1921
Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Überblick↑
Der Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk von Jaroslav Hašek ist ein antimilitaristischer Schelmenroman, der in den Jahren 1920 bis 1923 entstand. Sein Held ist Josef Schwejk, ein satirisch überzeichneter Prager Charakter, der sich mit List, Witz und scheinbar treuherziger Einfältigkeit durchs Leben schlägt. Als Soldat im Ersten Weltkrieg macht er mit übertriebenem Gehorsam die Missstände in der österreichisch-ungarischen Armee sichtbar. Durch den frühen Tod des Autors blieb das Werk unvollendet. Es fand dennoch Eingang in die Weltliteratur und wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Ein großer Teil des Stoffes ist autobiografisch geprägt: Hašek verarbeitete darin eigene Erlebnisse als Soldat.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Am Tag der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand sitzt Josef Schwejk im Prager Gasthaus „Zum Kelch“. Er ist ein Mann, den eine militärärztliche Kommission einst für blöd erklärt hat und der sich mit dem Verkauf zweifelhafter Hunde ernährt, deren Stammbäume er fälscht. Beim Gespräch über das Attentat von Sarajevo gerät er in die Fänge eines Polizeispitzels und wird verhaftet.
So beginnt eine Reihe von Abenteuern, die Schwejk durch Irrenhaus, Garnisonsarrest und Militärspital führen. Er wird zum Kriegsdienst einberufen und dient nacheinander verschiedenen Herren: einem versoffenen Feldkuraten und einem Oberleutnant, dem er bei allerlei Verwicklungen zur Seite steht. Schwejk begegnet einer bunten Schar von Offizieren, Feldwebeln und Würdenträgern, die er mit seiner treuherzigen Gelassenheit und einem unerschöpflichen Vorrat an Anekdoten regelmäßig zur Weißglut treibt.
Die Reise führt vom Prager Hinterland an die Front, quer durch Ungarn bis nach Galizien. Überall entlarvt Schwejk durch seinen übereifrigen Gehorsam den Widersinn von Bürokratie, Kriegshetze und militärischem Drill – ohne dass ihm je etwas nachzuweisen wäre.
Die Handlung im Detail↑
Die Handlung beginnt am Tag der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand. Josef Schwejk, der vor Jahren den Militärdienst quittiert hatte, nachdem ihn eine militärärztliche Kommission für blöd erklärt hatte, ernährt sich vom Verkauf hässlicher, schlechtrassiger Hunde, deren Stammbäume er fälscht. Er begibt sich ins Prager Gasthaus „Zum Kelch“, wo er mit dem Wirt Palivec und dem einzigen Gast über das Attentat von Sarajevo diskutiert. Der Gast entpuppt sich als Zivilpolizist Bretschneider, der Schwejk und Palivec wegen hochverräterischer Äußerungen verhaftet. Schwejks Geisteszustand wird untersucht, er verbringt einige Tage im Irrenhaus und ist bald wieder frei. Palivec dagegen wird für die Bemerkung, die Fliegen hätten auf sein Kaiserbild geschissen, zu zehn Jahren verurteilt.
Nach einiger Zeit erhält Schwejk die Einberufung zum Kriegsdienst. Wegen seines Rheumatismus ist er gehunfähig – oder gibt sich so – und lässt sich im Rollstuhl zur Musterung führen. Im Garnisonsspital werden die Patienten, Simulanten wie echte Kranke, durch Misshandlungen dazu gebracht, sich für frontdiensttauglich zu erklären. Schwejk kommt in den Garnisonsarrest, wo der versoffene Feldkurat Otto Katz bei einer Predigt auf ihn aufmerksam wird und ihn als Diener zu sich nimmt. Nach etlichen Abenteuern und alkoholischen Exzessen verspielt der Feldkurat Schwejk beim Kartenspiel an den Oberleutnant Lukáš.
Als Offiziersdiener assistiert Schwejk bei den amourösen Eskapaden des Oberleutnants. Die glückliche Zeit endet, als Lukáš von Schwejk einen gestohlenen Hund geschenkt bekommt. Der frühere Eigentümer, Oberst Kraus von Zillergut, trifft Lukáš mit dem gestohlenen Tier an. Daraufhin wird Lukáš zum 91. Infanterieregiment nach Budweis versetzt und soll mit diesem an die Front ziehen.
Im Zug von Prag nach Budweis betätigt Schwejk die Notbremse. In Tábor versäumt er den Zug, vertrinkt das Fahrgeld und muss zu Fuß weiter. Auf diesem Marsch, „Schwejks Budweiser Anabasis“, gelangt er nach einigen Abenteuern nach Putim, wo ein Gendarmeriewachtmeister ihn für einen Spion hält. Ein schwer betrunkener Postenführer liefert ihn beim Rittmeister in Písek ab, der ihn zu seinem Regiment nach Budweis zurückschickt. Das 91. Regiment wird nach Bruck an der Leitha verlegt. Schwejk reist bequem im Arrestantenwagen in Gesellschaft des Einjährigfreiwilligen Marek. In Bruck überbringt er einen Liebesbrief des Oberleutnants irrtümlich an den Ehemann der Angebeteten. Es kommt zu einer wüsten Schlägerei zwischen Tschechen und Ungarn, und Schwejk vernichtet den Liebesbrief, indem er ihn aufisst.
Der dritte Teil schildert die Zugfahrt des Regiments quer durch Ungarn nach Sanok ins damals galizische, heute polnische Gebiet. Schwejk ist nun Ordonnanz; sein Nachfolger als Offiziersdiener ist der verfressene Baloun, der seinen Heißhunger mit den für Lukáš bestimmten Portionen stillt. Der Transport ist von Chaos, Ineffizienz und langen Wartezeiten gekennzeichnet. In zahlreichen Episoden treten Offiziere und Würdenträger auf: der ebenso dumme wie hinterhältige Leutnant Dub, der strebsame Kadett Biegler, der sich vor Budapest im Traum als großen Helden sieht und danach nur noch spöttisch der „beschissene Kadett Biegler“ heißt, sowie der „Latrinengeneral“. Von Sanok marschiert die Marschkompanie in Richtung Front. Schwejk zieht als Quartiermacher voraus und begegnet einem geflüchteten russischen Kriegsgefangenen, der in einem Teich badet. Aus Neugier zieht Schwejk die russische Uniform an und gerät prompt in österreichische Kriegsgefangenschaft.
Nach einigen Mühen gelingt es Schwejk, seine Bewacher zu überzeugen, dass er kein Russe ist. General Fink will ihn kurzerhand als Spion hinrichten lassen, fragt aber doch noch beim 91. Regiment nach. Der fromme Feldkurat Martinec versucht, Schwejk vor der Hinrichtung geistlichen Trost zu spenden, scheitert jedoch völlig, weil Schwejk ihm unablässig Geschichten erzählt und ihn nicht zu Wort kommen lässt. Sehr zum Missfallen des Generals trifft ein Telegramm ein, dass Schwejk unverzüglich zu seiner Kompanie zurückzuschicken sei. Durch Hašeks frühen Tod blieb der vierte Teil des Romans unvollendet.
Stil↑
Angelegt ist das Werk als Schelmenroman: Ein einfacher Mann aus dem Volk wandert durch eine Welt voller Autoritäten und entlarvt sie durch sein bloßes Verhalten. Schwejks stärkste Waffe ist die Sprache. Ein unerschöpfliches Repertoire an Anekdoten, treuherzig und stoisch vorgetragen, treibt lächerliche Vorgesetzte zur Weißglut, ohne dass man ihm je etwas nachweisen könnte. Sein übertriebener Gehorsam wird zur Methode: Gerade indem er jeden Befehl wörtlich und übereifrig befolgt, macht er dessen Widersinn offenbar.
Hašek schildert den Widersinn von Kriegshetze und Mobilisierung in einer eigenen, derben und volkstümlichen Sprache. Sein Humor kennt keine Scheu vor dem Grobianischen und dem Fäkalischen, wie schon die Spitznamen und derben Sprüche seiner Figuren zeigen. Der Roman zeichnet kein idyllisches Bild der „guten alten Zeit“. Statt einer liebenswürdig-gemütlichen Donaumonarchie nimmt er deren Schattenseiten aufs Korn: Bürokratismus, Denunziantentum, dumpfen Untertanengehorsam und stupide Befehlserfüllung. Erzählt wird in lose gefügten Episoden, in denen sich Offiziere, Feldwebel und Würdenträger als Karikaturen aneinanderreihen. Die zahlreichen eingeschobenen Geschichten Schwejks bilden dabei einen eigenen Kosmos innerhalb der Handlung.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten Hašeks und kurz danach entfaltete die Figur eine breite Wirkung. Der mit ihm befreundete Journalist Karel Vaněk veröffentlichte 1923 unter dem Titel Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk in Russischer Gefangenschaft eine zweiteilige Fortsetzung, die überwiegend als sprachlich und stilistisch wenig geglückt gilt. Aus politischen Gründen war dieser Text in der Tschechoslowakei von 1951 bis 1990 verboten. In der Zeit des Nationalsozialismus stand der Roman auf der Liste der verbrannten Bücher, denn Schwejk macht mit seiner widerständigen Dummheit den Krieg lächerlich und steht damit Korpsgeist und Opferbereitschaft entgegen.
Die Bühne trug den Stoff weit über Prag hinaus. 1927 verfassten der Satiriker Hans Reimann und der Schriftsteller Max Brod eine Bühnenfassung. Große Bekanntheit erlangte der Roman in Deutschland durch Erwin Piscators Inszenierung an seiner Berliner Bühne, an der auch Bertolt Brecht mitwirkte. Brecht schrieb später das Stück Schweyk im Zweiten Weltkrieg. Eine Bühnenfassung von Thaddäus Troll wurde 1955 in Wien uraufgeführt und danach in Stuttgart, Hamburg, München und vielen weiteren Städten ein großer Erfolg. Auch Pavel Kohout, Stefan Schütz, Werner Fritsch und Ulrich Meckler bearbeiteten den Stoff für die Bühne. In der Schweiz diente der Roman dem Kabarettisten Alfred Rasser als Vorbild für seine Figur des Soldaten HD Läppli.
Schwejk wurde mit seiner Art der „Pflichterfüllung“ zum Vorbild für unzählige Autoren, Kabarettisten und Darsteller, die die Bürokratie, die Armee, den Krieg oder einfach den alltäglichen Wahnsinn zum Ziel ihres Spotts machten. Der Roman erschien in zahlreichen Hörbuchfassungen, gelesen unter anderem von Helmut Qualtinger und Wolfram Berger. 1999 wurde sogar ein Asteroid nach der Figur benannt.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →