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Werkseintrag · Der Großtyrann und das Gericht
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Der Großtyrann und das Gericht
1935
– Werkseintrag –

Der Großtyrann und das Gericht

1935 · Roman

In einem erfundenen Renaissance-Stadtstaat lässt ein allmächtiger Herrscher einen Mord aufklären – und macht daraus eine Prüfung, die zeigt, wie leicht Angst und Vorteil die Menschen verführen.

Überblick

Der Roman Der Großtyrann und das Gericht von Werner Bergengruen erschien 1935 und zählt zu den bekanntesten Büchern des Autors. Er erreichte eine Auflage von weit über einer Million Exemplaren und wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt, dramatisiert und verfilmt. Die Handlung spielt zur Zeit der Renaissance im erfundenen oberitalienischen Stadtstaat Cassano. Im Mittelpunkt steht ein selbstherrlicher Herrscher, der seine Bürger mit Hilfe eines Sicherheitsdienstes beherrscht und sich als „Herrlichkeit“ verehren lässt. Sowohl in der Zeit des Nationalsozialismus als auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Werk sehr unterschiedlich gedeutet – als versteckte Kritik an der Diktatur ebenso wie als bloßes Zeugnis der inneren Emigration.

Inhalt (ohne Spoiler)

Zur Zeit der Renaissance regiert im oberitalienischen Stadtstaat Cassano ein einzelner Mann mit absoluter Macht. Er ist aus einfachen Verhältnissen aufgestiegen, hat die alten Patrizierfamilien entmachtet und lässt sich vom Volk als „Herrlichkeit“ verehren. Sein Sicherheitsdienst überwacht die Bewohner der gleichsam „gläsernen“ Stadt bis in die privaten Winkel hinein.

Ausgelöst wird die Handlung durch einen Mord: Der Mönch Fra Agostino, gerade von einer diplomatischen Mission zurück, wird im Garten des Kastells erdolcht aufgefunden. Der Großtyrann beauftragt seinen Polizeichef Massimo Nespoli mit der Aufklärung und gibt ihm dafür nur drei Tage Zeit. Nespoli ist für seine schnellen Erfolge berühmt, doch diesmal führt keine Spur zum Ziel. Unter wachsendem Druck und immer neuen Ultimaten gerät er in eine gefährliche Lage.

Der Roman ist in fünf Bücher gegliedert, benannt jeweils nach einer Hauptfigur: Nespoli, Vittoria, Diomede, Der Färber sowie Der Großtyrann und das Gericht. Wie in einem Kriminalroman verdichtet sich das Geschehen zu einer Kette von Gerüchten, Verdächtigungen und Falschaussagen, in die immer mehr Bürger hineingezogen werden. Die eigentliche Vorgeschichte der Tat wird dabei lange zurückgehalten. Bergengruen entfaltet so weniger einen bloßen Kriminalfall als eine Prüfung: Wie standhaft bleiben Menschen, wenn Angst und eigener Vorteil sie in Versuchung führen?

Die Handlung im Detail

Zur Zeit der Renaissance herrscht im erfundenen Stadtstaat Cassano der Großtyrann, ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der nach einer Militärlaufbahn vor rund anderthalb Jahrzehnten die Macht ergriffen hat, offenbar durch einen Putsch. Die bis dahin herrschenden Patrizier hat er entmachtet, sich aber mit ihnen arrangiert. Er ist unverheiratet, kinderlos und liebt die vollkommene Einsamkeit. Seine Untertanen betrachtet er ohne Gefühl, mit kühler Distanz wie ein Ameisenvolk. Sein Sicherheitsdienst sammelt alle Informationen, doch verlässt sich der Herrscher nicht allein darauf: Bei heimlichen Gängen kontrolliert er Ämter, Akten und Bauarbeiten selbst. Das einfache Volk liebt ihn, weil er den Herrenstand bedrückt.

Der Roman beginnt mit einem Mordfall. Der Mönch Fra Agostino wird nach einem Gespräch mit dem Großtyrannen über seine diplomatische Mission in Venedig im Garten des Kastells erdolcht gefunden. Der Herrscher beauftragt seinen Polizeichef Massimo Nespoli mit den Ermittlungen und setzt ihm eine Frist von drei Tagen. Nespoli, seit über einem Jahrzehnt im Dienst und für die rasche Aufklärung von Anschlägen berühmt, ahnt richtig, dass das Motiv mit der diplomatischen Mission zusammenhängt und ins Zentrum der Regierung führt. Doch ohne Beweise ist es ihm zu gefährlich, diesen Verdacht auszusprechen. Seine fünf Polizisten befragen Personal, Wachen und Bürger – erfolglos.

Der Tyrann misstraut dem Ehrgeiz seines Polizeichefs. Er weiß offenbar von dessen Liebesaffäre mit Vittoria, der jungen Frau des Patriziers Confini, und mahnt ihn, auch die Jagdleidenschaft dürfe kein persönliches Motiv haben. Verdeckt droht er, ihm den Kopf vom Körper zu trennen. Als Nespoli um eine Reise nach Venedig bittet, um dort nachzuforschen, lehnt der Herrscher spöttisch ab und verweist auf die Fluchtgefahr. Er verlängert die Frist immer wieder, jedes Mal neu zu erbitten, und droht versteckt mit einem jungen Nachfolger.

Unter diesem Druck präsentiert Nespoli schließlich eine Notlösung, von der er selbst nicht überzeugt ist: die schwachsinnige Wäscherin Bice, die sich im Fluss ertränkt hat. Er berechnet aus ihrer Schwangerschaft den Zeitpunkt der Empfängnis, der in Agostinos Aufenthalt fällt, und besticht die Tante zur Bestätigung, der Vater des Kindes sei ein Geistlicher gewesen. Daraus konstruiert er einen Rachemord einer Unzurechnungsfähigen. Der Tyrann aber unterbricht den Vortrag mit ironischen Bemerkungen und widerlegt die These mit einem angeblichen Alibi: Ein Kurier sei dem Mädchen zur Tatzeit weit vom Kastell entfernt begegnet. Er wirft Nespoli eine „Doppelheit der Gedanken“ vor – die klare Erkenntnis einerseits und die Überlebensstrategie andererseits – und warnt ihn vor dem Selbstbetrug. Zugleich gibt er ihm den Rat: „Ob du das Richtige tust oder nicht – handle.“

Nach der Rückkehr des Herrschers von einem Jagdurlaub kommt es zur Konfrontation. Auf den Vorwurf des Täuschungsversuchs reagiert Nespoli zornig, der Tyrann könne seinen Kopf haben. Der Herrscher bleibt ruhig und fragt, warum Nespoli ihn hasse; er trage einem Uhrwerk nichts nach, sondern lasse höchstens den Uhrmacher es wieder richten. Schließlich wird Nespoli der Fall entzogen.

In einem Gespräch mit dem Jurastudenten Diomede Confini legt der Tyrann sein Herrschaftssystem dar. Am Beispiel eines lange geplanten, aber durch Streit zwischen Adelsfamilien und Zünften nie verwirklichten Brückenbaus verteidigt er die Zentralgewalt gegen die Parteienherrschaft. Er unterscheidet einen offenen und einen verborgenen Volkswillen: Das Pferd wolle grasen und in Freiheit springen, aber nach seinem verborgenen Willen auch „in Zucht genommen und in Herrlichkeit geritten werden“. Für ihn gibt es nichts „Herrlicheres und Manneswürdigeres auf dieser Erde als die Macht“. Da er keine Söhne hat, will er die Herrschaft seinem Neffen vererben. Diomede schaudert, als er hinter der Klugheit des Mannes ein Stück „fast wahnwitzig erscheinender Selbstüberhebung“ erkennt: Der Tyrann fühle „ein Stück von Gott selbst“ in sich.

Da der Polizeichef ihren Geliebten Nespoli in Gefahr sieht, will Vittoria ihn retten und lenkt den Verdacht auf ihren gerade verstorbenen Mann Confini. Damit löst sie in der Familie eine Kette von Falschaussagen aus: Ihr Stiefsohn Diomede und ihre Schwägerin Mafalda wollen die Ehre des Vaters und Bruders wiederherstellen. In der Stadt verbreiten sich unterschiedliche Gerüchte, es kommt zu Verleumdungen und angebotenen Alibis. Die Lage eskaliert.

Als der Regent die Manipulierbarkeit seiner Untertanen erkennt, stellt er die Beteiligten vor sein Gericht und klagt sie an. Erst in dieser Verhandlung im letzten Buch wird die Vorgeschichte enthüllt. Der Großtyrann gesteht, seinen Gesandten Agostino wegen des Verrats „heimlicher Staatsdinge“ selbst erstochen zu haben. Daraus sei sein Plan entstanden, als „Abbild des Herzensforschers und Weltenrichters“ die Gesinnung seiner Untertanen zu prüfen – zuerst die seines Polizeichefs, dann die Moral der Bürger. Mit diesem Experiment entlarvt er die Verführbarkeit und Korruption seiner Untertanen. Doch nach seiner Enthüllung stößt er auf Widerspruch: Er wird selbst der Verführung beschuldigt und seiner gottähnlichen Selbstüberhebung überführt. Der Herrscher gelobt Besserung, stellt die von ihm gestörte Ordnung wieder her und zeigt sich als fehlbar und belehrbar.

Stil

Das Werk ist als historisch-politischer Kriminalroman angelegt, und diese Bauform prägt seine ganze Wirkung. Wie in einem Kriminalstück wird der Hintergrund der Tat lange zurückgehalten und erst in der Gerichtsverhandlung des letzten Buches aufgedeckt. Bergengruen konzentriert das Geschehen auf eine einzige Begebenheit und führt die Handlung straff und zugespitzt. Der Wechsel der Schauplätze wirkt übersichtlich und beinahe bühnenhaft, so dass eine durchdachte, überaus spannungsgeladene Komposition entsteht.

Gegliedert ist der Roman in fünf Bücher, die jeweils nach einer Hauptfigur benannt sind: Nespoli, Vittoria, Diomede, Der Färber sowie Der Großtyrann und das Gericht. Innerhalb der einzelnen Bücher folgt die Erzählung durchnummerierten Kapiteln. Die Sprache greift wiederkehrend zu einprägsamen Bildern und Sinnsprüchen – etwa dem Pferd, das grasen will und doch „in Herrlichkeit geritten“ werden möchte. In der Kritik wurde dem Stil zugleich eine „gewisse epigonale Starre und gesuchte Originalität“ vorgehalten. Wegen seiner packenden Thematik und des straffen Handlungsverlaufs zählte das Buch dennoch über Jahrzehnte zu den meistgelesenen Werken des Autors.

Rezeption

Wenige Werke Bergengruens haben eine so wechselvolle Deutungsgeschichte erlebt. Der Roman wurde ein großer Publikumserfolg: mit einer Auflage von weit über einer Million Exemplaren, Übersetzungen in fünfzehn Sprachen, einer Dramatisierung und einer Verfilmung galt er als eines der erfolgreichsten Bücher des Schriftstellers. Begonnen hatte Bergengruen die Arbeit bereits 1926, als man ihn dem Umfeld der sogenannten „Konservativen Revolution“ zurechnete. Nach der Veröffentlichung 1935, zwei Jahre nach dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft, wurde er höchst unterschiedlich gelesen – als „Renaissance-Führer-Roman“, als in die Vergangenheit verlegte Hitlerkritik, als Schlüsselroman gegen die Diktatur oder als Werk der inneren Emigration.

Der „Völkische Beobachter“ lobte das Buch zunächst als „großen Führerroman“. Für Riegel und van Rinsum ist dies eine Fehleinschätzung und zeigt, „wie eine verdeckte Schreibweise ihre Adressaten“ verfehlt; sie sehen darin eines der wenigen Beispiele oppositioneller Literatur im „Dritten Reich“. Schon im Erscheinungsjahr, ein Jahr nach dem sogenannten „Röhmputsch“, wurde in der Figur des Großtyrannen ein Bild Hitlers vermutet. Die Forschung verweist auf mögliche Anspielungen: die Bauleidenschaft des als „Herrlichkeit“ angesprochenen Diktators, seine als „Orden“ bezeichnete Sicherheitsbehörde und das Klima von Angst und Denunziation. Der Herrscher nennt sich selbst ein „Werkzeug der Vorsehung“ und sammelt eine „Bruderschaft“ junger Idealisten um sich, die die alten Patriziergeschlechter ablösen sollen: „Mir liegt an Männern, nicht an ihren Vätern“.

Ein Beleg für die kritische Lesart ist Bergengruens Ausschluss aus der Reichsschrifttumskammer 1937, unter anderem mit Hinweis auf diesen Roman, mit der Begründung, er sei „nicht geeignet, durch schriftstellerische Veröffentlichungen am Aufbau der deutschen Kultur mitzuarbeiten“. Ein Gutachten hielt fest, dass weder er noch seine Familie den Gruß „Heil Hitler“ verwende und dass er konfessionell stark gebunden sei. Dennoch erhielt er eine „Dauersondergenehmigung“ zum Publizieren.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wird die Einordnung öffentlich diskutiert. Bänziger kann keine eindeutige Hitlerkritik erkennen, da der Herrscher auch Großmut, Stolz, Ritterlichkeit und Redlichkeit zeige und die Welt in und um Cassano „gut und heil, nicht krank“ sei. Andere stellen den Begriff der inneren Emigration in Frage und werten die Haltung als Ausdruck „faschistoiden Mitläufertums“. Für viele Interpreten ist das Buch kein Widerstandswerk, da der Tyrann am Ende die gestörte Ordnung selbst wiederherstellt und nur „als Mensch in seiner Unvollkommenheit“ schuldig wird. Im Vorwort erklärt der Autor, die göttliche Ordnung könne auf Erden nie verwirklicht werden und menschliches Handeln bleibe stets unzulänglich. Die Befürworter einer religiös oder humanistisch-ethisch begründeten Deutung verweisen dagegen auf die Manipulation des Tyrannen und die Mechanismen der Versuchung, durch die sich die Opfer immer tiefer in Schuld verstricken. Nach von Wiese hat die Frage nach dem Verhältnis von Macht und Gerechtigkeit, von Verführbarkeit, Schuld und Gewissen „nichts von ihrer Aktualität verloren“.

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