1812 – 1882
Berthold Auerbach
Kurzporträt↑
Berthold Auerbach wurde 1812 in Nordstetten im württembergischen Schwarzwald geboren und starb 1882 in Cannes. Er war einer der meistgelesenen deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Eigentlich hieß er Moses Baruch Auerbacher und wuchs in einer jüdischen Händlerfamilie auf. Ursprünglich sollte er Rabbiner werden. Stattdessen wandte er sich nach politischer Verfolgung und Festungshaft der Schriftstellerei zu. Mit seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten begründete er eine eigene Erzählgattung. Laut der Deutschen Biographie wurde er neben Gustav Freytag zum populärsten deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Sein Werk verband bäuerliches Sittenbild mit aufklärerischem Humanismus und beeinflusste Autoren von Balzac bis Tolstoi.
Biografie↑
Berthold Auerbach wurde am 28. Februar 1812 in Nordstetten geboren. Er war das neunte Kind des Händlers Jakob Auerbach und seiner Frau Edel, die in der Deutschen Biographie als Ethel bezeichnet wird. Nach dem Vorbild des Großvaters war er für das Rabbinat bestimmt. Er besuchte die 1822 in Nordstetten eröffnete erste jüdische Elementarschule des Königreichs Württemberg. Ab 1825 folgte die Talmudschule in Hechingen, ab 1827 die Rabbinatsschule in Karlsruhe und ab 1830 das Obere Gymnasium in Stuttgart, wo Gustav Schwab zu seinen Lehrern zählte.
1832 nahm Auerbach in Tübingen ein Studium der Rechtswissenschaften auf, wechselte aber bald zur Philosophie. Im selben Jahr wurde er Kneip-Mitglied der verbotenen Burschenschaft Germania. 1833 immatrikulierte er sich in München für Philosophie und gab sein Empfehlungsschreiben bei Schelling ab. Dort geriet er ins Visier der Behörden. Am 23. Juni 1834 wurde er als radikal-liberaler Burschenschafter verhaftet und unter Polizeiaufsicht gestellt. Die Münchner Universität zwangsexmatrikulierte ihn. Sein Studium durfte er in Heidelberg abschließen. Am 12. Dezember 1836 verurteilte ihn der Tübinger Gerichtshof zu zwei Monaten Festungshaft. Diese verbüßte er ab dem 8. Januar 1837 auf dem Hohenasperg, dem im Volksmund als "Demagogenherberge" bekannten Gefängnis für Burschenschafter. Mit der Vorstrafe war ihm der Weg ins Rabbinat verschlossen, und er wandte sich der Schriftstellerei zu. Laut der Deutschen Biographie begann er bereits in der Haft seinen ersten Roman Spinoza (1837).
1836 erschien seine programmatische Schrift Das Judenthum und die neueste Litteratur. 1840 folgte der Roman Dichter und Kaufmann über das geistige Erwachen des Judentums im Zeitalter Moses Mendelssohns. 1841 erschien seine Übersetzung der sämtlichen Werke Spinozas aus dem Lateinischen. Am 3. Oktober 1838 wurde Auerbach in die Frankfurter Freimaurerloge Zur aufgehenden Morgenröte aufgenommen, der er bis zum Lebensende treu blieb.
Der schriftstellerische Durchbruch gelang 1843 mit den Schwarzwälder Dorfgeschichten. Darin schilderte er, wie er selbst sagte, "ein ganzes Dorf vom ersten bis zum letzten Hause". Das Werk gab der Erzählgattung der Dorfgeschichte ihren Namen. 1847 heiratete Auerbach in Breslau Auguste Schreiber; Trauzeuge war Gustav Freytag. Am 4. März 1848 wurde Sohn August geboren. Am 4. April 1848 starb Auguste Auerbach an einem Milchfieber. Am 3. April hatte Auerbach noch an den letzten Verhandlungen des Vorparlaments teilgenommen. Tief erschüttert ließ er das Kind in Breslau und reiste nach Wien, wo er die Revolution miterlebte. Auf den Barrikaden kämpfte er nicht, suchte aber bewusst die Lebensgefahr. Ende 1848 lernte er in Wien Friedrich Hebbel und Friedrich von Bodenstedt kennen. Über sie lernte er auch Nina Landesmann kennen, die Schwester des unter dem Pseudonym Hieronymus Lorm schreibenden Heinrich Landesmann. Am 1. Juli 1849 heirateten beide im mährischen Eisgrub. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Ottilie, Eugen und Rudolf.
Von 1849 bis 1859 lebte Auerbach in Dresden, wo er engeren Kontakt zur russischen Lyrikerin Karolina Pavlova pflegte. In diese Zeit fielen die Dramen Andreas Hofer und Der Wahrspruch, der Roman Neues Leben und die Erzählungen Friedrich von Schwaben sowie Der Brauer von Kulmbach. 1856 lernte er in Dresden Gottfried Keller kennen und gab dessen Novelle den Titel Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Von 1858 bis 1869 erschien in Leipzig jährlich Berthold Auerbach's Deutscher Volkskalender mit Beiträgen namhafter Autoren. 1865 brachte er sein vierbändiges Werk Auf der Höhe heraus, das die zeitgenössische jüdische Intelligenz schilderte. 1869 folgte Das Landhaus am Rhein.
Im November 1859 wirkte Auerbach am Schillerfest zum 100. Geburtstag des Dichters mit. 1861 hielt er in der Berliner Sing-Akademie einen Vortrag "Goethe und die Erzählungskunst". Im Januar 1862 erhielt er den Hausorden der Herzöge von Coburg-Gotha und den preußischen Adlerorden 4. Klasse. 1870 verfasste er das annexionsfreudige Lied Im Elsaß über dem Rheine, da wohnt ein Bruder mein. Am Ende seines Lebens stand Auerbach dem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland verbittert gegenüber. 1880 schrieb er: "Vergebens gelebt und gearbeitet!"
Im Herbst 1881 zog sich der fast Siebzigjährige eine schwere Lungenentzündung zu. Auf Empfehlung seines Hausarztes reiste er zur Kur nach Cannes. Dort zog er am 13. Dezember 1881 in die Privatklinik Tritschler ein. Am 8. Februar 1882 starb er. Am 15. Februar wurde Auerbach unter großer Anteilnahme auf dem jüdischen Friedhof seines Heimatorts Nordstetten beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Auerbachs Erzählen verbindet die realistische Schilderung des bäuerlichen Lebens mit einer moralistischen, volkserzieherischen Absicht. In den Schwarzwälder Dorfgeschichten gelang ihm, wie er selbst formulierte, die Schilderung "eines ganzen Dorfes vom ersten bis zum letzten Hause". Dieses Vorhaben gab der Gattung der Dorfgeschichte ihren Namen.
Die Deutsche Biographie beschreibt seinen Stil als geschickte Verknüpfung von Unterhaltung und bürgerlicher Lebensgläubigkeit, von Humor, Ernst und Idylle, von Sittenbild und leicht eingängiger Kulturkritik. Auerbach verband, so urteilt Fritz Martini in der NDB, "konservative Bewahrung des Volklichen mit bürgerlicher Humanität und einem ethischen Sozialismus, der die Wirklichkeit optimistisch übermalte". Realismus des Naiv-Heimatlichen und moralistische Psychologie greifen ineinander. Die bäuerliche Wirklichkeit wird im menschlichen und sozialen Sinne durch wirkungsvolle Glanzlichter überhöht.
Sein Vorbild Johann Peter Hebel erreichte er laut der Deutschen Biographie nicht, weil das Intellektuell-Sentimentale bei ihm überwiege. Kraftvolle Charakterschilderungen wie Der Tolpatsch, Ivo der Hajrle oder Diethelm von Buchenberg verblassten bei der virtuosen Wiederholung des Dorfgeschichtentypus zunehmend ins Idyllische. Etwa im Barfüssele glitten sie ins Märchenhaft-Empfindsame ab. Auch seine Versuche im großformatigen Zeitroman – Auf der Höhe und Das Landhaus am Rhein – blieben in den Augen der NDB hinter der Anlage zurück. Sein spezifisches Erzähltalent reichte für die großen Formen nicht hin. Die Auseinandersetzung mit den Spannungen zwischen Adel und Volk, Zivilisation und Natur, Humanität und Industrialismus verblieb in Diskussion und Kolportage. Geistig wurzelte sein Schreiben im religiösen Liberalismus, im aufgeklärten Erbe Moses Mendelssohns und in der Beschäftigung mit Spinoza, dessen Werke er übersetzte.
Rezeption↑
Mit den Schwarzwälder Dorfgeschichten erzielte Auerbach laut der Deutschen Biographie einen "unvergleichlichen Welterfolg". Dieser machte ihn neben Gustav Freytag zum populärsten deutschen Erzähler des 19. Jahrhunderts. Die Dorfgeschichten wurden in fast alle europäischen Sprachen übersetzt und prägten eine breite Nachfolge bis zu Ludwig Anzengruber und Peter Rosegger. Sie wirkten, wie die NDB notiert, "versandend" in der Heimatkunst um 1900 weiter.
Zu Auerbachs frühen Bewunderern zählten Jacob Grimm, Bettina von Arnim, Ferdinand Freiligrath, Nikolaus Lenau, Georg Gottfried Gervinus, Gustav Freytag und zeitweilig auch Gottfried Keller. Auerbach selbst trug durch Besprechungen wesentlich zum literarischen Ruhm Kellers bei und fand den Titel für dessen Novelle Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Sein Roman Neues Leben brachte Leo Tolstoi zu begeisterter Zustimmung. Auerbachs Einfluss reichte auch zu Honoré de Balzac und Iwan Turgenjew, mit denen er in persönlichem Kontakt stand. Ablehnung fand er hingegen, hartnäckig und dauerhaft, bei Heinrich Heine und Wilhelm Raabe.
Die Resonanz auf seinen Tod war groß. Sein Freund Moritz Lazarus hielt am Sarg eine Laudatio. Die Beisetzung in Nordstetten am 15. Februar 1882 erfolgte unter starker Anteilnahme der Bevölkerung. In der wissenschaftlichen Aufarbeitung folgten zahlreiche Studien. Dazu zählen Anton Bettelheims Monographie B. Auerbach, Der Mann, sein Werk, sein Nachlaß von 1907 sowie Dissertationen über seine Weltanschauung, sein Verhältnis zu Goethe und seinen sozialpolitisch-ethischen Liberalismus. Gerhard Gesemann untersuchte 1925/26 den Zusammenhang zwischen Leo Tolstoi und Auerbach. Die NDB von 1953 bescheinigt ihm dauerhafte Wirkung als Begründer der Dorfgeschichte. Seine größeren Romane sieht sie jedoch in ihrer Wirkungskraft begrenzt durch die Aktualität des Stoffes.
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