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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Ernst Jandl
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Porträt Ernst Jandl
Ernst Jandl
1925 – 2000
– Autorenporträt –

Ernst Jandl

1925 – 2000 · 74 Jahre

Österreichischer Dichter, der die Sprache selbst zum Material machte: Lautgedichte wie „schtzngrmm“ und Sprachspiele wie „ottos mops“ machten ihn bekannt – Anerkennung und Ehrungen folgten erst spät.

Kurzbiografie↑

Ernst Jandl war ein österreichischer Dichter, der die Sprache selbst zum Material seiner Kunst machte. Bekannt wurde er durch experimentelle Lyrik in der Tradition der Konkreten Poesie, durch visuelle Poesie und durch Lautgedichte wie schtzngrmm, die erst im Vortrag ihre ganze Wirkung entfalten. Sein Werk reicht von politischen Gedichten wie wien: heldenplatz bis zu heiteren Sprachspielen wie ottos mops. Seine frühen Veröffentlichungen galten als kulturelle Provokation und lösten mehrfach Eklats aus; lange fand sich kein Verlag für seine Lyrik. Erst spät folgten Anerkennung und zahlreiche Ehrungen in Österreich und im gesamten deutschen Sprachraum. Im Hauptberuf war Jandl bis 1979 Lehrer.


Biografie↑

Geboren wurde Ernst Jandl am 1. August 1925 in Wien. Er war der älteste Sohn des Bankangestellten Viktor Jandl (1894–1973) und der ausgebildeten Lehrerin Luise Jandl, geborene Rappel (1902–1940). Zwei jüngere Brüder wuchsen mit ihm auf: Robert (1929–1993) wurde Architekt, Hermann (1932–2017) arbeitete als Lehrer und machte sich ebenfalls als Schriftsteller einen Namen. Aus der zweiten Ehe des Vaters stammen zwei Stiefgeschwister.

Beide Eltern waren künstlerisch interessiert. Der Vater zeigte als Bankbeamter wenig beruflichen Ehrgeiz und stieg bis zur Pensionierung nicht auf; seine Leidenschaft galt der Malerei, die er als Autodidakt betrieb. Erst 1971 kamen seine Aquarelle und Zeichnungen durch den Einfluss des Sohnes zu einer Ausstellung. Die Mutter hatte nach der Geburt Ernsts nie als Lehrerin gearbeitet. 1934 erkrankte sie schwer an Myasthenia gravis und begann von diesem Zeitpunkt an zu schreiben: Gedichte und Prosatexte, die zum Teil veröffentlicht wurden. Unter ihrem Einfluss entdeckte der Sohn mit rund neun Jahren die Schriftstellerei. Besonders beeindruckten ihn die Reaktionen, die man mit Geschriebenem auslösen kann. Bald stand für ihn fest, dass er Schriftsteller werden wollte. Da ihm das als Lebensunterhalt nicht geeignet schien, strebte er wie die Mutter den Lehrerberuf an. Mit zwölf Jahren erschien sein erstes Gedicht unter dem Titel Hochwasser im Neuigkeits-Welt-Blatt vom 19. September 1937.

Mit der Mutter kam es zu Konflikten, weil sie sich immer stärker der Religion zuwandte. Der Vater ließ den Heranwachsenden weitgehend gewähren. Die moralische Strenge der gläubigen Katholikin nahm dagegen durch ihre Krankheit zu. Der Sohn sah die Widersprüche in ihrem Glauben scharf und lehnte sich gegen ihre Erziehung auf. Am 6. April 1940 starb die Mutter. Laut Klaus Siblewski hatte dieses Ereignis großen Einfluss auf Jandls Werk. Er griff es immer wieder auf, etwa im Gedicht mutters früher tod von 1984. Mit diesem Gedicht schließt seine erste Werkausgabe von 1985. Der Tod brachte dem Heranwachsenden auch neue Freiheiten: Er konnte nun jene Literatur lesen, die die Mutter zuvor als nicht einwandfrei aussortiert hatte. Sein „lyrischer Proviant“ wurden Gedichte von August Stramm, Wilhelm Klemm und Johannes R. Becher.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde das katholische Schottengymnasium geschlossen. Jandl besuchte darauf bis zur Matura 1943 das Gymnasium Kundmanngasse in Wien. In seiner gemischten Sozialstruktur fand er Gleichgesinnte, die wie er gegen den Nationalsozialismus opponierten. Der Hitlerjugend entzog er sich mit der Begründung, sie „interessiere“ ihn nicht. Er lernte den Jazz kennen und die von den Machthabern als „Entartete Kunst“ diffamierte moderne Kunst. Anfang 1942 hatte der Sechzehnjährige eine Beziehung mit einer Wirtschafterin. Sie wurde schwanger. Er bekannte sich zur Vaterschaft des im September 1942 geborenen Kindes und wiederholte dieses Bekenntnis auch nach dem Krieg. Das Ereignis, in seinen Augen eine „Katastrophe“, belastete seine späteren Beziehungen zu Frauen. 1944 begann er während der Militärzeit eine Erzählung namens Gertrude. Ein Bekenntnis; noch Jahrzehnte später kam er im Gedicht skizze 1942 auf die Begebenheit zurück.

Nach dem Schulabschluss wurde Jandl für drei Monate zum Arbeitsdienst bei der Flussregulierung in St. Pölten abkommandiert. Er war jeder körperlichen Arbeit abgeneigt und kommentierte später: „Ein nützlicher Arbeiter werde ich wohl nicht gewesen sein.“ Im August 1943 zog man ihn zum Militär ein, wo er vor allem den Einsatz an der Front hinauszuzögern suchte. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler erhielt er den Marschbefehl an die Westfront. Gemeinsam mit Kameraden lief er zu den amerikanischen Truppen über. Interniert wurde er im englischen Kriegsgefangenenlager in Stockbridge. Dort arbeitete er als Dolmetscher, erweiterte seine Englischkenntnisse und kam erstmals mit englischsprachigen Autoren in Berührung, die ihn stark beeinflussten: Ernest Hemingway und Gertrude Stein. 1946 wurde Jandl aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte nach Wien zu seiner Familie zurück. Die Auseinandersetzung mit dem Krieg hinterließ starke Spuren in seinem Werk und brachte Gedichte wie schtzngrmm, vater komm erzähl vom krieg und wien: heldenplatz hervor.

Noch im selben Jahr nahm Jandl an der Universität Wien ein Studium der Germanistik und Anglistik auf. 1947 lernte er dort die Mitstudentin Roswitha Birthi kennen und verlobte sich mit ihr. Er löste die Verlobung wieder, entschied sich dann aber doch für die Ehe. Im Juni 1949 schloss er sein Studium mit der Lehramtsprüfung ab, am 1. August desselben Jahres heirateten beide. Jandl zog in die Wohnung seiner Frau in der Favoritenstraße, die diese mit ihrer Mutter bewohnte. 1949 begann seine Tätigkeit im Wiener Schuldienst; sein Probejahr leistete er am Gymnasium Stubenbastei ab. Bis zum Sommer 1950 verfasste er daneben seine Dissertation über die Novellen Arthur Schnitzlers. Im September 1950 fand er seine erste Anstellung als Mittelschullehrer am Wiener Bundesrealgymnasium 2 Zirkusgasse. Am 21. Dezember 1950 wurde er zum Dr. phil. promoviert. 1951 trat der Gymnasialprofessor der Sozialistischen Partei Österreichs bei.

Privat und beruflich in geordneten Verhältnissen, wandte sich Jandl ab 1951 verstärkt dem Schreiben zu. Neben dem Werk Gertrude Steins beeindruckten ihn die Gedichte von E. E. Cummings und Gerard Manley Hopkins; deren Radikalität erreichte er in eigenen Werken noch nicht. Klaus Siblewski sah die frühen Gedichte „in einer metaphernhaltigen Gedankenlyrik befangen“. 1952 gelang Jandl unter dem Eindruck der Gedichte von Jacques Prévert der Durchbruch zu realistischen Gedichten und ein erster Schaffenshöhepunkt. Er lernte Andreas Okopenko kennen, den Lektor der an Schulen verteilten Zeitschrift neue wege. In Okopenkos eigener Literaturzeitschrift publikationen erschien im September 1952 Da kommen sie gelaufen. Weitere Gedichte wurden in neue wege und in H. C. Artmanns Broschüre alpha gedruckt; auch konservativere Literaturschaffende wie Rudolf Felmayer und Hans Weigel nahmen ihn in Anthologien auf.

Um 1953 arbeitete das Ehepaar in England. Roswitha Jandl unterrichtete als Lehrerin in Cambridge, Ernst arbeitete als German Assistant an der East Barnet Grammar School in London. Seine literarische Produktivität nahm gegenüber dem ergiebigen Vorjahr ab. Doch er lernte den Lyrikerkollegen Erich Fried kennen. Bis dahin hatte Jandl die Schriftstellerei nur als Nebentätigkeit betrachtet. Fried führte ihn zu einer kompromissloseren Haltung gegenüber der Literatur. Er inspirierte ihn auch zu einem anderen Umgang mit der Sprache: Sie sei nicht länger bloß Transportmittel für den Inhalt, sondern selbst Arbeitsstoff. Programmatisch wurde für ihn das in London begonnene Gedicht Zeichen. Er beendete es erst 1955.

Bis 1979 unterrichtete Jandl, zeitweise beurlaubt, an Wiener Gymnasien. Bei den Jugendkulturwochen in Innsbruck begegnete er erstmals Friederike Mayröcker, ebenfalls eine Lehrerin aus Wien, die als junge Autorin bereits bekannt und geachtet war. Jandl hatte schon zuvor gefragt, ob seine bürgerliche Ehe mit seinem Drang zur Literatur vereinbar sei. In Mayröcker fand er die enge geistige Verbindung zu einer gleichgesinnten Schriftstellerin. Beide ließen sich von ihren Ehepartnern scheiden. Doch auch ihr Zusammenleben war nicht ohne Komplikationen: Jandl brauchte für seine Arbeit eine geregelte Lebensweise, die er in Mayröckers Wohnung nicht fand. Er zog bald wieder aus, und beide fanden jene Form des getrennten Zusammenlebens, die als Provisorium geplant war und zur Konstante ihres gemeinsamen Lebens wurde.

Auch als Autoren unterschieden sich die beiden stark. Jandl legte Wert auf Ordnung und formalen Aufbau seiner Gedichte, Mayröcker schrieb in freien Versen, stark assoziativ und von Verweisen geprägt. Dem hohen Ton ihrer Lyrik standen seine sprachlich eher einfach gehaltenen Gedichte gegenüber. Dennoch wurden beide zu „literarischen Verbündeten“; Jandl schätzte Mayröckers Rat und sprach stets mit großer Bewunderung von ihrem Werk. Gemeinsame Arbeiten blieben rar. 1957 entstand ein Versuch namens gemeinschaftsarbeit, der ohne Fortsetzung blieb. In der zweiten Hälfte der 1960er Jahre schrieben Mayröcker und Jandl einige Hörspiele gemeinsam; Fünf Mann Menschen (1968) gilt als wichtiges Beispiel des Neuen Hörspiels. Ab 1970 zog sich Jandl aus diesem Genre zurück, während Mayröcker weiterhin zahlreiche Hörspiele verfasste.

Über Mayröcker fand Jandl Kontakt zum Literatenkreis der Wiener Gruppe, besonders zu H. C. Artmann und Gerhard Rühm. Er teilte deren Kritik an der österreichischen Nachkriegsliteratur, die nicht deutlich genug mit alten Traditionen brach. Ein Gedicht, das seinen Autor nicht wegen seiner Form ins KZ gebracht haben würde, besitze für ihn keinen Wert, formulierte er selbst. Dennoch blieb er auch in der Gruppe ein Außenseiter und beteiligte sich nicht an Gemeinschaftsproduktionen. Schon durch Sakko und Krawatte hob er sich von den Bohemiens der Gruppe ab. Laut Artmann fehlte es Jandl an Humor, und seine politischen Themen verletzten die ästhetischen Prinzipien der Gruppe. Sein erster Gedichtband Andere Augen, 1956 veröffentlicht, erschien zu bieder und stieß auch außerhalb der Gruppe auf keine Resonanz. Jandl, der sich zuvor mit großem Einsatz an den Planungen beteiligt hatte, kommentierte: „beim berglandverlag hatte ich mein erstes Buch verlegt und futsch wars.“

Das Jahr 1956 markierte für sein Werk aber auch einen Wendepunkt. Mit der prosa aus der flüstergalerie fand er zu einer neuen Schreibmethode, die er als „erste mir gelungen erscheinende Assimilation von Techniken des Jahrhundertgenies Gertrude Stein“ bezeichnete. Erstmals erreichten seine Gedichte die Höhe des eigenen radikalen Anspruchs. Nach der stockenden Produktion der Vorjahre folgte im Frühjahr 1957 eine regelrechte „Schreibexplosion“ experimenteller Lyrik, darunter die sogenannten Sprechgedichte wie schtzngrmm. Die Veröffentlichung von sechs Sprechgedichten in der Maiausgabe 1957 von neue wege führte laut Klaus Siblewski zu einem Entrüstungssturm, wie ihn kein anderer Autor in Jandls Alter auch nur in Ansätzen auslösen und über sich ergehen lassen musste. Seine Lyrik wurde als „kulturelle Provokation sondergleichen“ empfunden, verstärkt noch dadurch, dass er im Brotberuf als Deutschlehrer arbeitete. Man schmähte ihn als „Verderber der Jugend“. Der Eklat gipfelte in der Entlassung des verantwortlichen Redakteurs von neue wege, Friedrich Polakovics.

1966 erschien im Walter-Verlag der Gedichtband Laut und Luise. Später verband Jandl seine Dichtung mit Musik. Ein Programm unter demselben Titel erarbeitete er mit dem Jazzmusiker Dieter Glawischnig und der NDR-Bigband. Eine weitere Zusammenarbeit kam mit dem Bläser Manfred Schoof zustande. Die Schallplatte bist eulen? spielte Jandl mit dem Vienna Art Orchestra, dessen Leiter Mathias Rüegg und der Sängerin Lauren Newton ein. 1985 wurde sie mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Im Spätsommer 1991 entstanden während eines Urlaubs zahlreiche sogenannte stanzen. Der Bruch seines Knöchels hielt ihn ruhig. Diese Gedichte im Dialekt beruhten auf Gstanzln, gesungenen volkstümlichen Vierzeilern. Jandl hatte sie in seiner Kindheit in Niederösterreich kennengelernt. Weitere stanzen erschienen 1996 im Band peter und die kuh. Dieser Band stand erneut unter dem Thema Kindheit. In ihn flossen aber auch Alltagserfahrungen über Krankheiten und das Alter sowie Überlegungen zum Schreiben von Gedichten ein.

Am 9. Juni 2000 starb Ernst Jandl in Wien. Er hatte schon länger an einer Verengung der Aorta gelitten, musste Anstrengungen wie Treppensteigen meiden und war auf den Rollstuhl angewiesen. Sein Begräbnis entsprach dem katholischen Ritual. Beigesetzt wurde er in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof. Die Todesanzeige zitierte das Gedicht zwei erscheinungen aus dem Gedichtband idyllen.


Literarische Merkmale↑

Schwer einzuordnen fand Jandl sich selbst. Bereits 1964 erklärte er, auf die Frage nach seiner poetischen Richtung könne er nicht antworten, „es sei denn, man nimmt nach Belieben ‚zu keiner‘ oder ‚zu meiner‘ als eine Antwort.“ Volker Kaukoreit und Kristina Pfoser verweisen darauf, dass in seinem Werk stets realistische Gedichte in Alltagssprache neben experimenteller Lyrik standen. Die eine Art des Dichtens wurde nie gegen die andere ausgespielt. Chronologisch zeigt sich dennoch eine allmähliche Abkehr von den abstrakten Experimenten der Jahre 1956/57 bis zum Beginn der 1960er Jahre. Sie führt zu einer stärker autobiografischen Ausrichtung. Diese mündet in der Alterslyrik ab dem Band idyllen (1989). Zur Konstante wurde laut Klaus Siblewski die Suche nach immer neuen Möglichkeiten des Ausdrucks. Auf eine neue Idee folgte zumeist eine Phase starker, inspirierter Produktion. Die Tragfähigkeit der Einfälle ließ auf längere Sicht jedoch nach.

Jandl gilt als bekanntester Vertreter der Konkreten Poesie. Laut Peter Pabisch ist er auch deren konsequentester Vertreter. Karl Riha verweist auf die Verwandtschaft zur Wiener Gruppe um H. C. Artmann und Gerhard Rühm. Jandl beschrieb diese Nähe selbst in seinem Gedicht verwandte. Seine Experimente blieben nicht auf sich selbst beschränkt. Oft schlugen sie den Bogen von experimenteller zu traditioneller Lyrik. Gerade dadurch brachen sie die gewohnte Sichtweise auf. Jandl erklärte dazu: „Meine Experimente nehmen oft Züge der traditionellen Lyrik auf, was durch die gleichzeitige Konfrontation von bekannten mit unbekannten Elementen stärkere Reaktionen hervorrief, als es bei Texten ohne diese Spannung der Fall war“.

Laut Karl Riha ist Jandls Werk stark von seinem Sinn für Typografie geprägt. Das Druckbild seiner Gedichte gehorcht durchweg einer grafischen Komposition. In diesem Sinne ist auch die Kleinschreibung ein optisches Gestaltungsmittel, die er fast durchgängig anwendet. Er führte sie auf eine Anregung Artmanns und Rühms zurück. Zur Begründung schrieb er, dass durch sie „die Großbuchstaben, vom dienst an einer bloßen konvention befreit, für neue aufgaben verfügbar wurden, vor allem für die hervorhebung einzelner wörter.“ Auch die Interpunktion fehlt häufig oder wird nur gezielt eingesetzt. Anne Uhrmacher erklärte dies mit erweiterten Interpretationsspielräumen für den Leser. Sie verwies dabei auf Jandls Vorbild Gertrude Stein. Die fehlende Hilfestellung der Satzzeichen fördere die Selbständigkeit des Lesers beim Verarbeiten der Wortfolgen.

Typisch für Jandls Umgang mit der Sprache sind Veränderungen bei Wortbildung und Grammatik. Nach seinen eigenen Worten sind „am Wort die größten Veränderungen erzeugbar: Entstellungen, Mißbildungen, andere Wörter“. Erreicht werden sie durch „Umformung, Amputation, Transplantation“. Der Reiz des Gedichtes wien: heldenplatz entstehe aus der „Spannung zwischen dem beschädigten Wort und der unverletzten Syntax“. Die Neologismen entstehen laut Uhrmacher durch „die Methode der Konversion oder Kombination bekannter Morpheme mit unbekannten, assoziationstragenden Wortbausteinen.“ Eine verletzte Syntax zeigt sich dagegen in der „heruntergekommenen Sprache“ der Werke der späten 1970er Jahre, etwa im Theaterstück die humanisten. Die Sprache ist dort übersät von Fehlern und bricht immer wieder die Regeln der Grammatik. Jandl bescheinigte sich selbst „antigrammatische (d.h. in diesem Fall auch: anarchistische) Tendenzen“. Häufig hält er die gesprochene Sprache schriftlich fest, etwa im Dialekt der späten stanzen. Ebenso begibt er sich auf die Ebene der Kindersprache oder vermischt unterschiedliche Sprachen zu einem mehrsprachigen Kauderwelsch. Mit dem Gedicht oberflächenübersetzung (1964) hat er die homophone Übersetzung im deutschsprachigen Raum als eigene Kunstform etabliert. Diese überträgt nicht den Sinn, sondern die lautliche Struktur eines Ausgangstextes in die Zielsprache.


Rezeption↑

Anfeindung stand am Beginn. Jandls erste Veröffentlichungen wurden als kulturelle Provokation empfunden und führten mehrfach zu Eklats; lange fand sich kein Verlag für seine experimentelle Lyrik. Ab Mitte der 1960er Jahre stellten sich erste schriftstellerische Erfolge ein. Die Anerkennung als einer der bedeutendsten Lyriker seiner Zeit und zahlreiche Ehrungen in Österreich und im gesamten deutschen Sprachraum kamen aber erst spät. Zu seiner Popularität trugen die Lesungen bei, die auf zahlreichen Schallplatten veröffentlicht wurden, sowie die Zusammenarbeit mit Jazz-Musikern.

Ab den späten 1970er Jahren erreichte Jandl eine Welle öffentlicher Ehrungen, vom Österreichischen Würdigungspreis und dem Georg-Büchner-Preis bis zum großen Österreichischen Staatspreis. Nach Ehrungen der Stadt Wien und des Landes Steiermark folgte 1996 das Große Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich. Er wurde Mitglied der Akademie der Künste in Berlin (seit 1970), des Forums Stadtpark Graz, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt (seit 1981) und des Österreichischen Kunstsenats (seit 1984). Fünfundzwanzig Jahre nachdem man ihn für seine experimentelle Lyrik angefeindet hatte, zählte er laut Klaus Siblewski zu den „wichtigsten und anerkanntesten Autoren im deutschen Sprachraum“. 1984/85 hielt er die Frankfurter Poetik-Vorlesungen. 1981 fand in Wien das erste Ernst-Jandl-Symposium statt; 1995, zu seinem siebzigsten Geburtstag, folgte ein zweites mehrtägiges Symposium in Mürzzuschlag, 1996 eine internationale Tagung in Udine.

Zu Jandls 70. Geburtstag urteilte Jörg Drews, Jandl sei der einzige „Experimentelle“ unter den Dichtern, der wirklich populär wurde. Als Klassiker habe er den Sprung in die Lesebücher geschafft. Der Kanon im Deutschunterricht beschränkt sich laut einer Untersuchung Hermann Kortes allerdings auf eine Handvoll Gedichte, vor allem aus den 1960er und frühen 1970er Jahren. Das spätere Werk fand kaum Eingang in den Unterricht. Kanonische Bedeutung in der Sekundarstufe I haben insbesondere ottos mops, auf dem land und lichtung. In den 1970er Jahren war das Kriegsgedicht schtzngrmm stark vertreten. Nach Kortes Meinung wird Jandl durch diese Auswahl tendenziell verharmlost und auf das Klischee des „Sprachclowns“ festgelegt.

Jandl selbst beschrieb den Zweck seiner Lautgedichte damit, „zum Mitspiel aufzufordern, also den Leser anzuregen, sich selbst mit Sprache in dieser Weise einmal zu beschäftigen.“ Besonders Kinder animierte er auf seinen Lesungen zum Mitmachen. Von ihnen erhielt er zahlreiche Nachahmungen seiner Gedichte zugeschickt. Verschiedene Abwandlungen von ottos mops mit Titeln wie Hannas Gans, Kurts Uhu oder Ruths Kuh veröffentlichte er in Ein bestes Gedicht. Dazu bemerkte er, die Kinder machten das Gedicht gar nicht nach, sondern hätten nur entdeckt, wie man so ein Gedicht machen kann, und dann werde ihr eigenes daraus. Für das Sprachspiel nach dem Vorbild des Dichters verbreitete sich der Begriff „jandln“. Anne Uhrmacher sieht in dieser Umformung seines Namens eine Bestätigung, „wie einzigartig die sprachliche Innovation des Autors ist.“

Nach Jandl wurde 2003 in Wien-Donaustadt der Ernst-Jandl-Weg benannt. 2005 wurde in Wien-Wieden der Schlüsselpark in Ernst-Jandl-Park umbenannt. Seit 2001 verleiht das österreichische Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur alle zwei Jahre den Ernst-Jandl-Preis. Sein Nachlass befindet sich im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek.

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