1816 – 1895
Gustav Freytag
Kurzporträt↑
Gustav Freytag (1816–1895) war einer der einflussreichsten deutschen Schriftsteller und Publizisten des 19. Jahrhunderts. Mit dem Kaufmannsroman Soll und Haben und dem Lustspiel Die Journalisten schuf er Werke, die das bürgerliche Lesepublikum jahrzehntelang prägten. Als Mitherausgeber der Zeitschrift „Die Grenzboten" formte er zugleich das einflussreichste Organ des liberalen deutschen Bürgertums. Er galt als typischer Repräsentant des norddeutschen, liberal-nationalen Staatsdenkens in den nachrevolutionären Jahrzehnten. Wie die Deutsche Biographie notiert, wurde er zum Inbegriff des deutschen Liberalen.
Biografie↑
Gustav Freytag wurde am 13. Juli 1816 in Kreuzburg in der preußischen Provinz Schlesien geboren. Die heutige Wikidata führt den Ort unter dem polnischen Namen Kluczbork, während die Deutsche Nationalbibliothek beim historischen Namen Kreuzburg bleibt. Sein Vater Gottlob Ferdinand Freytag war Arzt und langjähriger Bürgermeister der Stadt. Seine Mutter Henriette stammte aus dem Pfarrhaus. Laut der Deutschen Biographie verbrachte er idyllische Kindheitsjahre in der weltabgelegenen agrarischen Kleinstadt. Dort nahm seine Familie eine bevorzugte Honoratiorenposition ein.
1829 bezog er das Gymnasium im schlesischen Öls. Ab 1835 studierte er an der Schlesischen Friedrich-Wilhelms-Universität Breslau Philologie, Kulturgeschichte und antike Kunst. Einer seiner Lehrer war August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, mit dem ihn eine Bekanntschaft verband. Bereits 1836 wechselte er an die Friedrich-Wilhelms-Universität nach Berlin, wo er bei Karl Lachmann hörte. 1838 wurde er mit der Arbeit De initiis scenicae poesis apud Germanos über die Anfänge der dramatischen Poesie bei den Germanen promoviert. Schon 1839 folgte mit der Abhandlung De Hroswita poetria die Habilitation für deutsche Sprache und Literatur in Breslau. Dort wirkte er bis 1847 als Privatdozent.
Die engen akademischen Verhältnisse genügten ihm nicht. 1843 wurde seine Bewerbung um eine außerordentliche Professur abgewiesen, im Anschluss an die politisch begründete Entlassung Hoffmanns von Fallersleben. Daraufhin verzichtete er auf die Lehrtätigkeit. 1847 siedelte er nach Dresden über, wo er mit Ludwig Tieck, Eduard Devrient, Berthold Auerbach, Arnold Ruge, Graf Baudissin und Richard Wagner verkehrte. Ein Jahr später zog er nach Leipzig weiter. Dort fand er in Moriz Haupt, Salomon Hirzel, Julian Schmidt, Theodor Mommsen, Otto Jahn und Heinrich von Treitschke einen lebhaften Freundeskreis. Im selben Jahr, 1848, übernahm er gemeinsam mit Julian Schmidt die von Ignaz Kuranda begründete Zeitschrift „Die Grenzboten" und formte sie zum einflussreichsten Organ des liberalen deutschen Bürgertums. Mit dieser Übernahme begann seine Karriere als Journalist.
Politisch erwachte Freytag in der Revolution von 1848. Er stand der bürgerlich-liberalen, nationalen Bewegung nahe und verfocht die kleindeutsche Lösung unter preußischer Führung. In Dresden gründete er einen Verein für Handwerker nichtsächsischer Herkunft, der diesen Obdach und Zugang zur bürgerlichen Bildung verschaffen sollte. In den „Grenzboten" verfasste er auch politisch kritische Artikel, etwa über die Niederschlagung des schlesischen Weberaufstandes. Daraufhin wurde steckbrieflich nach ihm gefahndet. Er bat seinen Freund Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha um politisches Asyl und erwarb 1851 das Gut Siebleben bei Gotha. Der Herzog verlieh ihm 1854 den Hofratstitel und berief ihn in das wohl nie ausgeübte Amt eines herzoglichen Vorlesers. Laut der Deutschen Biographie war dies ein Schutz vor preußischer Polizeiverfolgung wegen Pressevergehens.
Im selben Jahr, 1847, hatte er Emilie, die geschiedene Gräfin Dyhrn, geborene Scholz, geheiratet. Nach ihrem Tod 1875 heiratete er 1876 Marie Kunigunde Dietrich und nach deren Tod 1891 Anna Götzel. Aus der zweiten Ehe gingen zwei Söhne hervor, unter ihnen der spätere Mediziner Gustav Willibald Freytag.
Von Februar bis August 1867 saß Freytag für die Nationalliberale Partei im konstituierenden Reichstag des Norddeutschen Bundes. Zur ersten Legislaturperiode kandidierte er nicht mehr. Er wolle, so schrieb er Herzog Ernst, lieber dafür sorgen, dass das wirkliche Leben seines Volkes den Adel der Poesie nicht verliere. Aus Enttäuschung über Bismarcks Politik distanzierte er sich später vom politischen Lager. Gegenüber Bismarck selbst hatte er sich stets reserviert verhalten. 1870/71 nahm er als Berichterstatter im Hauptquartier des preußischen Kronprinzen Friedrich am Deutsch-Französischen Krieg teil. Von 1871 bis 1873 vertrat er in der Zeitschrift „Im neuen Reich" seine nationalliberalen Anschauungen. 1886 wurde er zum geheimen Hofrat ernannt, erhielt den Titel „Exzellenz" und den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Am 30. April 1895 starb er in Wiesbaden.
Literarische Merkmale↑
Freytag begann, wie die Deutsche Biographie schreibt, mit spätromantisch-biedermeierlich gestimmten Gedichten (Bilder aus dem Volke, 1838/41) und einem historischen Lustspiel (Die Brautfahrt oder Kunz von der Rosen, 1841). Erst das Schauspiel Die Valentine (1847) brachte ihm einen durchschlagenden Erfolg. Es verband bürgerlich-liberale Sozialthematik mit typisiert „jungdeutschen" Charakterzeichnungen und war am französischen Szenenstil geschult. Sogar Henrik Ibsen führte es in Christiania, dem heutigen Oslo, auf. Der Umgang mit Heinrich Laube und Karl Gutzkow hatte ihn an Thematik und Stil des jungdeutschen Dramas herangeführt. Doch blieb diese Phase laut der Deutschen Biographie nur eine Zwischenetappe.
Als Journalist verband er gründliche Sachkenntnis, vornehmlich der Innenpolitik, mit einem beweglichen, anschauungsreichen Stil und einer ruhigen, pädagogisch vermittelnden Klarheit. Während Julian Schmidt zunehmend den literaturkritischen Teil der „Grenzboten" verantwortete, schrieb Freytag politische, soziologische und historische Aufsätze sowie zusammenfassende literarische Porträtschilderungen.
Der Dramatiker fand sein eigentliches Feld im Lustspiel. Mit den Stücken Graf Waldemar (1858) und der altrömischen Verstragödie Die Fabier (1859) blieb der große Erfolg aus. Berühmt aber wurde das Lustspiel Die Journalisten (1854), angesiedelt im modernen Pressemilieu. Es schildert den Kampf zwischen konservativer und liberaler Partei in idyllisierender Mäßigung und mit freundlich-humanem Ausgang. Zum „Dichter" der Zeit und des deutschen Bürgertums wurde Freytag durch seinen Kaufmannsroman Soll und Haben (drei Bände, 1855). Die Deutsche Biographie verweist auf deutliche Stileinflüsse von Charles Dickens und George Sand.
Rezeption↑
Das Lustspiel Die Journalisten bewahrte, so die Deutsche Biographie, dank seiner Theaterwirksamkeit durch Jahrzehnte eine unangefochtene Geltung, die noch heute nicht gänzlich erloschen sei. Das Stück schien zugleich eine empfindliche Lücke in der deutschen Literatur auszufüllen. Der Roman Soll und Haben wurde noch 1958 neu aufgelegt und machte Freytag zum bürgerlichen Erzähler seiner Epoche.
Die „Grenzboten" wurden unter seiner und Julian Schmidts Leitung für Jahrzehnte das sehr einflussreiche Organ des bürgerlich-nationalen, norddeutschen Liberalismus und des neuen literarischen „Realismus". Dabei blieb die Abonnentenzahl auf eine wenig umfangreiche, aber anspruchsvolle Leserschaft begrenzt. Freytags publizistische Aufsätze sind nach dem Urteil der Deutschen Biographie zeitgeschichtlich aufschlussreich. Sie nehmen sowohl in seinem Gesamtwerk als auch in der Geschichte der deutschen Journalistik einen beträchtlichen Rang ein.
Bereits zu Lebzeiten erfuhr Freytag hohe öffentliche Anerkennung: 1854 den Hofratstitel, 1886 die Ernennung zum geheimen Hofrat, den Titel „Exzellenz" und den Orden Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste. Sein Nachleben ist durch die Gustav-Freytag-Museen in Siebleben und Wangen sowie durch die seit 1953 erscheinenden Gustav-Freytag-Blätter dokumentiert. Schon kurz nach seinem Tod widmeten ihm Karl Alberti (1884), Friedrich Seiler (1898), Erich Schmidt (1901) und Hans Lindau (1907) ausführliche Studien. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts folgten zahlreiche Arbeiten zu Freytag als Politiker, Journalist und Nationalliberalem.
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