1878 – 1942
Carl Sternheim
Kurzporträt↑
Als scharfer Beobachter des deutschen Bürgertums schrieb Carl Sternheim (1878–1942) eine Reihe von Komödien, die die Moralvorstellungen der wilhelminischen Zeit angriffen. Geboren in Leipzig als Sohn eines wohlhabenden Bankiers, wurde er zu einem der meistgespielten Dramatiker seiner Zeit. Neben seinen Bühnenstücken verfasste er auch Novellen, Streitschriften und Gedichte. Sein Werk war von Anfang an umstritten und löste mehrfach Theaterskandale aus. Nach jahrelangen nervlichen Leiden starb er im besetzten Brüssel.
Biografie↑
Geboren wurde Carl Sternheim am 1. April 1878 in Leipzig. Sein Vater Carl Jakob Sternheim war ein jüdischer Bankier, Börsenmakler und Zeitungsverleger, die Mutter hieß Rosa Maria Flora, geborene Francke. Er hatte mehrere Geschwister, unter ihnen den späteren Filmproduzenten Julius Sternheim. Sein Onkel Hermann Sternheim war Journalist und Theaterautor und Miteigentümer des Berliner Belle-Alliance-Theaters.
Sternheim wuchs in Hannover und Berlin auf. In Berlin besuchte er das Friedrichswerdersche Gymnasium und, nach einem halben Jahr am Domgymnasium in Halberstadt, das Luisen-Gymnasium. Nach dem Abitur 1897 studierte er Philosophie, Literaturgeschichte und Rechtswissenschaften in München, Göttingen und Leipzig, ohne einen Abschluss zu erlangen. Später nahm er in Berlin ein weiteres Studium der Literaturwissenschaft, Psychologie und Kunstgeschichte auf, unter anderem bei Heinrich Wölfflin, das er ebenfalls abbrach. Zwischen 1899 und 1929 machten schwere Nervenkrisen und Depressionen immer wieder Klinik- und Sanatoriumsaufenthalte nötig.
Um 1900 ließ sich Sternheim in Weimar als freier Schriftsteller nieder. Im selben Jahr heiratete er Eugenie Hauth, die Tochter eines Düsseldorfer Weingutbesitzers; 1901 kam der Sohn Carlhans zur Welt. Diese erste Ehe wurde 1906 geschieden. In zweiter Ehe war er ab 1907 mit Thea, geborene Bauer, verheiratet. Ihr Vermögen erlaubte ihm eine aufwendige Lebensführung und den Bau der Villa Bellemaison in Höllriegelskreuth bei München, die ein eigenes Theater besaß. Das Anwesen wurde rasch zu einem Treffpunkt von Künstlern und Literaten; dort verkehrte Sternheim mit Max Reinhardt, Frank Wedekind, Hugo von Hofmannsthal und Heinrich Mann. Ab 1908 finanzierte er die Literaturzeitschrift Hyperion, die Franz Blei herausgab und in der Franz Kafkas erste Veröffentlichung erschien; anfangs war Sternheim auch Mitherausgeber. Aus der Ehe mit Thea gingen die Tochter Dorothea, genannt Mopsa, und der Sohn Klaus hervor.
Nach finanziellen Schwierigkeiten zog Sternheim 1912 nach Belgien. Während der Kriegsjahre hielt er sich zeitweise in ärztlicher Behandlung auf und lebte in Bad Harzburg und Königstein im Taunus, bevor er 1916 wieder nach Belgien ging. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ er sich in der Schweiz nieder und verbrachte mehrere Jahre in Uttwil am Bodensee sowie 1922 bis 1924 im „Waldhof“ bei Radebeul. 1927 wurde die Ehe mit Thea geschieden. Von 1930 bis 1934 war er mit Pamela Wedekind verheiratet, einer Tochter Frank Wedekinds. Danach lebte er mit Henriette Carbonara zusammen. 1936 veröffentlichte er in Amsterdam seine Memoiren unter dem Titel Vorkriegseuropa im Gleichnis meines Lebens.
Die Angaben zu seinen letzten Jahren gehen in den Quellen auseinander. Nach der Darstellung der Wikipedia lebte er ab 1935 mit Henriette Carbonara im Exil in Belgien, während die Neue Deutsche Biographie schreibt, er sei bereits 1930 mit seiner dritten Frau Pamela nach Brüssel übergesiedelt. Einig sind sich die Quellen im Todesdatum: Sternheim starb am 3. November 1942 an den Folgen einer Lungenentzündung. Als Sterbeort nennen die Verzeichnisse übereinstimmend Brüssel, wobei eine Angabe genauer Groß-Brüssel lautet; sein Grab liegt auf dem Friedhof von Ixelles südlich der Stadt. Sein Sohn Carlhans wurde im Dezember 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden hingerichtet, weil er sich abfällig über Adolf Hitler geäußert hatte.
Literarische Merkmale↑
Bissige Satire auf das Bürgertum der wilhelminischen Zeit kennzeichnet Sternheims Theaterstücke. Auf den ersten Blick zeigt er widerliche, egoistische, auf Standesdünkel bedachte Bürger. Auf den zweiten Blick erscheinen gerade diese Figuren als die eigentlichen Helden, und auf den dritten Blick sind sie dem Untergang geweiht. Dahinter stand Sternheims Überzeugung, dass jedem Menschen eine eigene, unverwechselbare Natur gegeben ist. Die Aufgabe des Einzelnen sei es, diese Eigenart zu leben; allgemeine Normen hätten keine Gültigkeit. So schrieb er gegen die Unterjochung und Uniformierung des Einzelnen in gesellschaftlichen Zwängen an, indem er die Besonderheit des Individuums bewusst machte.
Ein besonderes Merkmal seiner Stücke ist der Telegrammstil ihrer Sprache. Diese knappe, verkürzte Ausdrucksweise wurde 1985 von Valerie Hennecke untersucht und mit der anderer Expressionisten verglichen.
Sternheim war ein sehr produktiver Autor. Neben einer großen Zahl von Dramen stehen Novellen, Streitschriften und der zweibändige Roman Europa. Laut der Neuen Deutschen Biographie gilt er als bedeutender Vertreter expressionistischer Prosa, obwohl er selbst kritische Distanz zum literarischen Expressionismus hielt. Seine überwiegend während des Ersten Weltkriegs entstandenen Novellen fasste er unter dem Titel Chronik von des zwanzigsten Jahrhunderts Beginn zusammen. Sie kreisen um das Verhältnis zwischen individueller Sinnsuche, erotischem Glücksstreben und den Zwängen gesellschaftlicher Erwartungen. Eingang in die Literaturgeschichte fand er vor allem als Dramatiker. Seine frühen Ehedramen stehen laut der NDB noch in der Tradition des Naturalismus, während das neuromantische Versdrama Ulrich und Brigitte Einflüsse Hugo von Hofmannsthals zeigt. In der Tragödie Don Juan verband er Motive aus Mozarts Don Giovanni, Goethes Faust und Werken Shakespeares, Cervantes' und Schillers.
Rezeption↑
Umstritten waren Sternheims Person und Werk von Anfang an. 1911 wurde in Berlin sein bürgerliches Lustspiel Die Hose uraufgeführt. Das Publikum nahm es begeistert auf, doch der Polizeipräsident verbot es wegen der Unsittlichkeit, dass eine Bürgerin auf offener Straße die Unterhose verliert. Als 1912 Die Kassette in München Premiere hatte, kam es unter den Zuschauern zu einem handgreiflichen Für und Wider. Die Schauspieler wurden auf der Bühne in das Handgemenge verwickelt und mit harten Gegenständen beworfen, der eiserne Vorhang musste fallen, und München hatte einen Theaterskandal. Zu einem der größten Erfolge Sternheims wurde die Komödie Bürger Schippel von 1913.
Nach der NDB zählte Sternheim, wenngleich nicht unumstritten, bis etwa 1930 zu den meistgespielten deutschen Dramatikern und gilt als einer der wichtigsten Satiriker seiner Zeit. Sein programmatischer Essay Vincent van Gogh von 1910 löste eine öffentliche Debatte um seine angebliche „Deutschfeindlichkeit“ aus. Zur Zeit der Weimarer Republik wurden seine Stücke oft gespielt. 1933 verhängten die Nationalsozialisten ein Publikationsverbot. Erst seit den 1960er Jahren, nach dem Erscheinen west- und ostdeutscher Gesamtausgaben, wurden seine Stücke wieder häufiger inszeniert, unter anderem mehrfach von Rudolf Nölte mit Theo Lingen in Hauptrollen. In den 1970er Jahren erlebten sie an deutschen Bühnen eine Wiedergeburt.
1915 erhielt Sternheim für die drei Novellen Busekow, Napoleon und Schuhlin den Theodor-Fontane-Preis. Den damit verbundenen Geldbetrag leitete er an den noch weitgehend unbekannten Franz Kafka weiter. Die Figur des Theophil Marder in Klaus Manns Roman Mephisto von 1936 trägt Züge Sternheims; auch dessen Ehe mit Pamela Wedekind wird dort gespiegelt.
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