1896 – 1977
Carl Zuckmayer
Kurzporträt↑
Carl Zuckmayer zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Bühnenautoren des 20. Jahrhunderts. Er wurde am 27. Dezember 1896 in Nackenheim in Rheinhessen geboren und starb am 18. Januar 1977 im schweizerischen Visp. Seinen Durchbruch erlebte er 1925 im Berlin der Weimarer Republik mit der Komödie Der fröhliche Weinberg. 1931 folgte mit Der Hauptmann von Köpenick sein größter Bühnenerfolg jener Jahre. Wegen seiner jüdischen Vorfahren und seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus floh er nach 1933 zunächst nach Österreich, 1938 in die Schweiz und 1939 in die USA. Nach dem Krieg gelang ihm mit dem Drama Des Teufels General sein größter Erfolg der Nachkriegszeit. Seine Autobiografie Als wär's ein Stück von mir erschien 1966 und wurde ein millionenfach verkaufter Bestseller.
Biografie↑
Carl Zuckmayer war der zweite Sohn von Amalie Zuckmayer, geborene Goldschmidt, und dem Fabrikanten Carl Zuckmayer. Der Vater stellte in Nackenheim Weinflaschenkapseln her. Die Großeltern mütterlicherseits waren assimilierte Juden. Der Großvater Eduard Goldschmidt war zum Lutheranismus übergetreten und zum evangelischen Kirchenrat aufgestiegen. Zuckmayer selbst wurde nach der katholischen Konfession seines Vaters römisch-katholisch getauft. Ab 1900 wuchs er in Mainz auf und besuchte die Schule mit wenig Begeisterung. 1914 legte er am damaligen Neuen Gymnasium, dem heutigen Rabanus-Maurus-Gymnasium, das Notabitur ab. Anschließend meldete er sich als Kriegsfreiwilliger.
Im Ersten Weltkrieg diente Zuckmayer an der Westfront, zunächst bei der Feldartillerie. Er wechselte mehrfach die Einheit. Als „Drahtflicker" reparierte er unter Beschuss Telefonverbindungen, später arbeitete er als vorgeschobener Beobachter. Im Sommer 1917 wurde er zum Leutnant der Reserve ernannt. In diesem Rang erlebte er das Kriegsende. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Eisernen Kreuz beider Klassen. Schon ab 1917 veröffentlichte er Gedichte in expressionistischen Zeitschriften, darunter in der von Franz Pfemfert herausgegebenen Aktion. Im November 1918 unterzeichnete er einen dort abgedruckten Aufruf zur sozialistischen Weltrevolution.
Nach dem Krieg studierte Zuckmayer bis 1920 unter anderem Jura, Literaturgeschichte und Soziologie in Frankfurt am Main und Heidelberg. Einen Abschluss erlangte er nicht. Im Dezember 1920 wurde sein Drama Kreuzweg am Staatstheater Berlin uraufgeführt, jedoch schon nach drei Aufführungen wieder abgesetzt. Im selben Jahr heiratete er seine Mainzer Jugendliebe Annemarie Ganz. 1921 ließ er sich wieder von ihr scheiden. In den folgenden Jahren schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Er arbeitete als Bänkelsänger, als Statist beim Film und nach eigenem Bekunden kurzzeitig auch als Drogenhändler. 1922 holte ihn der Intendant Curt Elwenspoek als Dramaturg ans Kieler Stadttheater. Eine geplante Aufführung einer aktualisierten Komödie des antiken Dichters Terenz wurde jedoch nach der Generalprobe abgesetzt, und beide wurden fristlos entlassen. Danach arbeitete Zuckmayer als Dramaturg in München und, gemeinsam mit Bertolt Brecht, am Deutschen Theater in Berlin. Dort lernte er die Wiener Schauspielerin Alice Frank kennen. Er heiratete sie 1925 und lebte bis zu seinem Tod mit ihr zusammen. 1926 wurde seine Tochter Maria Winnetou geboren.
Der literarische Durchbruch gelang Zuckmayer im Dezember 1925 mit der Komödie Der fröhliche Weinberg, uraufgeführt im Theater am Schiffbauerdamm. Vor allem die parodistische Darstellung eines Corpsstudenten löste zahlreiche Skandale aus. Trotzdem wurde das Stück eines der meistgespielten Theaterstücke der 1920er Jahre. Im selben Jahr erhielt er den Kleist-Preis. Von den Tantiemen kaufte er sich 1926 das Landhaus „Wiesmühl" in Henndorf am Wallersee bei Salzburg, das zu einem Treffpunkt zahlreicher Künstler wurde. 1927 folgte das Volksstück Schinderhannes am Lessing-Theater, 1928 die Seiltänzerkomödie Katharina Knie. Zugleich arbeitete er am Drehbuch zum Film Der blaue Engel mit. Dieser entstand nach Heinrich Manns Roman Professor Unrat und kam 1930 in die Kinos. Seinen größten Erfolg der Weimarer Jahre erzielte er 1931 mit der Tragikomödie Der Hauptmann von Köpenick. Sie verspottete den Militarismus des Kaiserreichs und trug ihm zugleich den Hass der Nationalsozialisten ein.
Als 1933 die nationalsozialistische Machtübernahme seine Arbeit in Deutschland zunehmend erschwerte, verlegte Zuckmayer seinen Lebensmittelpunkt ganz ins österreichische Henndorf. Seine Werke waren in Deutschland seit 1933 verboten. Nach den Nürnberger Gesetzen drohte ihm die Verfolgung als „Halbjude". Im Dezember 1935 wurde die Auslieferung seines bereits gedruckten Romans Salwàre oder die Magdalena von Bozen verhindert. Nach dem „Anschluss" Österreichs floh er im März 1938 mit dem Zug nach Zürich. Dort wurde im November 1938 sein Schauspiel Bellman uraufgeführt. Das Haus in Henndorf wurde beschlagnahmt und die Familie ausgebürgert. 1939 emigrierte Zuckmayer über Paris in die USA. Zeitweise arbeitete er in Hollywood als Drehbuchautor. Dann kehrte er nach New York zurück und lehrte an der von Erwin Piscator geleiteten Theaterschule. Diese Tätigkeit befriedigte ihn nicht und ernährte ihn nicht. Deshalb pachtete er ab 1941 eine Farm in Vermont, die er einige Jahre bewirtschaftete. 1943 verfasste er im Auftrag des amerikanischen Geheimdienstes Office of Strategic Services rund 150 Charakterporträts über die Haltung von Künstlern und Publizisten zum Nationalsozialismus. Diese wurden erst postum veröffentlicht.
Als amerikanischer Staatsbürger kehrte Zuckmayer 1946 nach Europa zurück. Im selben Jahr wurde sein in den Exiljahren entstandenes Drama Des Teufels General am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt. Es wurde sein größter Erfolg der Nachkriegszeit. Mit weiteren Dramen wie Der Gesang im Feuerofen (1950) und Das kalte Licht (1955) zählte er auch in den 1950er Jahren zu den meistgespielten deutschsprachigen Gegenwartsdramatikern. 1957 erwarb er ein Haus in Saas-Fee im Schweizer Kanton Wallis und ließ sich dort nieder. 1966 erhielt er das Schweizer Bürgerrecht. Im selben Jahr erschien seine Autobiografie Als wär's ein Stück von mir, die zu einem millionenfach verkauften Bestseller wurde. Zuckmayer starb nach kurzer Krankheit am 18. Januar 1977 im Alter von 80 Jahren in Visp. Er wurde auf dem Friedhof in Saas-Fee beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Zuckmayers Theater ist sein Bekenntnis zum Gefühl und zur volkstümlichen Form. Nach dem Erfolg der Komödie Der fröhliche Weinberg wollte er, wie er selbst formulierte, die Menschen nicht nur zum Lachen, sondern auch zum Weinen bringen. Sein Stück Schinderhannes verstand er ausdrücklich als Gegenentwurf zum politischen Theater Erwin Piscators und zur sogenannten neuen Sachlichkeit: „Ich wollte wieder Menschen vom Gefühl her auf dem Theater ansprechen", schrieb er, „gegen das lehrhaft-politische Theater, das in dieser Zeit begann."
Aus dieser Haltung erwuchs eine Reihe von Volksstücken und Komödien. Ihren Stoff fanden sie oft in der Landschaft seiner rheinhessischen Heimat oder in volkstümlichen Figuren. Der fröhliche Weinberg lebt von der parodistischen Zuspitzung, Katharina Knie spielt im Milieu fahrender Seiltänzer. In Der Hauptmann von Köpenick verband er die Komödie mit scharfer Gesellschaftskritik und persiflierte den Militarismus des Kaiserreichs. Den Untertitel „Ein deutsches Märchen" gab er dem Stück selbst. Auch seine Nachkriegsdramen griffen unmittelbar in die Zeitgeschichte ein. Des Teufels General behandelt die Haltung eines Luftwaffengenerals zum NS-Regime. Der Gesang im Feuerofen behandelt Widerstand und Kollaboration in Frankreich, Das kalte Licht einen Fall von Atomspionage.
Neben dem Drama arbeitete Zuckmayer in mehreren weiteren Gattungen. Er veröffentlichte 1926 den Gedichtband Der Baum und 1927 die Erzählungssammlung Ein Bauer aus dem Taunus. Außerdem schrieb er Drehbücher für die deutsche und später für die englische, französische und niederländische Filmindustrie. Sein autobiografisches Werk fand mit Als wär's ein Stück von mir seinen bekanntesten Ausdruck. Mit Beginn der 1960er Jahre sank das Interesse an seinen Stücken rasch. Ihr formaler Traditionalismus entsprach nicht mehr dem Geschmack der Regisseure und Intendanten. Sein Versuch, 1975 mit dem Stück Der Rattenfänger die Bühnen zurückzugewinnen, scheiterte.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten wurde Zuckmayer mit zahlreichen Ehrungen bedacht. Bereits 1925 erhielt er den Kleist-Preis, 1929 den Georg-Büchner-Preis und 1952 den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main. Es folgten unter anderem der Große Österreichische Staatspreis für Literatur (1959), der Orden Pour le mérite für Wissenschaften und Künste (1967), der Ehrenring der Stadt Wien (1971), der Heinrich-Heine-Preis der Stadt Düsseldorf (1972) und der Ring des Landes Salzburg (1975). Mehrere Städte ernannten ihn zum Ehrenbürger, darunter Nackenheim, Mainz und Saas-Fee.
In der Theatergeschichte der Nachkriegszeit nahm Zuckmayer eine herausgehobene Stellung ein. Mit Des Teufels General erzielte er nach 1945 einen außerordentlichen Bühnenerfolg. Allein in der Spielzeit 1948/49 wurde das Stück 2069 Mal gespielt. Zuckmayer selbst stellte später resigniert fest, dass der Erfolg weniger auf der antifaschistischen Tendenz beruhte als auf dem Identifikationsangebot mit einem schneidigen Kriegshelden. Über die Gründe für das nachlassende Interesse an seinen Werken tauschte er sich in den 1970er Jahren brieflich mit Tankred Dorst aus.
Sein Nachwirken sichern bis heute mehrere Einrichtungen. Sein Nachlass befindet sich im Deutschen Literaturarchiv in Marbach am Neckar. Teile davon sind im Literaturmuseum der Moderne dauerhaft zu sehen, darunter das Drehbuch zu Der blaue Engel. Seit 1972 besteht eine Carl-Zuckmayer-Gesellschaft. Seit 1979 verleiht das Land Rheinland-Pfalz alljährlich an seinem Todestag die Carl-Zuckmayer-Medaille, die Verdienste um die deutsche Sprache und das künstlerische Wort ehrt. 1999 wurde ein Asteroid nach ihm benannt.
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