1914 – 1979
Arno Schmidt
Kurzporträt↑
Als einer der eigenwilligsten deutschen Erzähler des 20. Jahrhunderts hat sich Arno Schmidt einen Ruf erschrieben, der bis heute zwischen Bewunderung und Befremden schwankt. Geboren 1914 in Hamburg, lebte er ab 1946 als freier Schriftsteller und zog sich schließlich in die Abgeschiedenheit der Lüneburger Heide zurück. Seine frühen Erzählungen, darunter der Band Leviathan von 1949, sind geprägt von einer ungewöhnlichen, oft am Expressionismus geschulten Wortwahl und einer kulturpessimistischen, gegen das Westdeutschland der Adenauer-Ära gerichteten Haltung. In den 1960er Jahren entwickelte er in Auseinandersetzung mit James Joyce und Sigmund Freud eigene Prosaformen weiter. Als Summe dieser Arbeit erschien 1970 sein monumentales Hauptwerk Zettel's Traum. Daneben schuf er zahlreiche Übersetzungen aus dem Englischen sowie literaturtheoretische Essays.
Biografie↑
Am 18. Januar 1914 kam Arno Otto Schmidt in Hamburg-Hamm zur Welt. Sein Vater Friedrich Otto Schmidt war Polizeibeamter, seine Mutter Clara Gertrud stammte wie ihr Mann aus Lauban in Niederschlesien. Die Familie lebte in beengten Verhältnissen; später beklagte Schmidt, man habe „jahraus-jahrein, nur in der Küche“ gehaust. In Hamm besuchte er von 1920 bis 1924 die Volksschule und anschließend die Realschule.
Nach dem Tod des Vaters 1928 zog die Mutter mit den beiden Kindern zurück ins elterliche Haus nach Lauban. Die Jahre dort empfand Schmidt als quälend. Das Abitur legte er im März 1933 an der Oberrealschule in Görlitz ab. Er fiel durch ungewöhnliche Belesenheit auf, besonders in Religions- und Alter Geschichte. Nach einigen Monaten an der Höheren Handelsschule war er in der Weltwirtschaftskrise mehrere Monate arbeitslos. Seine Schwester Lucie wanderte 1933 mit ihrem Mann aus, der Kommunist und jüdischer Abstammung war; 1939 flohen beide in die Vereinigten Staaten.
Am 24. Januar 1934 begann Schmidt eine kaufmännische Lehre bei den Greiff-Werken in Greiffenberg, einer Textilfabrik. Ab 1937 arbeitete er dort als grafischer Lagerbuchhalter. Die schematische Arbeit fiel ihm dank seiner Rechenbegabung leicht. In den Greiff-Werken lernte er Alice Murawski kennen, die er am 21. August 1937 heiratete. Die Ehe blieb kinderlos. Schmidt verbot seiner Frau die Fortsetzung ihrer Berufstätigkeit und verlangte, dass sie sich zu einer Gehilfin für seine literarischen Pläne heranbildete. 1938 unternahm er eine Reise nach England, wo er in London Antiquariate und das Grab von Charles Dickens besuchte.
1940 wurde Schmidt zur leichten Artillerie einberufen. Nach einer Garnisonszeit im Elsass folgte von 1942 bis 1945 ein Einsatz im norwegischen Romsdalsfjord, wo er meist in einer Schreibstube Schusstabellen berechnete. 1945 organisierte er die Flucht seiner Frau vor der Roten Armee nach Westen; dabei ging ein großer Teil seiner Bibliothek verloren. Von April bis Dezember 1945 war er in britischer Kriegsgefangenschaft in der Nähe von Brüssel. Als Gefangener und bis in die frühen 1950er Jahre gab er sein Geburtsjahr fälschlich mit 1910 an, wohl um schwerer Zwangsarbeit und einer erneuten Einberufung zu entgehen.
Ende 1945 wurde Schmidt nach Cordingen in der Lüneburger Heide entlassen. Zunächst arbeitete er als Dolmetscher in einer Hilfspolizeischule in Benefeld. Nach deren Auflösung Ende 1946 entschloss er sich, freier Schriftsteller zu werden. Die folgenden Jahre waren von großer Armut geprägt, die auch in sein Werk einging; ohne die CARE-Pakete seiner in Amerika lebenden Schwester wäre er, wie er schrieb, „längst verhungert“. 1946 schrieb er die Erzählungen Leviathan und Enthymesis, die der Rowohlt Verlag 1948 annahm. Die Veröffentlichung des Erstlings Leviathan 1949 beendete seine finanzielle Not jedoch nicht.
1950 wurde ihm gemeinsam mit vier Kollegen der Große Akademie-Preis für Literatur der Mainzer Akademie zuerkannt, den er aus den Händen seines Vorbilds Alfred Döblin entgegennahm. Die Schmidts wurden nach Gau-Bickelheim bei Mainz umgesiedelt, eine Erfahrung, die er später in Die Umsiedler gestaltete. 1951 zog das Paar nach Kastel an der Saar. Trotz Drängen von Hans Werner Richter, Martin Walser, Alfred Andersch und Ledig-Rowohlt lehnte Schmidt eine Teilnahme an den Tagungen der Gruppe 47 ab.
Als Schmidt 1955 nach Erscheinen von Seelandschaft mit Pocahontas wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften angezeigt wurde, zog er aus dem katholischen Kastel ins protestantische Darmstadt, wo das Verfahren 1956 eingestellt wurde. Eine geplante Auswanderung nach Irland, bei der ihm Heinrich Böll behilflich war, scheiterte an fehlendem Einkommensnachweis. Auch eine Bewerbung als Küster einer Kirchengemeinde im Landkreis Osterholz blieb 1957 erfolglos.
Ende November 1958 zogen die Eheleute nach Bargfeld in Niedersachsen, dem letzten Wohnort des Dichters. Hier lebte er zurückgezogen. Nach mehrjährigen Vorarbeiten veröffentlichte Schmidt 1970 sein Opus magnum Zettel's Traum, das ihm Kultstatus einbrachte. Die Erstausgabe von 2000 handsignierten Exemplaren des acht Kilogramm schweren Faksimiles war nach wenigen Monaten ausverkauft. Zahlreiche Leser reisten nach Bargfeld, woraufhin sich Schmidt weiter zurückzog. 1973 erhielt er den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main; die Dankesrede in der Paulskirche verlas seine Frau, da er gesundheitlich nicht reisefähig war. Kurz vor seinem Tod fand er in Jan Philipp Reemtsma einen Mäzen, der ihn 1977 mit 350.000 DM von materiellen Sorgen befreite. Arno Schmidt starb am 3. Juni 1979 im Krankenhaus Celle an den Folgen eines Gehirnschlags. Das Prosawerk Julia, oder die Gemälde blieb unvollendet.
Literarische Merkmale↑
Von Anfang an ist Schmidts Prosa durch eine ungewöhnliche, sich oft am Expressionismus orientierende Wortwahl geprägt. Seine frühen Texte knüpfen in ihrem Assoziations- und Bilderreichtum, ihrer Sprunghaftigkeit und ihrer Sprachintensität an den Expressionismus an. Schon die Titelgeschichte von Leviathan entwarf ein von Schopenhauer und der Gnosis beeinflusstes Bild einer bösartigen, von einem Dämon geschaffenen Welt. Formal kennzeichnet diese Werke das Bemühen um neue Prosaformen, inhaltlich eine kulturpessimistische Weltsicht und eine angriffslustige Gegnerschaft gegen das Westdeutschland der Adenauer-Ära.
Schon der Besuch der Oberrealschule in Görlitz hatte in ihm ein lebenslanges Interesse an Naturwissenschaften, Mathematik sowie fremden Kulturen und Religionen geweckt; die Literatur erfuhr er früh als Rückzugsmöglichkeit und Gegenwelt. Für eine realistisch-humoristische Darstellung von moderner Innen- und Außenwelt entwickelte er eigene Prosaformen. Seine theoretischen Überlegungen legte er in Essays wie Berechnungen I und II dar, mit Begriffen wie „Diskontinuitätserfahrung“, „musivisches Dasein“ und „längeres Gedankenspiel“.
In den 1960er Jahren entwickelte Schmidt diese Poetik in Auseinandersetzung mit James Joyce und Sigmund Freud weiter. In Zettel's Traum untersuchte er, gestützt auf die Freudsche Psychoanalyse, die „Lagerung der Worte im Gehirn“ und entwarf eine Sprachtheorie, die eine unbewusste sexuelle Unterfütterung von Texten durch doppeldeutige Wortkerne postuliert, die er „Etyms“ nannte. Neben dem eigenen Prosawerk übersetzte er über viele Jahre Romane aus dem Englischen, unter anderem von James Fenimore Cooper, Wilkie Collins, Edgar Allan Poe und Edward Bulwer-Lytton.
Rezeption↑
Beachtung fand Schmidts Werk in Publizistik und Literaturwissenschaft in lobender, teils rühmender Form, aber auch mit deutlichen Zweifeln. Walter Jens berichtete 1950, er habe Schmidts Schreibstil zunächst für „Blödsinn“ gehalten, dann aber Entzücken über dessen Bilder und lebendigen Expressionismus empfunden. Karl Heinz Bohrer nannte ihn 1973 Realist und Phantast in einem und lobte seinen Humor. Auch in den Nachrufen wurden dieser Humor sowie die Wortspiele seines Sprachstils hervorgehoben. Walter Kempowski nannte die Jugendlichkeit und Frische in allem, was Schmidt schrieb, Ludwig Harig seine entschieden demokratische Parteinahme.
Zwiespältig fielen die Urteile über das Spätwerk aus. Dieter E. Zimmer schrieb 1970 in der Zeit über Zettel's Traum, es könnte darin das literarische Meisterwerk des Jahrhunderts stecken, es könnte sich aber auch um einen „Streichholz-Eiffelturm in Originalgröße“ handeln, „von einem Hobby-Berserker um den Preis seines Lebens erstellt“. Oswald Wiener konstatierte 1979 eine „feststellbare Überschätzung“ Schmidts und warf ihm ein rückwärtsgewandtes Werk vor, das Zettel's Traum als Nachahmung von James Joyce erscheinen lasse. Wolf-Dieter Bach kritisierte 1971 Schmidts Fixierung auf Karl Mays angebliche Homosexualität in Sitara und der Weg dorthin.
Umstritten sind auch Schmidts politische Urteile. In seiner Verachtung der Masse und der Vergötterung seiner heimatlichen Landschaft ließen sich, so der Kritiker Dieter Kuhn, auch konservative, ja völkische Residuen finden. Besonders die Dankesrede zum Goethepreis 1973 löste unter Anhängern der linken Seite Verstörung aus; Gerhard Zwerenz kommentierte scharf. Dagegen sah der Germanist Wilfried Barner in der stets gleichen Typik von Schmidts Protagonisten keinen Nachteil, sondern die Voraussetzung, die deutsche Gesellschaft prismatisch zu spiegeln. Hans Wollschläger urteilte 1984, Schmidt habe „Prosa unter Starkstrom“ verfasst, von der zweiten Jahrhunderthälfte werde von ihm „das Meiste“ übrig bleiben. Michael Maar hielt dieses Urteil für fragwürdig. Das lange als unübersetzbar geltende Werk erfährt seit den Übertragungen von John E. Woods ins Englische und Claude Riehl ins Französische zunehmend internationale Beachtung.
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