1892 – 1964
Werner Bergengruen
Kurzporträt↑
Werner Bergengruen war ein deutsch-baltischer Schriftsteller, der 1892 in Riga geboren wurde und 1964 in Baden-Baden starb. Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte er zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren und wurde fünfmal für den Literaturnobelpreis nominiert. Bekannt wurde er vor allem mit dem Roman Der Großtyrann und das Gericht, der eine Auflage von über einer Million erreichte und von manchen als versteckte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus gelesen wurde. Bergengruen stand dem NS-Regime ablehnend gegenüber und arbeitete während der Diktatur zeitweise „für die Schublade“. Sein Werk kreist um die Konfrontation des Menschen mit seinem Schicksal und um die Suche nach einer metaphysisch „heilen Welt“.
Biografie↑
Als zweiter Sohn des deutsch-baltischen Arztes Paul Emil Bergengruen und seiner Frau Helene von Boetticher kam Werner Bergengruen 1892 in Riga zur Welt, das damals zum Russischen Reich gehörte und heute in Lettland liegt. Die Familie zählte zur deutsch-baltischen Oberschicht schwedischer Abstammung. Wegen der Russifizierungspolitik des Zarenreiches schickte ihn der Vater 1903 zur Schule nach Deutschland. Seiner baltischen Heimat blieb er dennoch zeitlebens verbunden.
Von 1903 bis 1908 besuchte Bergengruen das Katharineum zu Lübeck, danach das Gymnasium Philippinum in Marburg. Nach dem Abitur studierte er in Marburg Evangelische Theologie und wandte sich dann Germanistik und Kunstgeschichte zu; die Deutsche Biographie nennt zusätzlich Rechtswissenschaften und Literaturwissenschaft. Später setzte er das Studium in München fort, ohne einen regulären Abschluss zu machen. Im Ersten Weltkrieg war er von 1914 bis 1918 als Freiwilliger und Leutnant im Baltikum im Einsatz, zuletzt als Presseattaché an der deutschen Botschaft in Kiew. Unter dem Eindruck der Ermordung von Familienangehörigen durch bolschewistische Truppen trat er 1919 der Baltischen Landeswehr bei, die gegen die Rote Armee kämpfte.
Im Oktober 1919 heiratete er in Marburg Charlotte Hensel, eine Tochter des Mathematikers Kurt Hensel. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Seit 1920 arbeitete Bergengruen als Journalist und Schriftleiter verschiedener Ost-Pressedienste, unter anderem in Tilsit und Memel. 1922 ging er nach Berlin. Sein erster Roman Das Gesetz des Atum erschien zunächst als Vorabdruck in der Frankfurter Zeitung und 1923 als Buch; später stand er diesem Werk ablehnend gegenüber. 1925 wurde er Chefredakteur der Baltischen Blätter. Ab 1926 lebte er als freier Schriftsteller und finanzierte sich zunächst vor allem durch Übersetzungen aus dem Russischen. In Berlin gehörte er zum Kreis um den Verleger Victor Otto Stomps und dessen Verlag Die Rabenpresse.
In diesen Berliner Jahren erschienen viele seiner Hauptwerke, darunter die Romane Das große Alkahest und Herzog Karl der Kühne sowie 1935 Der Großtyrann und das Gericht. Bergengruen gilt als einer der jüngeren Autoren aus dem Umfeld der sogenannten „Konservativen Revolution“ und veröffentlichte auch in rechten Verlagen. Dem Nationalsozialismus stand er jedoch ablehnend gegenüber. Er war national-konservativ, zugleich zunehmend christlich-humanistisch orientiert. Auch aus familiären Gründen war er distanziert: Seine Frau galt nach den Nürnberger Gesetzen wegen jüdischer Vorfahren als „Mischling“. 1936 konvertierte das Ehepaar zum katholischen Glauben.
Der Großtyrann wurde von Kritikern des Regimes als versteckte Abrechnung mit dem Nationalsozialismus verstanden; der Völkische Beobachter feierte ihn zunächst als „großen Führerroman“. Ob die regimekritische Lesart zutrifft, ist in der Deutung umstritten, da der Roman bereits ab 1926 entstand. 1937 wurde Bergengruen aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, mit der Begründung, er sei nicht geeignet, am Aufbau der deutschen Kultur mitzuarbeiten. Es folgten ein Publikationsverbot sowie ein Rundfunk- und Vortragsverbot, die nur fallweise durch Sondergenehmigungen gelockert wurden. Der Gedichtband Der ewige Kaiser und der Roman Am Himmel wie auf Erden wurden verboten; Gedichte aus dem Ewigen Kaiser kursierten in Abschriften. Laut der Deutschen Biographie vervielfältigten Bergengruen und seine Frau Flugblätter der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und verteilten sie in Münchner Briefkästen. Trotz aller Schwierigkeiten konnten viele seiner Werke erscheinen, so das oft aufgelegte Kinderbuch Zwieselchen.
Nach der Zerstörung seines Münchner Hauses 1942 übersiedelte Bergengruen nach Achenkirch in Tirol. 1945 urteilte er streng über die Zeit des Nationalsozialismus: „Niemand darf sagen, er habe von den Greueln nichts gewußt.“ 1946 zog er in die Schweiz nach Zürich, lebte danach einige Zeit in Rom und schließlich von 1958 bis zu seinem Tod in Baden-Baden. 1947 erhielt er zusätzlich die österreichische Staatsbürgerschaft. 1952 entstand mit Der letzte Rittmeister sein wohl bekanntestes Werk der Nachkriegszeit, in dem er seine Skepsis gegenüber der Nachkriegsentwicklung äußerte. Im Essay Schreibtischerinnerungen von 1961 begegnete er dem Vorwurf, er wolle die NS-Vergangenheit verdrängen. An seinen umfangreichen Aufzeichnungen, dem „Compendium Bergengruenianum“, arbeitete er bis kurz vor seinem Tod.
Literarische Merkmale↑
Bergengruens frühe Werke lassen einen Hang zu Magie und Okkultismus erkennen und lehnen sich an sein Vorbild E. T. A. Hoffmann an. Von Beginn an schlägt er ein Grundthema an, das seine gesamte Arbeit bestimmt: die Konfrontation des Menschen mit seinem Schicksal und die Suche nach einer metaphysisch „heilen Welt“. In Romanen wie Der Großtyrann und das Gericht und in Novellen wie Die drei Falken näherte er sich zudem der Parabelhaftigkeit eines weiteren Vorbilds an, Franz Kafka.
Neben Romanen und Novellen schrieb Bergengruen Gedichte und, auf der Grundlage zahlreicher Reisen vor allem nach Italien, feuilletonistisch geprägte Reisebücher, die zu Publikumserfolgen wurden. Literarhistorisch wird er einer Dichtung zugeordnet, die ihren Boden im Christlich-Antiken, Katholisch-Heidnischen, eben Abendländischen fand. Der einseitigen Rubrizierung als „katholischer Dichter“ widersprach er allerdings vehement. Sein Titel Die heile Welt von 1950 wurde vielfach metaphorisch und metaphysisch missverstanden, was ihm später das Etikett des Idyllikers eintrug.
Rezeption↑
Werner Bergengruen war einer der meistgelesenen deutschsprachigen Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg. Fünfmal wurde er für den Literaturnobelpreis nominiert, in den Jahren 1952, 1953, 1959, 1960 und 1963. Der Roman Der Großtyrann und das Gericht erreichte eine Auflage von über einer Million Exemplaren, wurde verfilmt, dramatisiert und in fünfzehn Sprachen übersetzt. Seine nach 1945 veröffentlichten Gedichte und Novellen fanden große Beachtung und wurden vielfach neu aufgelegt. Der US-Ankläger Gideon Hausner beschloss sein Schlussplädoyer im Eichmann-Prozess 1961 mit dem Gedicht „Die letzte Epiphanie“ aus Bergengruens Zyklus Dies irae.
Nach Theodor W. Adornos Wort gegen eine Lyrik nach Auschwitz kritisierte dieser 1951 Bergengruens Werk, und der Titel Die heile Welt führte zur Etikettierung als „Heile Welt“-Idylliker. Im Zuge der Kulturrevolution der 68er-Generation verschwand Bergengruens Name aus den Schulbüchern und Literaturgeschichten, und er geriet vorübergehend in Vergessenheit. Sein Nachlass, darunter das Manuskript des „Compendiums Bergengruenianum“, liegt im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.
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