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Cover Statische Gedichte
Statische Gedichte
1948
– Werkseintrag –

Statische Gedichte

1948 · Lyrik

Aus den stillen Jahren eines verfemten Dichters: ein Gedichtband, der Ruhe und Form über alles stellt und zugleich über das Wesen des vollendeten Gedichts nachdenkt.

Überblick↑

Bei den Statischen Gedichten handelt es sich um einen Gedichtband von Gottfried Benn, der 1948 im Arche Verlag in Zürich erschien. Die Gedichte entstanden überwiegend zwischen 1937 und 1947. Vierzehn von ihnen, darunter „Turin“, „Sils Maria“ und „Anemone“, hatte Benn bereits 1936 in seinem Band Ausgewählte Gedichte veröffentlicht. Neben Morgue und andere Gedichte und Aprèslude zählt der Band zu den Werken, die den literarischen Ruhm des Dichters begründeten. Zugleich trug er dazu bei, dass Benn im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit wieder Anerkennung fand.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Versammelt sind in dem Band Gedichte aus den Jahren 1937 bis 1947. Der Titel deutet bereits an, worum es geht: um ein Dichten, das Ruhe und Form über die Bewegung stellt. An die Stelle der grellen, oft schockierenden Bilder seiner frühen Großstadt- und Krankheitsdichtung tritt nun ein ruhigerer, klarerer Ton.

Mehrere Gedichte des Bandes machen das Dichten selbst zum Thema. Stücke wie „Ein Wort“, „Gedichte“ oder das titelgebende „Statische Gedichte“ denken über das Wesen der Form und über das gelungene Gedicht nach. Daneben stehen Verse, die sich der Natur und stillen Stimmungen zuwenden, etwa „Astern“ oder „Welle der Nacht“. So entsteht ein Band, der die Summe eines langen dichterischen Weges zieht und zugleich nach einem neuen Maß sucht.

Die Handlung im Detail↑

Da es sich um eine Gedichtsammlung handelt, gibt es keine fortlaufende Handlung, wohl aber einen erkennbaren inneren Zusammenhang und eine bewegte Entstehungsgeschichte. Die Gedichte entstanden überwiegend zwischen 1937 und 1947. Schon 1936 hatte Benn vierzehn Stücke wie „Turin“, „Sils Maria“ und „Anemone“ in seinem Band Ausgewählte Gedichte abgedruckt, sie gingen später in die Statischen Gedichte ein.

Nach Kriegsende stand Benn mit zahlreichen Verlegern in Kontakt, darunter Ernst Rowohlt, Peter Suhrkamp, Eugen Claassen und Karl Heinz Henssel. Erst 1946 eröffnete sich eine Gelegenheit zur Veröffentlichung. Das Vorhaben scheiterte jedoch trotz vorhandener Drucklizenz; nur fünf Exemplare wurden als Privatdruck gefertigt. 1947 glaubte Benn schon nicht mehr daran, seine Werke noch zu Lebzeiten veröffentlicht zu sehen. Der Journalist Erhard Hüsch, der Benn bereits 1946 begegnet war, stellte schließlich den Kontakt zum Verleger Peter Schifferli vom Arche Verlag in Zürich her. So konnte der Band 1948 erscheinen.

Inhaltlich zieht die Sammlung eine Summe. Mehrere Gedichte machen die Dichtung selbst zu ihrem Gegenstand. „Ein Wort“, „Gedichte“ und „Statische Gedichte“ denken über die Form nach und tragen diese Reflexion in sich. Das vielfach gedeutete Gedicht „Welle der Nacht“ gilt der Forschung als verdichteter Ausdruck von Benns Vorstellung vom vollendeten Gedicht. Daneben stehen bekannte Stücke wie „Astern“, „Einsamer nie“ und „Ach das Erhabene“. An einigen Gedichten wie „Quartär“ und „Verlorenes Ich“ wird die für Benn typische Montagetechnik weitergeführt, während andere Verse einer eher überlieferten Form folgen. Erkennbar ist auch eine Abwendung von der Großstadt hin zur Naturlyrik.

Stil↑

Prägend für den Band ist eine bewusste Ruhe, auf die schon der Titel verweist: Das Gedicht soll fest stehen, Form und Maß sollen die Bewegung bändigen. Gegenüber der frühen, drastischen Dichtung Benns fällt eine gewisse Einfachheit auf, die Alfred Andersch als „Bekenntnis zu Geist und Form“ beschrieb.

Mehrere Gedichte sind poetologisch, das heißt, sie nehmen die Frage nach dem rechten Dichten in sich selbst auf. „Ein Wort“, „Gedichte“ und das titelgebende „Statische Gedichte“ machen die Reflexion über die Form zum Inhalt. Beim Gedicht „Welle der Nacht“ verbinden sich nach Auffassung der Forschung Formbewusstsein und dichterische Aussage besonders eng.

Stilistisch steht der Band zwischen zwei Polen. In Gedichten wie „Quartär“ und „Verlorenes Ich“ wirkt noch die Montagetechnik nach, bei der einzelne Bild- und Sprachteile zusammengefügt werden. Daneben überwiegen, wie der Komparatist Dieter Lamping anmerkt, eher überlieferte Gedichtformen. Auffällig ist die Hinwendung zur Naturlyrik und die Abkehr vom Sujet der Großstadt.

Rezeption↑

Aufgenommen wurde der Band vor allem von den jüngeren Kritikern der Nachkriegszeit mit Lob. Nachdem 1949 im Limes Verlag der Essay Der Ptolemäer und kurz darauf eine Lizenzausgabe der Statischen Gedichte erschienen waren, äußerten sich Ernst Kreuder, Max Bense, Curt Hohoff und Hans Egon Holthusen anerkennend über Benns jüngstes Schaffen.

Alfred Andersch bezeichnete Benn als verfemten Dichter und hob das „Bekenntnis zu Geist und Form“ hervor. Den Höhepunkt sah er im Gedicht „Gedichte“, das er als drei achtzeilige Strophen „von unvergleichlicher Sprach- und Geistesmacht“ rühmte. Friedrich Sieburg nahm den Band begeistert auf und würdigte Benns Abkehr von seiner früheren Dichtung, gemeint vor allem der Band Morgue und andere Gedichte. Für Ernst Kreuder bedeuteten die Statischen Gedichte den Beginn einer deutschen Literatur nach Kriegsende.

Auch die Literaturwissenschaft befasste sich eingehend mit dem Band. Helmuth Kiesel rückte ihn in den Zusammenhang der Zeitgeschichte: Nach seiner Begeisterung für den Nationalsozialismus habe Benn sich zu einer Welt des Geistes bekannt. Friederike Reents hob die poetologischen Gedichte und besonders „Welle der Nacht“ hervor. Dieter Lamping wertete die Mehrheit der Gedichte dagegen als eher konventionell. Hugo Ridley betonte den zusammenfassenden Charakter der Sammlung, in der sich gleichwohl „kleinere Schwerpunktverschiebungen“ erkennen ließen. Eine spätere Ausgabe bei Klett-Cotta (2011) erschien mit einem Vorwort von Durs Grünbein; eine Neuausgabe des Arche Verlags (2021) enthält ein Nachwort von Ron Winkler.

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