1818
Die Abtei von Northanger
Überblick↑
Der Roman Die Abtei von Northanger der britischen Schriftstellerin Jane Austen verbindet eine Liebesgeschichte mit einer heiteren Verspottung der Schauerromane, die zu Austens Zeit überaus beliebt waren. Verfasst wurde das Buch 1798–99, 1803 verkaufte Austen das Manuskript an einen Londoner Verleger, der es jedoch nicht druckte; veröffentlicht wurde es erst im Dezember 1817. Zugleich ist es ein Entwicklungsroman: Er erzählt, wie eine junge, von ihrer Lektüre verzauberte Pfarrerstochter lernt, Einbildung von Wirklichkeit zu unterscheiden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht die siebzehnjährige Catherine Morland, Tochter eines wohlhabenden Pfarrers, die mit ihren Eltern und neun Geschwistern im kleinen Dorf Fullerton lebt. Als Kind war sie ein Wildfang, inzwischen verschlingt sie am liebsten Schauerromane und schwärmt besonders für Anne Radcliffes Udolphos Geheimnisse.
Eine Einladung führt Catherine mit den befreundeten Eheleuten Allen in den mondänen Kurort Bath. Anfangs gefällt es ihr dort wenig, denn niemand kennt sie. Doch auf einem Ball lernt sie den amüsanten jungen Geistlichen Henry Tilney kennen, mit dem sie sich angeregt unterhält. Bald dreht sich für sie alles um ein Wiedersehen mit ihm. In Bath schließt sie zudem Freundschaft mit der lebhaften Isabella Thorpe, deren Bruder John ein lästiges Interesse an Catherine zeigt.
Mit ihren neuen Bekanntschaften verstrickt sich Catherine in ein Geflecht aus Verliebtheiten, Verlobungen und kleinen Eifersüchteleien. Schließlich wird sie auf den alten Familiensitz der Tilneys eingeladen, die Abtei Northanger – ein Ort, an dem ihre vom Lesen beflügelte Fantasie reichlich Stoff für düstere Vermutungen findet.
Die Handlung im Detail↑
In Bath entwickelt sich zwischen Catherine und Isabella Thorpe eine scheinbar enge Freundschaft, die noch dadurch gefördert wird, dass Isabellas Bruder John mit Catherines Bruder James befreundet ist. John umwirbt Catherine, doch sein prahlerisches Wesen stößt sie ab. Zwischen James Morland und Isabella dagegen scheint eine innige Zuneigung zu wachsen, und die beiden verloben sich. Auf einem Ball trifft Catherine Henry Tilney wieder und lernt dessen Schwester Eleanor kennen; die beiden jungen Frauen freunden sich rasch an.
Nach der Abreise ihres Bruders bemerkt Catherine beunruhigt, dass Isabella mit Frederick, dem älteren Bruder Henrys, flirtet. Eingreifen kann sie nicht, denn Eleanor und ihr Vater, General Tilney, laden sie auf den Familiensitz Northanger Abbey ein. Ganz erfüllt von der Vorfreude auf das Leben in der alten, verwunschenen Abtei vermutet Catherine dort – angeregt von ihren Schauerromanen – dunkle Geheimnisse, wird aber nicht fündig. Ansonsten verlebt sie fröhliche Tage, und die Liebe zwischen ihr und Henry vertieft sich. Getrübt wird die Zeit durch die Nachricht, dass Isabella sich von James getrennt und mit Frederick verlobt hat.
Dann wird Catherine plötzlich und ohne Begründung vom General hinausgeworfen, obwohl er einer Heirat zwischen ihr und Henry bisher nicht abgeneigt schien. Sie muss die Rückreise zu ihren Eltern sogar allein antreten – ein deutlicher Affront.
Wenige Tage nach ihrer Heimkehr klärt sich der Vorfall auf. Henry ist Catherine nachgereist, um sich auszusprechen. Auf einem Spaziergang gestehen sie sich ihre Liebe und verloben sich. Henry kann auch das Verhalten seines Vaters erklären: John Thorpe hatte den General über das Vermögen der Morlands belogen. Solange er selbst Interesse an Catherine hatte, schilderte er die Familie als reich; nach seiner Zurückweisung dann als bettelarm. Der General fühlte sich getäuscht. Versöhnt durch die Heirat seiner Tochter Eleanor mit einem Vicomte, erteilt er schließlich seine Zustimmung zur Hochzeit von Catherine und Henry.
Stil↑
Auffällig ist die ironische Erzählstimme. Immer wieder versichert die Autorin, dass sich Catherine aus mehreren eigentlich zwingenden Gründen gar nicht zur Romanheldin eigne – ein augenzwinkerndes Spiel mit den Erwartungen, die das damalige Lesepublikum an eine Romanfigur stellte. Das Werk ist als Satire auf die seinerzeit beliebten Schauerromane angelegt: Catherines vom Lesen entflammte Fantasie und die nüchterne Wirklichkeit werden gegeneinander geführt, sodass die Schauer-Motive ins Heitere gewendet erscheinen. Zugleich folgt der Roman dem Muster eines Entwicklungsromans, der die Heldin von kindlicher Schwärmerei zu einem klareren Blick auf die Menschen ihrer Umgebung führt.
Rezeption↑
Bis heute wird der Roman immer wieder neu erschlossen, unter anderem für das Fernsehen. Verfilmungen entstanden mehrfach, darunter eine Fernsehfassung aus dem Jahr 2007. Dass der Stoff um die lesebegeisterte Catherine und das alte Gemäuer von Northanger noch nach Generationen für Bearbeitungen taugt, zeigt, wie lebendig Austens Verbindung aus Liebesgeschichte und feinem Spott geblieben ist.
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