1862 – 1931
Arthur Schnitzler
Kurzbiografie↑
Arthur Schnitzler (1862–1931) war ein österreichischer Arzt, Erzähler und Dramatiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Wiener Moderne. Geboren wurde er in Wien als Sohn eines jüdischen Medizinprofessors. Zunächst schlug er eine Laufbahn als Mediziner ein. 1895 machte ihn dann die Uraufführung von Liebelei am Burgtheater schlagartig berühmt. Seine Stücke und Novellen durchleuchten die Wiener Gesellschaft um 1900 mit psychologischer Schärfe und einem unbestechlichen Blick auf Liebe, Ehre und Selbstbetrug. Dazu zählen Anatol, Reigen, Lieutenant Gustl, Das weite Land, Professor Bernhardi, Fräulein Else und die Traumnovelle. Zwischen Theaterskandalen, antisemitischen Anfeindungen und literarischem Welterfolg wurde er zum Chronisten einer untergehenden Epoche.
Biografie↑
Arthur Schnitzler kam am 15. Mai 1862 in der Praterstraße im 2. Wiener Gemeindebezirk zur Welt. Sein Vater Johann Schnitzler war ein aus Ungarn übergesiedelter jüdischer Medizinprofessor und Laryngologe, seine Mutter Luise eine geborene Markbreiter. Als Arzt prominenter Schauspielerinnen und Sänger gelang dem Vater der berufliche Aufstieg. Damit ging auch die Übersiedlung der Familie in den 1. Bezirk einher. Neben Arthur überlebten ein Bruder, Julius, und eine Schwester das Kleinkindalter. Julius wurde später ebenfalls Arzt.
Von 1871 bis 1879 besuchte Schnitzler das Akademische Gymnasium und legte die Matura mit Auszeichnung ab. Auf Wunsch des Vaters studierte er Medizin an der Universität Wien und wurde am 30. Mai 1885 promoviert. Bis 1888 arbeitete er als Assistenz- und Sekundararzt am Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien in der Inneren Medizin, der Psychiatrie und der Dermatologie. Danach war er bis 1893 Assistent seines Vaters an der laryngologischen Poliklinik. In dieser Zeit verfasste er mehr als siebzig medizinische Beiträge. Als Redakteur gab er außerdem die vom Vater gegründete Internationale Klinische Rundschau mit heraus. Seine einzige wissenschaftliche Buchveröffentlichung Über funktionelle Aphonie und deren Behandlung durch Hypnose und Suggestion erschien 1889.
Literarisch debütierte Schnitzler 1880 mit einem Liebeslied der Ballerine. Eine intensivere öffentliche Tätigkeit setzte aber erst ab 1888 ein. Damals veröffentlichte er in der Zeitschrift An der Schönen Blauen Donau Gedichte, Einakter und Erzählungen. Um 1890/1891 freundete er sich mit Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr und Richard Beer-Hofmann an. Aus diesem Kreis, der sich im Café Griensteidl traf, entstand die Strömung Jung Wien. Nach dem Tod des Vaters 1893 eröffnete Schnitzler eine Privatpraxis. So löste er, so die Deutsche Biographie, seinen Interessenskonflikt zwischen Medizin und Literatur. Das Jahr 1895 brachte den Durchbruch. Die Novelle Sterben erschien im S. Fischer Verlag, der lebenslang Schnitzlers Verlagsheimat blieb. Am 9. Oktober wurde am Burgtheater unter Direktor Max Burckhard Liebelei mit Adele Sandrock als Christine uraufgeführt. Das Stück wurde an vielen Bühnen Europas gespielt und festigte Schnitzlers Ruf als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Theaterdichter seiner Generation.
In den folgenden Jahren festigten Einakter wie Paracelsus, Die Gefährtin und Der grüne Kakadu (1899 am Burgtheater) seinen Ruhm. Die Weihnachten 1900 in der Neuen Freien Presse erschienene Novelle Lieutenant Gustl gilt heute als der erste deutschsprachige Text, der vollständig als innerer Monolog verfasst ist. Zeitgenossen empörten sich allerdings weniger über die avantgardistische Sprachgestaltung. Vielmehr störte sie, dass mit Gustl ein feiger Offizier gezeichnet wurde. Am 14. Juni 1901 wurde Schnitzler wegen Lächerlichmachung der k.u.k. Armee der Offiziersrang als Oberarzt der Reserve aberkannt. Auch der Reigen-Zyklus, 1900 zunächst als Privatdruck und 1903 frei publiziert, machte ihn zur Zielscheibe antisemitischer Angriffe.
Privat führte Schnitzler bis um sein vierzigstes Lebensjahr zahlreiche, oft parallele Beziehungen, die er im Tagebuch festhielt. Tiefer waren die Bindungen zur verheirateten Wirtin des Thalhofs Olga Waissnix sowie zu Marie Glümer und Maria Reinhard. Letztere starb 1899 während einer zweiten Schwangerschaft an einer Blinddarmentzündung. Mit der Schauspielerin Olga Gussmann stabilisierte sich sein Leben; sie gebar ihm am 9. August 1902 den Sohn Heinrich. Am 26. August 1903 heirateten beide, 1909 wurde Tochter Lili geboren. 1910 erwarb Schnitzler eine Villa im Währinger Cottageviertel, in dessen Nähe auch Richard Beer-Hofmann und Felix Salten wohnten.
Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stieg Schnitzler nach Urteil der Deutschen Biographie zum berühmtesten Dramatiker Österreichs auf. 1911 wurde die Tragikomödie Das weite Land gleichzeitig an neun großen Bühnen des deutschen Sprachraums uraufgeführt. Politisch geriet er zunehmend unter Druck. Dem Roman Der Weg ins Freie (1908) wurde die Darstellung semitischer Dekadenz unterstellt. Das Drama Professor Bernhardi erhielt 1912 in Österreich Aufführungsverbot und kam in Berlin zur Uraufführung. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs ging das Interesse an seinen Werken zurück, auch weil er sich anders als viele Kollegen jeder Kriegsbegeisterung entzog.
1921 wurde Schnitzler von Olga geschieden; die Kinder Heinrich und Lili blieben bei ihm. Im selben Jahr lösten Reigen-Aufführungen in Berlin und Wien inszenierte Theaterskandale aus. Ein Wiener Prozess wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses ging zu seinen Gunsten aus. Dennoch ließ er 1922 weitere Aufführungen sperren; das Verbot hob erst sein Sohn 1982 wieder auf. Von 1923 an verband ihn eine „romantische Beziehung“ mit der verwitweten Schriftstellerin Clara Katharina Pollaczek. Spät trat noch die Übersetzerin Suzanne Clauser in sein Leben. Den schwersten Schlag dieser Jahre brachte der 26. Juli 1928. Tochter Lili hatte in Venedig den faschistischen Miliz-Hauptmann Arnoldo Capellini geheiratet. Nach einer Auseinandersetzung mit ihrem Mann erschoss sie sich dort. Schnitzler vermerkte ein gutes Jahr später: Mit jenem Julitag war mein Leben doch zu Ende.
In den letzten Jahren schrieb er vor allem Erzählungen. Darin leuchtete er Einzelschicksale um die Jahrhundertwende psychologisch aus: die zweite Monolognovelle Fräulein Else (1924), die Traumnovelle (1926), das Buch der Sprüche und Bedenken (1927) und Spiel im Morgengrauen (1927). 1927 verhängte die österreichische Radio Verkehrs AG einen großen Radio-Bann über ihn. Arthur Schnitzler starb am 21. Oktober 1931 in Wien an einer Hirnblutung. Seinem letzten Willen entsprechend wurde er ohne Trauerpomp am 23. Oktober auf dem Wiener Zentralfriedhof in der Alten Israelitischen Abteilung bestattet. Das Grab ist heute Ehrengrab der Stadt Wien.
Literarische Merkmale↑
Im Zentrum von Schnitzlers Schreiben steht die psychologische Durchleuchtung des Wiener Bürgertums um 1900. Schon als Medizinstudent hatte er sich mit Psychopathologie, Hysterie und Hypnose beschäftigt. Nach der Lektüre von Sigmund Freuds Traumdeutung (1900) verfolgte er die Entwicklung der Psychoanalyse mit großem Interesse. Er kritisierte aber, wie die Deutsche Biographie vermerkt, auch deren Dogmatismus.
Literaturgeschichtlich wurde Schnitzler zunächst dem Fin de siècle und dem Impressionismus zugerechnet. In diesem frühen Werk diagnostiziere er, so die NDB, die psychische Diskontinuität des epochentypischen Augenblicksmenschen. Wegweisend wurde seine Form des inneren Monologs. Lieutenant Gustl (1900) ist der erste deutschsprachige literarische Text, der vollständig in dieser Technik verfasst ist. Mit Fräulein Else (1924) führte er sie fort und wurde, so wiederum die NDB, für die subtile Einfühlung in die weibliche Psyche gerühmt.
Auf der Bühne bevorzugte Schnitzler kleinformatige Einakter und Einakter-Zyklen wie Anatol oder Der grüne Kakadu ebenso wie das psychologische Konversationsstück. Im Reigen reihte er Gespräche vor und nach dem Geschlechtsverkehr zwischen Partnern unterschiedlicher Gesellschaftsschichten aneinander. Gegner beschimpften diese Form als Pornografie; heute gilt sie als sozial scharf gezeichnete Studie. Wiederkehrende Stoffe sind Liebe, Tod, Ehre und Selbstbetrug, oft am Personal des Wiener Bürgertums, des Militärs und des Theaters vorgeführt.
In der späten Prosa schlüsselt Schnitzler Einzelschicksale um die Jahrhundertwende psychologisch auf; die Deutsche Biographie spricht ausdrücklich von der Meisterschaft der späten Prosa. Themen wie Traum, Schein und Spiel, Geschichte und Zufall werden, so die NDB, auf komplexe und vieldeutige Weise verhandelt. Sprache reflektiert er dabei zugleich als psychisches Zeichensystem, als Kodifizierung von Erinnerung und als versagendes Kommunikations- wie wirksames Machtmittel.
Rezeption↑
Vom Beginn des 20. Jahrhunderts an gehörte Schnitzler zu den meistgespielten Dramatikern auf deutschen Bühnen. Er stieg, so die Deutsche Biographie, zum berühmtesten Dramatiker Österreichs auf. Sein Aufstieg war zugleich von Skandalen begleitet. Die Schilderung eines feigen Offiziers in Lieutenant Gustl führte 1901 zur Aberkennung seines Offiziersrangs. Professor Bernhardi wurde 1912 in Österreich verboten. Die Berliner wie Wiener Reigen-Aufführungen 1921 zogen Prozesse und inszenierte Theaterskandale nach sich. Mit dem Aufstieg des politischen Antisemitismus geriet er zunehmend zur persönlichen Zielscheibe der „Hakenkreuzler“, wie er selbst sie nannte.
Trotz des Rückzugs nach dem Weltkrieg verbreitete sich sein Ruhm durch zahlreiche Übersetzungen in Europa, Übersee und im Fernen Osten. 1927 verhängte die österreichische Radio Verkehrs AG einen großen Radio-Bann über ihn. Seit 1933 standen seine Werke auf den Schwarzen Listen der Nationalsozialisten.
Nach 1945 wurde Schnitzler zunächst als wienerischer Autor gelesen, der mit Anatol und der Figur des süßen Mädels melancholisch-sinnliche Prototypen geschaffen habe. Diese Lesart zog nach Urteil der Deutschen Biographie vielfach folkloristische Mißdeutungen nach sich. Eine Renaissance setzte zu Beginn der 1960er Jahre mit der Werkausgabe im S. Fischer-Verlag und einer umfassenden wissenschaftlichen Würdigung ein. In den 1970er Jahren rückten die sozialkritischen Aspekte und die Frauennovellen in den Vordergrund, in den 1980er Jahren seine Auseinandersetzung mit Judentum und Antisemitismus. Im Zeichen der Postmoderne wurden auch seine Themen Traum, Schein und Spiel sowie Geschichte und Zufall neu bewertet. Psychologische und ästhetische Dichte, so das Fazit der NDB, habe seinem Werk weltweite Geltung verschafft.
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