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Der Streit um den Sergeanten Grischa
1927
– Werkseintrag –

Der Streit um den Sergeanten Grischa

1927 · Roman

Ein russischer Kriegsgefangener flieht 1917 mit der Erkennungsmarke eines toten Deserteurs in der Tasche und gerät im besetzten Osten in eine Maschinerie aus Paragraphen, Standesdünkel und General-Eitelkeiten, in der niemand mehr fragt, wer er wirklich ist.

Überblick

Mit dem Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa gelang Arnold Zweig der internationale Durchbruch. Das Buch erschien 1927 im Potsdamer Gustav Kiepenheuer Verlag. Es gehört zu den ersten deutschsprachigen Romanen, die sich kritisch mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzen. Es ist Teil von Zweigs unvollendet gebliebenem Romanzyklus Der große Krieg der weißen Männer. Im Mittelpunkt steht der Fall eines russischen Kriegsgefangenen. An ihm führt der Autor die Mechanismen der deutschen Militärverwaltung im besetzten Osten vor.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im März 1917 flieht der russische Kriegsgefangene Grischa Iljitsch Paprotkin aus einem deutschen Waldlager in der Nähe von Augustowo. Sechzehn Monate hat er dort als Holzfäller gearbeitet. Nun, nach den Nachrichten von der Revolution in Russland, will er zu seiner Frau Marfa und seiner kleinen Tochter Jelisawjeta nach Wologda zurückkehren. Versteckt in einem Holztransport gelangt er statt nach Osten in die von den Deutschen besetzte Zone "Ober Ost". Dort schließt er sich einer Gruppe von Vogelfreien an, die von der jungen Litauerin Babka geführt wird. Sie wird seine Geliebte. Als ihn das Heimweh überwältigt, gibt sie ihm zum Abschied die Kleider und die Erkennungsmarke eines verstorbenen Deserteurs mit.

Mit dieser falschen Identität wird Grischa in der kleinen Stadt Merwinsk von deutschen Soldaten aufgegriffen. Sein Fall fällt unter eine neue Verordnung: Ein heimlich im besetzten Gebiet aufgegriffener russischer Soldat gilt als Spion und wird mit dem Tod bestraft. Nun stellt sich die Frage, wer der Mann eigentlich ist und welche Behörde über ihn zu entscheiden hat. Daraus entwickelt sich ein Streit, der weit über den einzelnen Gefangenen hinausgeht. Auf der einen Seite steht der adlige Divisionsgeneral Otto von Lychow, der "Soldatenvater". Auf der anderen Seite steht der Generalmajor Albert Schieffenzahn im Heeresoberkommando Bialystok, ein kalter Organisator und Verfechter eines deutschen Großreichs im Osten. Um Grischa gruppieren sich Offiziere, Gerichtsräte und Krankenschwestern. Dazu kommt der jüdische Schreiber Werner Bertin, der mit seinem Vorgesetzten Posnanski offen Systemkritik übt.

Die Handlung im Detail

Die Handlung gliedert sich in sieben Bücher und setzt im März 1917 im Sägewerk-Waldlager Nawarischkij ein. Der russische Kriegsgefangene Grischa Iljitsch Paprotkin, vor dem Krieg Vorarbeiter in einer Seidenfabrik in Wologda, hat dort sechzehn Monate Holz gefällt. Als ihn Nachrichten von der russischen Revolution und Gerüchte über einen baldigen Frieden erreichen, beschließt er die Flucht zu seiner Frau Marfa Iwanowna und seiner Tochter Jelisawjeta. Beim Beladen eines Waggons lässt er zwischen den Holzbrettern eine Lücke, schlüpft nachts hinein und fährt vier Tage lang mit dem Transport. Als er aussteigt, muss er feststellen, dass er nicht nach Osten, sondern ins Gouvernement Grodno gelangt ist, mitten in die von den Deutschen besetzte Zone "Ober Ost".

Auf der Flucht vor deutschen Patrouillen stößt er auf eine Bande von Vogelfreien aus Einheimischen und versprengten russischen Soldaten. Sie wird von der jungen Litauerin Anna Kyrillowna geleitet, deren Vater und Brüder wegen unerlaubten Waffenbesitzes von den Deutschen erschossen wurden. Wegen ihrer Verkleidung als alte Frau heißt sie nur "Babka". Sie wählt sich Grischa als Geliebten. Als ihn im Frühling das Heimweh übermannt, trennen sich die beiden. Babka gibt ihm zum Abschied die Kleider und die Erkennungsmarke ihres früheren Freundes Ilja Pawlowitsch Bjuschew, eines russischen Deserteurs, der bei ihnen gestorben war. Mit dieser neuen Identität setzt Grischa seine Flucht fort, zunächst mit Flößern auf der Wilja, dann zu Fuß den Njemen aufwärts. Ende April wird er in der fiktiven Stadt Merwinsk von deutschen Soldaten aufgegriffen.

Für seinen Fall ist das Kriegsgericht der Division von Lychow zuständig. Grischa gibt sich beim ersten Verhör als der Überläufer Bjuschew aus. Eine neue Verordnung wertet den geheimen Aufenthalt eines russischen Soldaten im besetzten Gebiet als Spionage und bedroht ihn mit dem Tod. Erst nach der Verkündigung des Urteils am 4. Mai offenbart Grischa seine wahre Identität und seine Flucht aus dem Waldlager. Über die Adresse des Vaters eines Bandenmitglieds versucht er, Babka zu erreichen und sie als Zeugin für den Namentausch zu gewinnen. Am 13. Mai bestätigen Nachforschungen in Nawarischkij und eine Gegenüberstellung mit zwei Wärtern seine Aussagen. Die Vollstreckung des Urteils wird aufgehoben, der Fall muss von der obersten Justizabteilung in Bialystok neu bewertet werden. Der Divisionsgeneral Otto von Lychow, sein Gerichtsrat Posnanski und ihr Stab sympathisieren mit Grischa und hoffen auf die Aufhebung des Todesurteils.

Am Beispiel der Garnison Merwinsk entwirft der Erzähler nun ein Bild des militärischen Alltags: die Friedenssehnsucht der Soldaten, die komplizierten Kommandostrukturen, Kompetenzstreitigkeiten zwischen dem Ortskommandanten Rittmeister von Brettschneider und dem Divisionsbefehlshaber von Lychow, dazu der Standesunterschied zwischen adligen Offizieren in gut ausgestatteten Privatquartieren und einfachen Soldaten in Mannschaftsunterkünften. Über allem steht das Heeresoberkommando des Generalmajors Albert Schieffenzahn in Bialystok, das mit immer schärferen Verordnungen Zucht und Ordnung erzwingen will. Zwischen dem beim Kaiser angesehenen "Soldatenvater" Lychow und dem kalt rechnenden Schieffenzahn bestehen persönliche Spannungen. Lychows Vorschläge werden im Hauptquartier formal korrekt behandelt, aber nicht ernst genommen.

In dieser Atmosphäre suchen sich die Offiziere ihre Freiräume. Kriegsgerichtsrat Dr. Posnanski, der die ungerechten Strukturen und Gesetze durchschaut, sich als Jurist aber an sie halten muss, nimmt den jüdischen Literaten Werner Bertin als Schreiber in sein Büro und protegiert ihn. Zwischen Krankenschwestern und Soldaten entstehen Liebesbeziehungen ohne Zukunft. Sophie von Gorse ist in Bertin verliebt und teilt seine politischen Ansichten. Über ihre Freundin Bärbe Osann, die mit Oberleutnant Paul Winfried, dem Neffen und Adjutanten Lychows, liiert ist, erreicht sie für Bertin eine Dienstreise zum Hauptquartier in Bialystok, verbunden mit einem viertägigen Urlaub bei seiner Frau Lenore in Berlin. Bertin soll die Akte Bjuschew überbringen. Posnanski und Bertin üben in ihren privaten Gesprächen offen Systemkritik und rechtfertigen die Umgehung der Dienstwege mit dem Satz, das Recht auf Schwindel gehöre zu den unveräußerlichen Menschenrechten. Der Gerichtsrat hat oft erlebt, dass es keine Gerechtigkeit gibt und dass das Schicksal der Menschen von Zufällen und willkürlichen Verordnungen bestimmt wird; der Spionageparagraph etwa zielt eigentlich auf deutsche Deserteure, nicht auf einen Mann wie Grischa. Bertin überzeugt Sophie von seinen rebellischen Gedanken gegen die Ständeordnung und die Bevormundung der unteren Klassen, in denen er die Ursache allen Übels sieht.

Im Zentrum der mittleren Bücher steht die Charakterisierung Schieffenzahns als genialer Organisator und machthungriger Kriegstreiber. Er baut in der besetzten Zone preußische Strukturen für Verwaltung, Verkehr, Wirtschaft, Schulen und medizinische Versorgung auf und will damit den Anschluss des Gebietes und weiterer noch zu erobernder Teile Russlands bis zur Krim an das Deutsche Reich und ihre Germanisierung vorbereiten. Die polnisch-litauisch-jüdische Bevölkerung betrachtet er als untergeordnete Arbeitskräfte; die Deutschen erscheinen ihm als das vorbestimmte Volk der Herrschaft und Höherzüchtung. Mit Vertretern der Flottenleitung, mit Parlamentariern und mit dem Konzernchef der rheinischen Schwerindustrie Schilles spinnt er ein Netz gegen die Friedenspartei. Lychow fürchtet umgekehrt, der preußische Staat werde durch solche Erweiterungen mit dem Vielvölkergemisch überfordert.

In einer Kette von Zufällen gerät Grischas Akte in die Hände Schieffenzahns. Das Bürofräulein Emilie Paus entnimmt im Kokettierspiel mit dem Landgerichtsrat Wilhelmi willkürlich Grischas Mappe aus einem Aktenstoß und legt sie auf den Schreibtisch ihres Chefs. Dieser erzählt die "drollige" Anekdote des russischen Deserteurs im Kasino seinen zufälligen Tischgenossen Schieffenzahn und Schilles. Der Generalmajor zieht den Fall sofort an sich, um ein Exempel für Disziplin zu statuieren.

Am 4. August, dem Jahrestag der britischen Kriegserklärung an Deutschland, gibt die Division Lychow ein "Herrenfest" mit reichhaltigem Essen, viel Alkohol, Spielen und Tanz mit den Krankenschwestern. Die Offiziere schwärmen vom preußischen Sieg und phantasieren von einem weltweiten Kolonialreich. Zwei Ereignisse trüben die Stimmung. Erstens trifft die Nachricht ein, die Gerichtsbehörde in Bialystok bestätige das Todesurteil aus militärpolitischen und disziplinarischen Gründen, um die Autorität der ersten Rechtsprechung zu stützen; die Identität des Russen sei irrelevant, die Kommandantur habe das Urteil zu vollstrecken. Lychow ist über die Argumentation und über den Eingriff in seine Zuständigkeit empört und telefoniert deswegen mit Landgerichtsrat Wilhelmi. Zweitens kommt es zu einem Eklat: Der betrunkene österreichische Graf Dubna-Trencsin wirft den Preußen Militarismus und Kriegstreiberei vor und gibt ihnen die Schuld an der großen Zahl der Toten. Darin spiegelt sich auch die Stimmung der einfachen Soldaten, die in Armierungs- und Infanterie-Bataillons mit geringsten Überlebenschancen die Hauptlast tragen. Nach einer Phase der Waffenruhe nehmen die Kampfhandlungen an der Ostfront wieder zu; die Hoffnung der Soldaten auf Friedensverhandlungen und Heimkehr erfüllt sich nicht. Lychow schreibt an seine Freunde in Berlin, sie sollten den Kaiser über die militärische Lage und die Kriegsmüdigkeit der Truppe informieren.

Durch den Streit um die Zuständigkeit zwischen den Gerichtsräten Lychows und Schieffenzahns zieht sich die Entscheidung bis Ende Oktober hin. Das Oberkommando fordert den Vollzug der Hinrichtung. Der Divisionsgerichtsrat aber leitet die Akte nicht an die ausführende Kommandantur weiter, und so beginnen rund um Grischa die Rettungsversuche derer, die das Urteil unerträglich finden.

Stil

Der Roman gliedert seinen Handlungsverlauf in sieben Bücher mit programmatischen Überschriften, von "Babka" über "Schieffenzahn, Generalmajor" bis "Grischa allein". Zweig erzählt aus einer übergreifenden Perspektive, die zwischen den Bewusstseinsräumen wechselt: vom geflohenen Gefangenen im Wald zu den Offizieren in ihren Quartieren, vom Gerichtsschreiber zum General im Hauptquartier. Die Schauplätze sind genau lokalisiert. Fiktive Orte wie Merwinsk werden in eine reale Geografie aus Augustowo, Grodno, Bialystok und dem Njemen eingebettet. Die Kapitel sind mit präzisen Daten versehen.

Auffällig ist die ausführliche Schilderung von Verwaltungsabläufen, Kommandostrukturen und Aktenwegen. Der Erzähler hält die Maschinerie der Besatzung in epischer Breite fest. Ihr stellt er die privaten Gespräche, Liebesbeziehungen und politischen Reflexionen seiner Figuren gegenüber. In diese Reflexionen sind ausgreifende Sentenzen eingebaut. Ein Beispiel ist Posnanskis Wort vom "Recht auf Schwindel" als unveräußerlichem Menschenrecht. Ein anderes ist Bertins Tirade gegen das "Vorgesetztentum", in der er das "Prinzip des Bösen" und die "wahnsinnigen Greise, die heute Europa zugrunde richten", anklagt. Schieffenzahns Größenphantasien werden in seiner eigenen Diktion zitiert und damit als Denkform ausgestellt. So verbindet der Roman dokumentarische Detailgenauigkeit mit einer moralisch grundierten, sozialkritischen Erzählhaltung.

Rezeption

Der Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa war einer der ersten deutschsprachigen Romane, die sich kritisch mit dem Ersten Weltkrieg auseinandersetzten. Er machte Arnold Zweig international schlagartig berühmt. In Deutschland verkaufte sich das Buch bis 1929 zunächst nur etwa 55.000 mal. Erst der Kriegsbuch-Boom trieb die Auflage in die Höhe, ausgelöst vom Erfolg von Erich Maria Remarques Im Westen nichts Neues. Bis 1933 war sie auf 300.000 Exemplare gestiegen. In diesem Jahr verließ Zweig Deutschland, und seine Bücher wurden verboten.

Schon 1928 erschien in New York eine englische Übersetzung. 1930 folgte in den USA eine Verfilmung unter der Regie von Herbert Brenon. Am 31. März 1930 wurde eine Bühnenfassung als Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin im Theater am Nollendorfplatz uraufgeführt, mit Hermann Thimig in der Titelrolle und Bühnenbildern von George Grosz und Traugott Müller. 1931 erschien eine hebräische Übersetzung. Damit ist Der Streit um den Sergeanten Grischa neben Das Beil von Wandsbek einer der wenigen Romane Zweigs, die auf Hebräisch herauskamen. 1968 folgte ein Fernsehfilm unter der Regie von Helmut Schiemann. In der DDR gehörte der Roman zur Pflichtlektüre an Schulen.

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