Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Schwarzwälder Dorfgeschichten
Eingang · Werke · Schwarzwälder Dorfgeschichten
Cover Schwarzwälder Dorfgeschichten
Schwarzwälder Dorfgeschichten
1843
– Werkseintrag –

Schwarzwälder Dorfgeschichten

1843 · Erzählung

In siebenundzwanzig kunstvoll verknüpften Erzählungen lässt Berthold Auerbach ein ganzes Schwarzwalddorf lebendig werden – mit seinen Liebschaften, Streitereien und dem Traum von Amerika.

Überblick

Bei den Schwarzwälder Dorfgeschichten handelt es sich um eine Sammlung von 27 Erzählungen, die Berthold Auerbach zwischen 1842 und 1880 schrieb. Sie spielen im dörflichen Milieu des Schwarzwalds, besonders in Auerbachs Heimatdorf Nordstetten. Die ersten Folgen erschienen ab 1842 in der Zeitung für die elegante Welt, die erste Buchausgabe kam 1843 heraus. Auerbach gilt als „Vater“ der literarischen Gattung der Dorfgeschichte, weil er ihre Entstehung und Aufnahme über lange Zeit prägte. Die einzelnen Geschichten reichen vom Umfang einer kurzen Novelle bis zur Länge eines kurzen Romans.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Mittelpunkt der Sammlung steht ein ganzes Dorf, das Auerbach „gewissermaßen vom ersten bis zum letzten Hause“ schildern wollte. Die Erzählungen sind miteinander verwoben, so dass der Leser einzelnen Figuren über mehrere Geschichten hinweg wiederbegegnet. Geschildert werden Bauern, Handwerker, Knechte und Mägde mit ihren alltäglichen Sorgen, ihren Liebesgeschichten und ihren Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit.

Erzählt wird etwa von Aloys, einem gutmütigen jungen Mann mit dem Spottnamen „Tollpatsch“, der sich vor dem Militärdienst verliebt. In einer anderen Geschichte wird ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher zur Zeit der Napoleonischen Kriege vom Rauchen abgebracht. Wieder andere Erzählungen handeln von einem zugezogenen reichen Bauern, der sich mit dem ganzen Dorf verfeindet, von zwei Brüdern, die jahrelang im Streit unter einem Dach leben, oder von einem jungen Mann, der katholischer Pfarrer werden soll und mit dieser Bestimmung ringt. Auch ein Lehrer, der aus der Stadt aufs Land versetzt wird und nur langsam mit dem Dorfleben warm wird, gehört zu den Figuren. In mehreren Geschichten spielt die Auswanderung nach Amerika eine Rolle.

Die Handlung im Detail

Die Erzählung Der Tolpatsch von 1842 war Auerbachs erste Dorfgeschichte. Aloys Schorer, ein arbeitsamer junger Mann mit dem Unnamen Tollpatsch, verliebt sich in das Marannele. Vor seinem Militärdienst nimmt er ihr das Versprechen ab, nicht vor seiner Entlassung zu heiraten. Auf Urlaub erfährt er, dass der Jörgli das Marannele verführt hat und es heiraten wird. Enttäuscht wandert Aloys mit Verwandten nach Amerika aus. In Ivo, der Hajrle erfährt man später, dass Aloys dort glücklich verheiratet ist, einen Sohn hat und seine Wirtschaft floriert, dass ihn aber weiterhin Heimweh nach den Seinen plagt. In Der Tolpatsch aus Amerika von 1876 reist Aloys’ Sohn in die Heimat des Vaters, um eine Frau zu suchen. Er verliebt sich in die Tochter eben jenes Marannele, das einst seinen Vater verschmäht hatte. Der Vater überwindet seinen alten Groll und willigt in die Heirat ein.

In Die Kriegspfeife von 1842 schießt sich der neunzehnjährige Hansjörg zur Zeit der Napoleonischen Kriegszüge mit der Pistole einen Finger ab, um nicht in den Krieg ziehen zu müssen. Im Haus des Zieglers pflegt ihn dessen Tochter Kätherle, und die beiden verlieben sich. Als französische Marodeure durchs Dorf preschen und einer Hansjörg die Pfeife aus dem Mund reißt, will er sie verfolgen. Das Kätherle hält ihn mit dem Versprechen zurück, ihn zu heiraten. Hansjörg gelobt, das Rauchen aufzugeben, und bleibt standhaft, auch als sich die Pfeife wundersam wieder einfindet.

In Des Schloßbauers Vefele von 1842 kauft ein Ortsfremder das Schlossgut und baut das vornehmste Haus des Dorfes, weshalb man ihn den Schlossbauer nennt. Er verfeindet sich mit allen und führt endlose Prozesse, so dass die Familie gemieden wird. Nur die jüngste Tochter Vefele bleibt bei ihm und schlichtet die Streitereien. Die Mutter stirbt vor Gram. Ein zugereister Feldscherer macht Vater und Tochter Avancen und schwängert die Tochter. Nach dem Tod des Vaters bringt er das Vefele dazu, den Besitz zu Geld zu machen, um mit ihm nach Amerika auszuwandern. Doch er stiehlt ihr das Geld und verschwindet. Verzweifelt ertränkt sich das Vefele im Neckar; nur sein rotes Halstuch bleibt, das der Hund Mohrle im Maul trägt.

In Tonele mit der gebissenen Wange von 1842 sind der Sepper und das Tonele ein schönes Paar, doch quält der Sepper sie mit seiner Eifersucht auf den Jäger. Ein neckischer Biss in die Wange gerät zum Unglück: Er beißt zu fest zu, und das Tonele fühlt sich entstellt und wendet sich von ihm ab. Während der Sepper zum Manöver nach Stuttgart ausrückt, wendet es sich dem Jäger zu. Nach seiner Rückkehr sieht der Sepper das Paar, gerät mit dem Jäger in ein Handgemenge, bei dem sich ein Schuss aus dessen Gewehr löst und den Jäger tötet. Der Sepper flieht in die Fremde, und das Tonele wird erst nach vielen Jahren einsamen Kummers vom Leben erlöst.

In Befehlerles von 1842 fällt der Matthes verbotenerweise einen Maibaum im eigenen Wald und stellt ihn seinem Schatz Aivle vors Haus. Er wird auf demütigende Weise verhaftet und zu zehn Reichstalern Strafe verurteilt. Aus diesem Anlass verbietet der Oberamtmann den Männern das uralte Recht, eine Axt bei sich zu tragen. Die Männer zerhacken den Aushang und zeigen sich selbst an. Ihr Anführer Buchmaier hält vor dem Oberamtmann eine Brandrede für die Freiheitsrechte der Bauern. Die Männer werden zu einer Geldstrafe verurteilt, doch der Oberamtmann wird versetzt, und seine Verordnung bleibt unbeachtet.

In Die feindlichen Brüder von 1843 leben zwei Brüder seit vierzehn Jahren in Feindschaft, ausgelöst durch einen nichtigen Erbschaftsstreit nach dem Tod der Mutter. Sie wohnen streng getrennt im gleichen Haus. Ein neuer Pfarrer bestellt sie zu sich und hält ihnen ihr Schicksal im Jenseits vor Augen. Aus Furcht vor dem Strafgericht versöhnen sich die Brüder und leben fortan in Harmonie.

In Ivo, der Hajrle von 1843 erlebt der sechsjährige Ivo, Sohn des Zimmermanns Valentin, begeistert die Primiz eines Schneidersohns und möchte selbst Pfarrer werden. Er liebt das Landleben, die Tiere und die Feldarbeit; seine liebsten Freunde sind der Knecht Nazi und die arme Nachbarstochter Emmerenz. Er besucht die Lateinschule, die Klosterschule und das Konvikt in Tübingen. In den Ferien merkt er, dass er in Emmerenz verliebt ist, was ihm heftige Schuldgefühle bereitet; auch die geliebte Landarbeit fehlt ihm. Der Zwiespalt führt zum Zerwürfnis mit den Eltern, weil er die Pfarrerlaufbahn aufgeben will. Er bricht auf, um über Straßburg nach Amerika auszuwandern. Unterwegs trifft er auf das Hofgut seines Freundes Nazi, der nach dem Tod seines Bruders das elterliche Gut übernommen hat. Ivo lässt Emmerenz kommen und heiratet sie; Nazi schenkt ihm eine Sägemühle, auf der das Paar ein arbeitsames Leben führt.

In Florian und Kreszenz von 1843 soll Kreszenz, die Tochter eines armen Schneiders, den Geometer aus der Stadt heiraten, liebt aber den Metzgergesellen Florian. Sie entscheidet sich für Florian. Diesem gelingt es nicht, eine gesicherte Existenz aufzubauen; es geht mit ihm bergab, und schließlich beteiligt er sich an einem Raub und muss für sechs Jahre ins Zuchthaus. Kreszenz hält zu ihm, und sie heiraten nach seiner Entlassung. Mit zwei Kindern ziehen sie als Gaukler und Scherenschleifer übers Land. Schließlich treffen sie auf Kreszenz’ leiblichen Vater, einen Pfarrer, der ihnen hilft, eine Existenz als Metzger aufzubauen.

In Der Lauterbacher von 1843 verliert der junge Adolf Lederer früh seine Eltern und wächst im Waisenhaus auf, wo er Hilfslehrer wird. Als er als Lehrer ins Dorf Nordstetten versetzt wird, kann er sein Widerstreben gegen das bäuerliche Leben zunächst nicht überwinden und nähert sich dem Dorfleben nur langsam an.

Stil

Während Honoré de Balzac in Die menschliche Komödie ein Panorama der französischen Gesellschaft entwarf, setzte Auerbach im kleinen Maßstab dem dörflichen Kosmos seiner Heimat ein Denkmal. In seinem Aufsatz Vorreden spart Nachreden von 1843 schrieb er: „Ich habe es versucht, ein ganzes Dorf gewissermaßen vom ersten bis zum letzten Hause zu schildern.“ So sind die Erzählungen kunstvoll miteinander verwoben: Figuren und ihre Schicksale tauchen über mehrere Geschichten hinweg immer wieder auf.

Die Sammlung kennt kein einheitliches Format. Manche Geschichten haben den Umfang kurzer Novellen von zehn bis fünfzig Seiten, andere die Länge kurzer Romane von hundert bis zweihundertfünfzig Seiten. Auerbach gibt seinen Dorfbewohnern eigene Namensformen wie „das Marannele“, „der Jörgli“ oder „das Vefele“ und lässt sie in der Redeweise des Volkes sprechen. In Geschichten wie Befehlerles verbindet er die anschauliche Schilderung des Landlebens mit deutlicher Kritik an der Willkür der Behörden.

Rezeption

Lange suchte Auerbach einen Verleger, der das Wagnis dieser neuen Erzählform eingehen wollte. Karl Mathy, Kompagnon des Mannheimer Verlegers Friedrich Bassermann, erkannte schließlich das Potential. 1843 erschienen die ersten neun Geschichten bei Bassermann in zwei Teilen. Der große Erfolg führte dazu, dass bis 1854 drei weitere Bände folgten. Bis 1880 kamen weitere Dorfgeschichten hinzu, darunter 1856 Barfüßele, eine seiner erfolgreichsten Erzählungen, sowie 1876 drei Geschichten unter dem Untertitel „Nach dreißig Jahren. Neue Dorfgeschichten“.

Über die einzelnen Geschichten hinaus prägte Auerbach eine ganze literarische Gattung. Er gilt als „Vater“ der Dorfgeschichte, weil er ihre Entstehung und ihre Aufnahme über Jahrzehnte hinweg wesentlich bestimmte.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten