vizepräsidenten der Versicherung ernannt. In den 1930er Jahren schloss er sich dem avantgardistischen Kreis um das Ehepaar Barbara und Henry Church an. Erst in den 1940er Jahren fand sein lyrisches Schaffen breiteren Anklang. Er wurde nun mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter zwei National Book Awards und der Pulitzer-Preis. 1946 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt.

Stevens war zeitlebens von Europa fasziniert und bestellte regelmäßig Sendungen mit europäischer Kunst und Delikatessen aus aller Welt. Dennoch verließ er die Vereinigten Staaten nur für Kurzaufenthalte in Kanada und auf Kuba. Er starb am 2. August 1955 in Hartford.


Literarische Merkmale

Die Sprache von Wallace Stevens ist hochartifiziell und gedanklich anspruchsvoll. Seine Bildlichkeit ist eindrücklich und rührt oft an die Grenzen der Verständlichkeit. Diese Sprache erlaubte es ihm, zeitgenössische philosophische Probleme in prägnante Metaphern zu verwandeln. Er spielte sie dabei stets auf der Ebene des Bildes durch. Schon sein erster Band Harmonium zeigt eine genaue Kenntnis der modernen Kunst. Spürbar sind darin Einflüsse von Walt Whitman und Ralph Waldo Emerson, der englischen Romantik mit Samuel Taylor Coleridge und William Wordsworth, des französischen Symbolismus mit Paul Valéry und Stéphane Mallarmé sowie des Impressionismus in der Malerei. Die Ausstellung Armory Show zeigte 1913 in New York das neuere europäische Kunstschaffen erstmals dem amerikanischen Publikum. Sie gilt als ein Schlüsselerlebnis für seine Lyrik.

Zwischen 1935 und 1945 nahm Stevens zunehmend konservative Positionen ein. Diese führten zu Kontroversen mit kommunistischen Schriftstellern. Zugleich vollzog er eine Wende vom frühen Imagismus und Impressionismus zum Symbolismus mit festeren Bildsystemen. Seine Gedanken über Ordnung gegen das Chaos, über den heroischen Dichter und über eine umfassende, romantisch grundierte Einbildungskraft prägen die Bände dieser Jahre. Nicht erst in Esthétique du Mal (1945) deutet sich eine Hinwendung zu Krieg, Leiden und Gewalt an.

Im Mittelpunkt vieler Gedichte steht das Aufeinandertreffen von Einbildungskraft und Wirklichkeit. Beide Bereiche werden dabei nicht als scharfer Gegensatz gedacht. Vielmehr entdeckt Stevens, dass auch die Realität ein Erzeugnis der Vorstellungskraft ist. Aufgabe des Dichters wird es, die Wirklichkeit immer wieder in Bewegung zu bringen, damit ihre Herkunft aus dem menschlichen Geist neu bewusst wird. Sein Spätwerk nach 1945 behält den entschiedenen Atheismus von Harmonium bei und erhebt die Poesie noch radikaler zur Nachfolgerin der Religion. In den Spätgedichten nach Auroras of Autumn (1950) treten Ironie und rhetorische Virtuosität zurück. Manche Texte tragen existenzielle Töne und nähern sich in umgangssprachlicher Schlichtheit der Alltagswelt. Seine frühe Lyrik war stark vom Philosophen und Dichter George Santayana beeinflusst. Ihm setzte er mit To an Old Philosopher in Rome ein lyrisches Denkmal.


Rezeption

Die Anerkennung für Wallace Stevens kam spät und zögernd. Von der Erstauflage seines ersten Bandes Harmonium wurden nur einhundert Exemplare verkauft. Seine Bedeutung wurde erst erkannt, als der Dichter bereits ein hohes Alter erreicht hatte. Erst in den 1940er Jahren brachten ihm Preise wie zwei National Book Awards und der Pulitzer-Preis breitere Beachtung.

Heute gilt Stevens als einer der bedeutendsten Dichter der Vereinigten Staaten. Er hat spätere Autoren beeinflusst, darunter John Ashbery und Elizabeth Bishop. Seine umgangssprachlich schlichten Spätgedichte bereiten in Ansätzen die postmoderne Dichtung vor. In der amerikanischen Literaturwissenschaft haben viele seiner Begriffe sprichwörtlichen Charakter angenommen, besonders in der Schule von Harold Bloom. Wer Anspielungen auf eine „capable Imagination", einen „necessary angel" oder den „jar in Tennessee" verstehen will, kommt an Stevens nicht vorbei. In neueren Studien wird vor allem der metaphysikkritische Zug seiner Lyrik hervorgehoben, die streckenweise der Postmoderne vorzugreifen scheint.

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