1901 – 1988
Rose Ausländer
Kurzporträt↑
Zu den deutsch-jüdischen Dichterinnen, die die deutschsprachige Lyrik des 20. Jahrhunderts prägten, zählt Rose Ausländer. Geboren 1901 in Czernowitz in der Bukowina, führte ihr Leben sie durch Österreich-Ungarn, Rumänien, die USA und schließlich nach Deutschland. Den Völkermord an den Juden überlebte sie in Czernowitz in einem Kellerversteck. Ihre Gedichte gelten als handwerklich vollendet, reflektiert und zugleich von großer Emotionalität; die Deutsche Biographie würdigt sie als Schöpferin ebenso feiner wie präziser Wortkunstwerke. Erst spät, in ihren Düsseldorfer Jahren, fand ihr Werk ein breites Publikum.
Biografie↑
Rosalie Beatrice Ruth Scherzer, so ihr Geburtsname, kam am 11. Mai 1901 in Czernowitz zur Welt, damals ein Teil Österreich-Ungarns. Ihr Vater Sigmund Scherzer stammte aus der streng orthodoxen Stadt Sadagora, bekannte sich aber zum Freidenkertum und arbeitete als Prokurist in einer Import-Export-Firma. Ihre Mutter war Etie Rifke Binder. Rose wuchs in einem weltoffenen, liberal-jüdischen und kaisertreuen Elternhaus auf, in dem wichtige Regeln der jüdischen Tradition dennoch bewahrt wurden.
Als 1916 im Ersten Weltkrieg eine zweite russische Besetzung drohte, floh die Familie nach Budapest und zog von dort weiter nach Wien. Dort besuchte Rose die Germinal-Handelsschule, ein Lyzeum der Wiener Kaufmannschaft, die sie 1919/1920 abschloss. Nach der Rückkehr in das nun rumänische Czernowitz trat sie eine Stelle in einer Rechtsanwaltskanzlei an und hörte als Gasthörerin Literatur und Philosophie an der Universität. Ein Jahr nach dem Tod des Vaters brach sie das Studium ab. In dieser Zeit nahm sie am „Ethischen Seminar“ von Friedrich Kettner teil, in dem vor allem Constantin Brunner, Spinoza, Platon und die Bibel gelesen wurden.
Gemeinsam mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer verließ sie 1921 auf Anraten der Mutter die Bukowina und wanderte in die USA aus. Sie arbeitete unter anderem als Buchhalterin beim Westlichen Herold und begann zu schreiben; im von ihr redigierten Amerika-Herold-Kalender erschienen ihre ersten Gedichte. Am 19. Oktober 1923 heiratete sie Ignaz Ausländer in New York, wo sie inzwischen als Bankangestellte tätig war. Bereits Ende 1926 trennte sich das Paar wieder; im selben Jahr erhielt sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. 1927 kehrte sie in die Bukowina zurück, um ihre erkrankte Mutter zu pflegen, und lernte dort den Kulturjournalisten und Graphologen Helios Hecht kennen. 1930 wurde ihre Ehe geschieden.
1931 ging sie mit Hecht nach Czernowitz zurück. Sie veröffentlichte Gedichte und Aufsätze, übersetzte aus dem Jiddischen und Englischen, gab Englischunterricht und arbeitete als Lebensberaterin für die Zeitung Der Tag. Ihr Gedichtzyklus New York erschien 1931/32 in Czernowitzer Zeitungen. Da sie länger als drei Jahre nicht mehr in den USA gewesen war, wurde ihr 1934 die amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt. 1935 trennte sie sich von Hecht und arbeitete als Fremdsprachenkorrespondentin für eine Firma in Bukarest; laut der Deutschen Biographie wurde sie als Mitglied der Sozialistischen Partei Rumäniens polizeilich überwacht.
1939 erschien durch Vermittlung von Alfred Margul-Sperber ihr erster Gedichtband Der Regenbogen, der von der Kritik gelobt wurde, beim Publikum aber durchfiel. Noch im selben Jahr reiste sie in die USA und kehrte doch bald wieder nach Czernowitz zurück, um ihre schwer kranke Mutter zu pflegen. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt besetzten im Juni 1940 sowjetische Truppen die Stadt. Ausländer wurde als angebliche US-Spionin vom Geheimdienst NKWD verhaftet und nach viermonatiger Haft entlassen; danach arbeitete sie im medizinischen Bereich. Im Juli 1941 besetzten mit Deutschland verbündete rumänische Truppen Czernowitz. Es begannen Verfolgung und Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, wovon ihr Gedichtzyklus Gettomotive (1942/43) zeugt. Im Ghetto lernte sie Paul Celan kennen. Sie leistete Zwangsarbeit, entging aber der Deportation und überlebte in einem Kellerversteck.
Im Frühjahr 1944 marschierte die Rote Armee ein und befreite die wenigen überlebenden Juden. Ausländer reiste über Rumänien erneut nach New York und arbeitete wieder als Fremdsprachenkorrespondentin. Bis 1956 schrieb sie ausschließlich auf Englisch. 1957 traf sie Paul Celan in Paris wieder; unter seinem Einfluss löste sie sich von ihrem klassisch-expressionistischen Ton und modernisierte ihre Sprache. Diese Wende hatte bereits in New York begonnen, wo sie die amerikanische Moderne und besonders Marianne Moore rezipiert hatte.
1964 zog Ausländer nach Wien, 1965 weiter nach Düsseldorf. Als Verfolgte des NS-Regimes erhielt sie eine Entschädigung und eine Rente. Ihr zweiter Gedichtband Blinder Sommer (1965) wurde zu ihrem literarischen Durchbruch und brachte ihr mit dem „Silbernen Heinetaler“ die erste Auszeichnung. Bis 1971 unternahm sie ausgedehnte Reisen durch Europa. 1972 zog sie in das Altenheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs; auf ihre Anregung hin wurde dieses Haus nach Nelly Sachs benannt. Der Verleger Helmut Braun, den sie 1975 kennenlernte, verhalf ihr zu größerer Bekanntheit. Nach einem Oberschenkelhalsbruch beschloss sie 1977, ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen und sich ganz auf das Schreiben zu konzentrieren. Bis zu ihrem Tod am 3. Januar 1988 in Düsseldorf veröffentlichte sie zahlreiche Gedichtbände mit hohen Auflagen. Ihre letzte Ruhestätte fand sie auf dem jüdischen Friedhof des Nordfriedhofs Düsseldorf; ihr Nachlass liegt heute im Heinrich-Heine-Institut.
Literarische Merkmale↑
Als Lyrikerin prägte Ausländer eine Dichtung, die die Deutsche Biographie als handwerklich perfekt, auf hohem Reflexionsniveau und zugleich von großer Emotionalität beschreibt. Geschätzt wird sie vor allem als Schöpferin feiner und präziser Wortkunstwerke. Ihre frühen Gedichte trugen einen klassisch-expressionistischen Ton, den sie mit dem Namen Rose Scherzer zeichnete.
Ihre spätere Entwicklung ist eng mit ihren Lebensstationen verbunden. In New York fand sie Anschluss an Emigrantenkreise und wurde Mitglied der Künstlergruppe „The Raven“, in der sie unter anderem Marianne Moore und E. E. Cummings kennenlernte. Unter dem Eindruck der amerikanischen Moderne begann sie, in englischer Sprache und fortan in freien Versen und Rhythmen zu schreiben; ihr erstes englisches Gedicht erschien 1949. In dieser Zeit übersetzte sie auch lyrische Werke von Else Lasker-Schüler, Adam Mickiewicz und Christian Morgenstern.
Auf Anregung Marianne Moores kehrte sie 1956 zur deutschen Sprache zurück. Die Begegnung mit Paul Celan 1957 in Paris bestärkte sie darin, ihren Ton weiter zu modernisieren. Der Gedichtband Blinder Sommer versammelt Gedichte, die sie zwischen 1957 und 1963 in New York schrieb; sie beschreiben ihre Lage im Exil und erinnern an die verlorene Heimat in der Bukowina. Neben der Lyrik verfasste sie auch kleine Prosa. Die enge Verknüpfung von Leben und Werk gilt in der Forschung als kennzeichnend für ihr Schreiben.
Rezeption↑
Lange nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland blieb Ausländer kaum bekannt. Erst der Verleger Helmut Braun, den sie 1975 kennenlernte, veränderte ihren Bekanntheitsgrad, und in ihren letzten Lebensjahren erreichten ihre Gedichtbände hohe Auflagen. Braun bestimmte sie zu ihrem Nachlassverwalter; er ist zugleich Vorsitzender der 1992 in Köln gegründeten Rose Ausländer-Gesellschaft, die das Werk der Dichterin durch Lesungen, Ausstellungen, Seminare und wissenschaftliche Publikationen verbreitet.
Ihre Lyrik findet in der Literaturwissenschaft große Beachtung, und das Echo in den Printmedien ist umfangreich. Ihre Gedichte sind fester Bestandteil von Lyrikanthologien und gehören zum Kanon der Schulliteratur. Zahlreiche Symposien und Materialienbände haben sich ihrem Werk gewidmet. Sie diente vielen Künstlern als Anregung: Komponisten wie Edison Denissow, Oskar Gottlieb Blarr, Anders Nordentoft und Margarete Sorg-Rose vertonten ihre Gedichte, bildende Künstler wie Otto Piene, HAP Grieshaber und Rolf Sackenheim ließen sich von ihnen inspirieren. 2014 widmete sich eine Veranstaltungsreihe im Philosophicum Basel ihrem Werk, verbunden mit einer Wanderausstellung der Friedensbibliothek Berlin.
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