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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Tove Jansson
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Porträt Tove Jansson
Tove Jansson
1914 – 2001
– Autorenporträt –

Tove Jansson

1914 – 2001 · 86 Jahre

Finnlandschwedische Künstlerin, die als Malerin, Zeichnerin und Schriftstellerin die Welt der Mumintrolle schuf – eine der bekanntesten Schöpfungen der finnischen Kultur.

Kurzbiografie↑

Zu den bekanntesten Gestalten der finnischen Kultur gehören die Mumintrolle, und ihre Schöpferin war Tove Jansson (1914–2001). Die finnlandschwedische Künstlerin war Schriftstellerin, Zeichnerin, Comicautorin, Grafikerin, Illustratorin und Malerin zugleich. Weltberühmt wurde sie durch die von ihr erfundene Fantasiewelt der Mumins, doch schrieb sie ebenso Literatur für Erwachsene. Ein besonderer Reiz ihres Werks liegt im Zusammenspiel von Bildern und Texten. Sich selbst betrachtete Jansson in erster Linie als Malerin und sah ihre Arbeit als Schriftstellerin und Zeichnerin als gut bezahlte Nebenbeschäftigung an.


Biografie↑

Geboren wurde Tove Marika Jansson am 9. August 1914 in Helsinki. Sie wuchs in einer Künstlerfamilie auf. Ihr Vater Viktor „Faffan“ Jansson (1886–1958) war Bildhauer und stammte aus einer finnlandschwedischen Kaufmannsfamilie. Ihre Mutter Signe „Ham“ Hammarsten-Jansson (1882–1970), eine bekannte Grafikerin, war die Tochter eines schwedischen Pastors. Tove hatte zwei jüngere Brüder, Per Olov (1920–2019) und Lars (1926–2000).

Aufgewachsen ist Jansson in Helsinki in einem überwiegend schwedischsprachigen Umfeld. In der Kindheit verbrachte sie viel Zeit bei der Verwandtschaft ihrer Mutter in Schweden auf der Insel Blidö sowie auf der finnischen Schäreninsel Pellinge, dem Sommerdomizil der Familie. Beide Orte gelten als Vorbilder für die Landschaften der Mumin-Romane. Die Eltern lebten zwischen Bürgerlichkeit und Bohème und oft in unsicheren finanziellen Verhältnissen. Die Mutter hatte in Stockholm und Paris Kunst studiert; da Werke von Frauen in Finnland damals kaum Beachtung fanden, unterstützte sie die Laufbahn ihres Mannes und sorgte zugleich mit Grafikarbeiten für den Lebensunterhalt. Unter ihrer Anleitung lernte Tove als Kind das Zeichnen. Mit 14 Jahren veröffentlichte sie ihre erste Zeichnung in einer Zeitung, mit 15 Jahren ihren ersten Comic in einer Kinderzeitschrift. Die Mutter vermittelte ihr auch erste Kontakte zu Verlagen und Zeitschriften. Zum Vater war das Verhältnis wegen gegensätzlicher gesellschaftlicher und politischer Ansichten konfliktreich, doch blieb seine Meinung zu ihrer Kunst zeit ihres Lebens für sie entscheidend.

Jansson ging ungern zur Schule und empfand selbst den Kunstunterricht als zu streng. Mit 16 Jahren brach sie die Schule ab und zog auf Betreiben der Eltern zu ihrem Onkel nach Stockholm. Von 1931 bis 1933 studierte sie an der Technischen Schule Stockholm mit dem Schwerpunkt Illustration und Werbezeichnung. 1933 kehrte sie nach Helsinki zurück und studierte dort bis 1936 an der Zeichenschule des Kunstvereins, dem sogenannten Ateneum, Malerei. Zwischenzeitlich verließ sie die Schule aus Protest gegen die konservative Ausbildung. 1934 reiste sie erstmals nach Deutschland und Frankreich, wo sie vor allem die Maler des Impressionismus studierte; 1938 und 1939 folgten Reisen nach Frankreich und Italien. Die Reise zum Vesuv inspirierte sie später zu Komet im Mumintal. In dieser Zeit lernte sie den sechs Jahre älteren Samuel Besprosvanni, später Sam Vanni genannt, kennen, der ihr Privatlehrer und für einige Jahre ihr Lebensgefährte wurde und ihren Malstil prägte.

Ab den 1930er Jahren verdiente Jansson ihr Geld mit Karikaturen und Illustrationen. Ihre politischen Karikaturen richteten sich gegen Nationalsozialismus und Stalinismus und stießen im deutschlandfreundlichen Finnland auf Widerstand. Freier konnte sie sich in schwedischsprachigen Blättern wie der Zeitung Svenska Pressen und der Satirezeitschrift Garm ausdrücken. Schon damals tauchte der Mumintroll als Markenzeichen auf ihren Bildern auf. 1944 mietete sie im Zentrum von Helsinki ein Atelier, in dem sie lebte und arbeitete. In den 1940er Jahren wurde sie zunehmend als Malerin großflächiger Wandbilder bekannt und schuf Glasmalereien und Wandgemälde für Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und andere Gebäude. Zu ihren bedeutenderen Aufträgen zählten zwei Fresken für den Speisesaal des Stadthauses von Helsinki, die sie 1946 begann. 1954 malte sie ein Altarbild für die Kirche von Teuva. Auch als Illustratorin machte sie sich einen Namen und illustrierte später unter anderem Der Hobbit von J. R. R. Tolkien sowie Alice im Wunderland von Lewis Carroll.

Der Schriftsteller und Politiker Atos Wirtanen, mit dem Jansson zwischen 1944 und 1951 liiert war, ermutigte sie zu ihrem ersten Kinderbuch. Die während des Winterkrieges begonnene Geschichte erschien 1945 unter dem Titel Mumins lange Reise und bildet den Vorläufer der Reihe, blieb kommerziell aber erfolglos. Erst das 1948 veröffentlichte Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft machte Jansson international bekannt. 1947 zeichnete sie ihren ersten Mumin-Comic. 1952 bat der britische Zeitungskonzern Associated Newspapers um einen täglichen Comicstrip; die erste Folge erschien 1954 im Boulevardblatt The Evening News. Der Comic wurde in 120 Zeitungen in 40 Ländern veröffentlicht und zählt bis heute zu den erfolgreichsten finnischen Comicserien. Der hohe Zeitdruck wurde für Jansson jedoch zur Belastung, und 1959 gab sie die Arbeit an ihren Bruder Lars ab, der die Serie 15 Jahre weiterführte.

Nach dieser Phase löste sich Jansson zunehmend von den Mumins, gab ihnen mit Winter im Mumintal (1957) aber eine erwachsenere Richtung. Mit Herbst im Mumintal erzählte sie schließlich vom Verschwinden der Mumins und beendete deren Geschichte. Viele Figuren der Mumin-Welt schuf sie nach realen Vorbildern. Eine zentrale Person war die Theaterregisseurin Vivica Bandler, die sie 1946 kennenlernte; die Liebesbeziehung musste geheim bleiben, weil Homosexualität in Finnland damals strafbar war. 1968 erschien das autobiografische Buch Die Tochter des Bildhauers. Danach schrieb sie vor allem Bücher mit menschlichen Figuren, darunter viele Kurzgeschichten. 1972 erschien Das Sommerbuch, das in der finnischen Schärenlandschaft spielt und von der Beziehung zwischen dem Mädchen Sophia und ihrer Großmutter handelt. Ihre spätere langjährige Lebensgefährtin war die Grafikerin Tuulikki Pietilä, mit der sie von 1955 bis zu ihrem Tod zusammenlebte und immer mehr Zeit auf der kleinen Insel Klovharu verbrachte. Tove Jansson starb am 27. Juni 2001 nach längerer Krankheit in Helsinki.


Literarische Merkmale↑

Kennzeichnend für Janssons Werk ist das enge Zusammenspiel von Bild und Text, denn sie war Malerin, Zeichnerin und Schriftstellerin in einer Person und illustrierte ihre Bücher meist selbst. Ihre frühen Gemälde zeigten großformatige, mystische Landschaften und märchenhafte Szenen. In den Mumin-Büchern schuf sie eine geschlossene Fantasiewelt, deren Figuren häufig auf reale Menschen aus ihrem Umfeld zurückgehen. Im späteren Werk verschob sich der Ton ins Ernstere und Erwachsenere. In ihren Büchern für Erwachsene geht es oft um kreative Menschen, um die Schwierigkeit, sich zu verständigen, um verhärtete zwischenmenschliche Verhältnisse, Lebenslügen und das Altern. Zur besonderen Wirkung von Das Sommerbuch tragen eine ruhige Heiterkeit, alltagsphilosophischer Witz und ein Trotz gegenüber den Zumutungen des Lebens bei; hinter der einfachen Handlung stehen Reflexionen über Natur, Tod und das Verhältnis der Generationen.


Rezeption↑

Für ihr literarisches Werk erhielt Tove Jansson mehrere Dutzend Preise in aller Welt. 1966 wurde sie für ihre Mumin-Bücher mit dem Hans-Christian-Andersen-Preis für Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Weitere Ehrungen waren unter anderem die Nils-Holgersson-Plakette (1953), die Elsa-Beskow-Plakette (1958) für Winter im Mumintal sowie 1972 der Finnland-Preis der Schwedischen Akademie. Obwohl Jansson sich selbst vor allem als Malerin verstand, ist das Interesse an ihrem schriftstellerischen und zeichnerischen Werk heute weitaus größer als das an ihren Gemälden. Wieland Freund bezeichnete sie als „eine eher mittelmäßige Malerin“, dafür aber eine „geniale Zeichnerin mit einem vollkommenen Strich“. Auch die Kuratorin Sointu Fritze stellte fest, dass Jansson das Zeichnen stets leicht von der Hand gegangen sei, sie beim Malen dagegen nie ihren eigenen Stil gefunden habe.

Die Mumins zählen heute weltweit zu den bekanntesten Schöpfungen der finnischen Kultur. Zahlreiche Ausstellungen widmeten sich ihrem Werk, darunter 2014 eine Jubiläumsausstellung im Ateneum in Helsinki, die anschließend in Japan gezeigt wurde, sowie 2017/2018 eine Retrospektive in der Dulwich Picture Gallery in London. In Finnland wurde sie mit mehreren Gedenkmünzen und Briefmarken geehrt; 2014 benannte Helsinki einen Park nach ihr, und seit 2020 empfiehlt die finnische Regierung, ihren Geburtstag am 9. August als Flaggentag zu begehen. Ihr Leben wurde auch künstlerisch aufgegriffen: 2017 kam am Svenska Teatern in Helsinki das Theaterstück TOVE von Lucas Svensson zur Aufführung, 2020 folgte die Filmbiografie Tove der Regisseurin Zaida Bergroth. 2024 wurde Das Sommerbuch in einer internationalen Produktion mit Glenn Close verfilmt.

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