1872
Die Ahnen
Überblick↑
Das Werk Die Ahnen ist ein historischer Romanzyklus von Gustav Freytag. Die sechs Bände erschienen zwischen 1872 und 1880 im Verlag Salomon Hirzel in Leipzig. Erzählt wird die Geschichte einer einzigen Familie über rund fünfzehn Jahrhunderte hinweg, von der Völkerwanderungszeit um 350 bis in die Gegenwart des Autors. In acht Zeitschritten, die immer wieder durch wiederkehrende Motive verbunden sind, folgt der Leser dem Geschlecht von seinen adeligen Anfängen bis zu seinem späteren bürgerlichen Dasein. Die königliche Abstammung lebt dabei unbewusst im Familiennamen König weiter.
Der Zyklus gehört zur Gattung des sogenannten Professorenromans, dem auch Felix Dahns Ein Kampf um Rom und Victor von Scheffels Ekkehard zugerechnet werden. Diese Romane wollten historisches Wissen mit großer Sach- und Ortstreue an ein breites Publikum vermitteln. Freytag, der 1838 an der Universität Breslau mit einer Arbeit über die Anfänge der dramatischen Dichtung bei den Germanen promoviert worden war und dort als Privatdozent lehrte, entwarf darin ein Geschichtsbild „von unten“. Nicht die großen Einzelgestalten stehen im Mittelpunkt, sondern unscheinbare Menschen, die mit den Mächtigen ihrer Zeit in Berührung kommen. Anders als bei Dahn ruht die nationale Kontinuität hier auf den alltäglichen Leistungen einer Gemeinschaft, nicht auf den Taten einzelner großer Persönlichkeiten.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Acht miteinander verknüpfte Zeitschritte spannen den Bogen dieses Familienromans über anderthalb Jahrtausende. Am Anfang steht ein heimatloser König aus der Völkerwanderungszeit, der nach langer Flucht bei den Thüringern Aufnahme findet, dort eine Fürstentochter gewinnt und eine Siedlung gründet. Aus dieser Wurzel wächst über die Jahrhunderte ein Geschlecht heran, das seine königliche Herkunft längst vergessen hat und sie nur noch im Namen König trägt.
Jeder Teil greift eine neue Epoche der deutschen Geschichte heraus. Die frühe Christianisierung und die Missionszüge des Bonifatius bilden den Hintergrund des einen Abschnitts. Ein anderer führt in die Welt der Klöster und Fehden um das Jahr 1003, in die Zeit König Heinrichs II. Wieder ein anderer spielt am Hof der thüringischen Landgrafen auf der Wartburg, in den Tagen der heiligen Elisabeth, und folgt einem Ritter zu den Kreuzfahrern und dem Deutschen Orden ins Heilige Land. Ein weiterer Abschnitt führt in die Stadt Thorn zur Zeit der Reformation, in die Wirren von Krieg und Glaubensstreit.
Immer wieder kehren dieselben Schauplätze und dieselben Motive wieder, und immer wieder begegnet der Leser Nachfahren der ersten Familie und auch der Diener, die einst ihr Schicksal teilten. Liebe, Treue, ritterliche Bewährung und der langsame Wandel vom Adel zum Bürgertum ziehen sich als roter Faden durch alle Teile. So entsteht das Bild eines Volkes, das sich über die Jahrhunderte aus unzähligen kleinen Lebensläufen formt.
Die Handlung im Detail↑
Der erste Teil, Ingo und Ingraban, beginnt mit dem aus seiner Heimat östlich der Oder vertriebenen Vandalenkönig Ingo. Er hat 357 auf Seiten der Alemannen in der Schlacht von Straßburg gegen den römischen Kaiser Julian gekämpft. Auf der Flucht gelangt er nach Thüringen zu den „Waldlauben“, wo ihn der Fürst Answald gastlich aufnimmt und der Sänger Volkmar durch seinen Bericht als König bestätigt. Ingo gewinnt die Fürstentochter Irmgard, die er nach einer Entführung heiratet. Mit thüringischen Siedlern gründet er eine Siedlung am Bach Itz, nahe der späteren Veste Coburg. Weil er sich dem Herrschaftsanspruch Bisinos und nach dessen Ermordung dem seiner Witwe Gisela nicht unterwerfen will, kommt es zur Katastrophe: Ingo und Irmgard finden bei der Zerstörung ihrer brennenden Burg den Tod, wobei Motive der Nibelungensage eingearbeitet sind. Ihr einjähriger Sohn wird von der Dienerin Frieda aus den Flammen gerettet.
Der zweite Teil, Ingraban, setzt 724 während der fränkischen Mission des Bonifatius in Thüringen ein. Ingram, ein Nachkomme Ingos, befreit seine bereits christliche Braut Walburg aus sorbischer Geiselhaft, gerät dabei aber selbst in Gefangenschaft. Vom fränkischen Grafen Gerold geächtet, flieht er in den Thüringer Wald, wohin Walburg ihm folgt. Nach einem Sorbenangriff, der seinen Hof zerstört, bekehrt er sich zum christlichen Glauben und lässt an der Stelle seines Hofes eine Kirche errichten. Einen neuen Hof gründet er bei Erfurt. Dreißig Jahre später, 754/755, folgt er Bonifatius auf dem Missionszug zu den Friesen und findet mit ihm gemeinsam den Tod.
Der Teil Das Nest der Zaunkönige beginnt 1003, auf dem Höhepunkt der Machtkämpfe König Heinrichs II., in der Abtei Hersfeld. Die Familie trägt nun den spöttischen Beinamen „Zaunkönige“. Der junge Immo ist von seiner Familie für den Kirchendienst bestimmt; sein Vater Irmfried war auf dem zweiten Romzug Ottos III. in Gefangenschaft geraten und nicht zurückgekehrt. Der Mönch Bertram gibt Immo Maximen für ein ritterliches Leben mit, die das ganze Buch durchziehen: sich nie ohne Not in Lehnsabhängigkeit zu begeben, eine schlechte Botschaft nicht aufzuschieben, einem unter Zwang geleisteten Eid nicht zu trauen und sich bis zuletzt für einen Kampfgenossen einzusetzen. Bei einem Übergriff des hessischen Grafen Gerhard auf das Kloster lernt Immo dessen Tochter Hildegard kennen und lieben. Im Auftrag des Abtes zieht er ins Feldlager Heinrichs und bewährt sich in der Schweinfurter Fehde, wo er bei der Belagerung der Burg Sulzbach seine Geliebte befreit. In Bamberg setzt er sich erfolgreich für den in Ungnade gefallenen Grafen Gerhard ein. Dann fällt Immo selbst in Ungnade, verdingt sich dem sächsischen Herzog Bernhard I. im Kampf gegen die Wikinger und kehrt beutereich zurück. In Erfurt entführt er die für ein Kloster bestimmte Hildegard auf die Mühlburg der Familie. Vor dem königlichen Gericht wird er auf Jahr und Tag verbannt: Er soll Heinrich II. 1004 auf seinem Italienzug begleiten und danach wieder in den Besitz seiner Burg gelangen.
Der Teil Die Brüder vom deutschen Hause beginnt 1226 am Hof des thüringischen Landgrafen Ludwig IV. und seiner Gemahlin, der heiligen Elisabeth, auf der Wartburg. Hauptperson ist Ivo, der auf dem Rittergut Ingersleben lebt und sich der Hohen Minne, dem Turnier und dem Minnesang verschrieben hat, während sein Oheim Graf Meginhard auf der Mühlburg als Raubritter lebt. Auf einem Ritt nach Erfurt begegnet Ivo erstmals den Rittern des Deutschen Ordens, deren Opferbereitschaft ihn beeindruckt. Krisenjahre voller Missernten und Seuchen bewirken bei ihm eine innere Läuterung. Von Hermann von Salza lässt er sich 1227 zum Kreuzzug Friedrichs II. nach Jerusalem anwerben; dessen Aufbruch wird vom Tod Landgraf Ludwigs bei der Einschiffung in Otranto überschattet. In Akkon erlernt Ivo beim Bau der Ordensfeste Starkenburg die Kunst der regelmäßigen Stadtplanung und wird zum Vertrauten Kaiser Friedrichs II. Auf einer diplomatischen Mission gerät er durch Verrat des Templerordens in die Gefangenschaft der Assassinen. Parallel wird die Geschichte der Friderun aus Friemar erzählt, einer Nachfahrin jener Frieda, die einst Ivos Vorfahren aus der brennenden Halle gerettet hatte. Auf ein Lebenszeichen Ivos hin pilgert Friderun an den Kaiserhof in Otranto, wo der von seinen Dienstmannen befreite Ivo eintrifft. Heimgekehrt findet er seinen Hof von Graf Meginhard besetzt und seinen Besitz veruntreut. Ivo befreit Friderun, die bei der Verfolgung der Katharer unter Konrad von Marburg gefangen worden war. Während beide in Ingersleben belagert werden, stellen sie sich unter den Schutz des Deutschen Ordens. Mit dem Landmeister Hermann von Balk nehmen sie 1231 im Kulmerland an der Gründung der Stadt Thorn teil. Der Streit Kaiser Friedrichs II. mit Papst Gregor IX. spiegelt dabei den preußischen Kulturkampf zwischen Bismarck und Pius IX. der Entstehungszeit.
Der Teil Marcus König setzt 1519 in Thorn ein. Der Titelheld ist ein angesehener Patrizier und vertritt entschieden die preußische Position. Sein Vorfahr Ludolf König hatte als Hochmeister gegen Litauen gedient; sein Vater war wegen seines Widerstands gegen die polnische Herrschaft hingerichtet worden, nachdem sich die Stadt um 1454 dem polnischen König Kasimir IV. unterstellt hatte. Im Reiterkrieg zwischen König Sigismund I. und dem Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach unterstützt Marcus König den Hochmeister mit seinem Vermögen, um die Herrschaft des Ordens über Thorn zurückzugewinnen. Der Krieg endet 1521 mit dem Waffenstillstand und 1525 im Vertrag von Krakau damit, dass Albrecht als weltlicher Herzog in Preußen anerkannt wird. Enttäuscht verlässt Marcus König die Stadt und pilgert nach Santiago de Compostela und Rom. Auf der Rückkehr trifft er 1530 zur Zeit des Augsburger Bekenntnisses auf der Veste Coburg mit Martin Luther zusammen, der ihn mit seinem Schicksal versöhnt. Dort stirbt er schließlich, ohne es zu wissen, auf der alten Heimatstätte seines Geschlechts. Parallel verläuft die Liebesgeschichte des jungen Georg König mit der Magistertochter Anna Fabritius. Bei der Verbrennung protestantischer Bücher an der Johanneskirche setzt sich Georg für ihren Vater ein, wird festgenommen, kann aber fliehen, während die Familie der Stadt verwiesen wird. Auf der Flucht über die Weichsel geraten sie in die Gewalt eines Landsknechtshaufens, dessen Fähnrich Georg gezwungen wird. In einem Gefecht verliert er die rechte Hand. Während des Bauernkriegs kehrt er 1525 nach Thüringen zurück. Seine im Lager geschlossene und zunächst nicht als gültig anerkannte Ehe mit Anna, der ein Sohn entstammt, wird schließlich durch Luther bestätigt. Als Kaufmann lässt sich Georg mit seiner Frau in Frankfurt am Main nieder. Als Zeichen des sozialen Wandels tritt der verarmte Ritter Henner Ingersleben auf, ein Nachfahre des einst unfreien Dienstmanns der Familie, der nun umgekehrt behauptet, deren Vorfahren seien Knechte auf dem Hof seiner Familie gewesen.
Stil↑
Bestimmend für das Werk ist die Form des großen, über Jahrhunderte gespannten Zyklus. Acht Zeitschritte stehen nebeneinander, jeder eine in sich geschlossene Erzählung, und doch sind sie alle durch wiederkehrende Motive, Schauplätze und Familiennamen miteinander verknüpft. Der Name König, in dem die vergessene Herkunft weiterlebt, ebenso wie die immer neu auftauchenden Nachfahren der Diener verbinden die einzelnen Teile zu einem einzigen, fortlaufenden Geschlecht.
Der Zyklus folgt den Regeln des Professorenromans: Er ist von historischer und topographischer Treue bestimmt und will dem Leser zugleich geschichtliches Wissen vermitteln. Schauplätze, Burgen, Klöster und Städte werden mit genauen Ortsbezügen versehen, und die erfundenen Familienmitglieder treten immer wieder an die Seite verbürgter Gestalten der Geschichte. Damit verfolgt Freytag bewusst eine Geschichtsschreibung „von unten“: Im Mittelpunkt stehen die unscheinbaren Menschen, deren alltägliche Leistungen das Fortbestehen der Gemeinschaft tragen.
Anschaulichkeit gewinnt der Text auch durch eingearbeitete Sagenstoffe, etwa wenn beim Untergang der ersten Burg Motive der Nibelungensage anklingen. Daneben arbeitet Freytag mit Leitsätzen, die wie ein roter Faden durch ein Buch laufen. So begleiten die Maximen des Mönchs Bertram – über Unabhängigkeit, über das rechte Wort und über die Treue zum Kampfgenossen – den jungen Immo durch seine ganze Geschichte und geben ihr eine innere Ordnung.
Rezeption↑
Geteilt fiel die Aufnahme des Zyklus aus. Die Literaturkritik hielt sich von dieser „Kulturgeschichte in Romanform“ weitgehend distanziert; Theodor Fontane nannte Die Ahnen ein „Dekadenzprodukt zur Zeit des Wilhelminismus“. Beim breiten Publikum dagegen war die Resonanz enorm. Bis 1900 erschienen 27 Auflagen mit etwa 70 000 Exemplaren. Diesen Erfolg führt Dietmar Goltschnigg darauf zurück, dass das Werk eine liberale Geschichtsauffassung mit der damals populären Evolutionstheorie Darwins verband.
Auffällig kritisch fiel das Urteil in der Literaturgeschichte von Eduard Engel aus, die in Freytags Eigenverlag erschien. Dort heißt es, die Romanfolge habe trotz mancher Schönheiten im einzelnen nur einen Achtungserfolg errungen und gehöre nicht mehr zum lebendigen Literaturbesitz, wenn sie je dazu gehört habe. Eine volle Belebung der Vergangenheit wie in Scheffels Ekkehard sei Freytag nicht gelungen.
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