1957
Homo faber
Überblick↑
Homo faber, im Oktober 1957 erschienen, ist einer der bekanntesten Romane des Schweizer Schriftstellers Max Frisch. Das Werk gilt seit langem als moderner Klassiker. Der Untertitel „Ein Bericht" stellt das Werk in die Tradition nüchterner Tatsachenschilderung. Doch was der Ingenieur Walter Faber aufzeichnet, ist alles andere als das: eine späte Auseinandersetzung mit verdrängter Schuld, mit der eigenen Vergangenheit und mit der Brüchigkeit eines technisch-rationalen Weltbildes. Der Titel verweist auf den anthropologischen Begriff des Homo faber, des schaffenden, herstellenden Menschen. Und er verweist auf die Hauptfigur, in deren geordnetes Leben Zufall, Mythos und Natur mit unaufhaltsamer Wucht einbrechen. Frisch verbindet in dem Roman zentrale Themen seines Werks: den Konflikt zwischen Identität und Rolle, den Gegensatz von Technik und Natur, das misslungene Verhältnis der Geschlechter und das verfehlte Leben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Walter Faber ist ein in der Welt herumreisender Schweizer Ingenieur Mitte fünfzig. Im Auftrag der UNESCO ist er unterwegs, als sein Flug von New York nach Venezuela eine Notlandung in der mexikanischen Wüste vornehmen muss. Im Sitznachbarn erkennt er den Bruder eines früheren Studienfreundes, der einst Fabers Jugendliebe Hanna geheiratet hat. Aus einer Laune heraus verschiebt Faber seine Dienstreise. Er begleitet ihn auf einer beschwerlichen Suche durch die Hitze Mittelamerikas zu einer abgelegenen Plantage in Guatemala.
Zurück in New York entzieht sich Faber überstürzt einer Geliebten und tritt die Rückreise nach Europa per Schiff an. An Bord lernt er die junge Elisabeth kennen, die er Sabeth nennt. Sie erinnert ihn an Hanna. Aus der Schiffsbekanntschaft wird eine gemeinsame Reise durch Südfrankreich, Italien und Griechenland. Es ist eine späte, romantische Bildungsreise des nüchternen Technikers an der Seite einer halb so alten Studentin. Diese will er ihrer Mutter in Athen zurückbringen.
Was so unbeschwert beginnt, verstrickt Faber zunehmend in Ahnungen, denen er ausweicht, in Rechnungen, an denen er scheitert, und in eine Vergangenheit, die er für abgeschlossen hielt. Der Roman ist als Rückblick aus dem Krankenzimmer angelegt. Faber schreibt seinen Bericht, während sein Körper ihn einholt.
Die Handlung im Detail↑
An Bord einer Super Constellation fliegt Walter Faber vom Flughafen New York-LaGuardia ab. Sein Sitznachbar Herbert Hencke entpuppt sich als Bruder seines Studienfreundes Joachim, der einst Fabers Jugendliebe Hanna geheiratet hat. Während des Fluges fallen zwei Motoren der Propellermaschine aus, der Pilot landet in der mexikanischen Wüste, wo die Passagiere mehrere Tage festsitzen, bis sie gerettet werden. Faber verschiebt seine Dienstreise nach Caracas kurzerhand und begleitet Herbert auf der Suche nach Joachim, der seit Monaten von seiner Plantage in Guatemala kein Lebenszeichen mehr gegeben hat. Erst mit Hilfe des Musikers und Hobby-Archäologen Marcel erreichen sie schließlich die Plantage und finden Joachim erhängt vor. Herbert bleibt zurück, Faber kehrt nach kurzem Aufenthalt in Caracas nach New York heim, wo seine Geliebte Ivy auf ihn wartet. Um ihren Heiratsabsichten zu entkommen, tritt er die Rückreise nach Europa vorzeitig per Schiff an.
An Bord lernt er Elisabeth kennen, die er Sabeth nennt. Er verliebt sich in sie, sucht beständig ihre Nähe und macht ihr am letzten Tag der Überfahrt, seinem fünfzigsten Geburtstag, einen Heiratsantrag, den sie nicht beantwortet. In Paris trennen sie sich; Faber besucht – obwohl er sich für Kunst nicht interessiert – wiederholt den Louvre, bis er sie wiedertrifft. Er warnt sie vor dem Trampen und begleitet sie selbst nach Athen, wo ihre Mutter wohnt. Aus der gemeinsamen Reise durch Südfrankreich, Italien und Griechenland wird eine späte Bildungs- und Liebesreise. In Avignon erleben beide eine Mondfinsternis und verbringen die Nacht miteinander.
Erst nach und nach erfährt Faber, dass Sabeths Mutter seine Hanna ist. An einer einfachen Rechnung – aus Sabeths Alter auf den Termin ihrer Zeugung zu schließen – scheitert ausgerechnet der Mann, der sein Leben auf Zahlen baut. Er erkennt nicht, dass Sabeth seine Tochter ist. In Rückblenden tritt die verdrängte Vorgeschichte hervor: Vor rund 21 Jahren hatte Hanna ihm offenbart, dass sie ein Kind von ihm erwartete. Faber sprach von "deinem" statt "unserem" Kind, beide verständigten sich auf einen Schwangerschaftsabbruch. Hanna verweigerte sich der geplanten Heirat im letzten Moment, weil sie in Fabers Motiven nur das Pflichtgefühl erkannte, ihr als Jüdin die Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland zu ermöglichen. Faber nahm eine Stelle in Bagdad an, Hanna brachte das Kind ohne sein Wissen zur Welt und heiratete Joachim, den die erwachsene Sabeth bis zuletzt für ihren Vater hält.
An einem Strand bei Akrokorinth wird Sabeth von einer Schlange gebissen. Vor dem nackt herbeieilenden Faber weicht sie zurück, fällt rücklings über eine Böschung und schlägt mit dem Hinterkopf auf. Mit der Bewusstlosen im Arm erreicht Faber Athen, trifft dort auf Hanna und erfährt endgültig, wer Sabeth ist. Eine Injektion gegen das Schlangengift scheint zu wirken; doch unvermittelt stirbt Sabeth an unerkannten Kopfverletzungen – die Ärzte konnten sie nicht behandeln, weil Faber den Sturz verschwiegen hat.
Faber beschließt, bei Hanna zu bleiben und sie zu heiraten, unternimmt aber zuvor eine letzte große Reise. In New York erfährt er, dass seine Wohnung schon verkauft ist; auf der einsamen Plantage gelingt es ihm nicht, Herbert zur Rückkehr zu bewegen. Während eines längeren beruflichen Aufenthalts in Caracas schreibt er den ersten Teil seines Berichts. Danach fliegt er für vier Tage nach Havanna und wird dort von einer ihm bislang unbekannten Lebenslust ergriffen: Er begreift die Beschränktheit seiner Weltanschauung und beschließt, sein Leben zu wandeln, kündigt seine Stelle bei der UNESCO. Doch sein verdrängtes Magenleiden meldet sich immer häufiger; die Diagnose lautet auf Magenkrebs. In Athen unterzieht er sich einer Operation. Mit dem Morgen dieses Tages bricht der Bericht ab; der Ausgang bleibt offen, doch alles deutet darauf hin, dass Faber die Operation nicht überlebt. Am Ende widerruft er selbst seine Aufzeichnungen mit dem Satz: "es stimmt nichts."
Stil↑
Frisch lässt seinen Helden in der ersten Person sprechen. Schon der Untertitel „Ein Bericht" gibt eine Erwartung vor, die der Roman absichtlich enttäuscht. Faber redet wie ein Naturwissenschaftler: präzise Zeit- und Ortsangaben, Fachausdrücke, statistische Daten, Zitatnachweise. Seine Adjektive schmücken nicht, sie messen – Farbe, Form, Ausmaß, Alter. Aus der Verwaltungssprache stammen die elliptischen Verknappungen, die an Aktennotizen erinnern. Mit Anglizismen führt Faber seine Weltläufigkeit vor. Gleichzeitig rutscht ihm immer wieder Umgangssprache und sogar grammatisch Falsches heraus – etwa der schiefe Konjunktiv „als fliege ich zum ersten Mal in meinem Leben". Diesen lässt Frisch bewusst stehen, weil seiner Figur korrekte Sprache nicht zuzutrauen sei.
Genau in dieser Spannung liegt der Kunstgriff. Fabers Sprache verrät, was sein Inhalt verbergen will. Er verstrickt sich in Widersprüche und vergisst, was er gerade noch wusste. Er beteuert, er habe keine Minderwertigkeitsgefühle und glaube nicht an Schicksal. Und gerade diese Beteuerungen lassen den Leser das Gegenteil vermuten. Frisch hat selbst gesagt, die Sprache sei hier der eigentliche Tatort: „Wir sehen, wie er sich interpretiert. Wir sehen im Vergleich zu seinen Handlungen, daß er sich falsch interpretiert." Weil das Buch in der Ich-Form steht, richtet Faber sich selbst. Der Autor muss kein Urteil sprechen.
Der Roman ist in zwei „Stationen" gegliedert. Die erste schreibt Faber im Hotelzimmer in Caracas. Darin rekonstruiert er die Ereignisse vom Abflug in New York bis zum Tod Sabeths. Ältere Geschehnisse seit 1933 sind in Rückblenden eingeflochten. Die zweite Station entsteht im Krankenhaus in Athen. Sie führt bis kurz vor die Operation. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft greifen so ineinander, dass der Zeitablauf nicht immer leicht zu fassen ist. Mona und Gerhard P. Knapp sehen darin den Einfluss von Heideggers Existenzphilosophie. Die Konstruktion arbeitet zudem mit Kontrapunkten: das Leben vor und nach Sabeths Tod, das Erleben gegen die Reflexion, die mittelamerikanische Plantage, zu der Faber zweimal reist. Einmal reist er, um den toten Joachim zu finden, einmal, um den lebenden Herbert zurückzulassen. Nur Havanna fällt aus dieser Wiederholung heraus. Dort versucht Faber, sein Leben zu erneuern.
Rezeption↑
Schon die erste Auflage von 8779 Exemplaren wurde am 30. September 1957 ausgeliefert. Damit landete Homo faber auf den vorderen Plätzen der Bestsellerlisten deutschsprachiger Zeitungen. Bereits drei Tage später folgte eine zweite Auflage, vor Weihnachten eine dritte. Im Juli 1958 waren 23.000 Exemplare verkauft. Mit der Aufnahme in die Bibliothek Suhrkamp 1962 wurden bald 100.000 Bücher überschritten. 1977 waren es 450.000. Die 1982 erschienene Taschenbuchausgabe trieb die Gesamtauflage auf über eine Million, 1998 auf vier Millionen. Übersetzungen lagen in 25 Sprachen vor. Volker Schlöndorff brachte den Stoff 1991 unter dem Titel Homo Faber in die Kinos.
Reinhold Viehoff hat die Rezeption in vier Phasen geteilt. Die zeitgenössische Kritik von Oktober 1957 bis März 1958 war zu zwei Dritteln positiv. Erich Franzen nannte den Roman „eine Meisterleistung". Beda Allemann nannte ihn „nicht nur das geschlossenste, sondern auch das beunruhigendste Werk Frischs". Otto Basler sprach von „seinem besten Erzählwerk bis heute". Georg Hensel sprach von einem „Meisterwerk von internationalem Rang". Bemerkenswert hoch war die Zahl von 23 ablehnenden Stimmen. Sie speisten sich besonders häufig aus politisch-zeitgeschichtlichen oder religiösen Wertungen, oft mit Anstoß an Fabers Bejahung des Schwangerschaftsabbruchs. Walter Jens hielt den Roman künstlerisch für eine „Arabeske" zum vorangegangenen Stiller. Ab Anfang der 1960er Jahre setzte mit Zeitschriftenaufsätzen und Monographien die Kanonisierung als moderner Klassiker ein. Mit den Gesammelten Werken von 1976 wurde Homo faber zwischen Stiller und Mein Name sei Gantenbein als Teil einer Trilogie der zentralen Romane Frischs gelesen. Die Taschenbuchausgabe machte das Buch schließlich zur festen Schullektüre. Mit ihr ist bis heute ein eigener Strom didaktischer Handreichungen, Materialiensammlungen und Lektürehilfen verbunden.
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