1877
Harap Alb
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Anfang steht eine vertraute Märchenformel: Ein König soll einen seiner drei Söhne auf eine gefährliche Reise schicken, und der Jüngste ist zum Erfolg bestimmt. Der Bruder des Königs, der sterbende Grüne Kaiser, hat keine männlichen Erben. Er verspricht sein ganzes Reich demjenigen Neffen, der den weiten Weg durch die öden Länder am Rand der Erde bewältigt.
Um den Mut seiner Söhne zu prüfen, verkleidet sich der König in einem Bärenfell und versperrt die Brücke am Weg. Die beiden älteren Söhne kehren erschrocken um. Erst dem Jüngsten sagt eine bettelnde alte Frau eine glänzende Zukunft voraus. Sie rät ihm, nur die ärmlichen Dinge zu verwenden, die sein Vater einst als Bräutigam besaß: zerlumpte Kleider, rostige Waffen und ein altes Pferd. Der scheinbar wertlose Gaul verwandelt sich in ein prächtiges, sprechendes Ross, das seinen Herrn bis zu den Wolken tragen kann.
Der junge Prinz besteht die Bärenprobe und bricht auf. Der Vater warnt ihn zum Abschied, sich vor dem Roten Mann und besonders vor dem Kahlen zu hüten. Bald darauf gerät der Prinz in einen tiefen Wald, in dem ihn ein hinterlistiger Widersacher durch Betrug in seine Gewalt bringt. Von da an muss der Königssohn unter dem Namen Harap Alb als Diener auftreten und gefährliche Aufgaben erfüllen: die Salatpflanzen aus dem Garten eines Bären zu holen und einen verzauberten Hirsch zu erlegen, dessen bloßer Blick tötet. Wohin diese Prüfungen und eine letzte, weite Reise ihn führen, entfaltet das Märchen Schritt für Schritt.
Die Handlung im Detail↑
Ein ungenannter König hat einen Bruder, den Grünen Kaiser, der dem Tod nahe ist und keine Söhne hat. Er bittet den König, einen der drei Prinzen zu schicken; wer die Reise besteht, soll das ganze Reich erben. Königreich und Kaiserreich liegen an den Rändern der Erde, getrennt durch öde Länder.
Der älteste Sohn nimmt die Herausforderung an. Um seinen Mut zu prüfen, legt der König ein Bärenfell an und versperrt die Brücke. Der Älteste kehrt voller Angst heim. Dem zweiten Sohn ergeht es ebenso. Ohne die List zu verraten, äußert der König seine Enttäuschung, worauf der jüngste Sohn in Tränen ausbricht und in den Palastgarten läuft. Dort sagt ihm eine alte Bettlerin voraus, er werde ein glorreicher Kaiser werden. Sie drängt ihn, die Aufgabe des Onkels zu versuchen, warnt ihn aber, nur die Dinge zu verwenden, die sein Vater als Bräutigam besaß: zerlumpte Kleider, rostige Waffen und einen alten Hengst. Dann verschwindet sie in den Himmel.
Der jüngste Prinz erträgt den Spott des Vaters, erhält aber schließlich die Erlaubnis und die alten Dinge. Das richtige Pferd erkennt er nach dem Rat der Alten daran, dass allein dieser Gaul im Stall an ein Tablett voll glühender Kohlen herantritt. Das Tier schüttelt sich dreimal und verwandelt sich in ein schönes Ross, das mit seinem Herrn sprechen und ihn zu Wolken und Mond emportragen kann. Der Prinz übersteht an der Brücke die Bärenprobe, und der König überlässt ihm das Bärenfell als Trophäe. Zum Abschied warnt der Vater ihn vor dem Roten Mann und besonders vor dem Kahlen.
Die nächste Wegstrecke führt den Prinzen in einen tiefen Wald, in dem der böse Kahle (Spânul) haust. Zweimal weist der Prinz dessen Dienste zurück, doch beim dritten Mal hat er sich verirrt und nimmt an. Durch Betrug lockt der Kahle ihn auf den Grund eines Brunnens und lässt ihn erst wieder heraus, als der Prinz einwilligt, die Rollen zu tauschen. Am Hof wird der Kahle nun als Königssohn vorgestellt, während der junge Prinz ihm als Diener namens Harap Alb folgt. Der Grüne Kaiser empfängt beide arglos. Doch die Tochter des Kaisers sieht, wie der Herr seinen Diener schlägt, und beginnt sich zu fragen, wer von beiden in Wahrheit edel und wer niedrig ist.
Bald schickt der Kahle Harap Alb auf die erste gefährliche Aufgabe: Er soll den Salat aus dem Garten des Bären holen, den der Grüne Kaiser so liebt. Das sprechende Pferd trägt ihn durch die Luft auf eine Insel, wo er die wahrsagende Bettlerin wiedertrifft. Sie gibt sich nun als „Heilige Sonntag“ (Sfânta Duminică) zu erkennen. Sie versetzt das Wasser des Bären mit einem schläfrig machenden Sud aus Kräutern, Honig und Milch. In das Bärenfell gehüllt, sammelt Harap Alb den Salat, ehe das Tier erwacht.
Die zweite gefährliche Aufgabe ist die Jagd auf einen verzauberten Hirsch, dessen Fell mit Edelsteinen besetzt ist. Sein Blick tötet, und niemand hat je überlebt. Die Heilige Sonntag gibt ihm den Helm und das Schwert eines zwergenhaften Wesens. Ihrer Anweisung folgend, versteckt sich Harap Alb in einer tiefen Grube, überfällt den Hirsch und schlägt ihm mit einem Streich den Kopf ab. Dann wartet er in der Grube, bis der Kopf ganz gestorben ist. Während der Wartezeit ruft der abgetrennte Hirschkopf mit menschlicher Stimme und bittet, ihn sehen zu dürfen. Hätte der Held nachgegeben, hätte ihn das vergiftete Auge des Hirsches getötet.
Die triumphale Rückkehr mit den Edelsteinen steigert Harap Albs Ansehen und die Achtung des Grünen Kaisers. Der Kahle versucht eifersüchtig, die Taten sich selbst zuzuschreiben. Der Kaiser ist leichtgläubig, doch seine Töchter werden noch misstrauischer. Bei einem Festmahl erscheint überraschend ein zauberischer Vogel und verkündet: Man esse, trinke und vergnüge sich, denke aber nicht an die Tochter des Roten Kaisers. Es entspinnt sich ein lebhafter Streit über den tyrannischen Roten Kaiser und seine Tochter, die manche für eine böse Hexe halten. Daraufhin schickt der Kahle Harap Alb auf die Reise, die Tochter des Roten Kaisers zu holen.
Die Reise beginnt mit einem Akt des Mitleids. Auf einer Brücke trifft der Prinz auf einen Hochzeitszug von Ameisen und wählt lieber den tiefen Fluss, als sie zu zertreten. Eine dankbare geflügelte Ameise schenkt ihm ihre Flügel, die er in der Not verbrennen soll, damit das ganze Volk ihm zu Hilfe kommt. Ähnlich ergeht es ihm mit einem Bienenschwarm, dem er einen neuen Stock schafft; die Bienenkönigin gibt ihm einen Flügel, um sie zu rufen.
Auf dem weiteren Weg gewinnt Harap Alb fünf Gefährten. Der erste ist Gerilă, der selbst im Sommer friert und dessen kalter Atem alles zu Eis erstarren lässt. Es folgen Flămânzilă, der unstillbar viel essen kann, Setilă, der grenzenlos trinken kann, Ochilă, dessen scharfes Auge in weite Ferne reicht, und Păsări-Lăți-Lungilă, der sich nach Belieben in jede Richtung dehnen und zu den Vögeln emporwachsen kann. Zunächst richten die Gefährten ein Unglück nach dem anderen an: verbrannte Wälder, ausgelaugter Boden, versiegtes Wasser. Allein Harap Alb stiftet keine Verwirrung.
Am Hof des Roten Kaisers kündigt Harap Alb an, mit dem Mädchen abziehen zu wollen. Der Rote Kaiser versucht, die Gruppe zu vernichten: Er weist ihnen ein kupfernes Haus zu und lässt es ofenheiß glühen, doch Gerilă kühlt es mit seinem Atem. Bei einem Festmahl verschlingen Flămânzilă und Setilă alle Speisen und Getränke. Dann verlangt der Kaiser, in einer Nacht rund zweihundert Liter Mohnsamen von ebenso viel feinem Sand zu trennen – die Ameisen erledigen es. Danach sollen die Helden seine Tochter eine Nacht lang bewachen. Um Mitternacht verwandelt sich die Prinzessin in einen Vogel und flieht bis auf die ferne Seite des Mondes, doch Ochilă spürt sie auf, und Păsări-Lăți-Lungilă greift sie.
Als letzte Probe soll Harap Alb die echte Tochter von ihrem völlig gleich aussehenden Doppel unterscheiden. Die Bienenkönigin hilft ihm, indem sie sich auf die Wange der Echten setzt. Das Mädchen selbst stellt eine letzte Aufgabe: ein Wettrennen zwischen ihrer Turteltaube und seinem Pferd zu jenem Ort, wo die Berge mit den Köpfen aneinanderstoßen, um drei Zweige eines Apfelbaums, drei Maß Lebenswasser und drei Maß Totenwasser zu holen. Obwohl langsamer, zwingt das Pferd den zurückkehrenden Vogel, ihm die Dinge zu übergeben, und kommt zuerst an. Die Prinzessin nimmt das Ergebnis als ihr Schicksal an und begleitet Harap Alb nun freiwillig.
Die Gefährten kehren an ihre ursprünglichen Orte zurück. Harap Alb verliebt sich in seine Gefangene und ist verzagt bei dem Gedanken, sie dem Kahlen überlassen zu müssen. Am Hof des Grünen Kaisers will der betörte Kahle die Tochter des Roten Kaisers an sich reißen, doch sie weist ihn schroff zurück, entlarvt seine falsche Identität und erklärt, ihr Bräutigam sei der wahre Neffe des Kaisers, Harap Alb. Wütend schlägt der Kahle dem Helden mit dem Schwert, auf das dieser einst seinen Eid geschworen hatte, den Kopf ab. Der Hengst packt den Kahlen mit den Zähnen, fliegt hoch in den Himmel und lässt ihn zu Boden stürzen. Die Prinzessin fügt Kopf und Körper des Prinzen wieder zusammen, schwenkt dreimal den Apfelzweig über ihm, heilt die Wunden mit dem Totenwasser und erweckt ihn mit dem Lebenswasser. Das Märchen endet mit einer prächtigen Hochzeit zwischen Harap Alb, dem anerkannten Nachfolger des Grünen Kaisers, und der Tochter des Roten Kaisers – ein Fest, das nach den Worten des Erzählers „bis heute“ dauert.
Stil↑
Deutlich trägt die Erzählung die Züge des Volksmärchens. Sie setzt mit einer festen Formel ein: Ein König schickt seine drei Söhne auf eine Prüfung, und der jüngste ist zum Helden bestimmt. Das Muster der dreifachen Wiederholung durchzieht das ganze Werk – drei Söhne, drei Prüfungen, dreifache Aufgaben.
Die Welt des Märchens ist bevölkert von sprechenden Tieren, einem verwandlungsfähigen Ross und magischen Helfern. Deren Namen sind aus Eigenschaften gebildet und benennen sie unmittelbar: Gerilă zum Frost, Flămânzilă zum Hunger, Setilă zum Durst, Ochilă zum Auge. So wird jede Figur mit einem Wort anschaulich. Am Schluss meldet sich die Stimme des Erzählers zu Wort, der das Hochzeitsfest augenzwinkernd „bis heute“ andauern lässt – ein Zug der mündlichen Erzähltradition.
Rezeption↑
Nach dem Tod des Autors erhielt Harap Alb viel Aufmerksamkeit von Literaturkritikern. Das Märchen wirkte über seine Gattung hinaus und regte Werke in anderen Künsten an.
Zu diesen Nachdichtungen zählt der Film De-aș fi Harap Alb von Ion Popescu-Gopo. Der Schriftsteller Stelian Țurlea schrieb einen postmodernen Roman nach dem Stoff, und Sandu Florea gestaltete daraus einen Comic. Auch Gabriel Liiceanu griff die Figur in einer seiner Arbeiten zur politischen Philosophie auf. So blieb der Held über die reine Märchenerzählung hinaus im kulturellen Gedächtnis lebendig.
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