1606
König Lear
Überblick↑
Das Schauspiel König Lear zählt zu den Tragödien William Shakespeares. Es erzählt vom Schicksal des alten Königs Lear und seiner drei Töchter, die in den gewaltsamen Wirren einer Reichsteilung zugrunde gehen. Für den Stoff griff Shakespeare auf ältere Quellen zurück: auf die Historia Regum Britanniae des Geoffrey von Monmouth aus dem Jahr 1136 und auf Holinsheds Chronicles of England von 1587.
Das Stück entstand vermutlich um das Jahr 1606. Bis heute liegen zwei deutlich verschiedene Textfassungen vor: die Quarto-Ausgabe von 1608 und eine überarbeitete Version in der Folio-Ausgabe von 1623. Damit gehört König Lear zu jenen Werken, deren genaue Gestalt schon die frühen Drucke nicht eindeutig festlegen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der alte König Lear, der sein Reich aufteilen und die Last der Herrschaft ablegen will. Bevor er abdankt, stellt er seinen drei Töchtern eine Liebesprobe: Wer ihm die größte Zuneigung bezeugt, soll den reichsten Anteil erhalten. Die beiden älteren Töchter, Goneril und Regan, überbieten sich in überschwänglichen Beteuerungen. Die jüngste, Cordelia, weigert sich dagegen, ihre Liebe in schöne Worte zu fassen. Der erzürnte Vater enterbt sie und verbannt obendrein den Grafen Kent, der es wagt, für Cordelia einzutreten.
Neben dem Königshaus entfaltet sich ein zweiter Handlungsstrang im Hause des Grafen Gloucester. Dessen unehelicher Sohn Edmund schmiedet eine Intrige gegen seinen Bruder Edgar und gegen den Vater. Mit einem gefälschten Brief lenkt er den Verdacht auf den ahnungslosen Edgar.
Kaum hat Lear die Macht aus der Hand gegeben, zeigen seine älteren Töchter ihr wahres Gesicht. Sie verweigern ihm die Gastfreundschaft, drängen ihn, sein Gefolge aufzugeben, und treiben den Greis Schritt für Schritt aus ihren Häusern. An seiner Seite bleiben nur wenige Getreue und ein Narr, der dem König unbequeme Wahrheiten ins Gesicht sagt. So gerät der einst mächtige Herrscher in eine bedrohliche Lage, deren Ausgang offenbleibt.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Akt breitet sämtliche Konflikte aus, die das Drama vorantreiben. Am Hof verkündet Lear seinen Entschluss, abzudanken, das Reich unter seinen drei Töchtern aufzuteilen und die jüngste zu verheiraten. Zuvor will er mit einer Liebesprobe herausfinden, wer ihn am meisten liebt. Goneril und Regan machen dem Vater überschwängliche Bekundungen und werden reich belohnt. Cordelia jedoch, eigentlich seine Lieblingstochter, kann ihre Zuneigung nicht in Worte fassen. Lear ist darüber so erzürnt, dass er sie enterbt und ihren Anteil unter den beiden Schwestern aufteilt. Der Graf Kent verteidigt Cordelia und wirft dem König vor, einen schweren Fehler zu begehen – daraufhin verbannt ihn Lear in maßloser Wut. Cordelias Werber, der Herzog von Burgund und der König von Frankreich, treten auf; Lear bietet die Tochter nur noch mit seinem Fluch als Mitgift an. Der König von Frankreich nimmt sie aus Liebe auch ohne Erbe zur Frau. Zurück bleiben Goneril und Regan, die bereits beraten, wie sie sich gegen die Launen des alternden Vaters absichern.
Im Schloss des Grafen Gloucester offenbart dessen unehelicher Sohn Edmund seinen Plan, sich durch eine Intrige das ganze Erbe zu sichern. Mit einem gefälschten Brief stellt er seinen Bruder Edgar als Verräter dar, der den Vater entmündigen wolle. Gloucester glaubt der Täuschung und lässt Edgar verfolgen; Edmund treibt den Bruder zur Flucht. Unterdessen verweigert Goneril ihrem Vater die Gastfreundschaft und stiftet ihren Diener Oswald an, den König durch Respektlosigkeit zu provozieren. Der verbannte Kent kehrt verkleidet zurück und bietet Lear erneut seine Dienste an; als Oswald sich frech zeigt, verprügelt Kent ihn. Der Narr hält dem König bittere Wahrheiten vor, etwa dass dieser wenig Verstand bewiesen habe, als er die Krone weggab. Goneril kündigt dem Vater den Gehorsam auf und verlangt, dass er seine Ritter entlässt. Lear verflucht sie und zieht weiter zu Regan, in der Hoffnung, dort aufgenommen zu werden. Schon ahnt er jedoch, dass auch die zweite Tochter ihn verstoßen wird, und fürchtet, den Verstand zu verlieren.
Der zweite Akt spielt fast ganz im Schloss Gloucesters und führt beide Handlungslinien zusammen. Edmund inszeniert einen Kampf, verletzt sich selbst und gibt vor, Edgar habe ihn zum Mord am Vater anstiften wollen. Gloucester lässt im ganzen Reich nach Edgar fahnden und macht Edmund zu seinem Alleinerben. Regan und ihr Gemahl Cornwall treffen ein und nehmen Edmund in ihren Dienst. Als Kent und Oswald in Gloucesters Schloss aufeinandertreffen, geraten sie in heftigen Streit; Cornwall und Regan lassen den Boten des Königs in den Block sperren. Der flüchtige Edgar entschließt sich, fortan als wahnsinniger Bettler Tom aufzutreten, um seinen Verfolgern zu entgehen. Lear findet seinen Boten Kent gefesselt vor und ist entsetzt. Regan weigert sich, ihn aufzunehmen, und als auch Goneril eintrifft, überbieten sich beide Schwestern in Demütigungen gegenüber dem Vater und fordern, er solle seine Ritter ganz aufgeben. In Wut und Verzweiflung verlässt Lear das Schloss und geht, nur von seinem Narren begleitet, hinaus in die stürmische Nacht.
Was nun folgt, treibt beide Stränge – das Schicksal Lears und das Schicksal Gloucesters – unaufhaltsam in die Katastrophe. Am Ende kommen Lear und seine Töchter in den gewaltsamen Wirren, die die Reichsteilung entfesselt hat, zu Tode.
Stil↑
Auffällig ist der Bau des Werks als doppelte Tragödie. Neben dem Sturz des Königs und dem Zwist mit seinen Töchtern verläuft die Geschichte des Grafen Gloucester und seiner beiden Söhne. Beide Handlungslinien spiegeln einander: In jeder verkennt ein alternder Vater, wer ihm treu ergeben ist und wer ihn hintergeht. Aus diesem Gegeneinander zweier Familien gewinnt das Stück seine Wucht.
Ein wiederkehrendes Mittel ist die Verkleidung. Der verbannte Kent dient seinem König unerkannt unter falschem Namen weiter, und der verfolgte Edgar verbirgt sich hinter der Maske des wahnsinnigen Bettlers Tom. So stehen Wahrheit und Schein, treue Absicht und falscher Anschein dicht beieinander. Eine besondere Rolle spielt der Narr: Statt Späßen hält er dem König bittere Wahrheiten vor und spricht aus, was sonst niemand zu sagen wagt.
Der Text selbst ist nicht in einer einzigen festen Form überliefert. Die Quarto-Fassung von 1608 und die Folio-Fassung von 1623 unterscheiden sich im Wortlaut wie in der Einteilung in Akte und Szenen. Eine Szene fehlt im Foliotext ganz, sodass sich die Zählung verschiebt. Spätere Herausgeber haben daraus teils Mischtexte aus beiden Vorlagen gebildet.
Rezeption↑
Schon früh stand König Lear auf der Bühne: Die früheste belegte Aufführung datiert vom 26. Dezember 1606 am englischen Hof. 1608 erschien der erste Druck als Quarto, 1623 eine überarbeitete Fassung in der Folio-Ausgabe. Dass zwei verschiedene Textfassungen vorliegen, beschäftigt die Herausgeber bis heute; viele Ausgaben bieten kollationierte Texte, die beide Vorlagen miteinander verbinden.
Im deutschen Sprachraum legte Christoph Martin Wieland 1762 eine Prosaübersetzung vor. Die deutsche Erstaufführung fand 1778 in Hamburg unter der Regie von Friedrich Ludwig Schröder statt.
Bis in die Gegenwart wird das Werk für Bühne, Film und Musik bearbeitet. Zu den bekanntesten modernen Bearbeitungen zählt Akira Kurosawas Verfilmung Ran, die den Stoff in ein anderes Land und eine andere Zeit verlegt und ihm so neues Leben gibt.
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