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Werkseintrag · Kulturgeschichte der Neuzeit
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Cover Kulturgeschichte der Neuzeit
Kulturgeschichte der Neuzeit
1927
– Werkseintrag –

Kulturgeschichte der Neuzeit

1927 · Essay

Ein großangelegter Essay, der die abendländische Kultur von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg durchmisst – erzählt in glänzender, leidenschaftlicher Sprache mit eigenwilligen Urteilen.

Überblick

Das Werk Kulturgeschichte der Neuzeit ist ein großangelegter, mehrbändiger Essay von Egon Friedell über die Geschichte der abendländischen Kultur. Es spannt den Bogen vom Ausgang des Mittelalters bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs. Der ausführliche Untertitel gibt die Blickrichtung an: die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. Das Buch erschien in drei Bänden 1927–1931 bei Beck in München. Auf rund 1500 Druckseiten verbindet Friedell Geschichte, Philosophie, Kunst und Wissenschaft zu einem persönlichen Gesamtbild. Es ist bis heute wegen seiner lebendigen Darstellung und seiner eigenwilligen Deutungen beachtet.

Inhalt (ohne Spoiler)

Erzählt wird die abendländische Kultur über mehrere Jahrhunderte hinweg, gegliedert in eine Einleitung, fünf Bücher und einen Epilog. Der Bogen reicht von der schwarzen Pest im 14. Jahrhundert bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die einzelnen Bücher folgen den großen Epochen: Renaissance und Reformation, Barock und Rokoko, Aufklärung und Revolution, Romantik und Liberalismus sowie schließlich Imperialismus und Impressionismus. Als äußere Marksteine dienen dabei meist politische Ereignisse, vor allem Kriege, doch geht es Friedell um weit mehr als um Schlachten und Herrscher.

Das Werk lebt von seinen ausführlichen und lebendigen Porträts großer Gestalten. Martin Luther, Raffael, William Shakespeare, René Descartes, Voltaire, Immanuel Kant, Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Franz Schubert und Otto von Bismarck treten dem Leser plastisch entgegen. Ebenso anschaulich erklärt Friedell die Gedanken der großen Philosophen und ordnet Dichtung, Malerei, Wissenschaft und Technik in übergreifende geistige Strömungen ein. So wird stets sichtbar, wie ein Werk oder eine Entdeckung mit dem Geist seiner Zeit zusammenhängt.

Schon die ersten Sätze zeigen, dass hier kein gewöhnliches Geschichtsbuch vorliegt. Friedell beginnt mit einem weiten Blick durch den Weltraum und zieht den Leser sogleich in seine eigene Gedankenwelt hinein.

Die Handlung im Detail

Als Sachbuch erzählt das Werk keine erfundene Handlung, sondern entfaltet einen weiten geschichtlichen Zusammenhang. Friedell selbst legt einleitend dar, dass er sich keiner der üblichen geschichtswissenschaftlichen Methoden bedient. Diese Methoden erörtert er in der Einleitung und verwirft sie der Reihe nach. Sein Buch ist zwar systematisch aufgebaut, aber eher idealtypisch angelegt: Er hebt einzelne Züge zugespitzt hervor und belegt seine Sicht mit ihnen. Zitate finden sich zwar, doch fehlen ihnen die im wissenschaftlichen Betrieb geforderten Quellenhinweise. Umfangreiche Studien sind dem Buch vorausgegangen, die benutzten Autoren nennt Friedell aber nur beiläufig. So bleibt das Werk durchweg sehr subjektiv und folgt einigen Grundthesen des Verfassers.

Die Einleitung trägt die Frage im Titel, was und zu welchem Zweck man Kulturgeschichte studiere. Das erste Buch behandelt Renaissance und Reformation, von der schwarzen Pest 1349 bis zum Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618. Es ist in sieben Kapitel gegliedert und der umfangreichste Teil. Die Fülle der Kapitel deutet darauf hin, dass Friedell hier auch Stoff aufnimmt, den er selbst noch dem Mittelalter und nicht der Neuzeit zurechnet. Das zweite Buch, Barock und Rokoko, führt vom Dreißigjährigen Krieg bis zum Siebenjährigen Krieg, also von 1618 bis 1756. Das dritte Buch, Aufklärung und Revolution, reicht vom Siebenjährigen Krieg bis zum Wiener Kongress, von 1756 bis 1815. Das vierte Buch, Romantik und Liberalismus, spannt sich vom Wiener Kongress bis zum Deutsch-Französischen Krieg, von 1815 bis 1870. Das fünfte Buch schließlich, Imperialismus und Impressionismus, führt vom Deutsch-Französischen Krieg bis zum Ausbruch des Weltkriegs, von 1870 bis 1914. Ein Epilog mit dem Titel „Sturz der Wirklichkeit“ beschließt das Werk.

Auffällig ist, dass Friedell die Epochen in annähernd gleichem Textumfang abhandelt, obwohl die behandelten Zeiträume nach hinten immer kürzer werden. Zur Orientierung hat er sämtliche Marginalien, also seine Randbemerkungen, als weitere Abschnittsüberschriften in das über zehn Seiten lange Inhaltsverzeichnis aufgenommen. Das erleichtert das rasche Auffinden gesuchter Stellen.

In seinen Urteilen ist Friedell oft hoch emotional. Er ist hymnisch in seiner Zustimmung und äußerst scharf in seiner Ablehnung. So bescheinigt er Baruch de Spinoza geradezu, wahnsinnig gewesen zu sein, während der Abschnitt über Shakespeare zu einer Ode in Prosa gerät. Zu seiner ebenfalls verfassten Kulturgeschichte des Altertums stellt der Verfasser ausdrücklich keinen besonderen Bezug her.

Stil

Prägend ist die durchweg persönliche, essayistische Schreibweise. Friedell tritt nicht als nüchterner Chronist auf, sondern als deutender Erzähler mit ausgesprochen eigener Stimme. Schon der berühmte Anfang, der von den wandernden Sternen als „leuchtenden Gedanken Gottes“ spricht, zieht den Leser unmittelbar in seine Gedankenwelt und macht klar, dass hier kein gewöhnliches Geschichtswerk vorliegt.

Kennzeichnend ist die Kunst des Porträts. Friedell zeichnet Persönlichkeiten lebendig und plastisch und macht auch schwierige philosophische Gedanken auf anschauliche Weise verständlich. Er setzt Dichtung, Malerei, Philosophie und Naturwissenschaft zueinander in Beziehung und lässt so größere geistige Zusammenhänge hervortreten. Seine Sprache ist pointiert und zugespitzt, sein Ton wechselt zwischen begeisterter Zustimmung und scharfer Polemik. Das Ergebnis ist eine subjektive, oft glänzend formulierte Prosa, die den gewaltigen Stoff lesbar und mitreißend macht.

Rezeption

Zu den geistigen Nachbarn des Buches zählen mehrere Großstudien der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, die einen ähnlichen Ehrgeiz und verwandte Züge zeigten. Genannt werden Der Untergang des Abendlandes von Oswald Spengler, Über den Prozess der Zivilisation von Norbert Elias und A Study of History von Arnold Toynbee. In diese Reihe umfassender Deutungsversuche der abendländischen Kultur gehört auch Friedells Werk.

Seine Wirkung reicht bis in die Gegenwart. Das Buch wurde immer wieder neu aufgelegt, unter anderem in einbändigen Ausgaben bei Beck in München. Seit Oktober 2008 wird zudem eine kommentierte Lesung des ungekürzten Textes im Radio verbreitet. Auch im Internet ist der Text frei zugänglich. So bleibt Friedells Darstellung über viele Jahrzehnte hinweg lebendig und findet weiter Leser und Hörer.

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