Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien
Eingang · Werke · Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien
Cover Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien
Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien
1768
– Werkseintrag –

Yoricks empfindsame Reise durch Frankreich und Italien

1768 · Roman

Eine Reise, die kaum über Paris hinauskommt – und doch eine ganze literarische Epoche begründet hat.

Überblick↑

Mit diesem schmalen Buch verabschiedete sich Laurence Sterne 1768 von der Welt. Wenige Tage nach der Veröffentlichung der ersten Kapitel von A Sentimental Journey Through France and Italy starb der irisch-englische Geistliche und Schriftsteller. Der Roman blieb unvollendet. Sterne war wegen seiner schwachen Gesundheit selbst mehrmals nach Frankreich und Italien gereist, finanziert durch den Erfolg seines Tristram Shandy. Diese Erfahrungen verarbeitete er zu einem Buch, das die europäische Literatur veränderte. Erzähler ist Reverend Yorick, das durchsichtige Alter Ego des Autors. Noch im selben Jahr 1768 erschien die deutsche Übersetzung durch Johann Joachim Christoph Bode. Mit ihr begann eine eigene literarische Epoche: die Empfindsamkeit.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Reverend Yorick bricht aus gesundheitlichen Gründen nach Frankreich und Italien auf. Er mietet eine Kutsche, engagiert einen Diener und macht sich auf den Weg. Doch von Italien wird wenig zu lesen sein, denn der Erzähler kommt nicht viel weiter als bis Paris. Anstelle der üblichen Berichte über Land und Leute, über Sitten und Sehenswürdigkeiten erzählt Yorick von seinen eigenen Empfindungen. Er berichtet von kleinen Begegnungen am Wegrand, von Gesprächen mit Wirtsleuten, Mönchen, Damen und Dienstmädchen, von sinnlichen Eindrücken und seelischen Regungen. Vor allem aber gerät er in eine Reihe erotisch grundierter Abenteuer, die selten über zarte Anbahnungen hinausgehen. Sterne nimmt den Leser mit auf eine Reise, in der nicht das Ziel zählt, sondern die feine Bewegung des Gefühls.

Die Handlung im Detail↑

Reverend Yorick, Ich-Erzähler und kaum verhülltes Alter Ego des Autors, bricht aus gesundheitlichen Gründen zu einer Reise nach Frankreich und Italien auf. Er mietet eine Kutsche, engagiert einen Diener und macht sich auf den Weg. Doch obwohl der Titel des Buches Frankreich und Italien verspricht, kommt Yorick auf seiner Reise nicht weit über Paris hinaus – der Text endet unvermittelt, weil Sterne wenige Tage nach Erscheinen der ersten Kapitel starb und das Werk unvollendet zurückließ.

In einer Reihe höchst unterhaltsamer Episoden lässt Sterne den Leser an Yoricks Erlebnissen teilhaben: an seinen sinnlichen Eindrücken, seinen seelischen Empfindungen und an einer Folge meist erotisch gefärbter Abenteuer. Charakteristisch ist, dass diese Abenteuer fast nie über das Stadium einleitender Vorbereitungen hinauskommen – das Buch lebt nicht vom vollzogenen Ereignis, sondern von der feinen Schwingung der Erwartung, der Begegnung, der gerührten Empfindung. Yorick bezieht sich gelegentlich auf das Personal aus Sternes großem Vorgängerroman Tristram Shandy, und manche Leser haben in der Empfindsamen Reise eine Art Vollendung dieses früheren Werks gesehen.

Im Jahr nach Sternes Tod, 1769, erschien bei einem anonymen Drucker unter dem Pseudonym Eugenius eine Fortsetzung des Romans, hinter der sich Sternes Freund John Hall-Stevenson verbarg. Diese Fortsetzung erreichte das Niveau des Originals nicht; in der deutschen Übersetzung wurde sie stark gekürzt und bearbeitet.

Stil↑

Die Empfindsame Reise ist deutlich weniger exzentrisch als Sternes großer Roman Tristram Shandy. An die Stelle der dortigen Brüche, Abschweifungen und typografischen Spielereien tritt eine ruhigere, episodische Form: kleine Szenen, kurze Begegnungen, fein beobachtete Augenblicke. Statt sachlicher Schilderung von Land und Leuten richtet Sterne den Blick nach innen. Er zeigt die körperlichen und seelischen Reaktionen des Reisenden, seine persönlichen Meinungen und das, was eine Berührung, ein Blick, ein Wort im Erzähler auslöst. Diese Verlagerung vom Außen ins Innen war das Neue an Sternes Buch. Sie prägte auch den Begriff, der ihm folgte. Das Wort "empfindsam" schuf Gotthold Ephraim Lessing eigens als deutsche Entsprechung für das englische "sentimental", auf Bitten des Übersetzers Johann Joachim Christoph Bode.

Rezeption↑

Bereits bei seinem Erscheinen war der Roman in England außerordentlich populär. Noch im selben Jahr 1768 übersetzte ihn der Musiker und Verleger Johann Joachim Christoph Bode unter dem Titel Yoriks empfindsame Reise ins Deutsche. Auch hier wurde das Buch ein großer Erfolg. Für die Übersetzung des englischen Wortes "sentimental" prägte Gotthold Ephraim Lessing den Neologismus "empfindsam". Dieses Wort sollte bald nicht nur den Roman bezeichnen, sondern eine ganze Epoche: die Empfindsamkeit.

Unter dem Einfluss von Sternes Buch entstand in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ein eigenes Genre der Reiseliteratur, die empfindsame Reise. Die etablierten Reiseberichte beschrieben Land und Leute, Sitten und Kultur sachlich. Der empfindsame Reisende stellte dagegen die eigenen subjektiven Erfahrungen in den Mittelpunkt, seine körperlichen und seelischen Reaktionen, seine persönlichen Meinungen. Damit veränderte Sterne das europäische Verständnis dessen, was ein Reisebericht überhaupt sein kann. Die Fortsetzung aus der Feder John Hall-Stevensons erschien 1769 unter dem Pseudonym Eugenius. Sie konnte an die Wirkung des Originals nicht anknüpfen.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten