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Porträt Arnold Zweig
Arnold Zweig
1887 – 1968
– Autorenporträt –

Arnold Zweig

1887 – 1968 · 81 Jahre

Erzähler des Ersten Weltkriegs und des deutschen Judentums – mit "Der Streit um den Sergeanten Grischa" gelang ihm 1927 ein literarischer Welterfolg.

Kurzporträt

Arnold Zweig war einer der bedeutendsten deutsch-jüdischen Erzähler des 20. Jahrhunderts. Mit dem Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa gelang ihm 1927 ein Welterfolg. Das Buch erzählt den Ersten Weltkrieg aus der Sicht eines russischen Kriegsgefangenen. Es wurde zum Kernstück seines sechsbändigen Romanzyklus Der große Krieg der weißen Männer. Vom preußisch-nationalen Bildungsbürger wandelte er sich im Krieg zum Pazifisten. Später wurde er zum humanistischen Sozialisten und zeitweise engagierten Zionisten. Nach Bücherverbrennung, Ausbürgerung und Exil in Palästina kehrte er 1948 nach Ost-Berlin zurück. Dort lebte er als geehrter Repräsentant der DDR-Literatur und starb 1968.


Biografie

Arnold Zweig wurde am 10. November 1887 als Sohn eines jüdischen Sattlers geboren. Der Vater war in der zionistischen Bewegung aktiv. In der Forschung wird der Geburtsort unterschiedlich bezeichnet: Wikidata führt das heute polnische Głogów, die Deutsche Biographie nennt die historische deutsche Form Glogau in Niederschlesien. Gemeint ist derselbe Ort. Mit Stefan Zweig war er nicht verwandt. Von 1898 bis 1907 besuchte er das Realgymnasium in Kattowitz. Anschließend nahm er ein Studium der Germanistik, Philosophie, Psychologie, Kunstgeschichte und Nationalökonomie auf. Es führte ihn an die Universitäten Breslau, München, Berlin, Göttingen, Rostock und Tübingen. Einen Abschluss erwarb er nicht. Geprägt wurde er in dieser Zeit vom Neukantianismus und von Nietzsches Philosophie.

Sein literarisches Debüt waren 1912 die Novellen um Claudia. 1915 erhielt er für die Tragödie Ritualmord in Ungarn den Kleist-Preis. Im selben Jahr wurde er zum Militärdienst eingezogen. Er kämpfte unter anderem in Serbien, Belgien und vor Verdun. Ab 1917 arbeitete er in der Presseabteilung des Oberbefehlshabers Ost, wo er für die Zensur zuständig war. Dort kam der bis dahin säkular lebende Jude in engen Kontakt mit dem Ostjudentum, das ihn nachhaltig prägte. Aus dem preußisch-national Gesinnten wurde unter dem Eindruck des Krieges ein Pazifist. 1916 heiratete er in Berlin seine Cousine Beatrice, eine Malerin und Bildhauerin. Aus der Ehe gingen die Söhne Michael (geboren 1920) und Adam (geboren 1924) hervor. Adam wurde später Psychiater in der Schweiz.

Nach Kriegsende ließ sich Zweig als freier Schriftsteller am Starnberger See nieder. Es entstanden lebenslange Freundschaften mit Lion Feuchtwanger und Sigmund Freud, dem er den Roman Einsetzung eines Königs widmete. Drohbriefe rechtsextremer Kreise zwangen die Familie 1923 zur Übersiedlung nach Berlin. Dort war Zweig vorübergehend als Redakteur der "Jüdischen Rundschau" tätig. Über Martin Buber rückte er enger an den Zionismus heran. 1927 erschien sein bekanntestes Werk, der Roman Der Streit um den Sergeanten Grischa. Er wurde in vierzehn Sprachen übersetzt und schildert einen militärischen Justizmord gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Mit ihm eröffnete Zweig den Zyklus Der große Krieg der weißen Männer. Zu ihm gehörten später Junge Frau von 1914 (1931), Erziehung vor Verdun (1935), Einsetzung eines Königs (1937), Die Feuerpause (1954) und Die Zeit ist reif (1957). Seit Anfang der zwanziger Jahre litt er an zunehmender Sehbehinderung und arbeitete fortan mit Sekretärinnen. Eine besondere Rolle spielte dabei Lily Offenstadt, seine Sekretärin und Geliebte. 1930/31 ließ er sich in Berlin-Charlottenburg ein Atelierhaus bauen, das heute unter Denkmalschutz steht.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurden Zweigs Bücher öffentlich verbrannt. Am 14. März 1933 emigrierte er über Wien und die Schweiz nach Sanary-sur-Mer in Südfrankreich. Im Dezember 1933 folgte er Frau und Söhnen nach Haifa. 1936 wurde er ausgebürgert, sein Vermögen beschlagnahmt. In Palästina geriet er rasch in Konflikt mit nationaljüdischen Kreisen, die sowohl die deutsche als auch die jiddische Sprache ablehnten. 1942 gründete er mit Wolfgang Yourgrau das antifaschistische Wochenblatt Orient, in dem er auf Deutsch publizierte. Nach einem Bombenanschlag wurde es eingestellt. Bereits 1932 hatte Zweig im Roman De Vriendt kehrt heim einen ähnlichen Konflikt literarisch verarbeitet, in Anlehnung an die Ermordung Jacob Israël de Haans durch die Hagana 1924. Abgeschnitten von seinem literarischen Umfeld geriet er auch wirtschaftlich in Not. Über Feuchtwanger und andere Linksintellektuelle engagierte er sich verstärkt für den Sozialismus und wurde Ehrenvorsitzender des Komitees Freies Deutschland. 1943 erschien sein Roman Das Beil von Wandsbek zuerst auf Hebräisch, 1947 dann auf Deutsch.

1948 kehrte Zweig auf Vermittlung von Louis Fürnberg und Johannes R. Becher nach Ost-Berlin zurück. Als bekennender Sozialist wurde er in der DDR vielfach geehrt. 1949 wurde er Mitglied des Weltfriedensrats und Abgeordneter der Volkskammer, was er bis 1967 blieb. 1950 erhielt er den Nationalpreis der DDR 1. Klasse. Von 1950 bis 1953 war er Präsident der Deutschen Akademie der Künste, danach deren Ehrenpräsident. 1952 verlieh ihm die Universität Leipzig den Ehrendoktortitel. 1957 wurde er Präsident des Deutschen P.E.N.-Zentrums Ost und West. Wegen seines Eintretens für die DDR fand sein Werk in der Bundesrepublik lange wenig Anerkennung. In den sechziger Jahren zog er sich, fast erblindet, aus der Öffentlichkeit zurück. Arnold Zweig starb am 26. November 1968 in Ost-Berlin. Bei der Trauerfeier im Deutschen Theater sprachen unter anderen Alexander Abusch und Boris Polewoi. Die Grabrede auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof hielt Konrad Wolf.


Literarische Merkmale

Zweigs Werk ist getragen von einer realistischen Erzählweise. Sie verbindet das Schicksal des Einzelnen mit den großen geschichtlichen Umbrüchen seiner Zeit. Sein Welterfolg Der Streit um den Sergeanten Grischa steht laut Wikipedia stilistisch zwischen Expressionismus und Neuer Sachlichkeit. Im Mittelpunkt steht dort der Zusammenprall verschiedener Welten: säkularisiertes Judentum und ostjüdische Frömmigkeit, aufgeklärte preußische Tradition und wilhelminischer Kadavergehorsam. Erzählt wird stets vor dem Hintergrund eines untergehenden Kaiserreichs.

Charakteristisch ist die psychologische Genauigkeit, mit der Zweig seine Figuren zeichnet. In Das Beil von Wandsbek gestaltete er, wie die Deutsche Biographie hervorhebt, anhand eines Justizskandals die Auswirkungen der nationalsozialistischen Machtübernahme in Hamburg. Psychologisch dicht und historisch stimmig schilderte er die Anpassung kleiner Leute an den Nationalsozialismus. Der Protagonist seines sechsbändigen Romanzyklus Der große Krieg der weißen Männer ist zum Teil autobiographisch konzipiert. Er durchläuft eine tiefgreifende Wandlung vom überzeugten Patrioten zum Kriegsgegner – ein Weg, den Zweig selbst gegangen war.

Neben dem großen Roman pflegte Zweig auch die kürzeren erzählerischen Formen. Zu seinem Werk gehören Novellen wie die frühen Novellen um Claudia, das Geschichtenbuch oder Der Spiegel des großen Kaisers ebenso wie Dramen (Abigail und Nabal, Ritualmord in Ungarn, Die Umkehr des Abtrünnigen) und essayistische Bücher. In Essays wie Das ostjüdische Antlitz (1920) und vor allem in Caliban oder Politik und Leidenschaft (1927) untersuchte er die menschlichen Gruppenleidenschaften, dargetan am Antisemitismus. Seine literarischen Themen kreisen wiederkehrend um Krieg und Gewalt, jüdische Identität, das Verhältnis von individueller Verantwortung und politischer Macht sowie um die psychologischen Tiefenschichten seiner Figuren. Diese waren nicht zuletzt Frucht seiner engen Beziehung zu Sigmund Freud.


Rezeption

Bereits in der Weimarer Republik wurde Zweig zum literarischen Welterfolg. Der Streit um den Sergeanten Grischa erschien laut der Deutschen Biographie in vierzehn Sprachen. Der Roman wurde 1930 von Herbert Brenon und später ein zweites Mal von Helmut Schiemann verfilmt. Auch andere Bände des Romanzyklus fanden ihren Weg auf die Leinwand. Junge Frau von 1914 und Erziehung vor Verdun wurden 1970 beziehungsweise 1973 unter der Regie von Egon Günther verfilmt. Das Beil von Wandsbek verfilmten 1951 Falk Harnack sowie 1982 Horst Königstein und Heinrich Breloer. Joop Huisken porträtierte Zweig 1963 in einem DEFA-Dokumentarfilm.

Schon zu Lebzeiten machten ihn rechtsextreme und antisemitische Kreise zum Feindbild. Nach 1933 wurden seine Bücher verbrannt. In der DDR dagegen genoss er hohes Ansehen. Georg Lukács stellte sein Werk in einen Traditionszusammenhang mit dem realistischen Roman des 19. Jahrhunderts und rühmte es gegenüber der vermeintlich "dekadenten" Moderne. Zum 65. Geburtstag 1952 widmete ihm die Zeitschrift "Sinn und Form" ein Sonderheft mit Beiträgen unter anderem von Feuchtwanger, Alfred Döblin, Lukács, Becher und Hans Mayer. Die DDR ehrte ihn mit dem Nationalpreis 1. Klasse, der Präsidentschaft der Akademie der Künste, dem Ehrendoktorat der Universität Leipzig und – nach seinem Tod – mit Briefmarken und Gedenktafeln. Sein Nachlass wird seit 1970 im Arnold-Zweig-Archiv der Akademie der Künste in Berlin verwahrt.

In der Bundesrepublik wurde Zweigs Werk lange Zeit kaum gewürdigt, gerade wegen seines Eintretens für den Sozialismus und die DDR. Die Autorin Saskia Thieme konstatiert, Zweig sei als Aushängeschild der DDR instrumentalisiert und in wichtige Positionen gebracht worden, habe sich aber zunehmend verweigert. Sein widersprüchliches Verhalten habe mit dem lebenslangen Kampf zu tun gehabt, "zwei Kräfte zu entfalten, das Deutsche nämlich und das Jüdische". Seit den späten sechziger Jahren hat sich eine umfangreiche Forschungsliteratur mit Leben und Werk auseinandergesetzt. Zu ihr zählen Arbeiten von Eberhard Hilscher, David R. Midgley, Manuel Wiznitzer, Wilhelm von Sternburg und Jost Hermand, dem Verfasser des Artikels in der Neuen Deutschen Biographie.

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