1966
Schweigen
Überblick↑
Der Roman Schweigen des japanischen Schriftstellers Shūsaku Endō erschien 1966 unter dem Titel Chinmoku. Er erzählt von portugiesischen Jesuiten, die im 17. Jahrhundert in ein Japan reisen, das Christen verfolgt. Im selben Jahr erhielt Endō dafür den Tanizaki-Jun'ichirō-Preis. Auf Deutsch kam das Buch 1977 in der Übersetzung von Ruth Linhart heraus; 2015 folgte eine von ihr durchgesehene Fassung. Diese deutsche Ausgabe enthält neben Endōs Text ein Vorwort des Regisseurs Martin Scorsese, ein Postscriptum des Autors, ein ausführliches Nachwort von William Johnston von der Sophia-Universität sowie Anmerkungen der Übersetzerin.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Nach Rom dringt eine beunruhigende Nachricht: Cristóvão Ferreira, der Leiter der Mission in Japan, soll vom Glauben abgefallen sein. Von der Christenverfolgung weiß man in Rom, auch von den Folterungen und davon, wie standhaft die japanischen Christen sie ertragen. Doch was ist mit Ferreira geschehen? Um das herauszufinden, brechen 1638 drei seiner ehemaligen Schüler von Portugal aus auf: die jungen Jesuiten Rodrigues, Francisco Garpe und João de Santa Maria.
In Macao verweigert ihnen Valignano zunächst die Weiterreise, denn Japan hat sich im selben Jahr abgeschlossen, ein legaler Zugang ist unmöglich. Schließlich gibt er doch die Erlaubnis. Ein verstoßener japanischer Konvertit namens Kichijirō besorgt ihnen ein Schiff. Er wird zur zwiespältigsten Gestalt des Buches: Mal hilft er den Priestern, mal verleugnet er seinen Glauben, sobald Gefahr droht.
An der japanischen Küste treffen die Ankömmlinge auf Bauern, die ihren Glauben im Untergrund leben und seit Jahren ohne Priester auskommen. Auf Christen ist ein Kopfgeld ausgesetzt. Wer verdächtig wird, muss auf eine Metallplatte mit dem Christusbild treten – jene Prüfung, die als „Fumi-e“ in die Geschichte eingegangen ist. Rodrigues sucht weiter nach Ferreira und erfährt nur, dass dieser sich 1633 in Nagasaki aufgehalten habe.
Der erste Teil besteht aus Briefen, die Rodrigues nach Rom schreibt. Was er dort noch für heldenhaftes Martyrium hält, sieht in der Wirklichkeit der japanischen Dörfer anders aus. Der Titel benennt die Frage, die ihn nicht loslässt: Warum schweigt Gott, während seine Gläubigen sterben?
Die Handlung im Detail↑
Bereits während der Vorbereitungen in Macao stirbt João de Santa Maria, geschwächt von der Reise. Rodrigues und Garpe segeln mit Kichijirō weiter, der auf Garpes Frage behauptet, er sei kein Christ. Nachts schwimmen die drei an einem einsamen Küstenstreifen an Land. Kichijirō holt Hilfe bei den Einheimischen und besorgt Kleider. In einem Dorf empfängt die beiden Priester eine im Untergrund lebende christliche Gemeinde, in der ohne Priester nur noch die Taufe weitergegeben werden kann. Die Dorfbewohner verstecken die Missionare in einer Hütte.
Die beiden wandern weiter, die Regenzeit beginnt. Sie fragen nach Ferreira und treffen auf Bauern, die Kichijirō kennen und behaupten, er sei Christ. Rodrigues besucht dessen Heimat und trifft ihn dort. Bald müssen die Priester vor kontrollierenden Regierungsbeamten fliehen. Kichijirō gibt im Dorf an, er sei der Große, der die Patres beschütze, und betrinkt sich zuweilen. Die Bauern leiden schwer unter den Abgaben, die die Samurai ihnen abfordern.
Die Beamten kehren zurück und nehmen den weinenden Kichijirō sowie zwei weitere Männer als Geiseln mit. Alle drei müssen auf das Christusbild treten, und alle drei tun es. Kichijirō lässt man laufen, die beiden Bauern aber bindet man an Pfähle am Meer, an denen sie sterben. Da auf die Anzeige eines Paters 300 Stück Silber ausgesetzt sind, beschließen die Missionare, sich zu trennen. Garpe geht in Richtung Hirado, Rodrigues reist mit dem Boot weiter. Kichijirō folgt ihm und hilft ihm – und verrät ihn schließlich doch. Mit der Gefangennahme enden die Briefe; die folgenden Kapitel sind als Bericht des Buchautors abgefasst.
Im Gefängnis trifft Rodrigues auf gefangene japanische Christen. Ein alter, hochrangiger Samurai verlangt von ihm, er solle die Bauern zum Abschwören bewegen. Dessen Dolmetscher hat in Arima Portugiesisch gelernt, erzählt vom hochmütigen Priester Cabral und weist darauf hin, dass der Begründer des Buddhismus zwar sterblich war, seine zur höchsten Stufe aufgestiegenen Nachfolger jedoch nicht. Er zählt die abgefallenen Missionare auf, unter ihnen Ferreira. Rodrigues wird über die Landstraße nach Nagasaki gebracht; unterwegs taucht Kichijirō immer wieder auf.
Im neuen Gefängnis nimmt Rodrigues den japanischen Christen die Beichte ab. Fürst Inoue Masashige verhört ihn mit Hilfe des Dolmetschers. Kichijirō gesteht, er sei ein Schwächling und habe ihn aus Schwachheit verraten; auch er tritt wieder auf das Bild und darf gehen. Rodrigues erkennt, dass das Martyrium für diese Bauern keine große Sache ist, sondern ein schäbiges Ende. Beim zweiten Besuch erklärt Inoue, das Christentum passe nicht für Japan. Er halte dessen Bekämpfung für eine unangenehme, aber notwendige Aufgabe, und vergleicht die Missionsarbeit mit dem Aufdrängen einer ungewollten Liebe.
Rodrigues weigert sich, die Christen zum Abschwören aufzufordern. Man bringt ihn an die Küste, wo mehrere japanische Christen im Beisein des inzwischen ebenfalls gefangenen Francisco ertränkt werden. Francisco ertrinkt bei dem Versuch, das zu verhindern. Später kündigt der Dolmetscher Ferreira an, den Rodrigues schließlich in einem buddhistischen Kloster trifft. Ferreira lebt dort unter japanischem Namen, verleugnet das Christentum, unterrichtet unter anderem Buddhisten in Astronomie und schreibt an einem Buch über die Fehler des Christentums. Rodrigues verachtet ihn dafür. Dieses Land sei ein Sumpf, sagt Ferreira, die Setzlinge des Christentums verfaulten hier. Auf dem Rückweg in seine Zelle beginnt auch Rodrigues zu zweifeln.
Die noch lebenden Konvertiten werden gefoltert, indem man sie kopfüber in eine Grube hängt. Inoue macht ihre Begnadigung davon abhängig, dass Rodrigues abschwört und auf das Jesusbild tritt. Rodrigues weigert sich zunächst. Dann hat er eine Vision, in der Jesus ihm sagt, er dürfe es tun. Rodrigues tritt auf das Bild und wird begnadigt. Ein Hahn kräht.
Kinder verspotten ihn fortan als abgefallenen Paulus. Er lebt unter Hausarrest und muss gemeinsam mit Ferreira, dem er weiter ablehnend gegenübersteht, Importe kontrollieren. Seine verbleibenden Jahre verbringt er in Einsamkeit. Ein angehängter Bericht eines Holländers erzählt von einem Besuch Inoues: Rodrigues erhält den Namen eines gerade verstorbenen Japaners und dessen Frau. Man spricht wieder vom japanischen Sumpf und davon, dass die verbliebenen Christen ihren Glauben anpassen werden. Als Kichijirō ihm seine Sünden beichten will, weigert sich Rodrigues, denn nach der Abschwörung sieht er sich nicht mehr als Pater. Ein weiterer Bericht, der eines Aufsehers im Kirishitan Yashiki, hält fest, dass man bei Kichijirō, dem Diener des Rodrigues, ein christliches Amulett findet und ihn einsperrt. Rodrigues stirbt und wird buddhistisch eingeäschert und begraben.
Stil↑
Auffällig ist der Wechsel der Erzählform mitten im Buch. Der erste Teil besteht aus vier Briefen, die Rodrigues nach Rom schreibt: Er berichtet in der Ich-Form, weiß nicht, was kommt, und deutet, was er sieht, mit den Begriffen seines Glaubens. Mit seiner Gefangennahme brechen die Briefe ab. Von da an übernimmt ein Bericht des Buchautors, der von außen auf die Figur blickt. Am Schluss stehen zwei weitere Berichte – der eines Holländers und der eines Aufsehers im Kirishitan Yashiki – in nüchternem, aktenmäßigem Ton.
Endō erzählt in schlichten Bildern, die im Gedächtnis bleiben: die Pfähle am Meer, die Metallplatte mit dem Christusbild, der Hahn, der nach der Abschwörung kräht. Auch die Rede vom Sumpf, in dem die Setzlinge des Christentums verfaulen, kehrt mehrfach wieder. Die Verhöre sind als ruhige Gespräche gestaltet, in denen die Gegenspieler nicht als Fanatiker auftreten, sondern höflich und mit Gründen argumentieren.
Rezeption↑
Bereits 1966 wurde der Roman mit dem Tanizaki-Jun'ichirō-Preis ausgezeichnet. Seine Wirkung reicht weit über Japan hinaus und über die Literatur hinaus in Film und Musiktheater. Masahiro Shinoda verfilmte den Stoff 1971 unter dem Titel Chinmoku. Matsumura Teizō schuf daraus die Oper Chinmoku, die 2000 herauskam. Martin Scorsese griff den Roman für seinen Film Silence von 2016 auf; von ihm stammt auch das Vorwort der deutschen Ausgabe. Dass diese Ausgabe 2015 in durchgesehener Fassung neu erschien, zeigt das anhaltende Interesse deutschsprachiger Leser an dem Buch.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →