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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · König Ubu
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Cover König Ubu
König Ubu
1896
– Werkseintrag –

König Ubu

1896 · Komödie

Ein feiger, gefräßiger Möchtegern-Herrscher und seine ehrgeizige Frau greifen nach der Macht in einem Land, das "nirgendwo" liegt – Alfred Jarrys grelle Farce trieb die Machtgier so grotesk auf die Spitze, dass schon das erste Wort auf der Bühne einen Theaterskandal auslöste.

Überblick

Das Theaterstück König Ubu des französischen Schriftstellers Alfred Jarry (1873–1907) wurde 1896 in Paris uraufgeführt. Es erzählt vom Aufstieg und Fall eines feigen, gefräßigen und machtbesessenen Tyrannen und treibt die Gier nach Herrschaft ins Groteske. Schon die Uraufführung löste einen Theaterskandal aus. Später feierten Surrealisten und Dadaisten das Stück, und es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Jarry selbst identifizierte sich mit den Jahren immer stärker mit seiner Figur und unterschrieb gegen Ende seines Lebens sogar mit dem Namen Ubu.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt steht François Ubu, genannt Père Ubu, ein Offizier am Hof des polnischen Königs Venceslas. Ubu ist primitiv, feige, gefräßig und von Macht besessen. Seine ehrgeizige Frau, Mère Ubu, stachelt ihn an, nach der Krone zu greifen. Zusammen mit dem Hauptmann Bordure und dessen Spießknechten schmiedet Ubu Pläne gegen den König und dessen Familie. Der Schauplatz ist ein Polen, das laut Jarry "nirgendwo" liegt – eine verzerrte Fantasiewelt, in der die üblichen Regeln von Ort und Zeit nicht gelten. Aus roher Gewalt, Gier und Feigheit formt das Stück eine bitterkomische Farce, die zeigt, wohin blinde Machtgier führen kann.

Die Handlung im Detail

Als Offizier dient François Ubu, genannt Père Ubu, am Hof des polnischen Königs Venceslas. Er trägt den Orden des Roten Drachen von Polen und war einst König von Aragon und Graf von Sandomir. Seine Frau, Mère Ubu, stachelt ihn an, den ehrbaren König Venceslas und dessen ganze Familie in einem Massaker zu beseitigen und selbst den Thron an sich zu reißen. Mit der Hilfe des Hauptmanns Bordure und dessen Spießknechten gelingt Ubu der blutige Staatsstreich. Zunächst ist er sogar ein recht beliebter Herrscher. Doch bald denkt er nur noch an seine eigene Bereicherung. Er lässt sämtliche Adeligen und Staatsbeamten "enthirnen", also hinrichten. Ebenso maßlos ist seine Steuerpolitik: Er vervielfacht ohne Grund alle Abgaben und treibt sie eigenhändig und mit Gewalt ein. Je mehr Ubu die Bevölkerung unterdrückt, desto größer wird der Widerstand. Der inzwischen abtrünnige Bordure überredet den russischen Zaren Alexis, gegen den mordenden Despoten einzuschreiten. Während Ubu mit seinem Heer gegen die Russen ins Feld zieht, stürzt der rechtmäßige Thronerbe Bougrelas die als Regentin zurückgebliebene Mère Ubu. Diese kann jedoch vorher noch die Staatskasse rauben. Ubu selbst wird von der russischen Armee vernichtend geschlagen. Durch Feigheit und List entkommt er dennoch und flieht mit seiner Frau nach Frankreich, wo er sich zum "maître des phynances", zum Herrn der Finanzen, ausrufen lassen will.

Stil

Bewusst wendete sich Jarry gegen jede getreue Abbildung der Wirklichkeit auf der Bühne. Statt echter Räume und Zeiten forderte er ein lebendiges Theater der Aktion, angeregt vom drastischen Grand Guignol. Das Bühnenbild stellte verschiedene Jahreszeiten, weit voneinander entfernte Orte sowie Innen- und Außenräume unmittelbar nebeneinander. Die Handlungsorte wechselten rasch und wurden nur durch ein aufgestelltes Hinweisschild angezeigt. So löste das Stück jede geordnete Vorstellung von Raum und Zeit auf – es spielt, wie Jarry sagte, in "Polen, das heißt nirgendwo". Die Figuren trugen Masken und sprachen in einem eintönigen Tonfall. Dadurch verloren sie jede seelische Tiefe und alles Individuelle. Ganze Menschenmengen und Armeen wurden von einem einzigen Schauspieler dargestellt. Mitunter dienten Schauspieler sogar als lebende Requisiten, etwa als Türen.

Die Sprache des Stücks ist derb und grotesk und hat ihr Vorbild unter anderem in den Romanen von Rabelais. Jarry verformt Wörter absichtlich in Schrift und Klang. Aus "Scheiße" wird "Schoiße" (im französischen Original "merdre"), aus "Finanz" wird "Phynanz". Ähnlich entstehen absurde Wortschöpfungen wie "Phynanzpferd" oder "Schoißhaken". Diese verzerrten Begriffe stehen zugleich für Ubus Wesen: seine ungezügelte, vulgäre Körperlichkeit ("Schoiße"), seine wunderliche Weltsicht ("Physik") und seine hemmungslose Gier nach Bereicherung ("Phynanz"). Die Verformung der Wörter unterstreicht die Verkommenheit der Figur. Diese sich verselbständigende Sprache nahm vieles vorweg, was später im absurden Theater noch weiter zugespitzt wurde.

Das Stück lebt von einer verkehrten Welt, in der alle Ordnung auf den Kopf gestellt wird – eine Klosettbürste dient als Zepter. Solche karnevaleske Komik hat der Literaturwissenschaftler Michail Bachtin beschrieben. In König Ubu mischen sich Komik, Tragik und Groteske jedoch ununterbrochen, und dem Zuschauer bleibt das Lachen oft im Halse stecken. Die Figuren lassen sich auch als Spott auf berühmte Vorbilder lesen: Ubu als Zerrbild des König Lear, seine Frau als Zerrbild der Lady Macbeth. Das Ehepaar Ubu ist zudem nach dem Zirkusmuster von Weißclown und dummem August gebaut und nimmt damit das spätere Komikerpaar Laurel und Hardy vorweg.

Rezeption

Für einen handfesten Skandal sorgte das Stück bereits bei seiner Uraufführung am 10. Dezember 1896 im Pariser Théâtre de L'Œuvre. Schon Ubus erstes Wort auf der Bühne – der Kraftausdruck "Merdre", in deutschen Übersetzungen "Schoiße" oder "Schreiße" – löste solche Tumulte aus, dass die Aufführung für mehrere Minuten unterbrochen werden musste. Ein zweites Mal wurde das Werk am Théâtre des Pantins gespielt, diesmal wieder mit Marionetten. Nach der ablehnenden ersten Aufnahme fand Jarry für ein Nachfolgestück zunächst keinen Verleger.

Langfristig aber wirkte das Stück weiter. Surrealisten und Dadaisten feierten es, und es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Ins Deutsche übertrugen es unter anderem M. und P. Pörtner (Zürich 1959); eine von Manfred Nöbel herausgegebene Ausgabe erschien 1978 bei Reclam. Jarry schrieb noch weitere Stücke um dieselbe Figur, darunter Ubu Hahnrei und Ubu in Ketten; deren Inszenierung erlebte er nicht mehr.

Die Figur Ubu wurde zur Vorlage für viele Künstler. Bildende Künstler wie Pablo Picasso, Joan Miró, Max Ernst, Man Ray und Georges Rouault griffen sie auf. In der Musik entstand Franz Hummels Oper König Übü, die 1984 in Salzburg uraufgeführt wurde. Auch Schriftsteller nahmen den Stoff auf, etwa Patrick Rambaud mit Ubu président oder Wole Soyinka mit King Baabu (2001). 2008 standen Samuel Finzi und Wolfram Koch an der Freien Volksbühne Berlin als Ehepaar Ubu auf der Bühne.

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