Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Stiller
Eingang · Werke · Stiller
Cover Stiller
Stiller
1954
– Werkseintrag –

Stiller

1954 · Roman

Ein Mann mit amerikanischem Pass wird bei der Einreise in die Schweiz festgenommen, weil ihn alle für den verschollenen Bildhauer Anatol Stiller halten – doch er beharrt darauf, ein Fremder zu sein.

Überblick

Der Roman erschien 1954 und bedeutete für Max Frisch den literarischen Durchbruch. Mit ihm verließ der zuvor als Architekt tätige Schweizer seinen bürgerlichen Beruf endgültig. Er wurde zum hauptberuflichen Schriftsteller. Erzählt wird die Geschichte eines Mannes, der bei der Einreise in die Schweiz festgenommen wird. Man glaubt, in ihm den verschollenen Bildhauer Anatol Stiller wiederzuerkennen. Er bestreitet das entschieden. Im Mittelpunkt stehen die Frage nach Identität und Fremdbild, das Verhältnis von Mann und Frau in zwei zerrütteten Ehen sowie eine spitze Kritik an der Schweiz. Der Roman wurde rasch zum Bestseller. Heute gilt er als ein Schlüsselwerk der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur.

Inhalt (ohne Spoiler)

Bei der Einreise in die Schweiz wird ein Mann mit amerikanischem Pass festgenommen. Sein Pass lautet auf den Namen James Larkin White. Doch die Schweizer Behörden sind überzeugt, in ihm den seit Jahren verschollenen Bildhauer Anatol Ludwig Stiller wiederzuerkennen. Auch alte Bekannte, Freunde und schließlich Stillers Ehefrau Julika treten an ihn heran und bestätigen die Identifikation. White aber weist alles weit von sich. Er sei ein vielgereister Weltenbummler, nie habe er von diesem Stiller gehört. Mit dem berühmten Satz „Ich bin nicht Stiller!“ beginnt sein hartnäckiger Widerstand gegen eine Identität, die ihm von außen aufgezwungen werden soll.

In der Untersuchungshaft eines Zürcher Gefängnisses beginnt White, Tagebücher zu schreiben. Darin will er beweisen, dass er nicht Stiller ist. Seinem Wärter Knobel erzählt er bunte Abenteuergeschichten aus Mexiko und den USA. In ihnen bezichtigt er sich mehrerer Morde. Nach und nach treten ihm die Menschen aus Stillers früherem Leben gegenüber: die ehemalige Balletttänzerin Julika, die mit Stiller eine schwierige Ehe geführt hatte, sein hartnäckiger Anwalt Dr. Bohnenblust und vor allem der Staatsanwalt Rolf, dessen Frau Sibylle einst eine Affäre mit Stiller hatte. Aus diesen Begegnungen entfaltet sich ein vielschichtiges Bild von Ehen, Schuld und Selbstbildern. In dessen Zentrum steht die Frage, ob ein Mensch sich neu erfinden kann oder ob ihn die Vergangenheit unweigerlich wieder einholt.

Die Handlung im Detail

Bei der Einreise in die Schweiz wird ein Mann mit amerikanischem Pass auf den Namen James Larkin White festgenommen. Die Behörden halten ihn für den seit Jahren verschollenen Schweizer Bildhauer Anatol Ludwig Stiller. White bestreitet das vehement und beharrt darauf, ein Fremder zu sein, der nie etwas von diesem Stiller gehört habe. Was Stiller eigentlich zur Last gelegt wird, bleibt unscharf; schon sein Verschwinden hatte Spekulationen über eine mögliche Spionagetätigkeit genährt. Whites starre Weigerung und seine leidenschaftliche Kritik an der Schweiz vertiefen den Verdacht. Er bleibt in Untersuchungshaft in einem Zürcher Gefängnis. Nur sein Wärter Knobel ist bereit, ihn als den vielgereisten Weltenbummler zu akzeptieren, als der er sich ausgibt. Knobel lauscht begierig den immer ausschweifenderen Geschichten aus Mexiko und den USA, in denen White sich mehrerer Morde bezichtigt – darunter auch des Mordes an seiner Ehefrau, wobei er einschränkt, es gebe auch Morde der Seele, die der Polizei verborgen blieben.

Stillers Ehefrau Julika Stiller-Tschudy, eine ehemalige Balletttänzerin und nun Leiterin einer Tanzschule, reist aus Paris an und erkennt in dem Gefangenen ihren Mann wieder. Aus ihrer Sicht erfährt White von der schwierigen Beziehung: zwei Menschen, mehr durch die Angst aneinandergefesselt, dem anderen nicht zu genügen, als durch die Fähigkeit, einander wirklich anzunehmen. Stiller selbst hatte die Ursache aller Probleme in seinem Versagen im Spanischen Bürgerkrieg gesehen, dem er weniger aus politischem Idealismus als aus Lebensüberdruss beigetreten war und in dem er bei der ersten Bewährungsprobe seine Unfähigkeit zum bewaffneten Kampf erlebte. Mit der Zeit litt Julika immer mehr unter seiner Egozentrik, er unter ihrer Gefühlskälte. Als Julika wegen einer Tuberkuloseerkrankung das geliebte Ballett aufgeben und sich zur Kur nach Davos zurückziehen musste, flüchtete sich Stiller in eine Affäre. Als auch diese zerbrach, verließ er seine kranke Frau und blieb seitdem verschollen.

White fühlt sich nun – wie einst Stiller – von der schönen, distanzierten Julika angezogen. Bei Freigängen versucht er, ihr als Fremder zu begegnen, doch sie verweist ihn wie alle anderen auf die Identität Stillers. Auch sein Anwalt Dr. Bohnenblust versucht mit allen Mitteln zu beweisen, dass er ist, der er nicht sein will. Ausgerechnet der Staatsanwalt Rolf wird in dieser Situation zu seinem engsten Vertrauten und schließlich zum Freund. Auch Rolf ist mit Stillers früherem Leben verbunden: Seine Frau Sibylle war es, mit der Stiller seine Affäre hatte. Rolf, der sich selbst stets als tolerant verstand, hatte durch seine demonstrative Ungerührtheit Sibylle nur tiefer in Stillers Arme getrieben. Stiller wiederum scheute aus Schuldgefühlen gegenüber seiner kranken Frau die letzte Konsequenz. Erst als er ohnehin beruflich nach Paris musste und Julika so ein unangreifbares Alibi vorweisen konnte, war er zur gemeinsamen Reise mit Sibylle bereit – die diese nun aber verweigerte. Sibylle zog sich von beiden Männern zurück, suchte in den USA Abstand und kehrte schließlich zu Rolf zurück.

Dr. Bohnenblust plant einen Lokaltermin in Stillers altem Atelier, um seinen Mandanten zum „Geständnis“ zu bewegen, Stiller zu sein – auch um Julikas willen, für die er wiederholt gegen seinen Mandanten Partei ergreift. Er bietet sogar Stillers gebrechlichen Vater auf. Doch die Inszenierung endet anders als geplant: White verfällt in einen Tobsuchtsanfall und verwüstet das Atelier samt Stillers alten Kunstwerken. Auslöser ist Julikas verweigerte Antwort auf seine Frage, ob sie ihn liebe; durch ihre Mitwirkung an der Farce fühlt er sich von ihr verraten. Zurück im Gefängnis identifiziert sich White erstmals als Stiller und legt seine Geschichte offen: Nach der gescheiterten Affäre mit Sibylle und dem Bruch mit Julika reiste er als blinder Passagier nach Amerika und versuchte, sich das Leben zu nehmen. Er überlebte den Streifschuss und entschied sich nach dieser Nahtoderfahrung für ein neues Leben. Bei der Gerichtsverhandlung jedoch sind die Fakten eindeutig: Stiller wird dazu verurteilt, wieder Stiller zu sein.

Im Nachwort berichtet Rolf vom weiteren Lebensweg seines Freundes. Nach dem Prozess zieht Stiller mit Julika in ein heruntergekommenes Chalet in Glion oberhalb des Genfersees. Er entdeckt die Töpferei, sie unterrichtet rhythmische Gymnastik. Rolf besucht das Paar zweimal. Schon beim ersten Besuch spürt er, dass die Ehe weiterhin in der Krise steckt. Julika vertraut ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit an, ihre Tuberkulose sei wieder ausgebrochen und sie müsse so bald wie möglich operiert werden, während Stiller im selben Gespräch ihre vermeintliche Gesundheit rühmt. Im späteren Briefwechsel ist von der Operation lange nicht die Rede. Als Rolf und Sibylle das Paar an Ostern besuchen wollen, ist Julika gerade ein Teil der Lunge entfernt worden, und Stiller ist außer sich vor Angst. In einer langen Nacht spricht er mit Rolf über seine verzweifelte Beziehung zu Julika, die seine Liebe nie habe erwidern können; er wirft sich vor, sie kaputtgemacht zu haben, und fürchtet, sie wolle sterben. Am Morgen ist er nicht in der Lage, seine Frau im Krankenhaus zu besuchen. Als Rolf und Sibylle diese Aufgabe übernehmen, ist Julika bereits tot. In ihrem Antlitz erkennt Rolf jene Züge wieder, die Stiller stets beschrieben hatte, und es überkommt ihn die Vermutung, Stiller habe Julika immer schon nur als Tote gesehen. Äußerlich gefasst nimmt Stiller die Nachricht entgegen. Nach dem Begräbnis meldet er sich nur noch selten bei Rolf und lebt fortan allein in Glion.

Stil

Formal auffällig ist die Tagebuchform. Der Ich-Erzähler, der sich White nennt, schreibt seine Aufzeichnungen in der Zelle. Darin versucht er zu beweisen, dass er nicht Stiller ist. Über weite Strecken besteht der Roman aus diesen Heften. Ergänzt werden sie um das Nachwort des Staatsanwalts Rolf, das eine zweite Erzählperspektive einführt. Zwischen die Aufzeichnungen sind zahlreiche kleinere Geschichten eingelagert, etwa die ausschweifenden Anekdoten, die White seinem Wärter Knobel erzählt. Sie lassen sich als Parabeln lesen und tiefenpsychologisch deuten. In Zitaten und Anspielungen verarbeitet Frisch Einflüsse aus Kultur und Literatur ebenso wie eigene Reiseerfahrungen in Mexiko und den USA. Dabei kreist die Sprache immer wieder um ihre eigene Unzulänglichkeit: Wie soll man in Worten erfassen, wer man wirklich ist, wenn jede Beschreibung das Bild eines anderen festschreibt?

Rezeption

Mit dem Roman gelang Max Frisch der literarische Durchbruch. Die Kritik nahm das Buch begeistert auf. Es entwickelte sich rasch zu einem Bestseller. Für den Autor hatte der Erfolg unmittelbare Folgen. Frisch gab seinen Beruf als Architekt auf und widmete sich von nun an ganz dem Schreiben. Die Nachwirkung reicht bis in die Gegenwart – 2025 brachte Regisseur Stefan Haupt eine Verfilmung des Stoffes in die Kinos.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten