1713 – 1768
Laurence Sterne
Kurzporträt↑
Laurence Sterne war ein englisch-irischer Schriftsteller und anglikanischer Pfarrer der Aufklärungszeit. Mit seinem Roman The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman schuf er eines der eigenwilligsten Bücher der europäischen Literaturgeschichte. Er wurde 1713 im irischen Clonmel geboren. Aus einem Geistlichen, dessen Karriere durch eine verbrannte Satire zerstört worden war, wurde ein gefeierter Liebling der Londoner Gesellschaft. Sein Werk verbindet Witz, sentimentale Empfindsamkeit und ein kühnes Formexperiment, das den Leser zum Mitverfasser macht. Neben dem Tristram Shandy hinterließ er den Reiseroman A Sentimental Journey Through France and Italy, mehrere Bände Predigten sowie umfangreiche Briefe. Er starb 1768 in London.
Biografie↑
Laurence Sterne kam am 24. November 1713 in Clonmel im damaligen Königreich Irland zur Welt. Er starb am 18. März 1768 in London. Über die einzelnen Stationen seines Lebens gibt das vorliegende Material nur knappe Auskunft. Gesichert ist, dass er als Pfarrer (Vicar) der Anglikanischen Kirche tätig war und damit in das geistige Klima der Aufklärung hineingehörte.
Eine entscheidende Wende brachte das Jahr 1759. Im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung in York schrieb Sterne eine Satire im Stil Jonathan Swifts. Empörte Kleriker verbrannten sie. Damit waren seine Aussichten auf eine weitere geistliche Karriere zerstört. Sterne erkannte jedoch in dieser Niederlage sein Talent als Schriftsteller und wandte sich konsequent der Literatur zu.
Noch im selben Jahr entstanden die ersten beiden Bände seines Hauptwerks The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman. Sie machten ihn trotz negativer Stimmen von Samuel Johnson und Horace Walpole sofort populär. Die Neuheit und Eigentümlichkeit seines Stils erregten allgemeines Aufsehen. Sterne wurde, wie es heißt, zum "verzogenen Liebling" der feinen Londoner Gesellschaft. Die weiteren sieben Bände des Romans erschienen zwischen 1761 und 1767.
Parallel zu seinem Roman publizierte Sterne ab 1760 mehrere Bände seiner Predigten (Sermons). Auch in ihnen gibt sich nach Auskunft des Materials der Humorist zu erkennen. In den letzten Lebensjahren spielte die Beziehung zu Elizabeth Draper eine wichtige Rolle. Nachdem diese zu ihrem Gatten nach Bombay abgereist war, begann Sterne mit der Arbeit an A Sentimental Journey Through France and Italy. Während der Niederschrift dieses Buchs erlitt er einen Zusammenbruch, der sein letzter sein sollte. Er starb 1768 in London.
Erst nach seinem Tod erschienen die Letters to his most intimate friends (1775, drei Bände) sowie der bereits 1767 entstandene Briefwechsel mit Eliza Draper.
Literarische Merkmale↑
Sternes Schreiben lebt von der bewussten Sprengung erzählerischer Konventionen. Sein Tristram Shandy besteht aus einer Reihe von Skizzen. Sie werden teils unter der Maske des Geistlichen und Humoristen Yorick, teils unter der des fantastischen Tristram vorgetragen. Das Ganze ist mit wunderlicher Gelehrsamkeit verquickt und wirkt mehr als buntes Durcheinander denn als planvolles Kunstwerk. Tristram will eigentlich sein Leben erzählen. Er beginnt mit dem Bericht seiner Zeugung und kommt erst im dritten Band zu seiner Geburt. Denn zwischendurch muss er John Lockes Theorie von der Assoziation der Gedanken erläutern, den Ehekontrakt seiner Eltern darlegen und das Steckenpferd seines Onkels Toby ausbreiten. Dem Erzähler dämmert schließlich, dass die Erzählung seines Lebens mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Leben selbst.
Diese Verkehrung gehört zum Verfahren. Die zeitliche Abfolge ist auf den Kopf gestellt. Das Ende des Romans liegt vor seinem Anfang, und manches wirkt wie das Vexierbild eines spleenigen Autors. Sterne selbst spricht im sechsten Buch von einem "sorglos gemachten, artigen, unsinnvollen, gutgelaunten Shandyschen Buch". Das Lesen wird bei ihm zu einem Akt des Entdeckens, Enträtselns und phantasievollen Ergänzens. Der Leser muss in die Rolle eines Mitverfassers schlüpfen. Auch aus heutiger Sicht gilt der Roman als kühnes Formexperiment, verbunden mit subtiler Menschenkenntnis.
Neben dem Witz steht die Empfindsamkeit. Sterne beschreibt liebevoll, wie die durch Missverständnisse ausgelöste Distanz zwischen Menschen mit Zuneigung überwunden werden kann. Im Sentimental Journey tritt ein geistvoller, scharf beobachtender, tief empfindender Reisender auf. Hinter dessen leicht hingeworfenen Liebesabenteuern vermutet man kaum den Geistlichen – eines der frischesten und unvergänglichsten Charakterbilder des 18. Jahrhunderts. Auch seine Predigten verraten den Humoristen.
Rezeption↑
Sternes Wirkung setzte sofort ein. Schon die ersten Bände des Tristram Shandy machten ihn in London berühmt, auch wenn Samuel Johnson und Horace Walpole sich ablehnend äußerten. Mit der deutschen Übersetzung durch Johann Joachim Christoph Bode begann die Rezeption durch die maßgeblichen deutschsprachigen Autoren der Zeit. Diese Übersetzung erschien 1774 in Hamburg in Bodes Verlag. Zu den Subskribenten dieser Ausgabe zählte auch Johann Wolfgang von Goethe.
Die Aufnahme verlief allerdings nicht überall gleich. In England wurde A Sentimental Journey überwiegend als witzige Moralkomödie gelesen. Viele Übersetzungen dagegen betonten die sentimentale Seite des Buchs. Dies trug dazu bei, dass Sterne in den folgenden Jahrzehnten als "Hohepriester des Gefühlskultes" missverstanden wurde. Diese Verengung wurde seinem doppelten Ton aus Witz und Empfindsamkeit nicht gerecht.
Im 19. Jahrhundert fand Sterne in Friedrich Nietzsche einen ausdrücklichen Bewunderer. Dieser charakterisierte 1879 in Vermischte Meinungen und Sprüche Sternes Werk ausführlich. Victor Klemperer wiederum sah in Xavier de Maistres Nächtliche Entdeckungsreise um mein Zimmer im Wesentlichen ein Zitat von Sternes Empfindsamer Reise durch Frankreich und Italien; literarisch stufte er de Maistres Werk als bedeutungslos ein. Die Deutsche Biographie verzeichnet Verweise auf Sterne unter anderem in den Artikeln zu Johann Karl Wezel, Christoph Martin Wieland und Ludwig Wittgenstein. Das ist ein Hinweis darauf, wie tief er in die deutschsprachige Literatur- und Geistesgeschichte hineinwirkte.
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