1886 – 1956
Gottfried Benn
Kurzbiografie↑
Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 geboren und starb am 7. Juli 1956 in Berlin. Er war einer der bedeutendsten deutschen Lyriker der klassischen Moderne. Als Sohn eines evangelischen Pfarrers wuchs er in der Prignitz auf. Er studierte Medizin und arbeitete sein Leben lang als Arzt, vor allem als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Berlin. 1912 erschien sein erster Gedichtband Morgue und andere Gedichte. Dessen drastische Bilder aus Sektionssaal und Krankenhaus lösten einen Skandal aus und machten ihn schlagartig bekannt. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte er eine eigenständige Lyrik. Sie verband antike Formstrenge mit den Mitteln der modernen Montage. Sein politisches Bekenntnis zum NS-Staat im Jahr 1933 hat sein Nachleben dauerhaft belastet. Gleichwohl gilt er bis heute als prägender Dichter und Vorbild späterer Generationen.
Biografie↑
Gottfried Benn wurde am 2. Mai 1886 geboren. Er war das zweitälteste von acht Kindern des evangelischen Pastors Gustav Benn und seiner aus dem schweizerischen Jura stammenden Frau Caroline. Sein Geburtsort wird unterschiedlich angegeben: Wikidata nennt Putlitz, die Deutsche Nationalbibliothek dagegen Mansfeld. Nach der biografischen Darstellung handelt es sich um das Dorf Mansfeld bei Putlitz im Kreis Westprignitz. Schon als Säugling zog er mit der Familie nach Sellin bei Bärwalde in die Neumark. Die wirtschaftliche Lage des Landpfarrhauses war knapp und musste durch eine kleine Landwirtschaft aufgebessert werden. Benn wuchs zwischen Landarbeiterkindern und Söhnen des ostelbischen Adels auf. Das trug nach Einschätzung seines ersten Biografen Thilo Koch zu einem lebenslangen Gefühl von Entwurzelung und einem nachweisbaren Minderwertigkeitskomplex bei.
Den Vater erlebte Benn als patriarchalisch und streng religiös, das Verhältnis zu ihm war zeitweise gespannt. Zur früh verstorbenen Mutter hatte er ein innigeres Verhältnis. Ihr Tod 1912 traf ihn tief. Der Vater hatte dem schon approbierten Sohn aus religiösen Gründen sogar die Behandlung der krebskranken Mutter mit schmerzlindernden Morphinen untersagt. Dies führte zu einem schweren Zerwürfnis und einem mehrjährigen Kontaktabbruch. Das Vater-Sohn-Thema verarbeitete Benn unter anderem in dem zwischen 1912 und 1917 entstandenen, 1922 veröffentlichten Gedicht Pastorensohn sowie im Gedichtzyklus Söhne von 1913.
Von 1897 bis 1903 besuchte Benn das Friedrichsgymnasium in Frankfurt an der Oder. Seine Noten waren mittelmäßig, in Latein und Altgriechisch jedoch gut. Diese Prägung wurde später in der engen Beziehung seiner Dichtung zur griechischen Antike sichtbar. Nach dem Abitur nahm er auf Wunsch des Vaters zunächst ein Theologie- und Philosophiestudium in Marburg auf, ab dem Wintersemester 1904/05 ein Philologiestudium an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. 1905 wurde er wegen „Unfleißes“ aus der Matrikel gestrichen. Nun durfte er Medizin studieren, aus Kostengründen an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für das militärärztliche Bildungswesen. Diese verpflichtete ihn im Gegenzug zu einer mehrjährigen Dienstzeit. Die strenge Ausbildung prägte ihn lebenslang. 1911 legte er das Staatsexamen ab. 1912 promovierte er mit einer Arbeit über die Häufigkeit von Diabetes mellitus im Heer.
Schon während des Studiums trat Benn in Verbindung mit Autoren des Expressionismus wie Carl Einstein, Alfred Lichtenstein, Franz Pfemfert, Herwarth Walden und Paul Zech. Im März 1912 erschien sein erster Gedichtband Morgue und andere Gedichte. Die Veröffentlichung wurde zum Skandal und begründete seinen frühen Ruhm. Im selben Jahr begegnete er Else Lasker-Schüler, mit der ihn eine Liebesbeziehung verband. Ab Oktober 1912 arbeitete er als Assistenzarzt an der Pathologie der Westend-Klinik in Berlin-Charlottenburg. Bei nachweislich 197 Obduktionen entwickelte er dort seinen präzisen Beschreibungsstil. 1914 reiste er als Schiffsarzt in die USA. Danach vertrat er kurzzeitig den Chefarzt einer Lungenheilstätte im Fichtelgebirge und heiratete Edith Brosin. Im September 1915 wurde die Tochter Nele geboren.
Im Ersten Weltkrieg wurde Benn zunächst an der Westfront in Feldlazaretten eingesetzt. Er war an der Belagerung Antwerpens beteiligt und erhielt als einer der ersten Sanitätsoffiziere das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. Im besetzten Belgien arbeitete er als Arzt in einem Krankenhaus für Prostituierte. Dort schrieb er die meisten der unter dem Titel Gehirne erschienenen Rönne-Novellen. Als offizieller Arzt der deutschen Armee stellte er den Tod der hingerichteten britischen Krankenschwester Edith Cavell fest. Im Spätsommer 1917 wurde er demobilisiert. Im November 1917 eröffnete er in Berlin in der Belle-Alliance-Straße eine eigene Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten.
In der Weimarer Republik erlangte Benn die erhoffte Anerkennung als bedeutender Dichter. 1927 erschien der Band Gesammelte Gedichte. 1932 wurde er in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie aufgenommen. 1933 hielt er die Rede Der neue Staat und die Intellektuellen und forderte darin die Mitarbeit der Dichter im nationalsozialistischen Staat ein. Diese Erwartung zerschlug sich rasch. Als ehemaliger Expressionist wurde er von Seiten der NS-Literatur schwer angefeindet und stand fortan außerhalb der dominanten Literatur des Regimes, obwohl seine Werke weiter gedruckt wurden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Benn von zurückgekehrten Schriftstellerkollegen wegen seiner Rede von 1933 und seiner Mitwirkung an der Ausschaltung der Akademie scharf kritisiert. 1947 erschien im Schweizer Verlag Arche der Band Statische Gedichte. 1949 folgten die autobiografische Schrift Der Ptolemäer und der poetologische Essay Ausdruckswelt. 1951 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. 1953 erhielt er zu seinem 67. Geburtstag das Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik durch Bundespräsident Theodor Heuss. Junge Autoren wie Dieter Wellershoff, der später seine Gesammelten Werke herausgab, traten mit ihm in Kontakt. 1952 lernte er die Journalistin Gerda Pfau kennen. 1954 begann er eine Beziehung mit der fünfunddreißig Jahre jüngeren Schriftstellerin Ursula Ziebarth, die bis zu seinem Tod andauerte. Seit Anfang 1956 litt Benn unter heftigen Schmerzen. Schließlich wurden Knochenmetastasen festgestellt, ein Primärtumor jedoch nicht gefunden. Er starb am 7. Juli 1956 in Berlin und wurde auf dem Waldfriedhof Dahlem beigesetzt. Sein Grab ist als Berliner Ehrengrab gewidmet.
Literarische Merkmale↑
Benn verband in seiner Dichtung zwei Pole, die sich auf den ersten Blick widersprechen. Auf der einen Seite stehen die drastischen, oft schockierenden Bilder aus dem Sektionssaal und dem Krankenhaus. Sie versammelte er bereits 1912 in Morgue und andere Gedichte in einer saloppen, bewusst unfeierlichen Sprache, und mit ihnen prägte er die expressionistische Lyrik mit. Auf der anderen Seite suchte er nach dem Ersten Weltkrieg eine antike Formstrenge. Er orientierte sich an klassischen Topoi wie Vollendung und Maß, jedoch im fragmentarischen Bewusstsein der Moderne und ausgedrückt mit den Mitteln der Montage. Seinen präzisen Beschreibungsstil verdankte er nach Ausweis der Sektionsprotokolle auch der ärztlichen Arbeit. Die fast 200 Obduktionen, die er in der Berliner Pathologie durchführte, schärften seinen Blick fürs Konkrete. In den späten Jahren führten die Statischen Gedichte und die Apreludes zu einer antikisierenden, klassizistischen Spruchdichtung.
Rezeption↑
Die Aufnahme Benns verlief stürmisch und widersprüchlich. Schon der erste Gedichtband Morgue von 1912 löste einen Skandal aus und machte ihn schlagartig bekannt. In der Weimarer Republik wurde er als hervorragender Dichter seiner Zeit anerkannt und 1932 in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie aufgenommen. Sein öffentliches Bekenntnis zum NS-Staat 1933 belastete sein Ansehen schwer. Nach dem Krieg griffen ihn zurückgekehrte Schriftstellerkollegen wegen der Rede Der neue Staat und die Intellektuellen und seiner Mitwirkung an der Ausschaltung der Akademie vehement an. Dennoch fand er in der jungen Bundesrepublik bald wieder einen prominenten Platz. 1951 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. 1953 verlieh ihm Bundespräsident Theodor Heuss das Bundesverdienstkreuz. Diese Auszeichnung stieß ihrerseits auf Kritik, etwa beim Schutzverband Deutscher Autoren Nordwest. Benn selbst sprach in dieser Zeit von einem „Amoklauf“ gegen ihn.
Zugleich suchten zahlreiche junge Dichter der Nachkriegszeit ihn als Mentor zu gewinnen. Das ließ er nur in wenigen Fällen zu. Zu den dokumentierten Briefwechseln zählt der mit dem jungen Gert Micha Simon zwischen 1949 und 1956. Dieter Wellershoff, der in jener Zeit über ihn promovierte, wurde später Herausgeber seiner Gesammelten Werke. Auch durch Redebeiträge und Debatten im Rundfunk wurde Benn einem breiteren Publikum bekannt. Seine Montagelyrik sichert ihm den Rang eines bedeutenden deutschen Lyrikers der klassischen Moderne. Bereits zu Lebzeiten wurde er zum Vorbild späterer Dichtergenerationen.
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