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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Scholem Alejchem
Scholem Alejchem
1859 – 1916
– Autorenporträt –

Scholem Alejchem

1859 – 1916 · 57 Jahre

Er gilt neben Mendele und Perez als Begründer der jiddischen Literatur und schuf mit dem Milchmann Tewje eine Figur, aus deren Geschichten 1964 das Musical „Fiddler on the Roof“ entstand – bei uns bekannt als „Anatevka“.

Kurzbiografie↑

Scholem Alejchem zählt zu den bedeutendsten jiddischsprachigen Schriftstellern und gilt zusammen mit Mendele und Perez als Gründervater der jiddischen Literatur. Geboren wurde er 1859 als Scholem Jankew Rabinowitsch; sein Künstlername bedeutet auf Aschkenasisch-Hebräisch „Friede sei mit euch“. Er schrieb Erzählungen, Romane, Bühnenstücke, Zeitungsbeiträge und Skripte für Stummfilme. Seine Figuren wurden über die jüdische Leserschaft hinaus bekannt, allen voran der Milchmann Tewje, aus dessen Geschichten in den 1960er Jahren das Musical Fiddler on the Roof hervorging, im deutschen Sprachraum als Anatevka bekannt. Man nannte ihn auch „der jüdische Mark Twain“.


Biografie↑

Am 2. März 1859 kam er als Sohn eines Gutspächters zur Welt. Der Vater handelte mit Holz und Getreide und besaß eine Lizenz zur Postbeförderung. Über den Geburtsort gehen die Nachschlagewerke auseinander: Wikidata nennt Perejaslaw bei Kiew, die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet lediglich das Land Ukraine.

Der Junge erhielt eine strenge jüdische Erziehung im Cheder. Schon als Kind zeigte er besondere Fähigkeiten und trat früh als einfallsreicher Spaßmacher hervor. Ab seinem fünfzehnten Lebensjahr beschäftigte er sich mit nichtjüdischer Literatur, ohne darüber seine Talmudstudien zu vernachlässigen. 1876 schloss er das russische Gymnasium ab.

Von 1877 bis 1880 arbeitete er als Hauslehrer beim reichen Gutsbesitzer Elimelech Lojew. Eine Liebesaffäre mit dessen ältester Tochter Olga führte zu seiner Entlassung. Danach stellte er sich in Lubny erfolgreich als Staatsrabbiner zur Wahl und übte dieses Amt von 1880 bis 1883 aus.

Seine Schriftstellerei begann 1877. Er verfasste Romane, Dramen, Lieder, Berichte und Artikel für die beiden damals größten hebräischen Tageszeitungen HaZefirah und HaMeliz. Im Anschluss wurde er Mitarbeiter an Zederbaums Jüdischem Volksblatt. Seine ersten Werke erschienen auf Russisch oder Hebräisch. 1883 heiratete er Olga Lojew und entschied sich, fortan auf Jiddisch zu schreiben. Das war die Sprache von Millionen osteuropäischer Juden, in der es bis dahin aber kaum eine etablierte Literatur gab.

1888 ging er nach Kiew. Von seinem reichen Schwiegervater erbte er einige hunderttausend Rubel und begann, an der Börse zu spekulieren. Die literarische Arbeit ließ er darüber nicht liegen: In Kiew gelang es ihm, die Jüdische Volksbibliothek zu gründen, eine Reihe kritisch-literarischer Jahrbücher in jiddischer Sprache. Im selben Jahr erschienen der Roman Stempenju und Reb Sender Blank un sajn filgeschezte familje.

1890 machte er Bankrott und musste vorübergehend vor seinen Gläubigern ins Ausland fliehen. Seine Schwiegermutter beglich die Schulden später. Nach kurzen Zwischenstationen in Paris, Wien und Czernowitz kehrte er zurück; die Familie ließ sich in Odessa nieder, wo er seine schwierigsten Lebensjahre verbrachte. 1893 ging er wieder nach Kiew und arbeitete engagiert an Spektors Hausfreund mit. In diesen Jahren entstanden die beiden Reihen, die ihn berühmt machten: die Briefe des Menachem Mendel zwischen 1892 und 1913 und die Erzählungen um Tewje der milchiker zwischen 1894 und 1916.

In den späten 1890er Jahren wandte er sich, zunehmend enttäuscht vom Sozialismus, der zionistischen Bewegung zu. Er schrieb für sie einige Agitationsbroschüren und den zionistischen Roman Moschiachs zajtn. Von 1899 an erschien die zionistische jiddische Wochenzeitung Der Jid; später schrieb er auch für weitere jiddische Zeitschriften wie Der Fraind, Der Tog und Weg.

Wegen der Pogrome verließ er Odessa 1905. Es begann eine lange Wanderzeit mit vielen Stationen. Zunächst ging er nach Lemberg, besuchte Städte in Galizien und der Bukowina, dann die Schweiz, England und die USA. Zu den weiteren Aufenthalten zählten Den Haag, Berlin, Dänemark sowie längere Vortragsreisen durch Russland. 1907 kehrte er enttäuscht nach Europa zurück. 1914 ging er erneut in die USA und wohnte dort bis zu seinem Tod mit Unterbrechungen in einem jüdisch geprägten Teil von New York. In den letzten Lebensjahren entstand der autobiografische Roman Funem jarid.

Am 13. Mai 1916 starb Scholem Alejchem. Die Quellen benennen den Sterbeort unterschiedlich genau: Wikidata nennt New York City, die Deutsche Nationalbibliothek New York, NY. Am Tag seiner Beerdigung waren alle jüdischen Geschäfte New Yorks geschlossen, und Scharen begleiteten ihn auf seinem letzten Weg. Er hinterließ sechs Kinder; seine Tochter Lala Kaufman (1887–1964) betätigte sich ebenfalls als Schriftstellerin und Journalistin.


Literarische Merkmale↑

Humorist und Satiriker – so wird Scholem Alejchem in den Nachschlagewerken geführt. Sein Gegenstand war das Alltagsleben der Juden in Osteuropa um die Jahrhundertwende, dazu das Leben jüdischer Einwanderer in den USA. Auch Kinderbücher gehören zu seinem Werk.

Entscheidend für seine Wirkung war die Wahl des Jiddischen. Er schrieb bewusst in der Sprache der Millionen und nicht in der Gelehrtensprache. Damit unterscheidet er sich auch in der Haltung von Mendele: Er blickt nicht von oben herab auf seine Mitjuden, die erzogen werden müssten, sondern macht sich selbst zum Teil der Welt, die er beschreibt. Es ist eine Welt des Übergangs, in der alles ins Wanken gerät.

Sein Werk umfasst literarische Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge, Erzählungen, Romane, Bühnenstücke und Skripte für Stummfilme. Beliebte Formen waren bei ihm der Monolog und das Zwiegespräch; Titel wie Beim Dokter oder Das Gymnasium zeigen, wie er eine ganze Lebenslage aus einer einzigen sprechenden Stimme heraus entwickelte. Daneben stehen Kindergeschichten wie Dos Messerl und Die Geige, Komödien wie Dos grojsse Gewins und satirische Stücke.


Rezeption↑

Mit dem Tod von Scholem Alejchem, Perez und Mendele gegen Ende des Ersten Weltkriegs endete die klassische Epoche der jiddischen Literatur. Ihr weiterer Aufstieg ging jedoch weiter, und die Beliebtheit seiner Werke steigerte sich noch. Sein Schwiegersohn Isaak Dow Berkowitz übersetzte ihn ins Hebräische; Übertragungen in die meisten europäischen und in weitere Sprachen folgten. So wurden seine Bücher auch nichtjüdischen Lesern bekannt, und einige seiner Figuren erlangten weltweite Bekanntheit.

Nach seinem Tod führten hebräische und jiddische Theater seine Stücke auf, insbesondere die dramatische Fassung der Tewje-Erzählungen. In den 1960er Jahren entstand daraus das Musical Fiddler on the Roof. Die Uraufführung fand 1964 am Broadway in New York statt; dort wurde es über dreitausend Mal gespielt und danach auf Bühnen in aller Welt. Die deutsche Erstaufführung erfolgte im Februar 1968 in Hamburg unter dem Titel Anatevka. Walter Felsenstein brachte das Musical 1970 nach Berlin-Ost. 1971 kam die gleichnamige Verfilmung heraus.

Gesamtausgaben erschienen zwischen 1909 und 1919 in Warschau in fünfzehn Bänden sowie zwischen 1917 und 1925 in New York in achtundzwanzig Bänden. Von den unzähligen Briefen, die er in seiner jahrzehntelangen Schaffenszeit schrieb, wurden etwa fünfhundert veröffentlicht, verstreut über die verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften. Im deutschen Sprachraum erschienen seit 1914 zahlreiche Ausgaben, darunter Bände mit Illustrationen von Anatoli Kaplan und Marc Chagall sowie neuere Übersetzungen von Gernot Jonas und Armin Eidherr.

Sein Andenken wird an mehreren Orten gepflegt. 1964 entstand in Tel Aviv ein Scholem-Alejchem-Museum, das auch der jiddischen Kultur gewidmet ist; seit dem 2. März 2009 gibt es ein weiteres Museum in Kiew. Der israelische Schriftsteller David Grossman sagte 2019 in einem Interview: „Scholem Alejchem veränderte mein Leben, denn durch ihn verstand ich, mehr noch als durch alle anderen, welche Kraft eine Geschichte haben kann. […] Seinetwegen wurde ich Schriftsteller.“

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