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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Walter Benjamin
Walter Benjamin
1892 – 1940
– Autorenporträt –

Walter Benjamin

1892 – 1940 · 48 Jahre

Walter Benjamin gehörte zu den einflussreichsten deutschen Denkern des 20. Jahrhunderts, obwohl ihm als freiem Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer die akademische Laufbahn verschlossen blieb.

Kurzbiografie↑

Walter Benjamin gehört zu den einflussreichsten deutschen Denkern des 20. Jahrhunderts, obwohl er zu Lebzeiten nie eine feste Stelle fand. Geboren 1892 in Berlin, wuchs er in einer wohlhabenden, vollständig assimilierten jüdischen Familie auf. Nach der gescheiterten Habilitation blieb ihm die Universitätslaufbahn verschlossen; er lebte als freier Schriftsteller, Kritiker und Übersetzer. 1933 ging er ins Pariser Exil, wo er die Arbeit an seinem unvollendeten Passagen-Werk fortsetzte. Auf der Flucht vor den deutschen Truppen nahm er sich 1940 in der spanischen Grenzstadt das Leben. Er übersetzte Werke von Balzac, Baudelaire und Proust. Seit den 1960er Jahren werden seine Schriften breit und international gelesen; ihre Wirkung reicht weit über die Universität hinaus in Literatur, Kunst, Medientheorie und Publizistik.


Biografie↑

Am 15. Juli 1892 kam Walter Bendix Schoenflies Benjamin in Berlin zur Welt, im Bezirk Tiergarten am Magdeburger Platz. Sein Vater Emil Benjamin (1856–1926) war Antiquitäten- und Kunsthändler, seine Mutter Pauline (1869–1930) stammte aus der Familie Schoenflies. Die Familie gehörte dem Berliner Großbürgertum an und hatte sich vollständig assimiliert. Walter war der älteste von drei Geschwistern; seine Schwester Dora (1901–1946) und sein Bruder Georg (1895–1942) folgten. Verwandtschaftlich war er mit der Dichterin Gertrud Kolmar verbunden.

Nach mehrjährigem Privatunterricht besuchte er von 1903 bis 1912 den gymnasialen Zweig der Kaiser-Friedrich-Schule im damals noch selbständigen Charlottenburg. Dazwischen lag ein Aufenthalt im reformpädagogischen Landerziehungsheim Haubinda in Thüringen. Dort lernte er den Schulreformer Gustav Wyneken kennen, der ihn tief beeindruckte. Wynekens These, eine neue Jugend müsse einem kulturellen Umbruch den Weg bereiten, wurde zum Hauptthema von Benjamins frühen Veröffentlichungen. Er arbeitete an der Jugendzeitschrift Der Anfang mit, die in Bayern an allen Schulen verboten wurde. 1912 legte er das Abitur ab.

Sein Studium der Philosophie und Philologie verlief unstet, auch kriegsbedingt. Er studierte in Freiburg im Breisgau, Berlin, München und ab 1917 in Bern. In Freiburg hörte er Philosophie beim Neukantianer Heinrich Rickert und schloss Freundschaft mit den expressionistischen Dichtern Philipp Keller und Christoph Friedrich Heinle. Im Wintersemester 1913/14 ließ er sich zum Präsidenten der Berliner Freien Studentenschaft wählen. Der Suizid Heinles kurz nach Kriegsausbruch stürzte ihn in tiefe Bestürzung; er widmete dem Freund dreißig Sonette. Der Krieg beendete auch seine Mitarbeit in der Jugendbewegung und führte zum endgültigen Bruch mit dem kriegsbegeisterten Wyneken.

Im Sommer 1915 lernte Benjamin den sechs Jahre jüngeren Studenten Gershom Scholem kennen, der aus einer assimilierten jüdischen Familie des kleinbürgerlichen Alt-Berlin stammte. Aus dieser Begegnung wurde eine lebenslange Freundschaft und ein außergewöhnlich dichter Briefwechsel. Die Gespräche über Judentum und jüdische Mystik gaben den Anstoß für den 1916 geschriebenen Text Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen. Von da an blieb die Sprachtheorie ein festes Thema seines Denkens. Über zwei Jahrzehnte hinweg erwog Benjamin immer wieder eine Auswanderung nach Palästina und nahm zeitweise Hebräisch-Unterricht; 1930 wurde Scholem klar, dass diese Pläne endgültig aufgegeben waren.

Im April 1917 heiratete Benjamin die aus Wien stammende Dora Sophie Kellner (1890–1964), Tochter des Anglisten Leon Kellner. Die Ehe hielt dreizehn Jahre; 1918 kam der Sohn Stefan zur Welt. Noch im Jahr der Hochzeit wechselte er in die Schweiz, auch um einer drohenden Einberufung zu entgehen, und ließ sich in Bern nieder. Dort verkehrte er mit Ernst Bloch und lernte Hugo Ball kennen. Zwei Jahre arbeitete er an seiner Dissertation Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik. Am 27. Juni 1919 bestand er bei Richard Herbertz mit der Bestnote summa cum laude.

Der Vater wünschte einen bürgerlichen Beruf, der Sohn wollte Privatgelehrter bleiben. Im März 1920 musste Benjamin mit Frau und Kind in die elterliche Villa nach Berlin zurückkehren, weil der Vater weitere Unterstützung an das Wohnen im Elternhaus knüpfte. Nach heftigen Auseinandersetzungen zog die junge Familie im Mai in eine eigene Wohnung in Berlin-Grünau, kehrte aber im Dezember wieder zurück. Bis zum Exil blieb Berlin sein Hauptwohnsitz, auch wenn er lange Zeiträume in Paris, auf Capri und auf den Balearen verbrachte.

In den frühen zwanziger Jahren entstand die Schrift Zur Kritik der Gewalt; er übersetzte Gedichte Baudelaires, die 1923 zweisprachig als Tableaux Parisiens mit seinem Vorwort Die Aufgabe des Übersetzers erschienen. Auch der Essay über Goethes Wahlverwandtschaften nahm damals Gestalt an; er erschien 1924/25 in den von Hugo von Hofmannsthal herausgegebenen Neuen Deutschen Beiträgen. Im April 1921 erwarb Benjamin Paul Klees Aquarell Angelus Novus, das sein kostbarster Besitz wurde. Privat war diese Zeit von Brüchen geprägt: Ab Frühjahr 1921 lebten die Eheleute getrennt, beide mit Beziehungen außerhalb der Ehe. Zum endgültigen Bruch führte die Liaison mit der lettischen Schauspielerin und Regisseurin Asja Lācis, die er 1924 auf Capri kennengelernt hatte. Nach einem erbitterten Scheidungskrieg wurde die Ehe im April 1930 geschieden; die beiden blieben danach in freundschaftlichem Briefkontakt.

1923/24 ging Benjamin nach Frankfurt am Main, um sich zu habilitieren. Dort lernte er Theodor W. Adorno und Siegfried Kracauer kennen. Seine Schrift Ursprung des deutschen Trauerspiels galt dem akademischen Betrieb als zu unorthodox. Um einer offiziellen Ablehnung zuvorzukommen, zog er 1925 sein Gesuch zurück. Damit war die Universitätslaufbahn beendet, und er verdiente seinen Unterhalt fortan als freier Schriftsteller. 1926 und 1927 hielt er sich in Paris auf, wo er gemeinsam mit Franz Hessel an der Übersetzung von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit arbeitete. Sein seit 1924 wachsendes Interesse für den Kommunismus führte ihn im Winter 1926/27 nach Moskau zu Asja Lācis. Trotz aller Sympathie für die kommunistische Bewegung bewahrte er sich, wie er es nannte, ein „linkes Außenseitertum“. Zur gleichen Zeit begann er, regelmäßig für den Rundfunk zu arbeiten; den Zugang verschaffte ihm sein Freund, der Komponist Ernst Schön.

Im Juni 1929 entwickelte sich aus flüchtigen Begegnungen eine enge Freundschaft mit Bertolt Brecht, die bis zu Benjamins Tod hielt. Zwischen 1929 und 1933 trafen sie sich häufig in Berlin, später verbrachte Benjamin mehrere Sommerwochen bei Brecht im dänischen Exil. Gemeinsam planten sie eine Zeitschrift mit dem Titel Krise und Kritik und sogar eine Detektivgeschichte. Über Brecht und dessen episches Theater verfasste Benjamin elf Aufsätze und Kritiken, von denen sechs erst nach seinem Tod erschienen.

1932 begann er eine Auftragsarbeit über seine Kindheit für die Literarische Welt. Daraus erwuchs die Berliner Chronik, die erst 1970 von Scholem veröffentlicht wurde, sowie die Berliner Kindheit um neunzehnhundert, die Adorno nach Benjamins Tod herausgab. Die Sommer 1932 und 1933 verbrachte er auf Ibiza als Untermieter bei Felix Noeggerath.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten zwang ihn ins Exil; im Frühjahr 1933 floh er nach Paris. Dort lebte er in einem ärmlichen Zimmer und arbeitete in der Bibliothèque nationale. Er freundete sich mit der Fotografin Gisèle Freund an, auch Hannah Arendt unterstützte den fast mittellosen Autor. Finanzieren konnte er sich durch Zuwendungen seiner geschiedenen Frau und seiner Schwester sowie durch ein schmales Gehalt des nach New York emigrierten Instituts für Sozialforschung. In Paris setzte er die Arbeit an seinem Fragment gebliebenen Hauptwerk Das Passagen-Werk fort und schrieb den Aufsatz Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit, der 1936 in der Zeitschrift für Sozialforschung erschien. Von 1937 bis 1939 gehörte er dem Collège de Sociologie um Georges Bataille an, stand dessen Zielen aber kritisch gegenüber.

Bei Kriegsausbruch wurde Benjamin mit anderen deutschen Flüchtlingen für drei Monate in einem Lager interniert. Nach der Rückkehr im November 1939 schrieb er seinen letzten Text, die Thesen Über den Begriff der Geschichte. Er floh nach Lourdes und weiter nach Marseille. Im September 1940 versuchte er mit Hilfe von Lisa Fittko, über Spanien und Portugal in die USA auszureisen. Im spanischen Grenzort Portbou, wo er trotz geglücktem Grenzübertritt die Auslieferung an die Deutschen fürchtete, nahm er sich in der Nacht vom 25. auf den 26. September das Leben, offenbar mit einer Überdosis Morphiumtabletten. Seine Leiche verschwand in einem Massengrab. Zweifel bleiben auch am genauen Zeitpunkt und am Wortlaut des Abschiedsbriefs an Adorno: Die Mitflüchtende Henny Gurland vernichtete das Original und schrieb es später aus dem Gedächtnis nieder. Hannah Arendt berichtete Scholem, Benjamin habe ihr gegenüber wiederholt Suizidabsichten geäußert; schon 1932 hatte er Scholem brieflich einen Freitod angekündigt. Brechts Reaktion auf die Todesnachricht überlieferte Arendt mit dem Satz, „dies sei der erste wirkliche Verlust, den Hitler der deutschen Literatur zugefügt hat“.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Benjamins Schreiben ist das Denken in Bildern statt in Begriffen. Zwischen Philosophie und Literatur entwickelte er die Form des Denkbilds: kurze, anschauliche Texte, in denen ein Gedankenproblem bildhaft umrissen wird. Gedanke und Anschauung sind dabei nicht zu trennen. Der Band Einbahnstraße versammelt solche literarisch-philosophischen Miniaturen. Ernst Bloch beschrieb ihre Anlage in einer Rezension so: „Ihre Form ist die einer Straße, eines Nebeneinanders von Häusern und Geschäften, worin Einfälle ausliegen.“

Sein Werk lässt sich schwer auf ein System bringen. Jürgen Habermas mahnte, man solle es nicht mit „unbilligen Konsistenzanforderungen konfrontieren“. Der Literaturwissenschaftler Peter Bürger nannte es „a-systematisch“: Anders als bei Adorno stünden die Widersprüche bei Benjamin nebeneinander, ohne dialektische Vermittlung. Benjamin habe versucht, das avantgardistische Prinzip der Montage auf den Essay zu übertragen, also Ungleichartiges so zusammenzufügen, dass daraus etwas Neues aufblitzt. Detlev Schöttker sprach statt von „a-systematisch“ lieber von „fragmentarisch“ und prägte dafür die Formel vom „konstruktiven Fragmentarismus“.

Eine Leitidee zieht sich durch das ganze Werk: die Rettung. Sie richtet sich gegen abstrakte Verallgemeinerung und will das Einzelne, Übersehene in die Erinnerung zurückholen. Literaturgeschichtlich zielt sie auf die Neubewertung vergessener Traditionen, geschichtlich darauf, „die Tradition der Unterdrückten gegen die Vereinnahmung der Geschichte durch die Sieger zu bewahren“. Auch im Sammler sah Benjamin diese Figur: Jedes gerettete Stück stellt die bestehende Ordnung in Frage.

Ein zweiter Grundbegriff ist der Mythos, den Benjamin zugleich scharf kritisiert und als Ort verborgener Wahrheit ernst nimmt. Adorno hielt das „Spannungsfeld von Mythos und Anti-Mythos“ für das Spannungsfeld seines gesamten Denkens. Winfried Menninghaus brachte Benjamins Haltung auf die Formel: Brechung und Rettung des Mythos. Dem Märchen schrieb Benjamin die Kraft zu, den Alp des Mythos abzuschütteln; es lehre die Kinder noch heute, „den Gewalten der mythischen Welt mit List und Übermut zu begegnen“.

Eine geschlossene eigene Theorie hat Benjamin nicht hinterlassen. Bernd Witte zufolge wäre sie als Verbindung von Geschichtsphilosophie, Literaturkritik und Sprachtheorie zu denken, durchzogen von theologischen Motiven. Seinen weiten Kritikbegriff hatte er aus der Frühromantik gewonnen: Kritik ist nicht Beurteilung, sondern Vollendung und Ergänzung des Werks, und der Kritiker gestaltet ebenso wie der Autor.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten erschienen von Benjamin nur vier Bücher und drei Bände mit Übersetzungen. Nach der Feststellung Detlev Schöttkers wurden sie nicht zitiert, lösten keine Debatten aus und brachten ihrem Verfasser keine Anerkennung im Literaturbetrieb ein. Bekannt wurde er dennoch als Kritiker: Mit dem Essay über Goethes Wahlverwandtschaften begründete er laut der Deutschen Biographie seinen Ruf als einer der herausragenden Literaturkritiker der Weimarer Republik. Neben seinen Büchern veröffentlichte er etwa 50 Aufsätze, 400 Zeitungsbeiträge und 80 Rundfunkarbeiten, vor allem in der Frankfurter Zeitung und in der Literarischen Welt. 1936 erschien die kommentierte Briefsammlung Deutsche Menschen unter dem Pseudonym Detlef Holz; nach einer Neuauflage durchschaute ein Zensor das Pseudonym, und das Buch kam auf den Index.

Nach 1945 dauerte es lange, bis Benjamin wiederentdeckt wurde. Die frühen Veröffentlichungen aus dem Nachlass erhielten anerkennende Kritiken, weckten aber kein größeres Publikumsinteresse. Das änderte sich mit dem politischen Wandel der Bundesrepublik in den 1960er Jahren und mit der Studentenbewegung. 1967 entfachte die Zeitschrift Alternative eine heftige Debatte um die Herausgabe seiner Werke. Vordergründig ging es um Auslassungen der Herausgeber Adorno, Scholem und Rolf Tiedemann, tatsächlich um die Deutungshoheit: Benjamin wurde als Kronzeuge einer marxistischen Theorie beansprucht, die sich sowohl vom Realsozialismus der DDR als auch von der Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule abgrenzte. Eine unmittelbare Folge dieser Auseinandersetzungen war die Edition der Gesammelten Schriften zwischen 1972 und 1999.

Seit den 1960er Jahren erfahren seine Schriften eine breite und bis heute anhaltende internationale Rezeption. Zu den Hauptwerken zählt die Deutsche Biographie den Traktat Ursprung des deutschen Trauerspiels und die Aphorismen-Sammlung Einbahnstraße von 1928 sowie die erst nach seinem Tod erschienenen Bücher Berliner Kindheit um neunzehnhundert und Das Passagen-Werk. Seine Schriften zu einer sozial verstandenen Ästhetik werden in ganz verschiedenen Fächern gelesen; ihre Wirkung reicht über die Universität hinaus in Literatur, Kunst, Medientheorie und Publizistik. Hannah Arendt würdigte in ihrem großen Benjamin-Essay die Freundschaft mit Brecht als „einzigartig, weil in ihr der größte lebende deutsche Dichter mit dem bedeutendsten Kritiker der Zeit zusammentraf“. 2005 äußerte der Dokumentarfilm Wer tötete Walter Benjamin… von David Mauas Zweifel am Suizid und untersuchte die Umstände seines Todes neu.

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