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Porträt Erich Fried
Erich Fried
1921 – 1988
– Autorenporträt –

Erich Fried

1921 – 1988 · 67 Jahre

Einer der wichtigsten politischen Lyriker der deutschen Nachkriegszeit – aus Wien vor den Nazis nach London geflohen, streitbarer Zeitkritiker und Shakespeare-Übersetzer, der mit seinen „Liebesgedichten“ ein breites Publikum fand.

Kurzporträt

Als einer der Hauptvertreter der politischen Lyrik deutscher Sprache in der Nachkriegszeit prägte Erich Fried das literarische Leben der Bundesrepublik über Jahrzehnte. Der 1921 in Wien geborene Dichter floh 1938 vor den Nationalsozialisten nach London, wo er bis zu seinem Tod 1988 lebte. Er schrieb streitbare, oft umstrittene Gedichte über den Vietnamkrieg, die Politik Israels und die Verhältnisse seiner Zeit. Zugleich war er ein gefragter Übersetzer, der zahlreiche Stücke William Shakespeares neu ins Deutsche übertrug. Mit seinen Liebesgedichten von 1979 erreichte er schließlich ein breites Publikum.


Biografie

Geboren wurde Erich Fried am 6. Mai 1921 in Wien, als einziges Kind einer jüdischen Familie. Der Vater Hugo war Spediteur, die Mutter Nellie Grafikerin. Schon als Fünfjähriger trat er mit einer Kinderschauspielgruppe auf Wiener Bühnen auf. Er besuchte zunächst die Volksschule im Alsergrund, ab 1931 das Bundesgymnasium in der Wasagasse.

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland 1938 musste er die Schule vor dem offiziellen Abschluss verlassen. Im April 1938 wurden seine Eltern verhaftet. Der Vater starb am 24. Mai 1938 an den Folgen der Folter bei einem Verhör durch die Gestapo. Fried floh daraufhin im Sommer 1938 über Belgien nach London, wo er bis zu seinem Lebensende wohnte. Dort gründete er die Selbsthilfegruppe Emigrantenjugend, der es gelang, viele Gefährdete nach England zu holen, darunter auch seine Mutter. Er gehörte dem Freien Deutschen Kulturbund, der Jugendorganisation Young Austria und dem Kommunistischen Jugendverband Österreichs an, aus dem er 1943 wegen der zunehmenden stalinistischen Tendenzen austrat. Während des Krieges hielt er sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, unter anderem als Bibliothekar sowie als Molkerei- und Fabrikarbeiter.

In London lernte er zahlreiche deutschsprachige Exilautoren kennen, unter ihnen Elias Canetti, H. G. Adler und Hilde Spiel. Von 1947 bis zum Tod von Franz Baermann Steiner 1952 bildete er mit weiteren Dichtern einen Kreis exilierter deutschsprachiger Autoren. 1944 erschien in London sein erster Gedichtband, die antifaschistische Sammlung Deutschland, 1945 folgte in Zürich Österreich. In diesen gereimten Gedichten befasste er sich mit dem Krieg, dem Verlust der Heimat und der Frage, wie nach dem Krieg ein Weiterleben mit den Deutschen möglich sei. 1949 wurde er britischer Staatsbürger. Im Winter 1950 lernte er über Canetti die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann kennen.

Nach 1945 arbeitete Fried für neu gegründete Zeitschriften. Von 1950 an war er beim German Service der BBC tätig, ab 1952 fest angestellt als politischer Kommentator. Für Hörerinnen und Hörer in der DDR kommentierte er das kulturpolitische Geschehen hinter dem „Eisernen Vorhang“. Vom Stalinismus enttäuscht, hielt er dennoch an der Vorstellung fest, der Kommunismus könne den Kapitalismus überwinden. Seine kritische Haltung gegenüber der DDR trug ihm dort bis Ende der 1980er Jahre Einreise- und Auftrittsverbote ein.

Als Übersetzer war Fried schon seit den frühen 1940er Jahren tätig. Größere Aufmerksamkeit erlangte er 1954, als er im Auftrag der BBC Under Milk Wood von Dylan Thomas übertrug. Einen Namen machte er sich vor allem mit der Übertragung von 27 Stücken William Shakespeares: Seine Übersetzung von Ein Sommernachtstraum wurde 1963 in der Inszenierung durch Peter Zadek am Theater in Bremen zum Erfolg. 1960 erschien mit Ein Soldat und ein Mädchen sein einziger Roman, ein radikaler Beitrag zur Frage nach Schuld und Verantwortung für die nationalsozialistischen Verbrechen.

Im April 1962 besuchte Fried erstmals nach seiner Flucht wieder offiziell Österreich. 1963 wurde er Mitglied der Gruppe 47, deren Treffen er bis zur Auflösung 1967 besuchte. 1968 gab er seine Arbeit bei der BBC auf und lebte fortan als freier Schriftsteller. Auf ausgedehnten Reisen trug er seine Gedichte auf großen politischen Veranstaltungen vor, häufig im Rahmen der 68er-Bewegung. 1968 nahm er als Redner am Vietnamkongress in Berlin teil und führte gemeinsam mit dem befreundeten Rudi Dutschke und Peter Weiss die Abschlussdemonstration an.

Seine politische Lyrik machte ihn zugleich geehrt und umstritten. 1977 erhielt er einen Lehrauftrag an der Universität Gießen. Andererseits wurde er wegen seiner Aussagen verklagt: Weil er die Erschießung Georg von Rauchs in einem Leserbrief im Spiegel „Vorbeugemord“ genannt hatte, zeigte ihn der West-Berliner Polizeipräsident wegen Beleidigung an. Vor dem Amtsgericht Hamburg, bei dem Heinrich Böll als Gutachter aussagte, wurde Fried am 24. Januar 1974 freigesprochen. 1982 nahm er zusätzlich zur britischen wieder die österreichische Staatsangehörigkeit an.

Nach dem großen Erfolg der Liebesgedichte von 1979 veröffentlichte Fried weitere Gedichtbände über Liebe, Leben, Hoffnung und Tod. Ende 1984 besuchte er auf eigenen Wunsch Michael Kühnen, den Führer einer neonazistischen Gruppe, im Gefängnis, um ihn eines Besseren zu belehren; der nachgelassene Briefwechsel zeigt, wie er mit diesem Bemühen scheiterte. Er unterstützte die Friedensbewegung und begrüßte die Perestroika Gorbatschows.

Fried war mehrfach verheiratet und hatte mehrere Kinder. Er starb am 22. November 1988 im Alter von 67 Jahren in Baden-Baden an einem Darmkarzinom. Sein Grab befindet sich auf dem Londoner Friedhof Kensal Green, sein Nachlass wird im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek aufbewahrt.


Literarische Merkmale

Charakteristisch für Frieds Dichtung ist der enge Bezug zur politischen Wirklichkeit seiner Zeit. Die Gedichte seiner frühen Schaffensphase sind oft noch allgemeiner gehalten und tragen manchmal Anspielungen auf Mythologien und Religionen. Sie bedienen sich des aus dem englischen Sprachraum kommenden „ernsten Sprachspiels“. In den 1960er Jahren wandte er sich verstärkt aktuellen Themen zu: dem Vietnamkrieg, Hungerkatastrophen, der Umweltzerstörung, dem Atomkrieg, der Politik Israels gegenüber den Palästinensern und dem Terrorismus. Dabei sorgte er für Irritation, ohne seine Lyrik in bloße politische Agitation zu verwandeln oder die verstörenden Inhalte zum Selbstzweck werden zu lassen.

Fried suchte als politisch engagierter Dichter und überzeugter Kommunist bewusst die Konfrontation und wurde so zu einer Figur des öffentlichen Diskurses. Sein Verhältnis zur Roten Armee Fraktion brachte ihm den Vorwurf zu großer Nähe ein: Er sah deren Terror als missglückten Ausdruck eines für ihn notwendigen gesellschaftlichen Wandels und hieß die Anschläge ebenso wenig gut wie die staatlichen Repressalien. Mit Ulrike Meinhof verbanden ihn freundschaftliche Kontakte aus seiner Zeit bei der Zeitschrift konkret. Als überzeugter Verfechter der „Feindesliebe“ trat er sogar in einen längeren, mitunter verblüffend vertraulichen Briefwechsel mit dem Neonazi Michael Kühnen, um ihn von seinem Irrweg abzubringen.

Einen Wendepunkt markieren die Liebesgedichte von 1979, in denen Fried eine neue, zeitgemäße Sprache für Liebe und Sexualität fand. Der Band Es ist was es ist von 1983 entwickelte sich wie schon die Liebesgedichte zum Bestseller und festigte seinen Ruf als Stimme einer neuen Generation. Das Gedicht Was es ist wurde so populär, dass es lange auf Plakat- und Häuserwänden im öffentlichen Raum präsent war.


Rezeption

Frieds Gedichtbände fanden schon in den 1970er Jahren ein breites Publikum und begleiteten die Entwicklung linker und alternativer Bewegungen in der Bundesrepublik, teilweise durchaus kritisch. Seine politische Lyrik beeindruckte und war zugleich umstritten. In der Gruppe 47 rechnete er sich dem „politischen Flügel“ zu und fand in Günter Grass einen teils vehementen Widersacher. Für einen Eklat sorgte 1987 seine Rede bei der Verleihung des Georg-Büchner-Preises in Darmstadt: Er ging mit der Kommunalpolitik wegen der Vertreibung von Roma hart ins Gericht und verließ nach einer Auseinandersetzung mit dem Oberbürgermeister aus Protest vorübergehend das Festbankett.

Die Liebesgedichte und die Sammlung Es ist was es ist machten den Büchner-Preisträger ebenso berühmt wie seine Neuübersetzungen zahlreicher Shakespeare-Stücke. Seine Erzählung Der große Tag von Linz, erst 1986 veröffentlicht, wurde während der Waldheim-Affäre zu einem wichtigen Zeitdokument und förderte die späte kritische Auseinandersetzung Österreichs mit der Zeit des Nationalsozialismus. Sie existiert heute als Hörspiel und wird bei passenden Anlässen im Radio wiederholt.

Seine Werke wurden weltweit übersetzt, nicht nur ins Englische, Französische, Bulgarische und Russische, sondern auch ins Chinesische und Vietnamesische; es gibt sogar eine Übertragung ins Plattdeutsche. 1989 wurde in Wien die Internationale Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache gegründet, die seit 1990 den hochdotierten Erich-Fried-Preis verleiht. 2013 wurde in Wien der Erich-Fried-Weg nach ihm benannt, außerdem tragen Schulen in Herne, Ronsdorf und Wien seinen Namen.

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