1775 – 1817
Jane Austen
Kurzbiografie↑
Jane Austen war eine britische Schriftstellerin der Regency-Zeit. Ihre sechs vollendeten Romane zählen heute zu den Klassikern der englischen Literatur. Sie sind in Pfarrhaus, Landstädten und stillen Wohnstuben angesiedelt. Erzählt wird von jungen Frauen der ländlichen Gentry, die zwischen wirtschaftlichem Zwang und persönlichem Glück nach einer passenden Ehe suchen. Mit feiner Ironie, scharfer Beobachtungsgabe und einem ungewöhnlich modernen Gebrauch der erlebten Rede hob sie den damals geringgeschätzten Sittenroman auf ein neues literarisches Niveau. Zu ihren bekanntesten Werken gehören Stolz und Vorurteil sowie Emma.
Biografie↑
Jane Austen kam am 16. Dezember 1775 im Pfarrhaus von Steventon in der Grafschaft Hampshire zur Welt, als siebtes von acht Kindern. Ihr Vater William George Austen war dort als Geistlicher tätig. Ihre Mutter Cassandra, geborene Leigh, stammte aus einer gebildeten Familie. Sechs Brüder und eine ältere Schwester, der Jane besonders nahestand, gehörten zum Haushalt. Zwei der Brüder, Francis William und Charles John, dienten in der Royal Navy und brachten es beide bis zum Admiralsrang. Die einzigen erhaltenen Porträts Jane Austens sind zwei Farbzeichnungen ihrer Schwester Cassandra.
Die Familie war überdurchschnittlich gebildet und belesen. So wurde die junge Jane für die damalige Zeit als Mädchen vergleichsweise gut gefördert. Sie hatte freien Zugang zur Bibliothek ihres Vaters und begann bereits mit zwölf Jahren zu schreiben. Zwischen 1787 und 1793 entstanden drei Bände mit kurzen Prosastücken, Kurzromanen, Theaterstücken und Fragmenten. Diese setzten sich satirisch mit den damaligen literarischen und gesellschaftlichen Konventionen auseinander. Schon früh las sie William Cowper, Alexander Pope, Henry Fielding und George Crabbe. 1796 fand sich ihr Name auf der Subskriptionsliste von Fanny Burneys Camilla. Zwischen 1792 und 1799 schrieb sie in Steventon auch erste Fassungen ihrer späteren Romane.
Heiraten sollte Jane Austen nie. Mit zwanzig Jahren lernte sie auf einem Ball den Iren Thomas Lefroy kennen. Mit ihm verband sie eine gegenseitige Sympathie und die Liebe zur englischsprachigen Literatur. Einer Heirat stand jedoch dessen Familie aus finanziellen Gründen ablehnend gegenüber, denn sie wünschte sich keine mittellose Pfarrerstochter zur Schwiegertochter. Einen Heiratsantrag des sechs Jahre jüngeren Harris Bigg-Wither lehnte Jane Austen 1802 ab.
1801 zog die Familie nach Bath, wo Jane Austen mit Eltern und Schwester bis 1806 lebte. Über diesen Lebensabschnitt ist kaum etwas bekannt, da fast alle Briefe aus dieser Zeit verloren oder von Familienmitgliedern vernichtet wurden. Schriftstellerisch arbeitete sie damals vermutlich wenig. Lediglich das Romanfragment The Watsons wird meist dieser Phase zugeordnet. Nach dem Tod des Vaters 1805 zogen Mutter, Tochter und Schwester zunächst mit Bruder Francis und dessen Frau nach Southampton, wo sie bis 1809 blieben.
1809 stellte ihr Bruder Edward, der von einem reichen Onkel adoptiert worden war, der Familie auf seinem Anwesen in Chawton ein kleines Landhaus zur Verfügung. Auch die Freundin Martha Lloyd zog mit ein. In diesem Haus, das heute das Jane Austen's House Museum ist, lebte Jane Austen bis zu ihrem Tod. Dort arbeitete sie an allen ihren Romanen, schrieb sie um und brachte sie heraus, mit Ausnahme von Northanger Abbey und Persuasion, die erst nach ihrem Tod erschienen.
Als etablierte, aber zurückgezogen lebende Romanautorin erkrankte sie im Alter von vierzig Jahren schwer. Heute nimmt man an, dass sie an Nebennierenrindeninsuffizienz litt, gegen die es damals keine Behandlung gab. Um Heilung zu suchen, reiste sie am 24. Mai 1817 mit ihrer Schwester nach Winchester, wo sie am 18. Juli 1817 starb. Am 24. Juli wurde sie in der Kathedrale von Winchester beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Jane Austen veröffentlichte zeitlebens anonym. Ihre Bücher trugen stets die Verfasserangabe „by a lady“, auch wenn ihre Identität mit der Zeit zu einem offenen Geheimnis wurde. Ihre ersten schriftstellerischen Versuche waren Kurzprosa und Theaterstücke, zumeist geistreiche Satiren und Persiflagen. In ihnen deuten sich literarische Wurzeln und künstlerische Entwicklung bereits an. Vollständig wurden diese Frühwerke erst in den 1950er Jahren veröffentlicht.
Die ersten Romane schrieb Austen zwischen ihrem 19. und 22. Lebensjahr. Sie erschienen jedoch erst fünfzehn bis zwanzig Jahre später oder postum. 1809 überarbeitete sie ihr Manuskript Elinor and Marianne von 1796, das schließlich als Sense and Sensibility (Verstand und Gefühl) zu ihrem Debüt wurde. Pride and Prejudice (Stolz und Vorurteil) folgte 1813, als überarbeitete Fassung des frühen Entwurfs First Impressions. Northanger Abbey, bereits 1798/99 entstanden und 1802 neu bearbeitet, erschien erst 1817 nach ihrem Tod, ebenso wie 1870 der Briefroman Lady Susan.
Das Grundmuster ihrer Romane ist der damals sehr beliebte courtship plot. Im Mittelpunkt stehen junge Damen der ländlichen Gentry, die nach Umwegen und Selbsterkenntnis denjenigen Mann heiraten, den sie lieben. Eine gute Heirat war damals die einzige akzeptable Möglichkeit für eine junge Frau dieser Schicht, eine respektable Stellung in der Gesellschaft zu erlangen. Andernfalls blieb sie ihr Leben lang vom Wohlwollen wohlhabender Verwandter abhängig. Diese Rahmenhandlung dient Austen jedoch vor allem dazu, soziale und menschliche Eigenarten aufzudecken, zu karikieren und mit feinem Humor zu kritisieren.
Die drei späten Romane Mansfield Park, Emma und Persuasion bilden ihr reifes Werk. In Mansfield Park finden sich politische Anklänge, die über bürgerliche Gesellschaftskritik hinausreichen. So spricht Fanny Price ihren Onkel auf die Herkunft seines Reichtums an, den Sklavenhandel, und die versammelte Familie verstummt in „tödlichem Schweigen“. Emma ist die erste Heldin Austens, die nicht aus finanzieller Not heiraten muss. In Persuasion variiert die Autorin die Ausgangslage und erzählt von einer Endzwanzigerin, die einst auf Druck der Familie den geliebten Mann aufgab. Im Spätwerk verdichtet Austen die Handlung und schildert das Geschehen fast ausschließlich aus dem Blickwinkel der Heldin. In Emma etwa bleibt sie so eng am Schauplatz, dass die Leser den Wohnort Highbury nie verlassen.
Ihr Haupttalent war eine scharfsinnige Beobachtungsgabe, mit der sie die menschliche Natur und soziale Interaktionen aufs Korn nahm. Zu ihren wegweisenden stilistischen Mitteln gehört die erlebte Rede. Diese wurde Ende des 18. Jahrhunderts in die Literatur eingeführt, und Austen entwickelte sie entscheidend weiter. Thematisch knüpfte sie zunächst an den damals populären Sittenroman an, etwa von Fanny Burney und Maria Edgeworth. Das Genre hob sie aber weit über dessen Grenzen hinaus.
Rezeption↑
Jane Austen gilt als eine der größten englischsprachigen Autorinnen. Schon zu Lebzeiten war die Aufnahme ihrer Romane recht gut. Auf Französisch erschienen einige Werke bereits damals. Walter Scott war der Erste, der ihr Schaffen 1816 anlässlich des Erscheinens von Emma in einem vierseitigen Essay öffentlich und umfangreich würdigte – eine außerordentliche Anerkennung in einer Zeit, in der der Roman als minderwertig galt und schreibende Frauen sich in einer gesellschaftlichen Grauzone bewegten. Scott hob die Genauigkeit der Beobachtung, die sprachliche Eleganz und die vollkommene Beherrschung der Mittel hervor.
Bald nach Austens Tod legte Wilhelm Adolf Lindau, bekannt als deutscher Übersetzer Walter Scotts, 1822 mit Anna: Ein Familiengemählde die erste deutsche Übersetzung eines ihrer Werke vor. Es war Persuasion. Im 19. Jahrhundert folgten schwedische (ab 1836) und dänische Fassungen. Andere Sprachen kamen erst im 20. Jahrhundert hinzu. Gebildete Ausländer lasen Austen damals oft im englischen Original. Auch Robert Louis Stevenson und Rudyard Kipling lobten ihr Werk. Kipling schrieb sogar eine Kurzgeschichte mit dem Titel The Janeites. Charlotte Brontë und Mark Twain hingegen kritisierten sie: Brontë vermisste die Leidenschaftlichkeit, Twain die christlich-moralische Wohlanständigkeit.
Mit dem Viktorianischen Zeitalter gerieten Austens Romane zunächst aus der Mode. 1869 veröffentlichte ihr Neffe James-Edward Austen-Leigh mit A Memoir of Jane Austen die erste Biographie. Sie bestand aus Familienerinnerungen und Briefzitaten und passte das Bild der Autorin dem konservativeren Zeitgeschmack an – ein Grund für die bis heute sehr unterschiedlichen Sichtweisen der Biographen. Die Memoir löste eine neue Welle des Interesses aus. Kurz darauf erschien auch eine Sammlung der erhaltenen Briefe. Die Quellenlage bleibt allerdings dünn: Von schätzungsweise 3000 Briefen sind nur rund 160 überliefert, weil Schwester Cassandra vor ihrem Tod den Großteil vernichtete.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trugen unter anderem Virginia Woolfs Essays zu einer Wiederentdeckung bei, und es entstanden erste Verfilmungen. Seit den 1990er Jahren erlebt Austens Werk einen erneuten Höhepunkt seiner Popularität, getragen von aufwendigen Fernsehadaptionen und Kinoproduktionen. Helen Fielding griff in Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück Motive aus Pride and Prejudice auf. P. D. James schrieb 2011 mit Death Comes to Pemberley einen Kriminalroman, der auf Austens Figuren basiert und sofort zum Bestseller wurde. Clueless – Was sonst! verlegte die Handlung von Emma ins Beverly Hills der Gegenwart. 2007 entwarf der Film Becoming Jane mit Anne Hathaway ein imaginäres Porträt der Autorin. 2013 kündigte die Bank of England an, ab 2017 ein Porträt Austens auf der Zehn-Pfund-Note zu zeigen. Die Note wurde am 200. Todestag in Umlauf gebracht. In Bath und in Louisville finden Jane-Austen-Festivals statt.
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