429 v. Chr.
König Ödipus
Überblick↑
Das Drama König Ödipus, auch Ödipus der Tyrann genannt, ist die Bearbeitung des Ödipus-Mythos durch Sophokles. Es entstand vermutlich zwischen 429 und 425 v. Chr. und bildet den zweiten Teil der thebanischen Trilogie, zu der auch Antigone und Ödipus auf Kolonos gehören. Das Stück erzählt, wie ein mächtiger König seine eigene Herkunft aufdeckt und dabei erkennen muss, dass er selbst das Unheil verschuldet hat. Schon in der Antike genoss es höchste Wertschätzung. Aristoteles erklärte es in seiner Poetik zum Musterfall der Tragödie. Bis heute zählt es zu den herausragenden Werken der Weltliteratur, weil es zeigt, wie wenig der Mensch sein Schicksal voraussehen kann.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Zu Beginn liegt die Stadt Theben unter einer verheerenden Seuche. Ein alter Priester und eine Schar junger Menschen wenden sich an König Ödipus und flehen um Rettung. Er hat die Stadt einst von der Sphinx befreit, indem er ihr Rätsel löste, und dafür den Thron sowie Iokaste, die Witwe des früheren Königs Laios, zur Frau erhalten. Nun sehen die Bürger wieder in ihm den einzigen Helfer.
Ödipus hat bereits gehandelt: Er hat seinen Schwager Kreon zum Orakel nach Delphi geschickt. Dessen Antwort verlangt, dass ein alter, ungesühnter Mord gerächt werde – die Tötung des früheren Königs Laios. Erst dann werde die Pest weichen. Voller Tatkraft schwört Ödipus, den Schuldigen zu finden, und leitet eine Untersuchung ein. Er ruft den blinden Seher Teiresias herbei, der die Wahrheit kennen soll.
Doch die Nachforschung nimmt einen Verlauf, den der König nicht erwartet. Alte Erinnerungen melden sich, erste Zweifel steigen auf, und je entschlossener Ödipus die Wahrheit sucht, desto bedrohlicher rückt sie an ihn heran. Das Drama entfaltet sich als ein unerbittliches Fragen, bei dem jede Antwort neue Fragen aufwirft.
Die Handlung im Detail↑
Der Tragödie geht eine lange Vorgeschichte voraus. König Laios von Theben hatte einst die Gastfreundschaft des Königs Pelops missbraucht, weil er dessen Sohn Chrysippos entführen wollte. Das Orakel von Delphi sagte Laios daraufhin voraus, ein eigener Sohn werde ihn töten und dessen Mutter heiraten. Als Iokaste einen Sohn gebar, ließ Laios dem Neugeborenen die Füße durchstechen und zusammenbinden. Ein Hirte sollte das Kind im Gebirge aussetzen.
Der Hirte aber hatte Mitleid und gab das Kind einem befreundeten Hirten aus Korinth. So gelangte es zum Königspaar Polybos und Merope, das den Jungen adoptierte und ihn nach seinen geschwollenen Füßen Ödipus, „Schwellfuß", nannte. Ödipus wuchs in Korinth auf, ohne von seiner Herkunft zu wissen. Als ein Betrunkener auf einem Fest andeutete, er sei nicht der leibliche Sohn seiner Eltern, befragte er selbst das Orakel. Dieses verkündete ihm, er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten. Entsetzt verließ Ödipus Korinth, um diese Prophezeiung an Polybos und Merope zu verhindern.
An einer engen Weggabelung im Gebirge geriet er mit dem Fahrer eines Wagens in Streit und erschlug den Passagier – ohne zu ahnen, dass dies sein leiblicher Vater Laios war. Vor den Toren Thebens traf er auf die Sphinx, ein Ungeheuer, das jeden Reisenden verschlang, der ihr Rätsel nicht lösen konnte. Es fragte nach dem Wesen, das am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Füßen geht. Ödipus erkannte die Antwort: den Menschen, der als Kind kriecht, als Erwachsener aufrecht geht und im Alter den Stock zu Hilfe nimmt. Die Sphinx stürzte sich vom Felsen, und Ödipus wurde zum Dank König von Theben. Er heiratete Iokaste, ohne zu wissen, dass sie seine Mutter war, und zeugte mit ihr die Söhne Eteokles und Polyneikes sowie die Töchter Antigone und Ismene.
Hier setzt die eigentliche Dramenhandlung ein. Der Priester schildert Ödipus das Leid der pestkranken Stadt. Kreon kehrt aus Delphi zurück und berichtet vom Orakelspruch: Auf Theben laste die ungesühnte Blutschuld am Mord des Laios. Ödipus verspricht rasche Aufklärung – auch aus Eigennutz, denn der Mörder könnte es ebenso auf ihn abgesehen haben. Er ruft die Bürger auf, ihr Wissen preiszugeben, und droht dem Täter mit Ächtung und Verbannung.
Auf Rat des Chorführers lässt Ödipus den blinden Seher Teiresias holen. Dieser bedauert sein Kommen und will schweigen. Erst als Ödipus ihn verdächtigt, selbst an der Tat beteiligt zu sein, wird Teiresias zornig und beschuldigt den König: Ödipus selbst sei es, der die Stadt beflecke. Er deutet zudem Blutschande an und weissagt, Ödipus werde bald blind sein. Der König glaubt ihm nicht und wittert eine Verschwörung zwischen Kreon und dem Seher. Doch die Erinnerung an den Vorfall an der Weggabelung weckt erste Zweifel.
Als ein Bote aus Korinth eintrifft, meldet er den Tod des Polybos. Er will Ödipus damit beruhigen, verrät ihm aber, dass Polybos und Merope nicht seine leiblichen Eltern waren – der Bote selbst habe ihn einst als Kind von einem Knecht des Laios erhalten. Iokaste erkennt die furchtbare Wahrheit als Erste und flieht ins Haus. Die Gegenüberstellung mit jenem Hirten, der das Kind einst weitergab, bringt Gewissheit: Die Narben an Ödipus' durchstochenen Füßen verraten ihn. Ödipus ist der Sohn von Laios und Iokaste – der Mörder seines Vaters und der Gatte seiner Mutter.
Ödipus stürzt entsetzt ins Haus und findet Iokaste erhängt. Mit ihren goldenen Spangen blendet er sich selbst. Er wünscht nun nichts sehnlicher als den Tod, muss sich aber damit abfinden, dass die Entscheidung darüber bei den Göttern liegt. Seine Kinder übergibt er Kreon, der die Herrschaft über Theben übernimmt.
Stil↑
Das Werk gilt als Musterbeispiel für den geschlossenen Bau der griechischen Tragödie. Die eigentliche Handlung setzt ein, als alles Entscheidende längst geschehen ist. Nicht das Vorwärtstreiben einer Tat bestimmt den Ablauf, sondern das Aufdecken der Vergangenheit. In mehreren Stufen fördert Ödipus zutage, was vor Jahren geschah, und wird so vom Ankläger zum Überführten. Diese Umkehrung verleiht dem Stück seine Spannung, obwohl der Zuschauer den Ausgang längst ahnt.
Aristoteles hob gerade diese Handlungsführung hervor. In dem Werk sah er das Umschlagen von Glück in Unglück, die Peripetie, und den Weg von der Verblendung zur Selbsterkenntnis, die Anagnorisis, beispielhaft verwirklicht.
Getragen wird das Ganze vom Wechsel aus Rede und Gegenrede. Die Auseinandersetzungen zwischen Ödipus und Teiresias oder zwischen Ödipus und Kreon steigern sich vom Verdacht zur offenen Beschuldigung. Dazwischen tritt der Chor, der die Zuschauer anregend und belehrend durch das Geschehen führt, Zwischenszenen singt, auf Rätsel und Hinweise aufmerksam macht und die Götter preist, die das Schicksal längst bestimmt haben. Der Chorführer greift das Gesagte immer wieder auf, stellt es in Frage und dient als geschätzter Ratgeber, der zwischen den Fronten vermittelt.
Rezeption↑
Bereits in der griechischen Antike erfuhr die Bearbeitung des Sophokles höchste Wertschätzung. Im 4. Jahrhundert v. Chr. erklärte Aristoteles in seiner Poetik das Drama zum Musterfall der Tragödie – vor allem wegen der Handlungsführung, des Umschlagens von Glück in Unglück und des Übergangs von Verblendung zu Selbsterkenntnis.
Der Ödipus-Stoff wurde vor und nach Sophokles von zahlreichen Dramatikern aufgegriffen, unter ihnen Aischylos, Euripides, Xenokles, Meletos und Seneca. Aus der Antike blieben allerdings nur die Fassung des Sophokles und jene des Seneca erhalten. In späteren Jahrhunderten nahmen sich weitere Autoren des Themas an, so übertrug Friedrich Hölderlin die Tragödie ins Deutsche.
Auch im 20. Jahrhundert blieb das Werk lebendig. Es wurde für die Bühne immer wieder neu inszeniert und mehrfach verfilmt, etwa 1967 durch Pier Paolo Pasolini.
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