1923
Harmonium
Überblick↑
Der Gedichtband Harmonium war das erste Buch des amerikanischen Dichters Wallace Stevens. Er erschien 1923 im Verlag Knopf, in einer Auflage von 1.500 Exemplaren, als der Autor bereits vierundvierzig Jahre alt war. Die Sammlung vereint fünfundachtzig Gedichte von sehr unterschiedlicher Länge – von wenigen Zeilen bis zu einem Werk von mehreren hundert Versen. Die meisten dieser Gedichte waren zuvor zwischen 1914 und 1923 in verschiedenen Zeitschriften abgedruckt worden. 1931 legte Stevens den Band neu auf: Drei Gedichte ließ er weg, vierzehn kamen hinzu. Heute zählt Harmonium zu den wichtigsten Gedichtbänden der amerikanischen Moderne.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Eine durchgehende Handlung sucht man in diesem Buch vergebens, denn es versammelt fünfundachtzig eigenständige Gedichte. Sie führen den Leser durch eine Welt aus Farben, Klängen und überraschenden Bildern. Manche Stücke sind nur ein paar Zeilen kurz, andere weit ausgreifende Betrachtungen. Immer wieder umkreisen sie das Verhältnis von Einbildungskraft und Wirklichkeit – die Frage, wie der menschliche Geist die Dinge sieht und verwandelt.
Schon die Titel machen neugierig und stimmen auf den eigenwilligen Ton ein: Namen wie „The Emperor of Ice Cream", „Disillusionment of Ten O'Clock" oder „Thirteen Ways of Looking at a Blackbird" verraten eine Vorliebe für das Verspielte und Rätselhafte. Neben sinnenfrohen, geradezu prächtigen Versen finden sich nachdenkliche, ins Grüblerische gehende Gedichte. Auffällig oft blickt Stevens auf amerikanische Landschaften und das ländliche Leben seiner Heimat. Wer den Band aufschlägt, betritt eine Sammlung, die weniger erzählt als vielmehr zum Schauen, Hören und Nachsinnen einlädt.
Die Handlung im Detail↑
Die Spannweite der Sammlung reicht vom knappsten bis zum umfangreichsten Vers. Am kürzesten fällt „Life Is Motion" aus, das nur wenige Zeilen misst. Das längste Gedicht ist „The Comedian as the Letter C", das sich über mehrere hundert Verse erstreckt. Zwischen diesen Polen entfaltet Stevens ein breites Feld an Themen und Tonlagen.
Die Kritik hat früh zwei Seiten in Stevens' Dichtung unterschieden. Auf der einen steht eine Poesie der Sinnlichkeit, die in Farbe, Klang und üppigen Bildern schwelgt – etwa in „Banal Sojourn" oder in „Sea Surface Full of Clouds", das eine Meeresstimmung in immer neuen Abwandlungen umkreist. Auf der anderen steht eine gedankliche, ins Grundsätzliche zielende Dichtung, wie sie sich in „Thirteen Ways of Looking at a Blackbird" und in „Anecdote of the Jar" zeigt. Manche Zeitgenossen erwarteten gerade von diesen beiden Gedichten eine besonders lange Nachwirkung.
Ein eigener Zug ist Stevens' Verbundenheit mit Amerika. In „The Jack-Rabbit" klingt seine Zuneigung zum ländlichen und frühen Grenzland-Amerika an, ebenso in „Ploughing on Sunday", „The Doctor of Geneva" und „Bantam in Pine-Woods". Auch indianische Namen gehören zu diesem amerikanischen Kolorit, so im Titel „Stars at Tallapoosa". Mit „Anecdote of the Jar" von 1919 lässt sich die Hinwendung von europäischen Vorbildern zu einer betont eigenständigen amerikanischen Dichtung nachzeichnen.
Daneben steht die spielerische, oft ironische Seite. Bildreich und heiter tänzelt „Disillusionment of Ten O'Clock" durch lauter Seheindrücke. Andere Gedichte tragen bewusst befremdliche Titel, etwa „The Paltry Nude Starts on a Spring Voyage" oder „Frogs Eat Butterflies. Snakes Eat Frogs. Hogs Eat Snakes. Men Eat Hogs". Dass Stevens auch das Herbe beherrschte, zeigt „The Death of a Soldier" mit seinem beinahe schroffen Naturalismus. So fügen sich Prunk und Nüchternheit, Witz und Ernst zu einem Band, der bei aller Buntheit von einem einheitlichen dichterischen Willen zusammengehalten wird.
Stil↑
Häufig wird Stevens ein symbolistischer Dichter genannt. Eine große Rolle spielt bei ihm die Farbsymbolik: Deutungen ordnen den einzelnen Farben feste Bedeutungen zu – Blau der Einbildungskraft, Grün dem Körperlich-Wirklichen, Rot der Realität, Gold der Sonne, Purpur der Freude an der Vorstellung. Die Literaturwissenschaftlerin Helen Vendler warnte allerdings davor, die Gedichte nur zu „entschlüsseln". Sie empfahl, ihren Reiz eher über den ungewöhnlichen Satzbau als über das Deuten einzelner Zeichen zu erschließen.
Unverkennbar ist Stevens' Freude am Klang. Immer wieder häuft er Stabreim und Anklang, so in Zeilen wie „Chieftain Iffucan of Azcan in caftan" oder „Gloomy grammarians in golden gowns". Dazu passen die absichtlich verwirrenden, oft komisch wirkenden Titel.
Zugleich scheute Stevens die reine Wohlklang-Poesie. Gegen allzu Süßes setzt er einen Zug ins Nüchterne, ja Anti-Poetische – etwa mit dem schlichten Wort „stupid" oder dem trommelnden „tink and tank and tunk-a-tunk-tunk". Auch der Einfluss des Französischen wurde bemerkt; Stevens selbst hielt in seinen Aphorismen fest, Französisch und Englisch bildeten für ihn im Grunde eine einzige Sprache. In demselben Geist steht sein bekannter Grundsatz, Dichtung müsse sich dem Verstand fast erfolgreich widersetzen – also gerade so viel Rätsel bewahren, dass sie nie ganz auszurechnen ist.
Rezeption↑
Ein sofortiger Erfolg war der Band nicht. Von der ersten Auflage verkauften sich nur etwa hundert Exemplare, ehe der Rest verramscht wurde. Der Dichter und Kritiker Mark Van Doren nannte Stevens' Witz 1923 in der Zeitschrift The Nation zaghaft, verquer und überfein und sagte voraus, er werde niemals populär werden. Zugleich ahnte Van Doren, dass eines Tages eine Würdigung seiner fein gesetzten Melodie und seiner knappen Klarheit geschrieben werden würde.
Andere Stimmen erkannten das Besondere schon früh. Harriet Monroe, die Gründerin der Zeitschrift Poetry, pries 1924 die schillernde Ursprünglichkeit dieser Gedichte. Die Dichterin Marianne Moore, eine lebenslange Weggefährtin Stevens', hob die entrückte Kraft seiner Vorstellungswelt hervor. Edmund Wilson brachte 1924 die Wirkung auf viele Leser auf den Punkt: Selbst wenn man nicht wisse, was Stevens sage, spüre man doch, dass er es gut sage. Matthew Josephson zählte ihn 1923 zu den besten zeitgenössischen Dichtern, und der Imagist John Gould Fletcher stellte ihn über international gefeierte Zeitgenossen.
Nicht alle waren angetan. Louis Untermeyer tadelte Stevens 1924 als bewussten Ästheten, der sich mit der Wirklichkeit im Streit befinde. Gorham Munson prägte das Wort vom „Dandy", Yvor Winters später das vom „Hedonisten", der weder dem Verstand noch dem Glauben den Vorrang gebe – wobei Winters ihn andernorts als „kühlen Meister" und als einen der bedeutendsten lebenden amerikanischen Dichter würdigte. Besonders scharf urteilte Shaemas O'Scheel schon 1914 über frühe Verse.
Mit den Jahrzehnten wuchs die Beschäftigung mit Stevens zu einem eigenen Zweig der Forschung heran. Seit 1979 gibt die nach ihm benannte Gesellschaft das Wallace Stevens Journal heraus. Nach Harmonium schrieb Stevens einige Jahre nur wenig, ehe er mit Ideas of Order und weiteren Sammlungen zurückkehrte. Wie sehr ihm dieses erste Buch als Kern seines Werks galt, zeigt eine späte Überlegung: Für seine gesammelten Gedichte dachte er zunächst an den Titel The Whole of Harmonium.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →