1898
Hans im Glück
Überblick↑
Der Roman Lykke-Per des dänischen Schriftstellers Henrik Pontoppidan erschien in acht Bänden zwischen 1898 und 1904; im englischen Sprachraum trägt er den Titel Lucky Per. Er zählt zu den bedeutenden Werken der dänischen Literatur und wurde 2004 in den dänischen Kulturkanon aufgenommen. Erzählt wird der Lebensweg von Per Sidenius, einem selbstbewussten und reich begabten jungen Mann. Er bricht mit seiner streng gläubigen Familie und den Fesseln seiner Herkunft, um Ingenieur zu werden. Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs holen ihn Prägung und Vergangenheit jedoch wieder ein und zwingen ihn, seine Laufbahn aufzugeben.
Für die Figur des Per Sidenius griff Pontoppidan auf die eigene Lebensgeschichte zurück: Als Sohn eines Pfarrers aus Jütland ging er nach Kopenhagen, um sich zum Ingenieur ausbilden zu lassen, ehe er Schriftsteller wurde. Im Mittelpunkt steht die Frage nach dem Glück. Das dänische Wort „lykke" im Titel meint zugleich das Glück des günstigen Zufalls und das Glück der inneren Zufriedenheit.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Per Sidenius, ein hochbegabter junger Mann aus dem Westen Dänemarks. Sein Vater, ein strenger Pfarrer, erwartet, dass die Söhne wie er selbst Geistliche werden. Doch Per sagt sich vom Glauben los und reist nach Kopenhagen, um an der Polytechnischen Hochschule Ingenieurwissenschaften zu studieren. Sein Ziel: ein „Eroberer" zu werden. Dafür kappt er die Bindung an seine Familie.
In der Hauptstadt begegnet Per dem Neuen und Umstürzenden – den Naturwissenschaften und der Technik, aber auch den weltoffenen, geistig regen Kreisen eines wohlhabenden jüdischen Milieus. Er freundet sich mit dem Bankier Philip Salomon an und lernt dessen Töchter Jakobe und Nanny kennen. Zugleich reift in ihm ein gewaltiger Plan: ein weit gespanntes System von Kanälen und Häfen in seiner Heimat Jütland, für das er bei Politik und Wissenschaft zu werben beginnt.
So treffen in Per zwei Welten aufeinander – der Ehrgeiz des Aufsteigers und das Erbe seiner frommen Herkunft, das er glaubt abgestreift zu haben. Der Roman verfolgt, wie sein Streben nach Größe, Liebe und Erfolg an inneren wie äußeren Widerständen geprüft wird und wie sich dabei die Frage stellt, ob äußerer Erfolg wirklich glücklich macht.
Die Handlung im Detail↑
Der junge Peter Sidenius, von allen nur Per genannt, stammt aus einer tief gläubigen christlichen Familie im Westen Dänemarks. Sein Vater ist ein strenger Mann, der von seinen Söhnen erwartet, dass sie wie er Priester werden. Per aber wendet sich vom Glauben ab und geht nach Kopenhagen, um an der Polytechnischen Hochschule zu studieren und sein persönliches Ziel zu erreichen, ein „Eroberer" zu werden. Damit zerschneidet er die Bande zu seiner Familie.
In Kopenhagen kommt Per mit dem Modernen als umstürzender Kraft in Berührung – mit den Naturwissenschaften und der Technik, aber auch mit den weltoffenen, gebildeten Kreisen des wohlhabenden jüdischen Milieus der Stadt. Er wird ein Freund des Bankiers Philip Salomon und lernt durch ihn dessen beide Töchter kennen: Jakobe und Nanny. Zunächst hat Per eine kurze Beziehung zu der jüngeren Tochter Nanny, ehe er sich in die ältere, Jakobe, verliebt. Ihre Verbindung beruht sowohl auf Liebe als auch darauf, dass die Familie Salomon Pers Vorhaben finanziell fördern kann. Jakobe ist jung und leidenschaftlich und nicht von jenem protestantischen Schuldgefühl gehemmt, das den Lebensgenuss verbietet – doch Per selbst vermag seine eigenen Leidenschaften nicht freizusetzen. Eine Weile sind die beiden verlobt, dann aber löst Per die Verlobung. Damit endet auch seine Verbindung zur Familie Salomon.
Per begegnet zudem dem charismatischen Dr. Nathan, einer literarisch verwandelten Gestalt von Georg Brandes. Nathan beeindruckt ihn mit fortschrittlichen Idealen und dem Wunsch, Dänemark die Zukunft zu bringen. So sehr Per ihm zugeneigt ist, wendet er sich am Ende doch von dessen Einfluss ab: Er sieht in ihm den Vertreter einer rein geistig-humanistischen Bildung, die kein Interesse an Wissenschaft und technischem Fortschritt hat.
Per entwirft ein großangelegtes Ingenieurprojekt – ein System von Kanälen und Hafenanlagen in seiner Heimat Jütland – und beginnt, bei der politischen und akademischen Führungsschicht dafür zu werben. Als die Wissenschaft die Idee als undurchführbar abtut, gewinnt er dennoch Unterstützung über seine Verbindungen in die Bankenwelt, die Familie Salomon, die sich fortschrittlicher zeigt und bereit ist, das Vorhaben zu finanzieren. Doch das Projekt scheitert schließlich am Widerstand von Pers Gegnern in national-konservativen Kreisen und an seiner eigenen Unfähigkeit, Kompromisse zu schließen.
Per kehrt nach Jütland zurück, wo er sich für eine Weile wieder seinen christlichen Wurzeln zuwendet. Er heiratet Inger, die Tochter eines Pfarrers, und bekommt mit ihr drei Kinder. Am Ende jedoch verlässt er auch sie. Denn Per erkennt, dass er seine Kinder ebenso behandelt, wie sein Vater ihn behandelt hat, und er fürchtet, sie in gleicher Weise zu beschädigen. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er in asketischer Zurückgezogenheit im westlichen Jütland und verrichtet die freudlose Arbeit eines kleinen Beamten. Kurz vor seinem Tod versöhnt er sich mit Jakobe. In seinem Testament vermacht er sein bescheidenes Vermögen dem Wohltätigkeitswerk, das sie seit ihrer letzten Begegnung ins Leben gerufen hat.
Für Pontoppidan ist Pers Rückzug aus dem geschäftigen Kopenhagen keine Niederlage, sondern ein Sieg über eben jene Umstände, die seinen Erfolg bestimmt hatten. Wenn Per trotz allen Glücks, das ihm zufiel, nicht glücklich war, so deshalb, weil er das Glück im gewöhnlichen Sinne des Wortes gar nicht wollte.
Stil↑
Über acht Bände hinweg entfaltet Pontoppidan einen breit angelegten Entwicklungsroman, der einen ganzen Lebensweg vom Aufbruch bis zur Zurückgezogenheit im Alter durchmisst. Der Erzählbogen spannt sich weit – von der frommen Enge der jütländischen Provinz bis in die weltoffenen, geistig lebendigen Kreise Kopenhagens – und verbindet die genaue Zeichnung einer Gesellschaft mit der seelischen Zergliederung seiner Hauptfigur.
Getragen wird der Roman von einer autobiografischen Grundlage: Wie sein Held war Pontoppidan der Sohn eines jütländischen Pfarrers, der nach Kopenhagen zog, um Ingenieur zu werden, ehe er zum Schriftsteller wurde. Aus dieser Nähe gewinnt die Darstellung ihre Genauigkeit. Zusammengehalten wird das weitläufige Werk durch die Doppeldeutigkeit seines Titels: Das Wort „lykke" meint sowohl den glücklichen Zufall des Erfolgs als auch das innere Glück der Zufriedenheit – ein Gegensatz, der die ganze Erzählung durchzieht.
Rezeption↑
Bei deutschsprachigen Schriftstellern und Denkern fand der Roman ein starkes Echo. Thomas Mann, Georg Lukács und Ernst Bloch nahmen ihn mit Anerkennung auf; sie sahen in ihm ein weltoffenes Meisterwerk von epochaler Weite und eine tiefe gesellschaftliche, seelische und geistige Durchdringung des Übergangs in die Moderne. Noch vor dem Ende des 20. Jahrhunderts wurde das Werk in elf Sprachen übersetzt.
Ins Englische gelangte der Roman vergleichsweise spät. Die erste englische Übersetzung besorgte Naomi Lebowitz; sie erschien 2010 unter dem Titel Lucky Per. Eine neue Übertragung des irischen Autors und Übersetzers Paul Larkin folgte im Oktober 2018 im Verlag Museum Tusculanum Press unter dem Titel A Fortunate Man; sie stützt sich auf die Textfassung von 1905. Im Spätsommer 2018 kam zudem die Verfilmung des dänischen Regisseurs Bille August in die Kinos, die im deutschen Sprachraum als Per im Glück lief. Dass Pontoppidan mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde und sein Roman 2004 in den dänischen Kulturkanon aufgenommen wurde, unterstreicht den bleibenden Rang des Werks.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →