1873 – 1907
Alfred Jarry
Kurzporträt↑
Zu den eigenwilligsten Gestalten der Pariser Bohème um 1900 gehört der französische Schriftsteller und Dramatiker Alfred Jarry. Er wurde 1873 in Laval geboren und starb 1907 in Paris. Bekannt wurde er vor allem durch das grotesk-komische Drama König Ubu. Dessen Uraufführung 1896 wurde zu einem der berühmtesten Skandale der französischen Theatergeschichte. Mit dem Roman Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll begründete er die „’Pataphysik", die Wissenschaft von den imaginären Lösungen. Zu Lebzeiten blieben ihm künstlerische Anerkennung und finanzieller Erfolg verwehrt. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sein Werk wiederentdeckt. Heute gilt es als wichtiger Vorläufer von Surrealismus, Dadaismus und absurdem Theater.
Biografie↑
Geboren wurde Alfred Jarry am 8. September 1873 in Laval im Département Mayenne. Er entstammte einer relativ wohlhabenden bretonischen Bürgerfamilie. Seine Schulausbildung erhielt er in Saint-Brieuc, in Rennes und am Pariser Lycée Henri IV. Mehrmals bewarb er sich vergeblich um die Aufnahme an der École normale supérieure. Ein anschließend begonnenes Philologiestudium an der Sorbonne beendete er ebenfalls ohne Abschluss.
Stattdessen schlug er sich im Milieu der Pariser Bohème durch. Er verfasste literarische Arbeiten aller Genres sowie literatur- und theaterkritische Essays. Die Lektüre von H. G. Wells' Die Zeitmaschine inspirierte ihn beispielsweise zu einem Essay über den Bau einer „machine à explorer le temps". Eigenen Aussagen zufolge wurden seine Werke dieser Phase außerdem von der Philosophie Henri Bergsons beeinflusst, seines Philosophielehrers am Lycée Henri IV. Auch die Romane François Rabelais' prägten ihn.
Im Juni 1896 ernannte ihn der Intendant Lugné-Poe zum Sekretär am Théâtre de l'Œuvre. Fortan war Jarry dort mit Verwaltungsaufgaben, Öffentlichkeitsarbeit und Programmgestaltung betraut. An diesem Haus wurde bald darauf auch sein bekanntestes Werk inszeniert: das grotesk-komische Drama König Ubu. Dessen Uraufführung am 10. Dezember 1896 wurde zu einem der berühmtesten Skandale der französischen Theatergeschichte. Schon Ubus erster Ausruf „Merdre" – eine Verballhornung von „merde" – löste solche Tumulte aus, dass die Vorstellung für mehrere Minuten unterbrochen werden musste. Die Kritiken in der bürgerlichen Presse fielen vernichtend aus. Sie nötigten Jarry zu mehreren rechtfertigenden Stellungnahmen.
Im November 1896 erstand Jarry für 525 Francs ein Fahrrad des Typs „Clément luxe 96". Es galt damals als Ausdruck einer unerhörten Modernität. Fortan wurde es zu seinem Markenzeichen und begleitete ihn bis zu seinem Tod.
Ab 1898 erschienen in verschiedenen literarischen Zeitschriften Fragmente des Romans Heldentaten und Ansichten des Doktor Faustroll. Dieses Werk gilt als Gründungsdokument der „’Pataphysik", der Wissenschaft von den imaginären Lösungen. Es begründete Jarrys Nachruhm maßgeblich mit. Künstlerische Anerkennung und finanzieller Erfolg aber blieben ihm weiterhin verwehrt.
Da seine Werke von der literarischen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurden, führte Jarry zunehmend ein Außenseiterdasein am Rande des Existenzminimums. Im Bemühen, die Grenze zwischen Realität und Literatur zu verwischen, entwickelte er auffällige Schrullen. In Sprache und Auftreten näherte er sich seiner Hauptfigur Ubu an und erging sich in antibürgerlichen Exzessen. So schoss er etwa während eines Gala-Diners mehrmals mit einer mit Platzpatronen geladenen Pistole auf einen ihm besonders unliebsamen Gast.
Alfred Jarry starb am 1. November 1907 in Paris im Alter von 34 Jahren an einer tuberkulösen Hirnhautentzündung. Sein letzter überlieferter Satz soll die Bitte um einen Zahnstocher gewesen sein. Nach seinem Tod überlagerte zunehmend der Mythos vom Bürgerschreck und vom gläubigergejagten „poète maudit" seine Biographie.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Jarrys Schaffen ist die Verwischung der Grenze zwischen Realität und Literatur. Diese Haltung blieb nicht auf seine Texte beschränkt, sondern prägte auch sein Auftreten im Alltag. In Sprachduktus und Gebaren näherte er sich seiner Bühnenfigur Ubu an und lebte seine antibürgerliche Provokation öffentlich aus.
In seinem Werk verband er das Groteske mit dem Komischen. Mit dem machtgierigen, feigen und verächtlichen Bourgeois Père Ubu schuf er einen quasi-mythischen Anti-Helden. Aus seiner Feder stammt zudem die „’Pataphysik", die Wissenschaft von den imaginären Lösungen. Dieses Konzept wendet die Logik der Wissenschaft ins Absurde. Nach eigenen Angaben standen die Romane von François Rabelais und die Philosophie Henri Bergsons Pate für sein frühes Schaffen.
Rezeption↑
Nach seinem Tod gerieten Jarrys Werke außerhalb gewisser künstlerisch-elitärer Kreise weitgehend in Vergessenheit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie wiederentdeckt. Wirkungsgeschichtlich zählt Jarry zu den wichtigsten Vorläufern und Bezugsgrößen des Surrealismus, des Dadaismus und vor allem des absurden Theaters. James Graham Ballard, Antonin Artaud sowie zahlreiche Autoren aus dem Umkreis des Collège de ’Pataphysique und des Oulipo zählten ihn zu ihren literarischen Vorbildern – darunter Raymond Queneau, Boris Vian, Eugène Ionesco und Julio Cortázar.
Mit der Figur des Père Ubu schuf er einen Anti-Helden, der Eingang in das Figurenarsenal der Avantgarde fand. In Gestalt des Adjektivs „ubuesque" ging dieser sogar ins französische Alltagsvokabular ein. Auch in die Literatur seiner Zeitgenossen wirkte Jarry hinein. Der französische Schriftsteller André Gide lässt ihn in seinem 1925 erschienenen Roman Die Falschmünzer bei einer Abendgesellschaft auftreten. Er schildert ihn als exaltierten Künstler, der schließlich mit Platzpatronen um sich schießt.
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