1920 – 1989
Wolfdietrich Schnurre
Kurzbiografie↑
Als einer der wichtigen Erzähler der westdeutschen Nachkriegsliteratur trat Wolfdietrich Schnurre hervor. Er wurde 1920 in Frankfurt am Main geboren und starb 1989 in Kiel. Bekannt wurde er vor allem durch seine Kurzgeschichten und als Gründungsmitglied der Gruppe 47, deren erstes Treffen 1947 er mit der Lesung des Textes Das Begräbnis eröffnete. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen der „Roman in Geschichten“ Als Vaters Bart noch rot war und die Aufzeichnungen Der Schattenfotograf. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1983 den Georg-Büchner-Preis.
Biografie↑
Geboren wurde Wolfdietrich Schnurre am 22. August 1920 in Frankfurt am Main. Sein Vater Otto Schnurre (1894–1979) war Bibliothekar und Ornithologe und stammte aus dem Umfeld von Oskar Heinroth. Die ersten Jahre verbrachte der Sohn in Frankfurt. 1928 zog er mit dem Vater, bei dem er aufwuchs, nach Berlin. Dort prägten ihn nach Angaben der Deutschen Biographie das kleinbürgerlich-proletarische Milieu und die großstädtischen Lebensverhältnisse des Stadtteils Weißensee. Er besuchte eine weltliche Volksschule und danach ein humanistisches Gymnasium.
Von 1939 bis 1945 nahm Schnurre als Soldat am Zweiten Weltkrieg teil. Die Deutsche Biographie datiert seine Einziehung bereits auf 1938 und vermerkt, dass er zuletzt in einer Strafkompanie diente. Im April 1945 floh er nach Westfalen. Aus seiner ersten Ehe mit Edith Ulivelli ging der spätere Autor und Regisseur Rainer Schnurre (geboren 1945) hervor.
Nach Kriegsende kehrte Schnurre nach Berlin zurück. Anfangs lebte er in Ost-Berlin und wurde Redaktionsvolontär beim Ullstein-Verlag. Nach Differenzen mit der sowjetischen Besatzungsmacht wechselte er 1946 in den Westteil der Stadt. In den folgenden Jahren arbeitete er als Theater-, Film-, Literatur- und Kunstkritiker für die Deutsche Rundschau und andere Berliner Zeitungen. 1947 wurde er Mitbegründer der Gruppe 47. Ab 1950 lebte er als freier Schriftsteller, nachdem er seine Verpflichtungen als Kritiker gelöst hatte.
Schnurre gehörte dem P.E.N.-Zentrum der Bundesrepublik an und trat aus Protest gegen dessen Schweigen zum Bau der Berliner Mauer wieder aus. Die Quellen weichen hier voneinander ab: Nach der einen Angabe war er seit 1958 Mitglied und trat 1961 aus, nach der anderen erfolgte der Austritt 1962. 1964 erkrankte er an einer schweren Polyneuritis. 1965 nahm sich seine Ehefrau Eva das Leben. 1966 heiratete er die Graphikerin Marina Kamin; gemeinsam adoptierten sie einen Jungen.
Zeitweise lebte Schnurre seit 1969 in Italien, seit 1981 in Schleswig-Holstein. In seinen letzten Jahren wohnte er in Felde in der Nähe von Kiel, wo er am 9. Juni 1989 starb. Bestattet wurde er auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin. Sein Grab ist seit November 2010 ein Ehrengrab des Landes Berlin.
Literarische Merkmale↑
Ganz unterschiedliche Formen prägen Schnurres Werk. Neben zahlreichen Kurzgeschichten schrieb er Fabeln, Tagebücher, Gedichte, Hörspiele, Fernsehspiele, einen Roman und seit Mitte der 1960er Jahre auch Kinderbücher, die er teilweise selbst illustrierte. Bevorzugte Formmuster waren kurze und episodische Texte sowie Dialoge. Seine zentralen Themen kreisten um Schuld, Vergänglichkeit, Tod und um das jüdische Leben in Deutschland, und zwar nicht nur während der NS-Herrschaft, sondern auch danach.
Schnurre verstand sich vor allem als engagierter, zeitkritischer und im weitesten Sinn politischer Autor, und auch die Kritik nahm ihn so wahr. Das zentrale Moment seines Selbstverständnisses war das „Schreiben als Zeitgenosse“. Bereits das 1953 erschienene fiktive Tagebuch Sternstaub und Sänfte enthält Spitzen gegen restaurative Tendenzen der Adenauer-Ära und gegen den Literaturbetrieb der frühen Bundesrepublik. In der Parabel-Sammlung Das Los unserer Stadt von 1959 verschärfte er diese Kritik, und seiner Besorgnis über die Wiederbewaffnung gab er unter anderem in der Kurzgeschichte Das Manöver Ausdruck.
Bekannt wurde die Geschichte Jenö war mein Freund von 1958, die ein öffentliches Tabu brach: Sie sprach vom Völkermord an den Sinti und Roma, über den in Westdeutschland bis weit in die 1960er Jahre geschwiegen wurde. Sein bekanntestes Buch Als Vaters Bart noch rot war trug ihm dagegen den Ruf eines humorvollen Erzählers ein; seinen Humor sah er selbst als „Gratwanderung“. Eine erste Bilanz seines Lebens und Schreibens zog er in dem Aufzeichnungsband Der Schattenfotograf, der neben Lebenserinnerungen auch Aphorismen, Erzählfragmente und poetologische Reflexionen enthält und ein Verkaufserfolg wurde. In der Dialogsammlung Ich brauch dich verzichtete er ganz auf eine Erzählinstanz und ließ nur die Figuren sprechen. Nach jahrzehntelanger Beschäftigung mit dem Judentum und der deutschen Schuld gegenüber den Juden veröffentlichte er 1981 den Roman Ein Unglücksfall.
Rezeption↑
Zusammen mit Heinrich Böll und Wolfgang Borchert zählt Schnurre nach dem Urteil der Deutschen Biographie zu den wichtigsten Vertretern einer neuen Generation der deutschen Literatur nach 1945. Diese Generation orientierte sich literarisch am Realismus und politisch an einem antimilitaristischen, antifaschistischen und ideologiefernen europäischen Sozialismus. Bekannt wurde Schnurre vor allem als Autor von Kurzgeschichten und als Gründungsmitglied der Gruppe 47. Seine Kurzgeschichte Das Begräbnis war der erste Text, der beim Gründungstreffen der Gruppe im September 1947 gelesen wurde; denselben Text las er 1977 noch einmal, als sich die inzwischen inaktive Gruppe wieder begegnete.
Marcel Reich-Ranicki nannte ihn einen „militanten Kauz“ und „Ruhestörer“. Für sein Werk erhielt Schnurre viele Auszeichnungen: 1958 den Preis der Jungen Generation des Berliner Kunstpreises, 1959 den Immermann-Preis, 1962 den Georg-Mackensen-Literaturpreis, 1981 das Bundesverdienstkreuz, 1982 den Literaturpreis der Stadt Köln und 1983 den Georg-Büchner-Preis. 1989 wurde ihm posthum der Kulturpreis der Stadt Kiel zuerkannt. Seit 1959 gehörte er der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt an.
Sein Werk fand Eingang in den Kanon der Schulbücher. In der Forschung wurde es nach dem Urteil der Deutschen Biographie trotz einiger neuerer Beiträge bislang nur unzureichend gewürdigt.
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