Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Blaubart
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Cover Blaubart
Blaubart
1982
– Werkseintrag –

Blaubart

1982 · Erzählung

Ein Arzt wird vom Mordvorwurf an seiner geschiedenen Frau freigesprochen – doch das Verhör in seinem Kopf hört nicht mehr auf.

Überblick↑

Mit Blaubart legte Max Frisch 1982 seine letzte größere Erzählung vor. Im Mittelpunkt steht der Arzt Felix Schaad. Er wird vor Gericht des Mordes an seiner geschiedenen Frau angeklagt und freigesprochen. Doch von den Verhören seines Lebens kommt er auch nach dem Urteil nicht los. Frisch greift noch einmal seine großen Themen auf: die Suche nach der eigenen Identität, die Festlegung des Menschen durch das Bild, das andere von ihm haben, und die Schuld des Mannes in der Beziehung zur Frau. Die karge, knappe Form macht Blaubart zu einem typischen Alterswerk. Nach diesem Buch zog sich Frisch weitgehend von der literarischen Arbeit zurück.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Felix Schaad, ein vierundfünfzigjähriger Arzt, wird verdächtigt, seine geschiedene Frau Rosalinde Zogg ermordet zu haben. Er hatte sie am Tag des Verbrechens besucht. Als Tatwaffe diente seine eigene Krawatte, und seine Angaben zur Tatzeit halten der Prüfung nicht stand. Nach zehn Monaten Untersuchungshaft folgt ein dreiwöchiger Prozess mit einundsechzig Zeugen.

Das Urteil bringt für Schaad keine Erleichterung. Es ist der Beginn der eigentlichen Fragen: Wie lebt es sich mit einem Freispruch, den man selbst als Mangel an Beweisen empfindet? Welche Schuld trägt er wirklich am Tod seiner Frau? Ist ein Mensch jemals vollkommen unschuldig?

Seine Praxis bleibt leer, und der Segelclub erwartet seinen Austritt. Schaad versucht, sich abzulenken – mit Billardspiel, langen Wanderungen, einer Reise nach Japan. Doch das Verhör des Staatsanwalts setzt sich in seinem Kopf fort. Eine nach der anderen treten seine sechs früheren Ehefrauen vor sein inneres Gericht. Seine jetzige siebte Frau hat ihn scherzhaft Ritter Blaubart genannt. Diesen Spitznamen greift auch die Boulevardpresse auf. Schaad sucht im Gewirr der Stimmen und Erinnerungen eine Antwort. Er findet sie weder bei den Zeugen noch bei sich selbst.

Die Handlung im Detail↑

Dr. Felix Schaad, ein vierundfünfzigjähriger Arzt, gerät in den Verdacht, seine geschiedene Frau, die Prostituierte Rosalinde Zogg, ermordet zu haben. Er hatte sie am Mordtag besucht, getötet wurde sie mit seiner Krawatte, und seine Angaben zur Tatzeit erweisen sich mehrfach als falsche Alibis. Nach zehn Monaten Untersuchungshaft folgt ein dreiwöchiger Prozess mit einundsechzig Zeugen. Am Ende wird Schaad freigesprochen – für ihn fühlt es sich an wie ein Freispruch „aus Mangel an Beweisen“, auch wenn diese Floskel im Urteil nicht vorkommt.

Mit dem Freispruch beginnen Schaads eigentliche Fragen. Er ist gesellschaftlich zum Außenseiter geworden: Seine Praxis steht leer, der Segelclub erwartet seinen Austritt. Umzug oder Selbstmord scheidet für ihn aus, weil beides als nachträgliches Schuldeingeständnis gewertet werden könnte. Stattdessen flüchtet er ins Billardspiel, in lange Wanderungen und eine Reise nach Japan. Doch er findet keine Ruhe vor der Stimme des Staatsanwalts, die sein inneres Verhör nicht beendet.

In Schaads Erinnerung tritt die Reihe der Zeugen erneut auf: belastende, verteidigende und solche, die Dinge über ihn aussagen, die ihm selbst neu sind. Nacheinander werden seine sechs geschiedenen Ehefrauen aufgerufen. Seine derzeitige siebte Gattin hat ihn scherzhaft Ritter Blaubart genannt, weil er bereits sechs Scheidungen hinter sich hat – der Spitzname wandert auf die Titelblätter der Boulevardpresse. Alle Frauen bestätigen seine übersteigerte Eifersucht, die sich jedoch stets nach innen gerichtet habe: Vor den Augen einer früheren Gattin etwa hat er seine teure Pfeifensammlung zerbrochen. Mehrmals fällt der Satz, er könne keiner Fliege etwas zuleide tun. Seine Eifersucht, sagt Schaad selbst, habe er überwunden, seit Rosalinde ihn nach der Scheidung einmal bei ihrer Arbeit über eine Videokamera habe zusehen lassen.

Das Verhör in seinem Kopf greift weit über den Prozess hinaus. Der Staatsanwalt begleitet seine Spaziergänge, fragt ihn nach seinen Träumen aus, ruft die verstorbenen Eltern in den Zeugenstand und schließlich auch das Opfer, das nur lächelt, wie Schaad es von Fotografien kennt, aber schweigt. Erst jetzt, nach dem Prozess, fallen Schaad Einzelheiten ein, die ihm in der Verhandlung entfallen waren: Rosalinde habe oft Blumen von Unbekannten erhalten, jedes Mal fünf Lilien. Bei seinem letzten Besuch habe ihr Telefon unablässig geläutet, in der Schreibmaschine habe ein angefangener Liebesbrief gelegen. Als er Rosalinde verließ, habe er ihr aus einer Laune heraus selbst Blumen geschickt – fünf Lilien von der Sorte, die später auf der Toten drapiert lagen.

Schaad fährt zum Polizeirevier seines Heimatorts und gesteht mit einem Gefühl der Erleichterung den Mord. Doch die Polizei glaubt ihm nicht: Inzwischen sei die Tat einem griechischen Studenten namens Nikos Grammaticos zugeordnet. Auf dem Rückweg fährt Schaad gegen einen Baum, überlebt aber den Unfall. Im Krankenbett beginnt das innere Verhör von neuem; der Staatsanwalt teilt ihm mit, die Operation sei gelungen, und vernimmt ihn über Hergang und Beweggrund des Unfalls. Am Ende antwortet Schaad auf keine Frage mehr.

Stil↑

Frisch arbeitet die Erzählung als Montage. Diese Technik prägt sein Spätwerk. Knappe Dialogsequenzen aus dem realen und dem nachträglich imaginierten Prozess wechseln sich ab mit dem inneren Monolog Schaads, beides unmittelbar im Präsens. Einen Erzähler, der ordnet, kommentiert oder Partei nimmt, gibt es nicht. Auch einen klassischen Spannungsbogen oder dramatische Höhepunkte hat das Buch nicht.

Beide Sprachebenen bleiben auf ihre Weise unzureichend: der nüchterne Code des Gerichts und die hilflosen einfachen Sätze Schaads. Der Prozess verhandelt einen Mord, den Schaad nicht begangen hat. Die Monologe sparen die innere Not der Hauptfigur eher aus, als sie zu schildern. Gerade durch dieses Aussparen wird sichtbar, worum es eigentlich geht: nicht die konkrete Tat, sondern eine viel allgemeinere Schuld, von der niemand jemanden freisprechen kann.

Schon Montauk und besonders Der Mensch erscheint im Holozän folgen dem Prinzip der Reduktion. In Blaubart treibt Frisch es noch einen Schritt weiter. Hinzu kommt ein neuer Ton: Humor, vor allem in Dialogen, in denen die Gesprächspartner aneinander vorbeireden. Frisch selbst sprach von einer „kargen Erzählweise“, die nach der größtmöglichen Reduktion strebe. Er habe immer wieder weggenommen, was sich der Leser selbst ausmalen könne. Einem amerikanischen Rezensenten verdankte er einen Vergleich, den er gerne aufgriff: Die Erzählung sei wie eine Skulptur von Alberto Giacometti. Die extreme Schlankheit der Figur stelle den Raum rund um sie her.

Rezeption↑

Die deutschsprachige Kritik reagierte gespalten. Martin Walser pries Blaubart als „triviale Geschichte“ und zugleich „Meisterstück“, in dem das Pathos der Hauptfigur immer wieder in Komik kippe. Man habe „mehr zum Bewundern als zum Lesen“. Hans Mayer lobte die handwerkliche Genauigkeit: „Kein Simenon und keine Agatha Christie könnten es besser.“ Frisch selbst widersprach der Einordnung als Kriminalroman. Er sei selber kein Krimi-Leser, weil er Krimis meistens nicht verstehe.

Andere Stimmen rieben sich am zurückgenommenen Stil. Reinhard Baumgart fühlte sich „zugleich enttäuscht und irritiert“ vom „Lustverlust“ und „Kahlschlag“ des Buches, das fast nur Linien zeichne und keine Farben zeige. Bei wiederholter Lektüre erkannte er aber, dass Frisch sein Lebensthema „grau und rigoros in eine neue Konsequenz“ hineingetrieben habe. Heinz Ludwig Arnold dagegen vermisste jede zusätzliche Tiefe. Auch eine zweite und dritte Lektüre eröffne keine neuen Perspektiven, Frisch bewege sich auf „beliebigen Trampelpfaden“. Friedrich Luft sah einen vitalen Autor bei der „Darstellung einer kunstvoll nachgewiesenen Nichtigkeit“ angekommen. Joachim Kaiser warnte hingegen davor, das Buch zu unterschätzen: ein klares, knappes Alterswerk, dessen Verzweiflung sich hinter lakonischen Dialogen und eleganten Blackouts verberge.

Besonders heftig fiel das Urteil Marcel Reich-Ranickis aus. Frisch hatte ihm den Stoff bei einem Besuch erzählt und Reich-Ranicki begeistert. Das fertige Buch enttäuschte den Kritiker dann so sehr, dass er es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen „ungedeckten Scheck“ nannte. Die literarische Manifestation der Sprachlosigkeit sei Frisch gelungen, aber so konsequent, dass die Lektüre ermüde. Noch zwanzig Jahre später meinte Reich-Ranicki, der mündlich vorgetragene Stoff sei „fabelhaft“ gewesen. Hätte ein Tonband mitgelaufen, wäre daraus „ein glänzendes Buch“ geworden. Frisch erklärte später, er selbst sei schuld. Er hätte Reich-Ranicki nie den Inhalt erzählen sollen.

Die dialogstarke Erzählung fand auch andere Medien. 1982 entstanden zwei Hörspielfassungen: eine unter der Regie von Ernst Wendt für SDR und WDR, eine zweite von Mario Hindermann für DRS und ORF. 1984 verfilmte Krzysztof Zanussi den Stoff im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks mit Vadim Glowna in der Hauptrolle. In weiteren Rollen waren unter anderem Karin Baal, Vera Tschechowa und Margarethe von Trotta zu sehen. Frisch begleitete die Dreharbeiten und ist im Film selbst in einer kurzen Sequenz zu sehen. Nach Blaubart zog er sich weitgehend von der literarischen Arbeit zurück. Nur das politische Dialogstück Schweiz ohne Armee? Ein Palaver folgte noch.

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