Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Autoreneintrag · Ion Creangă
Eingang · Autoren · Ion Creangă
Porträt Ion Creangă
Ion Creangă
1837 – 1889
– Autorenporträt –

Ion Creangă

1837 – 1889 · 52 Jahre

Volkstümlicher rumänischer Erzähler aus einem moldauischen Bauerndorf, dessen Märchen und Kindheitserinnerungen dem Ton und dem Dialekt des Volkes nachempfunden sind.

Kurzbiografie↑

Zu den volkstümlichsten Erzählern der rumänischen Literatur zählt Ion Creangă. Der aus einer Bauernfamilie im moldauischen Dorf Humulești stammende Schriftsteller schöpfte aus dem Erzählgut seiner Heimat und schuf Märchen und Geschichten, die dem Ton des Volkes und dem moldauischen Dialekt nahestehen. Sein bekanntestes Werk sind die Amintiri din copilărie (Kindheitserinnerungen), eine lebendige und humorvolle Rückschau auf seine Jugend. Sein Schaffen wirkte stark auf die rumänische Prosa; viele seiner Redewendungen gingen in den allgemeinen Sprachgebrauch ein.


Biografie↑

Über das Geburtsdatum Creangăs gehen die Angaben auseinander. In seinen autobiografischen Aufzeichnungen (Fragmente de biografie) nannte er selbst den 1. März 1837, während das Geburtenregister seines Heimatortes Humulești den 10. Juni 1839 verzeichnet. Auch die hier vorliegenden Quellen widersprechen sich: Wikidata führt den 1. März 1837, die Deutsche Biographie den 10. Juni 1839. Geboren wurde er im Dorf Humulești im Kreis Neamț, damals im Fürstentum Moldau, heute in Rumänien.

Er war das erste von acht Kindern einer Bauernfamilie. Seine Mutter wünschte sich, dass er das angesehene Priesteramt ergriff. Über seine Jugend gibt sein Werk Amintiri din copilărie Auskunft. Die Ausbildung begann er in Humulești, danach lernte er kurz in Broșteni, kehrte nach Hause zurück und besuchte die Schule im benachbarten Târgu Neamț. Nach einem Jahr im Priesterseminar in Fălticeni ging er nach Iași, um seine Vorbereitung auf das Priesteramt an der Klosterschule von Socola fortzusetzen.

Nach dem Abschluss seines Studiums 1858 in Socola wurde Creangă Diakon. 1859 heiratete er die fünfzehnjährige Ileana Grigoriu, die Tochter eines Priesters aus Iași; mit dem Schwiegervater, der ihn als Kantor beschäftigte, überwarf er sich bald. 1860 begann er ein Theologiestudium an der neugegründeten Universität Iași. Als die Fakultät geschlossen wurde, nahm er 1864 eine Lehrerausbildung an der Vasile-Lupu-Schule auf. Diese wurde von dem Politiker und Literaturkritiker Titu Maiorescu geleitet, für dessen reformerische pädagogische Ideen sich Creangă begeisterte. Er arbeitete als Hilfslehrer und wirkte an Lehrbüchern mit, die Grundschülern das Lesen und Schreiben beibringen sollten.

Mit dem städtischen Leben in Iași tat er sich schwer. Politisch engagierte er sich auf Seiten der Nationalisten, fiel durch antisemitische Äußerungen auf und trat 1866 für die Wiederabspaltung des Fürstentums Moldau vom erst 1861 vereinigten Rumänien ein. Um 1867 verließ ihn seine Frau. Wegen „gottlosem Verhalten“ geriet er mehrfach in Konflikt mit seinen kirchlichen Vorgesetzten, etwa wegen des Besuchs des Theaters in Iași. Seine Kritik an Kirchenbeamten und sein als exzentrisch empfundenes Auftreten führten schließlich zur Suspension als Diakon und 1872 auch als Lehrer. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, eröffnete er ein Tabakgeschäft. Am Stadtrand von Iași kaufte er sich ein bescheidenes Haus, das er „bojdeuca“ nannte und in dem er ein bäuerliches Leben führte wie einst in Humulești.

Mit Hilfe von Titu Maiorescu wurde Creangă 1874 wieder als Lehrer eingesetzt. Im folgenden Jahr lernte er den jungen Dichter Mihai Eminescu kennen, aus der Begegnung wurde eine dauerhafte Freundschaft. Eminescu regte ihn an, die mündlich nacherzählten Geschichten aufzuschreiben, und führte ihn in den Literaturzirkel Junimea ein. Den Hauptteil seiner Arbeiten schrieb Creangă zwischen 1875 und 1883. Danach bekam er zunehmend gesundheitliche Probleme, zog sich 1887 aus dem Lehrerberuf zurück und starb am 31. Dezember 1889 an einem epileptischen Anfall in Iași. Am 28. Oktober 1948 wurde er zusammen mit anderen rumänischen Literaten wie Ion Luca Caragiale, Mihai Eminescu und Alexandru Vlahuță post mortem als Ehrenmitglied in die Rumänische Akademie aufgenommen.


Literarische Merkmale↑

Aus dem mündlichen Erzählen ist Creangăs Werk hervorgegangen, und man hört es seinen Geschichten an. Seine Erzählungen gelten als originell und spontan, ohne literarische Vorbilder, und stehen mit ihrem rustikalen Ton den Volksmärchen nahe. Vor allem die Dialoge sind im moldauischen Dialekt verfasst und geben Mentalität und Ausdrucksweise des Volkes getreu wieder.

In den Amintiri din copilărie schildert er lebendig und humorvoll, wie ihm seine energische, tatkräftige Mutter zum Eintritt ins Priesterseminar verhilft. Sein Märchen Capra cu trei iezi (Die Ziege mit den drei Zicklein) entspricht dem verbreiteten Stoff von der Ziegenmutter und ihren Jungen, denen der Wolf nachstellt; es ist jedoch weit drastischer als die Fassung der Brüder Grimm und endet nicht glücklich. Povestea lui Harap-Alb, das Märchen vom jüngsten Königssohn, der mit Hilfe von Tieren und Fabelwesen eine Reihe von Mutproben bestehen muss, zeichnet sich durch besondere Kunstfertigkeit sowie durch stoffliche und sprachliche Eigenart aus. Das Märchen Povestea lui Stan-Pățitul variiert die Thematik von Hans im Glück. In anderen Geschichten wie Soacra cu trei nurori steht dagegen die realistische Schilderung des Dorflebens im Vordergrund.


Rezeption↑

Eine starke Ausstrahlung hatte Creangăs Werk auf die rumänische Prosa. Viele seiner Redewendungen gingen in den allgemeinen Sprachgebrauch ein. Angeregt wurde sein literarisches Schaffen durch die Freundschaft mit Mihai Eminescu und durch den Literaturzirkel Junimea, in dem er verkehrte.

Auch nach seinem Tod blieb sein Rang unbestritten. Am 28. Oktober 1948 wurde Creangă zusammen mit anderen bedeutenden rumänischen Literaten wie Ion Luca Caragiale, Mihai Eminescu und Alexandru Vlahuță post mortem als Ehrenmitglied in die Rumänische Akademie aufgenommen. Einzelne seiner Geschichten erschienen auch in deutscher Übersetzung, so Povestea lui Harap-Alb, das zuerst 1910 und später unter Titeln wie Der weiße Mohr (1952) übertragen wurde.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

Aus dem Werkverzeichnis↑

Im Lexikon

Weitere Werke (Auswahl)

Vollständiges Werkverzeichnis bei Wikipedia (14 weitere Titel)

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten