1931
Der Hauptmann von Köpenick
Überblick↑
Das Theaterstück Der Hauptmann von Köpenick von Carl Zuckmayer erschien 1931 und trägt den Untertitel „Ein deutsches Märchen in drei Akten". Es greift eine wahre Begebenheit auf, die sogenannte Köpenickiade: 1906 hatte sich der Schuster Friedrich Wilhelm Voigt als Offizier verkleidet, einen Trupp Soldaten unter seinen Befehl gestellt und mit ihnen die Stadtkasse von Cöpenick bei Berlin geraubt.
Zuckmayer folgt dabei der Deutung, Voigt habe sich gar nicht bereichern, sondern nur einen Pass beschaffen wollen. Das Stück ist eine scharfe Gesellschaftskritik. Es zielt auf die Obrigkeitshörigkeit, den Militarismus und den blinden Respekt vor der Uniform im kaiserlichen Deutschland – Haltungen, die es erst möglich machten, dass im Rathaus ein hergelaufener Betrüger im Offiziersrock widerspruchslos Gehorsam fand.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Wilhelm Voigt, ein gelernter Schuster, der nach langer Haft in ein bürgerliches Leben zurückfinden möchte. Doch er gerät in einen ausweglosen Kreislauf: Ohne Aufenthaltserlaubnis bekommt er keine Arbeit, ohne Arbeitsstelle aber keine Aufenthaltserlaubnis. Auch einen Pass, mit dem er das Land verlassen könnte, verweigern ihm die Beamten. Voigt findet sich zwischen den Schaltern der Behörden zerrieben, während er redlich bleiben will und die Angebote seines alten Bekannten Kalle, sich mit einer Straftat Geld zu verschaffen, zunächst ausschlägt.
Neben Voigts Weg verfolgt das Stück den Weg einer Offiziersuniform. In einem Potsdamer Uniformladen wird sie zunächst dem Garde-Hauptmann von Schlettow angemessen. Von dort wandert das gute Stück durch mehrere Hände und Anlässe der wilhelminischen Gesellschaft. Voigt erkennt allmählich, dass in diesem Staat nicht der Mensch zählt, sondern der Rock, den er trägt. Aus dieser Einsicht reift ein kühner, ungewöhnlicher Plan, mit dem er sich das ersehnte Papier endlich selbst besorgen will.
Die Handlung im Detail↑
Im Jahr 1900 lässt sich der Garde-Hauptmann von Schlettow im Potsdamer Uniformladen des Schneiders Adolf Wormser einen Uniformrock anmessen. In diesem Moment schaut der eben aus der Haft entlassene Wilhelm Voigt herein, um nach Arbeit zu fragen – er wird hinausgeworfen. Auf dem Polizeibüro beantragt Voigt eine Aufenthaltserlaubnis, die der Oberwachtmeister ihm ohne Arbeitsnachweis verweigert. Für Arbeit braucht er die Erlaubnis, für die Erlaubnis die Arbeit. Ein Pass zur Ausreise ist ebenfalls nicht zu bekommen, da der Beamte dafür nicht zuständig ist. Die Nacht verbringt Voigt als Obdachloser in einem Wartesaal.
In einem Berliner Café trifft Voigt seinen früheren Freund Paul Kallenberg, genannt Kalle, der ebenfalls auf der Straße lebt. Kalle will durch eine Straftat zu Geld kommen, doch Voigt lehnt ab, weil er ehrlich bleiben will. Während sie reden, betritt der Hauptmann von Schlettow in Zivil den Schankraum. Als Kalle und ein betrunkener Gardegrenadier wegen einer Prostituierten in Streit geraten, versucht von Schlettow den Grenadier zur Ordnung zu rufen – vergeblich, denn ohne Uniform hört niemand auf ihn. Es kommt zur Schlägerei, Polizei führt beide ab. Wegen des ehrenrührigen Vorfalls muss von Schlettow seinen Abschied einreichen und den neuen Uniformrock zurückgeben. Diese Uniform erwirbt der Köpenicker Stadtverordnete Dr. Obermüller, der frisch zum Reserveleutnant befördert wurde.
Voigt bewirbt sich als Schuster in einer Fabrik, wird aber vom Prokuristen abgewiesen: keine Aufenthaltserlaubnis, Vorstrafe, nie gedient. Nun überredet Voigt doch Kalle, mit ihm ins Potsdamer Polizeirevier einzubrechen; Voigt will ein Passformular stehlen, Kalle lockt das Geld der Kasse. Der Coup misslingt, beide werden gefasst, und Voigt muss für zehn Jahre ins Zuchthaus. Am Tag vor seiner Entlassung feiert der Gefängnisdirektor mit den Häftlingen den Sedantag. Voigt, der sich sein Wissen über das preußische Militärwesen selbst angeeignet hat, beantwortet alle Fragen des Direktors richtig und darf beim Nachspiel der Entscheidungsschlacht die Anweisungen geben. Nach der Entlassung kommt er bei seiner Schwester Marie und deren Mann Friedrich Hoprecht, einem kleinen Beamten und Unteroffizier, in Rixdorf unter. Seine Lage ist unverändert: weder Arbeit noch Papiere.
Unterdessen wandert die Uniform weiter. Dr. Obermüller, inzwischen Oberleutnant der Reserve und Bürgermeister von Köpenick, soll ins Kaisermanöver ziehen, doch die neue Uniform ist noch nicht geliefert. Wütend lässt er sich die alte bringen – beim Zuknöpfen reißt der zu eng gewordene Rock. Gerade rechtzeitig erscheint der Zuschneider Wabschke mit der neuen Uniform; die alte gibt Obermüller ihm mit. Wormsers Tochter Auguste Victoria trägt die ausgebesserte Uniform danach als Kostüm bei einem rauschenden Kaisermanöverball und singt darin ein Fest-Couplet.
Voigt erhält einen Ausweisungsbescheid. Nach einem heftigen Streit mit seinem Schwager über die richtige, gerechte Ordnung sucht er einen jüdischen Trödler auf und kauft dort eine ramponierte Hauptmannsuniform – eben jene, die einst für von Schlettow gefertigt und danach von Obermüller und Wormsers Tochter getragen wurde. Er lässt einen fehlenden Stern ersetzen und ergänzt die Ausrüstung. In einer Bahnhofstoilette zieht er sich um. Auf der Straße unterstellt er sich einige Soldaten, dringt als falscher Hauptmann in das Rathaus von Köpenick ein, verhaftet Bürgermeister und Stadtkämmerer und lässt sie durch den Stadtschutzmann Kilian zur Berliner Wache bringen. Als Voigt nach der Passstelle fragt, folgt die Enttäuschung: Köpenick hat gar keine eigene Passstelle. Mit dem Geld aus der Stadtkasse verschwindet der „Hauptmann".
Einige Tage später geht Voigt zur Polizei und bietet an, den gesuchten falschen Hauptmann herbeizuschaffen – im Tausch gegen einen Pass. Als man ihm diesen zusagt, gibt er sich selbst als der Täter zu erkennen. Zum Beweis verrät er, wo er die Uniform versteckt hat. Man holt sie herbei, und der Kriminaldirektor überredet Voigt, zur allgemeinen Erheiterung noch einmal hineinzuschlüpfen. Voigt betrachtet sich im Spiegel, sieht sich zum ersten Mal in diesem Aufzug – und bricht in schallendes Gelächter aus.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Tragikomödie, die den Untertitel „Ein deutsches Märchen" trägt. Diese Bezeichnung steht in bewusstem Gegensatz zum harten, alltäglichen Milieu, das auf der Bühne erscheint: Amtsstuben, Wartesäle, Trödlerläden und Schneiderwerkstätten des kaiserlichen Deutschland. Aus dem nüchternen Wirklichkeitsstoff wird ein Lehrstück mit fast märchenhaftem Umschlag, in dem der Kleine die Mächtigen mit ihren eigenen Mitteln überlistet.
Die Form ist nicht der geschlossene Aufzug, sondern eine Folge vieler kurzer Bilder, die über die drei Akte verteilt sind. Diese szenische Reihung erlaubt es, ein breites Panorama der Gesellschaft aufzufächern – vom Hauptmann über den Bürgermeister bis zum Häftling und Obdachlosen.
Zusammengehalten werden die einzelnen Szenen durch einen kunstvollen Kniff: Die Offiziersuniform wandert als roter Faden durch das ganze Stück. Sie geht von Hand zu Hand, vom Garde-Hauptmann über den Reserveoffizier bis zum Ballkostüm und schließlich zum Trödler, ehe sie bei Voigt landet. So wird das Kleidungsstück selbst zur heimlichen Hauptfigur und führt die zentrale Aussage vor Augen: dass in dieser Welt der Rock zählt und nicht der Mensch, der in ihm steckt.
Rezeption↑
Schon kurz nach der Uraufführung wurde das Stück zum politischen Streitfall. Joseph Goebbels besprach es am 12. März 1931 in der Zeitschrift Der Angriff und beschimpfte Zuckmayer als „einer von jenen Asphaltschreibern, die fälschlich in dieser Demokratie als Dichter ausgegeben werden". Den Hauptdarsteller Werner Krauß lobte er zwar, wies aber Zuckmayers Angriffe auf das preußische Regime, den Kadavergehorsam und den Militarismus entschieden zurück – ihm war das Preußentum noch immer lieber als die von ihm gehasste Weimarer Republik. Von der anderen Seite kam ebenfalls Kritik: Dem Rezensenten Willy Haas ging der politische Gehalt nicht weit genug; in der Zeitschrift Die literarische Welt bemängelte er, das Stück kratze nur an der Oberfläche des Falls Voigt.
Weit höher urteilte Thomas Mann. In einem Brief an Zuckmayer nannte er das Werk nach einem Theaterbesuch „die beste Komödie der Weltliteratur seit Gogols Revisor". Auch international fand der Stoff Beachtung. Eine englische Bearbeitung entstand 1971 unter dem Titel The Captain of Koepenick; der Dramatiker John Mortimer besorgte die Übersetzung, und in London stand der bekannte Shakespeare-Interpret Paul Scofield in der Titelrolle.
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