1883
Die Abenteuer von Pinocchio
Überblick↑
Der Roman Die Abenteuer von Pinocchio stammt von Carlo Collodi, dem Pseudonym des italienischen Journalisten und Schriftstellers Carlo Lorenzini. Als Buch erschien das Werk im Februar 1883 in Florenz. Zuvor war es ab 1881 in Fortsetzungen in der Zeitschrift Giornale per i bambini gedruckt worden, unter dem Titel La storia di un burattino – „Die Geschichte einer Holzpuppe". Der Erfolg der Reihe bewog Collodi, den Stoff für die Buchfassung zu erweitern. Erzählt wird die tragikomische Geschichte einer Marionette, die der arme Tischler Geppetto schnitzt und wie einen Sohn annimmt. Das Buch wurde rasch ein Erfolg und gilt weit über die Kinderliteratur hinaus als literarisches Meisterwerk. Seine Tiefe lässt viele Deutungen zu; die verbreitetste sieht im Weg von der Marionette zum wirklichen Jungen ein Bild für das Menschsein selbst. Übersetzt wurde es in über 260 Sprachen. Pinocchios lange Nase, die beim Lügen wächst, ist zu einem weltweit bekannten Bild geworden.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
In der Werkstatt des armen Tischlers Geppetto entsteht aus einem seltsamen Stück Holz eine Marionette, die schon vor ihrer Fertigstellung sprechen und lachen kann. Kaum geschnitzt, erwacht die Puppe namens Pinocchio zum Leben – und erweist sich sogleich als eigensinniger Tunichtgut. Statt zur Schule zu gehen, folgt Pinocchio jeder Verlockung: einem Marionettentheater, dem Versprechen leichten Reichtums, den lockenden Abenteuern der weiten Welt. Auf seinen Wegen durch die Toskana begegnet er wunderlichen Gestalten – einer sprechenden Grille, die ihn warnt, zwei durchtriebenen Gaunern, die ihn übers Ohr hauen wollen, sprechenden Tieren und einer geheimnisvollen Fee mit blauen Haaren. Zwischen guten Vorsätzen und immer neuen Fehltritten taumelt die kleine Holzpuppe durch eine Welt, die zugleich wunderbar und rau ist und in der Leichtsinn und Lügen ihren Preis haben.
Die Handlung im Detail↑
Der Tischler Meister Antonio, wegen seiner runden, stets rötlichen Nase „Meister Kirsche" genannt, will aus einem alten Holzscheit ein Tischbein schnitzen. Doch das Holz beginnt zu jammern und zu sprechen. Erschrocken schenkt er das Scheit seinem Freund Geppetto, einem bettelarmen Tischler, dessen Kaminfeuer nur aufgemalt ist. Geppetto möchte sich eine Marionette bauen, um mit Vorführungen sein Brot zu verdienen. Zu Hause schnitzt er die Puppe und nennt sie Pinocchio. Schon während des Schnitzens spottet die Puppe über ihren Schöpfer.
Kaum fertig, springt Pinocchio auf und läuft auf die Straße davon. Geppetto jagt ihm nach. Ein Karabiniere hält den Ausreißer auf – doch am Ende wird Geppetto ins Gefängnis gesteckt, weil die Umstehenden fürchten, er könne die Puppe zu hart bestrafen. Ohne Sorge um seinen Vater treibt sich Pinocchio den ganzen Tag herum. Am Abend trifft er zu Hause die alte sprechende Grille, die ihn wegen seines Ungehorsams tadelt. Verärgert wirft er einen Hammer nach ihr und erschlägt sie, ohne es zu wollen. Hungrig sucht er nach Essen, findet aber nur ein Ei, aus dem ein Küken schlüpft, und schläft schließlich mit den Füßen zu nah am Kohlebecken ein, sodass sie verbrennen.
Am nächsten Morgen kehrt der freigelassene Geppetto heim und findet Pinocchio weinend, hungrig und mit verbrannten Füßen vor. Die Puppe verspricht Besserung und will zur Schule gehen. Der Vater füttert sie, schnitzt ihr neue Füße, macht ihr ein Kleid aus Papier und verkauft mitten im Winter seine abgetragene Jacke, um eine Fibel zu kaufen.
Auf dem Weg zur Schule lockt Pinocchio jedoch die Musik eines großen Marionettentheaters. Er vergisst seine Vorsätze und verkauft die Fibel, um sich eine Eintrittskarte zu leisten. Die Puppen auf der Bühne erkennen ihn und unterbrechen das Spiel, um ihn zu begrüßen. Der riesige, furchterregende Puppenspieler Feuerfresser will Pinocchio zuerst ins Feuer werfen, um damit einen Hammel zu braten. Doch die Puppe weint und fleht so herzzerreißend, dass der Puppenspieler weich wird. Als Pinocchio sich sogar anbietet, anstelle seines Freundes Harlekin zu brennen, rührt das den Riesen vollends. Er verschont alle und schenkt Pinocchio fünf Goldmünzen für Geppetto.
Auf dem Heimweg begegnet Pinocchio zwei zwielichtigen Gesellen, dem Kater und dem Fuchs. Unvorsichtig zeigt er ihnen die Goldstücke. Die beiden reden ihm ein, er solle die Münzen im „Wunderfeld" vergraben – dann wachse daraus ein Baum voller Goldstücke. Unterwegs kehren sie im Wirtshaus zum Roten Krebs ein, wo Kater und Fuchs auf Pinocchios Kosten schlemmen. In der Nacht verschwinden sie heimlich und lassen ihn die Zeche zahlen. Trotz einer Warnung durch den Geist der sprechenden Grille zieht Pinocchio weiter. Da wird er von zwei maskierten Räubern verfolgt – es sind der Kater und der Fuchs. Er flüchtet in den Wald und klopft an ein Häuschen. Ein Mädchen mit blauen Haaren antwortet ihm, in diesem Haus seien alle tot, sie selbst eingeschlossen. Die Räuber holen Pinocchio ein. Weil er die Münzen unter der Zunge versteckt hält und den Mund nicht öffnet, hängen sie ihn an einer großen Eiche auf und wollen am nächsten Tag wiederkommen. Bald hört Pinocchio auf zu zappeln und wird ohnmächtig. Mit dieser Szene endete die erste Fassung von Collodis Geschichte.
Das Mädchen mit den blauen Haaren ist in Wahrheit eine Fee. Sie lässt Pinocchio retten und in ihr Haus bringen. Drei Ärzte – ein Rabe, ein Käuzchen und die wieder lebendige Grille – sollen sagen, ob die Puppe lebt oder tot ist. Als die Grille ihn einen ungehorsamen Nichtsnutz schilt, zeigt Pinocchio Lebenszeichen. Die Fee will ihm eine bittere Medizin gegen das Fieber geben. Erst als vier Kaninchen mit einem Sarg erscheinen, um ihn zu holen, trinkt er sie. Danach erholt er sich und erzählt von seinen Abenteuern. Auf die Frage nach den Goldmünzen aber lügt er dreimal – und mit jeder Lüge wächst seine Nase, bis er den Kopf im Zimmer nicht mehr drehen kann. Die Fee erklärt ihm, Lügen hätten kurze Beine oder, wie in seinem Fall, eine lange Nase, und lässt Spechte kommen, die die Nase wieder zurechtstutzen. Sie nimmt Pinocchio als Bruder an und verspricht, Geppetto zu ihr zu bitten.
Auf dem Weg dorthin trifft Pinocchio erneut den Kater und den Fuchs, die ihn abermals überreden, die vier Münzen im Wunderfeld zu vergraben. In der seltsamen Stadt Dummenfang gräbt er die Goldstücke ein. Als er zurückkommt, erfährt er von einem alten Papagei, dass die beiden Gauner das Geld längst ausgegraben und gestohlen haben. Verzweifelt zeigt Pinocchio den Diebstahl bei einem Richter an, einem alten Gorilla – doch der wirft ausgerechnet ihn ins Gefängnis. Vier Monate später begnadigt der Herrscher des Landes zur Feier eines Sieges alle Verurteilten. Weil Pinocchio unschuldig ist, droht er sitzen zu bleiben; er kommt nur frei, indem er sich selbst zum Schurken erklärt.
Auf dem Rückweg versperrt ihm eine Schlange mit rauchendem Schwanz den Weg; sie lacht sich buchstäblich zu Tode, als Pinocchio kopfüber in den Schlamm fällt. Aus Hunger will er Trauben stehlen, gerät aber in eine Falle. Der Bauer zwingt ihn zur Strafe, mit Halsband und Kette seinen am selben Morgen verstorbenen Wachhund Melampo zu ersetzen. Nachts kommen vier Marder, die dem Hund heimlich Hühner gegen sein Schweigen abgekauft hatten, und bieten Pinocchio denselben Handel an. Er tut, als sei er einverstanden, sperrt die Diebe dann aber im Hühnerstall ein und warnt den Bauern. Zum Dank wird er freigelassen.
Endlich erreicht Pinocchio den Ort, wo das Haus der Fee stand – und findet nur einen Grabstein. Darauf steht, die Fee sei aus Kummer gestorben, weil ihr geliebtes Brüderchen sie verlassen habe. Während er weint, erzählt ihm eine große Taube, Geppetto baue an einem Strand ein Boot, um übers Meer nach ihm zu suchen. Die Taube trägt Pinocchio auf ihrem Rücken zum weit entfernten Meer. Doch er kommt zu spät: Geppetto ist schon auf dem stürmischen Wasser, und vor Pinocchios Augen verschlingen die Wellen Boot und Vater. Ohne zu zögern springt Pinocchio ins Meer, um ihn zu retten.
Am nächsten Morgen strandet er auf einer Insel. Ein Delphin berichtet ihm, dies sei das Land der fleißigen Bienen; falls sein Vater den Sturm überlebt habe, sei er wohl von einem riesigen, schrecklichen Haifisch verschluckt worden. Hungrig will Pinocchio betteln, doch die Bewohner verlangen, dass er sich sein Brot durch Arbeit verdient. Schließlich trägt er einer Frau einen Krug Wasser ins Haus und erhält dafür ein gutes Essen. In der Frau erkennt er die Fee, die nun als erwachsene Frau wiedergeboren ist. Sie hat ihm verziehen und will ihm fortan eine Mutter sein. Sie verspricht, ihn in einen Jungen aus Fleisch und Blut zu verwandeln, wenn er sich als würdig erweist – er solle mit der Schule beginnen. Pinocchio geht zur Schule, strengt sich an und wird sogar Klassenbester, sehr zum Neid der anderen. Eines Tages überreden ihn sieben Mitschüler, die Schule zu schwänzen, um am Strand den schrecklichen Haifisch zu sehen. Pinocchio willigt zögernd ein – er hofft, das Ungeheuer zu erblicken, das ihm den Vater geraubt haben soll. Doch alles war erlogen, und die Sache endet in einer Prügelei.
Weitere Prüfungen und Versuchungen folgen. Mit der Hilfe der guten Fee reift Pinocchio nach und nach sittlich heran, bis er am Ende zu einem wirklichen Jungen aus Fleisch und Blut wird.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als lose Kette von Abenteuern. Diese episodische Form geht auf die ursprüngliche Veröffentlichung in Fortsetzungen zurück: Jedes Kapitel bringt eine neue Prüfung, eine neue Versuchung oder Gefahr. Der Ton ist tragikomisch – Komik und harte, oft grausame Momente stehen dicht beieinander. Collodi verbindet das Wunderbare des Märchens mit einer handfesten, volkstümlichen Welt der Toskana. Sprechende Tiere, eine gute Fee und lebendige Marionetten bewegen sich zwischen Tischlerwerkstatt, Wirtshaus und Landstraße. Viele Figuren tragen sprechende Namen nach ihrem Äußeren, etwa Meister Kirsche wegen seiner runden roten Nase oder Geppettos Spottname Polendina wegen seiner gelben Perücke. Unter der einfachen Erzählung liegt eine deutliche moralische Absicht. Zugleich ist die Geschichte so vielschichtig, dass sie Deutungen weit über das Kinderbuch hinaus zulässt.
Rezeption↑
Aufgenommen wurde das Buch anfangs nicht wohlwollend. Die damalige, auf bürgerliche Wohlanständigkeit bedachte Literaturkritik war gesetztere Texte gewohnt und riet mancherorts davon ab, Kindern „aus gutem Hause" die Lektüre zu geben; einige hielten sie sogar für eine gefährliche Anregung. Die Behörden nahmen Anstoß daran, dass erstmals Karabinieri in einer erfundenen Geschichte auftraten, und suchten nach einem Grund, das Buch zu beschlagnahmen – fanden aber keinen. Beim Publikum dagegen war der Erfolg überwältigend, und bald galt das Werk als eines der großen literarischen Meisterwerke. Benedetto Croce urteilte, das Holz, aus dem Pinocchio geschnitten sei, sei die Menschheit, und zählte das Buch zu den großen Werken der italienischen Literatur. Von vielen wurde es „die Bibel des Herzens" genannt. Der Stoff wurde unzählige Male für Bühne, Fernsehen und Kino bearbeitet. Am bekanntesten ist der Zeichentrickfilm von Walt Disney aus dem Jahr 1940; in Italien wurde auch die Fernsehverfilmung von Luigi Comencini von 1972 berühmt.
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