1878 – 1938
Egon Friedell
Kurzporträt↑
Als Wiener Universalgelehrter vereinte Egon Friedell (1878–1938) in seiner Person den Kabarettisten, den Schauspieler und den Kulturphilosophen. Geboren als Egon Friedmann, trat er zunächst als geistreicher Conférencier und Parodist hervor, ehe ihm mit der dreibändigen Kulturgeschichte der Neuzeit ein weithin beachtetes Werk gelang. Sein Schreiben lebte von einem lebendigen Stil und einem Blick, der in nahezu alle Bereiche des Wissens reichte. Am 16. März 1938, als zwei SA-Männer vor seiner Wohnung nach ihm fragten, nahm sich Friedell in Wien das Leben.
Biografie↑
Am 21. Januar 1878 kam Egon Friedell als drittes Kind des jüdischen Seidentuchfabrikanten Moriz Friedmann und dessen Frau Karoline in Wien zur Welt. Die Mutter verließ die Familie, als Egon ein Jahr alt war; die Ehe der Eltern wurde 1887 geschieden. Nach dem Tod des Vaters 1891 lebte der Junge zeitweise bei einer Tante in Frankfurt am Main. Seine Schulzeit verlief ungewöhnlich: Er besuchte mehrere Schulen in Österreich und Deutschland und bestand erst im vierten Anlauf, im September 1899 am Gymnasium in Bad Hersfeld, das Abitur. Am 12. Juli 1897 ließ er sich evangelisch taufen und beantragte zugleich eine Namensänderung, der 1916 stattgegeben wurde.
Bereits 1897 hatte er sich als Gasthörer an der Berliner Universität eingeschrieben, danach studierte er in Heidelberg beim Philosophiehistoriker Kuno Fischer. Ab 1899, nachdem ihm nach juristischen Auseinandersetzungen mit den Verwandten das väterliche Erbe zugesprochen worden war, konnte er in Wien finanziell unabhängig seinen Interessen nachgehen. Von 1900 an studierte er dort neun Semester Philosophie. Er fand Anschluss an den Literatenkreis im Café Central und zählte bald zum engsten Bekanntenkreis von Peter Altenberg. 1904 wurde er mit einer Dissertation über Novalis als Philosoph promoviert, die er erstmals unter dem Namen „Friedell“ veröffentlichte.
Ab 1906 trat Friedell als Kabarettist und Conférencier auf, von 1908 bis 1910 leitete er das Cabaret Fledermaus künstlerisch. Gemeinsam mit Alfred Polgar verfasste er ab 1908 parodistische Werke, darunter die Satire auf den Schulbetrieb Goethe im Examen, in der er selbst die Rolle des Goethe spielte und die ihn im deutschsprachigen Raum bekannt machte. 1910 beauftragte ihn der Verleger Samuel Fischer mit einer Biografie über Peter Altenberg; das 1912 unter dem Titel Ecce poeta erschienene Buch entsprach nicht Fischers Erwartungen und blieb ohne Erfolg, markierte aber den Beginn von Friedells kulturgeschichtlichem Interesse. Als Schauspieler war er erstmals 1905 aufgetreten; 1910 gründete er mit Felix Fischer das „Intime Theater“, 1913 war er kurzzeitig bei Max Reinhardt beschäftigt.
Ab 1914 machten sich zunehmend Alkohol- und Gewichtsprobleme bemerkbar. Den beginnenden Ersten Weltkrieg begrüßte Friedell wie viele Zeitgenossen; er veröffentlichte Schriften gegen die Kriegsgegner und meldete sich als Freiwilliger, wurde jedoch als untauglich abgelehnt. 1916 schrieb er die Judastragödie. Nach dem Krieg fiel sein ererbtes Vermögen der Inflation zum Opfer. Von 1919 bis 1924 arbeitete er als Journalist und Theaterkritiker, unter anderem beim Neuen Wiener Journal. 1922 erschien Steinbruch. Daneben wirkte er bis 1927 als Dramaturg, Regisseur und Schauspieler an Reinhardts Deutschem Theater in Berlin und von 1924 bis 1929 am Theater in der Josefstadt in Wien.
Ab 1927 nahm Friedell aus gesundheitlichen Gründen keine festen Stellen mehr an und arbeitete in Wien als Essayist, freier Schriftsteller und Übersetzer. Die drei Bände seiner Kulturgeschichte der Neuzeit erschienen zwischen 1927 und 1931. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 lehnten die Verlage die Veröffentlichung seiner Werke ab. Ende 1937 wurden seine Bücher beschlagnahmt, im Februar 1938 seine Kulturgeschichte in Deutschland verboten. Am 11. März 1938, einen Tag vor dem Anschluss Österreichs, schrieb er an Ödön von Horváth: „Jedenfalls bin ich immer in jedem Sinne reisefertig“. Freunde rieten ihm vergeblich zur Ausreise. Am 16. März 1938 erschienen gegen 22 Uhr zwei SA-Männer vor seiner Wohnung und fragten nach dem „Jud Friedell“. Während sie mit seiner Haushälterin sprachen, sprang er aus einem Fenster der im dritten Stock gelegenen Wohnung und nahm sich so das Leben. Verbürgt ist, dass er die Passanten zuvor mit dem Ausruf „Treten Sie zur Seite!“ warnte. Friedell wurde auf dem evangelischen Friedhof Simmering beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Friedells Schreiben ist ein lebendiger Stil voll geistreicher, gelegentlich überpointierter Formulierungen. Nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie trug gerade diese Sprache viel zur Verbreitung seines großangelegten kulturphilosophischen Gesprächs bei. Sein Blick reichte in nahezu alle Bereiche des Wissens, und schon früh mischte sich bei ihm der Ernst mit dem Spiel. In einem Artikel von 1905 schrieb er: „Das schlimmste Vorurteil, das wir aus unserer Jugendzeit mitnehmen, ist die Idee vom Ernst des Lebens.“
Diese Haltung prägte auch sein Hauptwerk. Die Kulturgeschichte der Neuzeit deutet die neuere Geschichte als „das kurze Intermezzo der Verstandesherrschaft zwischen zwei Irrationalismen: dem mittelalterlichen und dem zukünftigen“. Für Friedell ist die Neuzeit die wachsende Steigerung und Übersteigerung einer einseitig rationalistisch ausgerichteten Entwicklung auf allen Lebensgebieten. Im Weltkrieg sah er das Finale eines ablaufenden Weltalters und den Auftakt zu einem neuen, das sich vom Rationalismus lösen und von einem „überlogischen“ Weltgefühl getragen sein werde. Dass sein Doktortitel ihm, wie er spottete, „die nötige Vorbildung zur artistischen Leitung des Kabaretts ‚Fledermaus'“ verschafft habe, zeigt den ironischen Ton, mit dem er auch über sich selbst sprach.
Rezeption↑
Bekanntheit im gesamten deutschsprachigen Raum erlangte Friedell zunächst als Bühnenkünstler und Parodist, vor allem durch die Satire Goethe im Examen, in der er selbst den Goethe verkörperte. Felix Salten beschrieb ihn als „Doktor der Philosophie, Hofnarr des Publikums und, wie die meisten Hofnarren, dem Gebieter weit überlegen“. Sein Drama Judastragödie wurde 1923 am Burgtheater in Wien aufgeführt.
Europäische Geltung verschaffte ihm dann die Kulturgeschichte der Neuzeit, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und noch 1960 in hoher Auflage erschien. Nach 1933 verboten die Nationalsozialisten seine Bücher; sein Name findet sich auf der Liste der verbotenen Publikationen und Autoren. Die Erinnerung an ihn blieb wach: 1954 wurde in Wien-Floridsdorf die Egon-Friedell-Gasse nach ihm benannt, 1978 erschien zu seinem hundertsten Geburtstag eine Briefmarke mit seinem Porträt, und 2005 wurde sein Grab zum ehrenhalber gewidmeten Grab erklärt. Hilde Spiel sagte über ihn: „In ihm stand noch einmal die berauschende Fiktion vom universalen Menschen vor uns auf.“
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