1759
Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman
Überblick↑
Der Roman des englischen Geistlichen Laurence Sterne (1713–1768) erschien zwischen 1759 und 1767 in neun Bänden. Er gilt als eines der eigenwilligsten Bücher der Weltliteratur. Schon der Titel verspricht eine Lebensbeschreibung, doch der Erzähler Tristram Shandy kommt mit seiner eigenen Geschichte kaum voran. Das Buch durchbricht alle Konventionen des damals jungen Romans. Bis heute wird es als früher Vorläufer der modernen Erzählkunst gelesen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Tristram Shandy will sein Leben erzählen. An diesem Vorhaben scheitert er auf höchst unterhaltsame Weise. Kaum hat er begonnen, verliert er sich in Abschweifungen, schiebt Vorgeschichten ein und kommentiert das eigene Erzählen. Auch die skurrilen Figuren seiner Familie lässt er zu Wort kommen: den grüblerischen Vater Walter, den gutmütigen Onkel Toby mit seiner Vorliebe für Festungsbau, den Pfarrer Yorick und weitere Hausgenossen. So entsteht ein Buch voller Einfälle, Wortspiele und überraschender Wendungen. Es spricht den Leser immer wieder an und lädt zum Mitdenken ein.
Die Handlung im Detail↑
Eine zusammenhängende Nacherzählung der Handlung ist hier nicht möglich, weil der Roman gerade darauf verzichtet, eine geordnete Geschichte zu liefern. Tristram setzt zur Schilderung seines Lebens an, verliert sich aber bei jedem Schritt in Nebenwegen – in Familienanekdoten, philosophischen Betrachtungen, gelehrten Zitaten und Selbstgesprächen mit dem Leser. Im Zentrum stehen die Begebenheiten rund um seine Geburt und die Eigenheiten seiner Verwandten, vor allem die seines Vaters Walter und seines Onkels Toby.
Stil↑
Sterne sprengt die Form des Romans, kaum dass diese im 18. Jahrhundert ausgebildet war. Er arbeitet mit Abschweifungen als Bauprinzip. Sätze unterbricht er mitten im Gedanken und überlässt die Vollendung dem Leser. Berühmt sind die typografischen Spielereien: eine vollkommen schwarze Seite als Zeichen der Trauer, eine marmorierte Seite, Leerseiten zum Selbsteintragen und Linien, die den Verlauf der Erzählung zeichnen. Der Erzähler wendet sich unmittelbar an sein Publikum. Er scherzt mit ihm, tadelt es und zieht es ins Spiel. Aus dieser Mischung aus Witz, Gelehrsamkeit, Empfindsamkeit und kalkulierter Unordnung entsteht ein Ton, der den Roman bis heute unverwechselbar macht.
Rezeption↑
Die Wirkung des Buches auf die deutschsprachige Literatur war außergewöhnlich groß. Lessing erklärte, er hätte Sterne fünf Jahre seines Lebens abgetreten, nur damit dieser weiterschreiben könne. Wieland nannte das Werk unschätzbar. Ein Mann von Geschmack würde im Notfall Mantel und Kragen verkaufen, um es zu besitzen. Goethe rühmte Sterne als „den schönsten Geist, der je gewirkt hat“, und erwähnte ihn in Wilhelm Meisters Lehrjahre. Nietzsche nannte ihn „den freiesten Schriftsteller aller Zeiten“. Thomas Mann sprach von „humoristischer Großartigkeit“. Auch Arno Schmidt zählte das Buch zu den zehn größten je in englischer Sprache geschriebenen Werken.
Die Spuren reichen weit. Denis Diderot griff für seinen Roman Jacques der Fatalist und sein Herr mehrfach auf Sternes Tristram Shandy zurück. Alban Nikolai Herbst stellte seinem Roman Wolpertinger ein Zitat aus Sternes Werk voran. Der Soziologe Robert K. Merton spielte mit dem Untertitel A Shandean Postscript zu seinem Buch On the Shoulders of Giants ausdrücklich auf den Roman an. Aufgenommen in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher, gilt der Tristram Shandy bis heute als einer der einflussreichsten Romane der Weltliteratur. 2006 verfilmte Michael Winterbottom den Stoff unter dem Titel A Cock and Bull Story.
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