1951
Schwarze Spiegel
Überblick↑
Die Erzählung Schwarze Spiegel von Arno Schmidt erschien 1951, zunächst gemeinsam mit der Erzählung Brand's Haide in einem Band. Später wurde sie als letzter Teil der Trilogie Nobodaddy's Kinder neu herausgegeben, zusammen mit Aus dem Leben eines Fauns und Brand's Haide. Sie schildert das Umherstreifen eines der letzten Menschen nach der großen Katastrophe eines Dritten Weltkriegs, der die Menschheit fast vollständig ausgelöscht hat. Der namenlose Erzähler baut sich in der Lüneburger Heide ein Haus. Nach Jahren ohne menschliche Gesellschaft begegnet er dort schließlich doch noch einem anderen Menschen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Fünf Jahre nach einem atomaren Krieg, der einen Großteil des menschlichen Lebens auf der Erde ausgelöscht hat, streift ein namenloser Erzähler allein durch eine leer gewordene Welt. Auf einem Fahrrad und mit einfacher Überlebensausrüstung bewegt er sich durch die Lüneburger Heide. Er hat lange keinen lebenden Menschen mehr gesehen. Die Pflanzenwelt ist weitgehend unberührt, die Tierwelt dezimiert, aber noch vorhanden. Über die Reste der Zivilisation breitet sich die Natur wieder aus.
Der Erzähler trägt unverkennbar Züge Arno Schmidts, etwa dasselbe Geburtsdatum. Er besichtigt verlassene Orte, plündert Museen und Bibliotheken im zerstörten Hamburg und richtet sich schließlich häuslich ein. Über das Ende der Menschheit ist er nicht unglücklich, denn sie habe sich als vernunftlos und zerstörerisch erwiesen. Gegen die Einsamkeit spricht er zu Büschen, Bäumen und Wind und versucht sich sogar an Botschaften an längst Verstorbene.
Der zweite Teil verbindet eine Begegnung mit ausführlichen Gedanken über die Menschen. Als der Erzähler wie einst Robinson am Waldrand entlanggeht, wird er plötzlich beschossen. Damit ändert sich seine Lage grundlegend.
Die Handlung im Detail↑
Am 1. Mai 1960, fünf Jahre nach der atomaren Zerstörung der Zivilisation im Dritten Weltkrieg, streift der namenlose Erzähler allein auf einem Fahrrad durch die Lüneburger Heide. Er hat seit fünf Jahren keinen lebenden Menschen mehr gesehen. Ein Grund für sein eigenes Überleben wird nicht genannt. Er gelangt in das Heidedorf Cordingen bei Walsrode und übernachtet in einem Haus, das nur noch von menschlichen Skeletten und einem Fuchs bewohnt ist. Am nächsten Tag erkundet er den menschenleeren Ort, besichtigt die Überreste der Zivilisation und regt sich über Illustrierte, Schlager und Beamte auf.
Nach einer langen Reise, die ihn aus Italien hierher geführt hat, findet er zufällig ein ehemaliges britisches Verpflegungslager. Der Fund bewegt ihn dazu, sesshaft zu werden und ein Holzhaus zu errichten. Zu dessen Ausstattung mit Büchern und Bildern fährt er mit dem Rad ins zerstörte, menschenleere Hamburg, wo er Museen und Bibliotheken plündert. Oft erklärt er, über das Ende der Menschheit nicht unglücklich zu sein: Die Menschheit habe sich als überwiegend vernunftlos und destruktiv erwiesen, und letztlich sei es besser so. Gegen die Einsamkeit personifiziert er immer wieder die unbelebte Natur. Im Alkoholrausch durch die Vegetation taumelnd, erscheinen ihm Büsche, Bäume und Wind als Gefährten, die ihn berühren und zu denen er manchmal sogar spricht. In den leeren Häusern unternimmt er Kommunikationsversuche mit Verstorbenen; vom Postamt aus schreibt er etwa an Herrn Klopstock: „Anbei den Messias zurück“. In diesem Zusammenhang taucht auch der Titel auf, als er den Nachthimmel betrachtet: „Mond: als stiller Steinbuckel im rauhen Wolkenmeer. Schwarze Spiegel lagen viel umher“. Ein weiterer Höhepunkt des ersten Teils ist sein Versuch, die seit dem 17. Jahrhundert ungelöste Fermatsche Vermutung zu beweisen. Er notiert die Aufgabe und meint, sie rasch gelöst zu haben; sein Beweis ist jedoch fehlerhaft.
Der zweite Teil setzt am 20. Mai 1962 ein und verbindet eine Liebesepisode mit philosophischen Gedanken über die Menschen. Zunächst schreibt der Erzähler einen Brief an den amerikanischen Professor Stewart, dessen vor dem Atomkrieg veröffentlichte Auffassungen über die Menschheitsgeschichte er scharf kritisiert. Wieder wandert er durch die Gegend. Als er wie Robinson Crusoe am Waldrand entlanggeht, wird er plötzlich beschossen. Dank seiner Geländekenntnis gelingt es ihm, in den Rücken des Schützen zu kommen und ihn niederzuschlagen. Dass es sich um eine Frau handelt, ist für ihn ein Schock. Während sie noch bewusstlos ist, entlädt er heimlich ihre Waffen, um ihr nach dem Aufwachen aus vermeintlich stärkerer Position einen Waffenstillstand anbieten zu können. Es zeigt sich, dass ihre Schüsse auf einem Missverständnis beruhten: Aus großer Entfernung hatte sie sein Fernglas für eine Waffe gehalten und wollte sich verteidigen.
Die Frau heißt Lisa Weber. Auf ihrer Wanderung aus Osteuropa hat sie nur einzelne Menschen getroffen, die jedoch alle umgekommen sind. Sie zieht in sein Haus mit dem warmen Ofen und den Vorräten ein, und der Einsiedler findet eine Gefährtin. Es folgt eine kurze Phase spielerischen Zusammenlebens und sinnlichen Rauschs, die ihn für ein Dasein wie Adam und Eva in idyllischer Natur begeistert und ihn zugleich zu bürgerlichen Plänen mit Gartenbau und gemeinsamem Haushalt anregt. Lisa aber hält ihre Zukunft vorsichtig offen und fragt: „Woher wissen Sie denn, daß ich bleibe?“ In den Pausen diskutieren beide das Ende der Zivilisation, und er hält ihr mit den Worten Wielands einen langen Vortrag über die menschliche Gattung, die trotz aller Fähigkeiten seit Jahrtausenden im selben Kreis von Torheit und Irrtümern bleibe und nie weiser werde.
Als Höhepunkt seines Vertrauens gibt er ihr seine intimste literarische Arbeit zu lesen: die Memoiren über seine einsame, in eine Phantasiewelt eingesponnene Kindheit. Diese Lektüre wird für Lisa zum Wendepunkt. Sie erklärt ihm, dass sie nicht immer bleiben könne und noch mehr Menschen finden müsse. Als er ihre Fragen verneint, ob er auch für Leser schreibe und ob er als Schriftsteller eine sittliche Aufgabe empfinde, erkennt sie seine egozentrische Persönlichkeit. Sie begründet ihren Abschied mit ihrem unsteten Wesen und ihrer Entwurzelung durch drei Kriege: „Mir gehts zu gut bei Dir“. Der Erzähler versucht vergeblich, sie zu halten. Am Ende bleibt er allein zurück, der letzte Mensch: „Noch einmal den Kopf hoch: da stand er grün in hellroten Morgenwolken. Auch Wind kam auf. Wind.“
Stil↑
Die Sprache der Erzählung ist knapp, bildhaft und eigenwillig durchsetzt mit Klammereinschüben, Notizform und abrupten Beobachtungen. Der Ich-Erzähler trägt deutlich Züge Arno Schmidts selbst, bis hin zum Geburtsdatum, sodass Autor und Figur ineinander übergehen. Gegen die Menschenleere setzt der Text eine beständige Belebung der Natur: Büsche, Bäume und Wind werden zu Gefährten, die berührt und angesprochen werden. In diese Wahrnehmung mischen sich gelehrte Spielereien, etwa der Rückgriff auf ein mathematisches Problem oder die Deutung des Kreises als Sinnbild des Menschen im All, aus der auch das Titelbild der schwarzen Spiegel am Nachthimmel hervorgeht.
Kennzeichnend ist die Verbindung von nüchterner Beobachtung, bissiger Zeitkritik und literarischer Anspielung. Der Erzähler zitiert und montiert fremde Stimmen, etwa Wieland, und richtet Briefe an Verstorbene wie an lebende Zeitgenossen. Die Anlage als Robinsonade, mit dem Aufbau eines Hauses und dem Sammeln von Vorräten, verbindet sich so mit essayistischer Reflexion über die Menschheit. Zeitgenössische Kritiker verglichen Schmidts Schreibweise mit der von James Joyce und hoben die Präzision der Aussage und den Rhythmus der Sprache hervor.
Rezeption↑
Nach dem Erstlingswerk Leviathan, das von der Kritik zumeist positiv aufgenommen und mit dem Literaturpreis der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz ausgezeichnet worden war, fand auch die zweite Buchveröffentlichung Brand's Haide für einen so neuen Autor ungewöhnlich breite Beachtung. In den Jahren 1951 bis 1953 erschienen 38 publizistische Texte über Schmidt, die zumeist die beiden Erzählungen des Bandes behandelten. Davon hatten 23 einen positiven, zehn einen eher negativen und fünf einen neutralen Tenor.
Viele Rezensionen stützten sich auf den überschwänglichen Klappentext des Verlags Rowohlt. Darin wurde Hermann Hesse mit dem Ausspruch zitiert, Schmidt sei „ein wirklicher Dichter“; zugleich wurde er als Nachfolger von James Joyce, Hans Henny Jahnn und Alfred Döblin bezeichnet. Zu Schwarze Spiegel hieß es, die atomisierte Welt der Zukunft und die letzten Menschen würden visionär beschworen. Die Kritiker knüpften an diese Vergleiche an und bekräftigten oder verwarfen sie. Der konservative Kritiker Hans Egon Holthusen urteilte in der Deutschen Zeitung eher negativ: Er hielt den Klappentext für übertrieben, sah in Schmidt keinen Avantgardisten, sondern einen Nachfolger von James Joyce, und meinte, Schmidt habe noch kein wirkliches Thema gefunden. Hermann Kasack dagegen verglich Schmidt in der Neuen Literarischen Welt mit einem „poetischen Seismographen“ und hob die Dynamik des Worts, die Präzision der Aussage und den Rhythmus der Sprache hervor. Später machten eine kommentierte Studienausgabe in der Suhrkamp BasisBibliothek von 2006 sowie ein Materialband mit Unterrichtsvorschlägen die Erzählung auch für die Schule zugänglich.
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