1911 – 1991
Max Frisch
Kurzporträt↑
Max Frisch (1911–1991) gehört zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Mit den Romanen Stiller, Homo faber und Mein Name sei Gantenbein sowie den Theaterstücken Biedermann und die Brandstifter und Andorra erreichte er ein breites Publikum. Diese Werke fanden Eingang in den Schulkanon. Hinzu kommen Hörspiele, Erzählungen und zwei literarische Tagebücher über die Zeiträume 1946 bis 1949 und 1966 bis 1971. Im Mittelpunkt seines Schaffens steht häufig die Frage nach der eigenen Identität. Es geht ihm dabei um die festen Bilder, die andere sich vom Einzelnen machen, und um das, was sich mit Sprache überhaupt sagen lässt. Frisch arbeitete zunächst als Architekt. Erst nach dem Erfolg des Stiller entschied er sich endgültig für das Schreiben.
Biografie↑
Max Rudolf Frisch wurde am 15. Mai 1911 in Zürich geboren. Er war der zweite Sohn des Architekten Franz Bruno Frisch und seiner Frau Karolina Bettina, geborene Wildermuth. Die Familie lebte in einfachen Verhältnissen. Diese verschärften sich, als der Vater im Ersten Weltkrieg seine Anstellung verlor. Zum Vater hatte Frisch kaum eine emotionale Beziehung, der Mutter war er sehr nah. Während seiner Gymnasialzeit am Realgymnasium Zürichberg (1924–1930) schrieb er erste Theaterstücke, die er später vernichtete. Damals freundete er sich mit Werner Coninx an, dessen Interesse an Literatur und Philosophie ihn nachhaltig prägte.
1930/31 begann Frisch ein Germanistik-Studium an der Universität Zürich. Er hörte unter anderem bei Robert Faesi und dem Romanisten Theophil Spoerri. Das Studium empfand er aber bald als wenig hilfreich für ein literarisches Handwerk. Als sein Vater 1932 starb, wandte er sich verstärkt dem Journalismus zu, um sich und die Mutter zu ernähren. Schon 1931 war sein erster Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen. In den folgenden Jahren entstanden über hundert journalistische und literarische Arbeiten, meist autobiografisch grundiert. Eine ausgedehnte Reise von Februar bis Oktober 1933 führte ihn über Prag, den Balkan, Istanbul, Athen und Italien. Daraus entstand 1934 sein erster Roman Jürg Reinhart. 1934 lernte er die deutsch-jüdische Studentin Käte Rubensohn kennen, mit der ihn eine Liebesbeziehung bis 1937 verband. Bei einer Reise ins Deutsche Reich 1935 bezog er im Kleinen Tagebuch einer deutschen Reise zwar kritisch Stellung gegen den Antisemitismus, äußerte sich an anderer Stelle aber bewundernd. Ein scharf politisches Bewusstsein entwickelte er erst in den 1940er Jahren.
1936 begann Frisch ein Architekturstudium an der ETH Zürich, finanziert durch ein Stipendium seines Freundes Coninx. 1937 erschien sein zweiter Roman Antwort aus der Stille, über den er später vernichtend urteilte. Daraufhin verbrannte er seine bisherigen Schriften und ließ die Berufsbezeichnung „Schriftsteller" aus seinem Pass streichen. Der Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis von 1938 durchkreuzte den Vorsatz, das Schreiben aufzugeben. Im Zweiten Weltkrieg leistete Frisch von 1939 bis 1945 insgesamt 650 Aktivdiensttage als Kanonier der Schweizer Armee. Seine Notizen aus dieser Zeit erschienen 1940 als Blätter aus dem Brotsack. Ihre eher unkritische Haltung gegenüber Armee und Schweizer Rolle revidierte er später im Dienstbüchlein (1974) und in Schweiz ohne Armee? Ein Palaver (1989).
Nach dem Architekturdiplom 1940 trat Frisch in das Büro seines Lehrers William Dunkel ein. Dort lernte er die Architektin Gertrud von Meyenburg kennen. Die beiden heirateten am 30. Juli 1942 und bekamen drei Kinder: Ursula (1943), Hans Peter (1944) und Charlotte (1949). 1943 gewann Frisch den Architekturwettbewerb der Stadt Zürich für das Freibad Letzigraben und eröffnete ein eigenes Architekturbüro. Das 1949 eröffnete Bad war sein einziger öffentlicher Bau und steht heute unter Denkmalschutz.
Parallel begann seine Arbeit für das Theater. Ermutigt vom Dramaturgen Kurt Hirschfeld am Schauspielhaus Zürich, schrieb er Santa Cruz (1944), Nun singen sie wieder (1945), Die Chinesische Mauer (1946) und Als der Krieg zu Ende war. Über Hirschfeld lernte er 1946 Carl Zuckmayer kennen, 1947 Friedrich Dürrenmatt und im selben Jahr Bertolt Brecht. Brechts Denken über die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers beeinflusste ihn, ohne dass er zum Brecht-Schüler wurde. 1948 reiste Frisch zu einem Friedenskongress nach Breslau. Die NZZ warf ihm daraufhin Sympathien mit dem Kommunismus vor, woraufhin Frisch die Zusammenarbeit aufkündigte. Die Schweizer Bundespolizei legte eine Fiche über ihn an und bespitzelte ihn bis fast an sein Lebensende.
1950 erschien im jungen Suhrkamp Verlag das Tagebuch 1946–1949, das Frischs Anschluss an die europäische Literatur markierte. 1951 folgte das Drama Graf Öderland, das zunächst ein Misserfolg blieb. Ein Stipendium der Rockefeller-Stiftung führte ihn 1951/52 in die USA und nach Mexiko. 1953 wurde Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie uraufgeführt. 1954 erschien der Roman Stiller, der zum Durchbruch wurde. Frisch trennte sich von seiner Familie und bezog in Männedorf eine eigene Wohnung. Im Januar 1955 schloss er sein Architekturbüro, um nur noch zu schreiben. 1957 folgte Homo faber, 1958 die Uraufführung von Biedermann und die Brandstifter, 1961 schließlich Andorra.
Im Juli 1958 lernte Frisch Ingeborg Bachmann kennen. 1959 wurde er von Gertrud geschieden. 1960 bezog er mit Bachmann eine Wohnung in Rom, hielt aber zugleich eine Wohnung in Uetikon. Die Beziehung zerbrach im März 1963, nachdem Frisch sich in Marianne Oellers verliebt hatte. 1964 erschien der Roman Mein Name sei Gantenbein, der vielfach als literarische Reaktion auf die Beziehung zu Bachmann gelesen wird. Mit der 28 Jahre jüngeren Oellers lebte er ab 1964 in Rom, ab 1965 in Berzona im Tessin. Ende 1968 heirateten sie. Es folgten Reisen in die Sowjetunion (1966), nach Japan (1969) und in die USA (1970–1972). 1972 nahm das Ehepaar eine Zweitwohnung in Berlin-Friedenau, wo Frisch bis 1979 lebte und engen Kontakt zu Intellektuellen pflegte. Seine kritische Haltung gegenüber der Schweiz verstärkte sich. Sie schlug sich in Wilhelm Tell für die Schule (1970), im Dienstbüchlein (1974) und in der Rede Die Schweiz als Heimat? (1974) nieder. Mit Helmut Schmidt verband ihn eine persönliche Freundschaft. 1975 begleitete er ihn auf dessen China-Reise.
1974 begann auf einer Lesetour in den USA eine Affäre mit der 32 Jahre jüngeren Alice Locke-Carey. Sie wurde zur Grundlage der Erzählung Montauk (1975), seines autobiografischsten Buches. Über deren Offenheit kam es zum Streit mit Marianne. 1979 wurde die Ehe geschieden. Nach gesundheitlichen Problemen 1978 wurde im Oktober 1979 die Max-Frisch-Stiftung gegründet, deren Max Frisch-Archiv heute an der ETH Zürich liegt. 1979 entstand das Theaterstück Triptychon, 1979 erschien Der Mensch erscheint im Holozän. Dessen englische Übersetzung wurde 1980 von der New York Times als beste Erzählung des Jahres ausgezeichnet. 1981 überwand Frisch eine Schreibblockade mit Blaubart. 1980 nahm er die Beziehung zu Locke-Carey wieder auf und lebte mit ihr bis 1984 abwechselnd in New York und Berzona.
1984 kehrte Frisch nach Zürich zurück. 1983 begann seine letzte Beziehung mit Karin Pilliod. 1989 wurde unheilbarer Darmkrebs diagnostiziert. Im selben Jahr erfuhr er im Rahmen der Fichenaffäre vom Ausmaß seiner Bespitzelung und schrieb dazu den Kommentar Ignoranz als Staatsschutz? Max Frisch starb am 4. April 1991 in Zürich, mitten in den Vorbereitungen zu seinem 80. Geburtstag. Die Trauerfeier fand am 9. April in St. Peter statt. Peter Bichsel und Michel Seigner sprachen, ein Geistlicher kam nicht zu Wort. Seine Asche wurde bei einem Erinnerungsfest seiner Freunde im Tessin in ein Feuer gestreut. Eine Tafel an der Friedhofsmauer von Berzona erinnert an ihn.
Literarische Merkmale↑
Frischs Schreiben kreist immer wieder um dieselben Fragen: Wie findet ein Mensch zu einer eigenen Identität? Wie behauptet er sie gegen die festen Bilder, die andere sich von ihm machen? Was lässt sich mit Sprache überhaupt sagen, und was bleibt unsagbar? Aus diesen Fragen entstehen Romane und Stücke, in denen die Hauptfiguren ihr Leben gleichsam zur Probe stellen.
Eine bevorzugte Form ist dabei das literarische Tagebuch. Es mischt Autobiografisches mit Erfundenem und stellt Reisen, Lektüre, politische Reflexionen und literarische Skizzen nebeneinander. Das Tagebuch 1946–1949 wie das Tagebuch 1966–1971 sind in dieser hybriden Bauweise zugleich Werkstatt und eigenständige Form. Auch in den Romanen arbeitet Frisch häufig mit tagebuchartigen, scheinbar authentischen Erzählweisen. Der Roman Stiller verbindet kriminalromanhafte Elemente mit dem Aufzeichnungston eines Häftlings. In Mein Name sei Gantenbein probiert der Erzähler Identitäten und Biografien „wie Kleider" an und kommt zu dem Schluss, dass keine erfundene Geschichte der Erfahrung wirklich gerecht wird.
Im Drama schlägt Frisch nach den Erfahrungen mit Biedermann und Andorra einen neuen Weg ein. Statt der Parabel sucht er in Biografie: Ein Spiel die „Dramaturgie der Permutation", in der eine Figur ihr Leben noch einmal durchspielen darf. Auch hier zeigt sich sein Grundmuster, mehrere Möglichkeiten desselben Lebens nebeneinander zu legen.
Inhaltlich kehrt bei Frisch immer wieder der Konflikt zwischen bürgerlicher und künstlerischer Existenz wieder, ebenso die Spannung zwischen ehelicher Bindung und intellektueller oder erotischer Unruhe. Hinzu kommt eine politische Skepsis, die sich keiner Lagerbildung anschließen will. Besonders in der Auseinandersetzung mit der Schweiz wird sie schärfer, so im Dienstbüchlein, in Wilhelm Tell für die Schule oder in Schweiz ohne Armee? Sein Stil erinnerte nach Einschätzung von Alexander J. Seiler oftmals an filmische Mittel. Zugleich versuche er, „das Weiße zwischen den Worten" auszudrücken, was Verfilmungen erschwert habe.
Rezeption↑
Frisch selbst betonte, er habe keinen „frappanten Durchbruch" erlebt, der Erfolg sei „sehr langsam gekommen". Tatsächlich erschienen seine frühen Texte bereits in renommierten Zeitungen. Der Erstling fand mit der Deutschen Verlags-Anstalt einen großen Verlag, später kamen der Atlantis Verlag und ab 1950 Suhrkamp hinzu. Der eigentliche Durchbruch kam 1954 mit Stiller. Ausgehend von 3.000 verkauften Exemplaren im ersten Jahr wurde der Roman als erstes Buch des Suhrkamp Verlages zur Millionenauflage. Homo faber erreichte bis 1998 eine deutschsprachige Gesamtauflage von vier Millionen Exemplaren und wurde in 25 Sprachen übersetzt. Biedermann und die Brandstifter sowie Andorra zählen nach Einschätzung Volker Hages mit 250 beziehungsweise 230 Inszenierungen bis 1996 zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Theaterstücken. Beide Dramen und Homo faber wurden vielfach zum Unterrichtsstoff.
In der Schweiz war Frischs Wirkung doppelt. Spätestens seit dem Dienstbüchlein 1974 war die Rezeption stark gespalten in Zuspruch und heftige Ablehnung. Zugleich wurde er, so Janos Szábo, für viele jüngere Schweizer Autoren zur Leitfigur: Peter Bichsel, Jörg Steiner, Otto F. Walter und Adolf Muschg. Noch 1998 vernahm Andreas Isenschmid bei jüngeren Schweizer Schriftstellern wie Ruth Schweikert, Daniel de Roulet, Silvio Huonder und Peter Stamm „seltsame Echos auf den Stiller von Max Frisch". Innerhalb wie außerhalb der Schweiz wurde er häufig mit Friedrich Dürrenmatt zusammen genannt. Hans Mayer bezeichnete die beiden als „Dioskuren" und zugleich als „Antagonisten".
Auch in der Bundesrepublik nahm Frisch eine zentrale Stellung ein. Heinrich Vormweg nannte Stiller und Homo faber „[z]wei der für die deutschsprachige Literatur der fünfziger Jahre bezeichnendsten" Romane. In der DDR erschienen in den 1980er Jahren umfangreiche Werkausgaben. In der Sowjetunion wurde Frisch trotz ideologischer Vorbehalte rege übersetzt und in rund 150 Aufsätzen besprochen. In den USA wurde positiv vermerkt, dass seine Handlungen wiederholt in Amerika spielen und der Autor frei von „europäischer Arroganz" sei. 1980 erhielt er die Ehrendoktorwürde des Bard College, 1982 die der City University of New York.
Über die unmittelbare Wirkung hinaus urteilt Jürgen H. Petersen, Frischs Bühnenwerk habe nur geringen Einfluss auf andere Dramatiker gehabt, auch das literarische Tagebuch habe keine Nachahmer gefunden. Dagegen seien Stiller und Mein Name sei Gantenbein zu literarischen Modellen für die Darstellung von Identität durch erfundene Geschichten geworden. Nachdenken über Christa T. von Christa Wolf und Malina von Ingeborg Bachmann werden häufig in diesem Zusammenhang genannt, ebenso Peter Härtling und Dieter Kühn. Marcel Reich-Ranicki sah Frisch als denjenigen, der „wie kein anderer" die Mentalität der bürgerlichen Intellektuellen durchschaut habe. Dürrenmatt bewunderte „die Kühnheit, mit der er vom ganz Subjektiven ausgeht". Zum Film hatte Frisch nach Alexander J. Seiler eine „glücklose Beziehung": Mehrere Projekte scheiterten, und Volker Schlöndorffs Verfilmung Homo Faber (1991) blieb in der Kritik ohne positives Echo. 2017 widmete Schlöndorff ihm seinen Film Rückkehr nach Montauk.
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